Ausgabe 15-09 (20. September 2013)

Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lesetipps
Autorenwissen
   "Wie man das Aufschieben aufschiebt"
   von André Wiesler
Schreibkurs
   "Text in Scheiben, oder:
   Kapitel planen und gestalten - Teil 2"
   von Sebastian Schmidt
Spannung, der Unterleib der Literatur
   "Bonnie"
   Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Verlagsportrait
   "Verlag Monika Fuchs"
Frag die Expertin für Lyrik
   (Martina Weber)
Frag die Expertin für Fantasy
   (Stefanie Bense)

EDITORIAL:
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Liebe Autorinnen und Autoren,


der Herbst kommt, und mit ihm die langen Abende. Wie gut, dass der
erste Herbst-Tempest so umfangreich ist, dass man damit locker so
einige Abende füllen kann - sogar noch nach der Zeitumstellung!

Diesmal führt Sebastian Schmidt seinen Beitrag zur Gestaltung und zum
richtigen Einsatz von Kapiteln fort. Außerdem stellt Hans Peter
Roentgen im Spannungslektorat einen ungewöhnlichen Text vor, Ursula
Schmid-Spreer hat den Verlag Monika Fuchs zu seiner Geschichte und
seinem Programm befragt, unsere Fantasy- und Lyrikexpertinnen helfen
euch mit ihrem professionellen Rat weiter, Olga A. Krouk hat für uns
die Buchhändlerin Mandy Pitschel interviewt, und neue Kicks und
Ausschreibungen gibt es auch.

Besonders möchte ich euch diesmal einen Artikel von André Wiesler ans
Herz legen. Er beschäftigt sich mit einem Problem, das - so meine
Vermutung - tatsächlich 100 Prozent aller AutorInnen zumindest hin und
wieder beschäftigt: Aufschieberitis. Er hat einige Tipps parat, wie
man damit umgehen kann. Aber das sind sicher noch lange nicht alle
Tipps zu diesem Thema. Deshalb: Schreibt mir, was ihr gegen
Aufschieberitis unternehmt! Dann stelle ich für eine der nächsten
Ausgaben eine Tippliste zusammen (und  meine eigenen Tipps verrate ich
euch obendrein auch noch). Also: Ran die Mail! - Und apropos Tipps:

Der Tipp des Monats September, diesmal von Jörg Böhling:

    Nachts, wenn ich schreibe, setze ich mir die Kopfhörer auf.
    Ich habe verschiedene Playlisten für verschiedene Stimmungen.
    Soll die Szene melancholisch werden oder soll sie
    dynamisch sein, sorgt mit Winamp oder iTunes die entsprechende
    Musik für die passende Fokussierung auf das Gefühl.

Kuschelige Herbstabende mit und ohne Tempest wünscht euch

  Gabi Neumayer
  Chefredakteurin

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Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen
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 INHALT DIESER AUSGABE:


TEIL 1:

    Editorial
    Hall of Fame
    Schreib-Kick
    Lesetipps
    Autorenwissen
       "Wie man das Aufschieben aufschiebt"
       von André Wiesler
    Schreibkurs
       "Text in Scheiben, oder:
       Kapitel planen und gestalten - Teil 2"
       von Sebastian Schmidt
    Spannung, der Unterleib der Literatur
       "Bonnie"
       Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
    Verlagsportrait
       "Verlag Monika Fuchs"
    Frag die Expertin für Lyrik
       (Martina Weber)
    Frag die Expertin für Fantasy
       (Stefanie Bense)
    


TEIL 2:

    Veranstaltungen
    Ausschreibungen
    Publikationsmöglichkeiten
         mit Honorar
         ohne Honorar
    Seminare
    Messekalender
    Impressum


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HALL OF FAME:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)

Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen
können.

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!)
nach diesem Schema:

.......
AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich
könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-
Adresse.
.......
Ein Beispiel (!):

Johanna Ernst: "Der Fall der falschen Meldung", Hüstel Verlag 2009,
Mystery-Thriller. Dann noch 60 Zeichen - und keins mehr! Inklusive
Homepage!
.......

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im
Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.

ACHTUNG!
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr
bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in
einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt
hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen
muss, Lektorat bezahlt o. Ä.

Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an
redaktion at team pt autorenforum pt de.

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen
Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten.
Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall
ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt!
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Verena Blecher: "Tag & Nacht bittersüß", Candela Verlag 2012,
Kurzgeschichten. Mörderisch, liebenswert, ungewöhnlich -
www.verenablecher.de

Cordula Hamann, Andreas Zmuda: "Abflug - Der Beginn einer
abenteuerlichen Weltreise mit dem fliegenden Motorrad", Traveldiary
Reiseliteratur-Verlag 2013, Reisebericht. Passt die Welt in einen
Pilotenkoffer? www.cordulahamann.de

J. Walther: "Phillips Bilder", Dead soft Verlag 2013, Coming-of-age
Roman. Fortsetzung von "Benjamins Gärten" www.janas-seiten.de

Rebecca Michéle "Schatten über Allerby", Goldfinch-Verlag 2013,
Cornwallkrimi. Mabel und Victor ermitteln wieder. www.rebecca-
michele.de

Bernhard Blöchl: "Für immer Juli", MaroVerlag 2013, Schelmenroman.
Über den modernen Mann. Mehr: www.bernhardbloechl.de

Chris Nolde: "Riss", Berlin University Press, 2013, Bildungsroman.
Wider die Leistungsgesellschaft, chris-nolde.de

Cornelia Koepsell: "Das Buch Emma", Geest Verlag 2013, Roman. Ein
Leben zwischen Kindheit, K-Gruppe und Gefängnis.

Stefanie Zesewitz: "Wie ein Versprechen", Querverlag 2013,
Historischer Roman. http://www.stefanie-zesewitz.de

Klaus Seibel: "Zehntausend Fallen", Emons Verlag 2013, Krimi/Thriller.
Das Team  Ex-Kommissarin und ihr Erpresser www.kseibel.de

Uwe Krüger: "Frankfurter Fische", Emons-Verlag 2013, Kriminalroman.
Frech, Fischig, Frankfurt! www.aquacrime.wordpress.com


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SCHREIB-KICK:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


Unser Schreib-Kick für den September, diesmal von Jennifer Schreiner:

Leg Deine Lieblingsmusik oder ein geeignetes Musikstück ein und leg
los!
- Schreibe alle Empfindungen und Gedanken auf, die die Musik in dir
weckt.
- Schreibe alle Empfindungen und Gedanken dazu auf, die der Komponist
des Werkes gehabt haben und was er mit dem Stück bezweckt haben
könnte.


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LESETIPPS:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)

http://www.Zauberlesen.de:
Dieses Onlineprojekt bietet Kindern / Leseanfängern kostenlose
Geschichten zum Lesenlernen. Sie sind insofern individuell, als ein
Kind, das sich registriert, selbst zum Helden / zur Heldin in den
Geschichten wird. Zudem können die Texte je nach Lesekompetenzstadium
in der Darstellung angepasst werden (Schriftarten,
Silbenhervorhebungen etc.).



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AUTORENWISSEN:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


                "Wie man das Aufschieben aufschiebt"
                          von André Wiesler

Ich schreibe gerne, liebend gerne. Das Einzige, was ich offenbar noch
lieber mache, ist, das Schreiben zu vermeiden. Wie wäre sonst zu
erklären, dass ich seit dem Moment, in dem ich beschloss, diesen Text
hier zu schreiben, folgende Handlungen durchgeführt habe?
- Rasen gemäht
- kaputte Badezimmerschranktür repariert
- 3 Statusupdates auf Facebook gepostet und 14 Mal "gefällt mir"
geklickt
- im strömenden Regen mit dem Hund gegangen
- Quittungen sortiert

Gut, jetzt sitze ich hier und schreibe. Aber ich spüre den Zug im
Nacken, den unheilvollen Drang, der sich nach jedem Punkt und Komma,
nach jeder Zeile verstärkt. Ich könnte aufstehen, mir einen Kaffee
machen, meinen Sohn befragen, wie sein Tag war, Mails abfragen, den
Keller aufräumen ... All das erscheint mit in diesem Moment so viel
attraktiver, als den Text zu verfassen.


         Der Drang hat einen Namen

Dieses Phänomen, also Dinge zu verschieben, an die man sich eigentlich
setzen wollte, nennt man "Prokrastination". Meine Erfahrungen und
zahlreiche Gespräche mit KollegInnen haben gezeigt, dass dieses
Phänomen gerade bei AutorInnen sehr verbreitet ist. Meiner Theorie
nach liegt es daran, dass Kreativität harte und anstrengende Arbeit
ist und die allermeisten Künstler schon während der Arbeit an ihren
Werken zweifeln. Dieses Spannungsfeld sorgt dafür, dass sogar
unliebsame Tätigkeiten vorgezogen werden, wenn sie einfacher zu
bewältigen sind. Quittungen zu sortieren ist eine fast schon
mechanische Tätigkeit, beim Hundespaziergang muss ich nicht
nachdenken, und mein Hund kritisiert auch meinen Laufstil nicht. Beim
Schreiben ist das anders (wenngleich einen auch hier selten Hunde
kritisieren).


         Offenbarung

Das Wichtigste bei jedem Versuch, das Aufschieben zu vermeiden, ist
die Erkenntnis, wann man prokrastiniert und eigentlich etwas ganz
anders tun sollte. Meist hat man diese Erkenntnis bereits unterbewusst
erlangt. Wann immer etwas, das dir eigentlich viel Spaß macht, ein
irgendwie schales Gefühl hinterlässt, solltest du hellhörig werden und
dich fragen: "Wollte ich nicht eigentlich schreiben?"


         Dringend und Wichtig unterscheiden

Natürlich müssen die Quittungen irgendwann sortiert werden. Da die
Quartalsanmeldung der Umsatzsteuer ansteht, sogar recht dringend. Aber
ich bin Autor, kein Buchhalter. Mein Lebensunterhalt und wichtiger
noch: mein Lebensglück hängt davon ab, dass ich schreibe. Wenn es bei
dir mit dem einen (Geld) und / oder dem anderen (Bestimmung) ähnlich
aussieht, sollte dir das Schreiben wichtig sein.

Um zu verhindern, dass dich immer wieder dringende Dinge am Schreiben
hindern, solltest du dir klar machen, dass "wichtig" und "dringend"
zwei unterschiedliche Zustände sind. Wenn zu einem Tag, an dem du
abends zufrieden auf die Kissen sinkst, das Schreiben gehört, dann ist
es ausgesprochen wichtig und gewinnt gegen nörgelnde Partner,
schimmelndes Geschirr oder defekte Einrichtungsgegenstände. Natürlich
können aus dringenden Dingen irgendwann wichtige Dinge werden. Wenn
auf der dritten Mahnung des Finanzamtes mit dem Gerichtsvollzieher
gedroht wird, hat auch das Quittungen-Sortieren eine hinlängliche
Bedeutungsschwere erreicht, um ausnahmsweise vor der täglichen
Schreibeinheit zu kommen.


         Zuckerbrot und Peitsche

Disziplin beim Schreiben ist wichtig. Aber seien wir mal ehrlich: Wenn
meine Willensstärke groß genug wäre, wöge ich 30 Kilo weniger und
hätte diesen Text bereits gestern geschrieben. Was kurios wäre, denn
dann hätte ich bei einem Text über Prokrastination nicht
prokrastiniert und wäre gar nicht qualifiziert, euch Tipps dazu zu
geben.

Ein guter Weg, sich selbst zur Arbeit anzuhalten, ist ein
Belohnungssystem. "Erst wenn ich diese drei Seiten fertig habe, werde
ich den Rasen mähen." Damit schlagt ihr gleich zwei Fliegen mit einer
Klappe. Erstens bekommt ihr etwas geschafft, zweitens erscheinen euch
doofe Aufgaben plötzlich erstrebenswert. "Juhu, endlich darf ich den
Rasen mähen!" Aber wundert euch nicht, wenn die Nachbarn euch seltsam
ansehen.

Es geht auch in größerem Maßstab: "Erst wenn der erste Entwurf des
Buches fertig ist, kaufe ich mir dieses tolle neue Handy."

Das funktioniert natürlich nur, wenn ihr euch realistische Ziele
setzt. "Bevor ich meinen Roman nicht fertig habe, esse ich nichts
mehr", das kann übel ausgehen!


         Zettelwirtschaft

Eine Variante dieses Prinzips ist die Zettelwirtschaft. Oft genug
lauern die dringenden Aufgaben an der Oberfläche unserer Gedanken,
weil wir das ständige Gefühl haben, sie nicht vergessen zu dürfen. Dem
kann man entgegenwirken, indem man sie auf eine Liste oder noch besser
auf einzelne Zettel schreibt. Auf diese Weise sind sie aus dem Kopf,
und du kannst sie abhaken, bis du das wichtigere Schreiben erledigt
hast und dich bewusst anderen Dingen zuwendest. Bei den Zetteln kommt
hinzu, dass man sie nach Wichtigkeit ordnen kann.

Schreiben also nach ganz vorne, der Rest nach hinten.

Ist das erhoffte - oder bei drohenden Deadlines notwendige - Pensum
erreicht, wird der Zettel zerknüllt oder der Punkt auf der Liste
durchgestrichen, was ein sehr befriedigendes Erlebnis ist. So vergisst
man nichts, verbannt aber Unwichtigeres gekonnt auf die hinteren
Plätze.


         Babyschritte

Ergänzend zur Zettelwirtschaft kann es helfen, größere Aufgaben in
kleinere runterzubrechen. "Buch schreiben" ist eine Aufgabe, die man
bereitwilliger aufschiebt, als "Vorwort schreiben". Das Gehirn
schreckt vor zu großen Aktivitätsblöcken zurück. Gib ihm eine Chance,
sich die Arbeit schönzureden.

Natürlich erhält jede Teilaufgabe ihren eigenen Eintrag oder Zettel,
der dann genussvoll gestrichen oder zerknüllt werden kann.

Ich sammele diese Zettel über den Monat in einem großen Behälter. Auf
diese Weise mache ich mir klar, wie unglaublich viel ich in den
letzten vier Wochen geschafft habe. Und das Gefühl, diesen vollen
Bottich erledigter Aufgaben dann in die Altpapiertonne zu schütten ...
Ach, mir läuft schon beim Gedanken daran ein wohliger Schauer über den
Rücken!


         Delegieren und Nein sagen

Der Hang zum Aufschieben und Überlastung sind auf den ersten Blick oft
schwer auseinanderzuhalten. Wenn du das Gefühl bekommst, dass du
weniger Dinge aufschiebst, als vielmehr einfach nicht dazu kommst, das
zu tun, was (dir) wichtig ist, solltest du deine Grundbedingungen
prüfen. Prokrastinieren beinhaltet bei aller subjektiven Hilflosigkeit
immer die Entscheidung, etwas anderes vorzuziehen.

Wenn aber alles, was du den Tag über machst, objektiv betrachtet wegen
äußerer Zwänge sofort erledigt werden muss, dann liegen die Probleme
tiefer als schlichte Aufschieberitis. Andere Aufgaben zu delegieren
oder neue Aufgaben abzulehnen kann helfen, Zeit frei zu machen, ist
aber in der Lebensrealität nicht immer möglich. In diesem Fall muss
ich dich an andere Ratgeber verweisen. Hier besprechen wir das
weitgehend selbstgemachte Leid.


         Prokrastinieren, aber richtig

Wenn du schon etwas anderes machst, dann mach etwas Sinnvolles. Zum
Beispiel, dir Appetit holen. Surfe nicht bei Facebook, sondern schau
auf den Internetseiten von KollegInnen vorbei. Von Büchern zu lesen,
die andere fertigbekommen haben, spornt an. "Wenn der 900 Seiten
geschafft hat, schaffe ich doch wohl die Hälfte!"

Lies über die Region, in der deine Geschichte spielt, fahr zu Orten,
die darin vorkommen, triff dich mit KollegInnen und klagt euch euer
Leid, um euch dann im Anschluss gegenseitig wieder an die Arbeit zu
schicken.


         Aaaachtung!

Wenn der Geist ebenso schwach ist wie das Fleisch und du doch immer
wieder bei Youtube-Katzenvideos landest (die sind aber auch zu putzig
- sprich mich auf lohnende Links an), dann kannst du die autoritäre
Schiene fahren. Ernenne ein Familienmitglied oder einen Kollegen zum
Kontroletti. Lass dich anrufen und fragen, wie weit du schon bist.
Bitte sie, die Arbeit des Tages am Abend einzufordern und zu lesen.
Spätestens wenn du zum dritten Mal Ausflüchte suchst, wird dich die
Scham beflügeln. Stell aber sicher, dass dein Drillseargent dich
wirklich mag, und das auch noch, nachdem du ihn wiederholt angepflaumt
hast.

Wirklich harte Knochen posten ihr Tagespensum ins Internet. Dort wird
man euch mit Sicherheit daran erinnern!


         Der Knoten im Kopf

Oft genug vermeiden wir das Schreiben, weil irgendetwas gerade hakt.
Ob man es nun Schreibblockade, Hirnknoten oder Planungslücken nennen
mag: An manchen Tagen hilft auch alle Disziplin nicht. Wenn es nicht
geht, wenn man Sätze zum zwölften Mal löscht, dann ist es tatsächlich
das Richtige, etwas anderes zu machen. Das Hirn muss von der Dauerlast
befreit werden, das Unterbewusstsein braucht Raum, um das Problem in
Ruhe zu knacken.

Wichtig ist dabei vor allem, dass du dich vor dieser Auszeit noch
einmal intensiv mit dem Problem befasst. Schau dir die Szene an, die
nicht funktionieren will, den Plot, der hakt, und nimm die offenen
Fragen mit in die schreibfreie Zeit. Nur wenn du dir das Problem
vergegenwärtigst, kannst du im Rahmen der Entspannung die Knoten
lösen. Ansonsten lenkst du dich nur von der Arbeit ab und landest im
Anschluss im gleichen Schlamassel, vor dem du ursprünglich geflohen
bist.

Besonders geeignet sind hier körperliche oder sportliche Tätigkeiten,
die den Kopf nicht oder auf ganz andere Weise fordern.


         Die Stechuhr I

Das meiner Meinung nach effektivste Mittel gegen Prokrastination sind
feste Schreibzeiten. Natürlich ist es schwer, solche dedizierten
Zeitblöcke zu finden und durchzusetzen (oft genug gegen den Unwillen
der Familie, die auch etwas von Mama / Papa / Schatzi haben will), und
natürlich wird das Leben einem immer wieder einen Strich durch die
Rechnung machen.

Aber wenn du dich oft genug durchgebissen hast, entwickelst du eine
gewisse Resistenz. Der Paketbote, der gerade klingelt, kommt auch
morgen noch mal. Wenn es wichtig ist, spricht der Anrufer auf den AB.
Bei Mails und dem Internet ist es sogar recht einfach: Einfach mal den
Stecker ziehen und Recherchen auf später verschieben. Die haben mitten
im Schreibfluss eh nichts zu suchen.

Für besonders hartnäckige Katzenfans gibt es mittlerweile sogar
Programme, die den Computer für eine bestimmte Zeit vom Internet
trennen und nur durch einen kompletten Neustart deaktiviert werden
können.


         Die Stechuhr II

Vermerke deine Schreibzeiten als Termine im Kalender. Wenn jemand in
dieser Zeit etwas von dir will, hast du da bereits einen "wichtigen
Termin, der leider nicht verschoben werden kann". Wenn du selbst deine
Schreibzeit entsprechend wichtig nimmst, gewinnt sie an Gewicht und du
kannst es auch vor dir selbst leichter rechtfertigen, anderes dafür
liegen zu lassen.


         Die Stechuhr III

Wenn es einmal gar nicht geht und du der Meinung bist, deine
Buntstifte müssten dringend mal nach Geschmack sortiert werden, stell
dir einen Timer auf die Zeitspanne, die du maximal unter Schmerzen
jetzt glaubst, doch noch arbeiten zu können.

Zehn Minuten gehen eigentlich immer. Das ist nicht viel, aber besser
als nichts. Starte die Uhr, zwing dich, zehn Minuten zu arbeiten, und
hör dann auch auf! Selbst wenn es gut läuft. Dein Gehirn muss lernen,
dass es sich auf gesetzte Arbeitszeiten verlassen kann, sonst
verweigert es dir beim nächsten Mal sogar diese zehn Minuten. Aber
wenn es gut gelaufen ist, schiebst du vielleicht nach dem
Buntstiftesortieren noch mal zehn Minuten ein. Und beim nächsten
Prokrastinationsschub stellst du die Uhr gleich auf zwanzig Minuten.


         Die Stechuhr IV

Es kann hilfreich sein, seine Tätigkeiten auf die tatsächliche
Arbeitsdauer hin zu überprüfen.

Oft genug sitzen wir länger an Dingen, als wir glauben. Die fehlende
Zeit und der damit einhergehende Stress verstärken die Tendenz zur
Prokrastination noch. Zeitmangel führt zum Gefühl der Überforderung
und damit zur Vermeidungshaltung.

Es gibt eine ganze Zahl kostenloser Zeiterfassungstools und  -apps,
mit denen du dir einen Überblick verschaffen kannst, was deine größten
Zeitfresser sind.

Ein Beispiel aus meiner Praxis. Ich habe ein klein wenig 3-D-
Animationserfahrung und hatte es mir in den Kopf gesetzt, für eines
meiner Spiele einen schicken Trailer zu machen. Er ist dann auch recht
nett geworden, 1:30 Minuten, sehr actionreich. Irgendwie war das ja
auch Werbung für mein Spiel, in Wirklichkeit aber hatte ich nur keine
Lust, an meinem Roman weiterzuschreiben und wollte stattdessen mit
meinem tollen neuen Animationsprogramm rumspielen. Schlussendlich warf
ich einen Blick in meine Zeiterfassung. Was ich mit "ein paar Stunden
Tüftelei" abgetan hatte, hatte über die Woche verteilt 24
Arbeitsstunden gefressen. Das Video hat bis heute weniger als 100
Klicks bei Youtube ...


         Der Arbeitsplatz

Zu guter Letzt noch ein ganz handfester Tipp: Räume deinen
Arbeitsplatz nach der letzten Arbeitseinheit des Tages auf und nicht
zu Beginn der ersten. So kannst du am nächsten Tag direkt durchstarten
und kommst nicht auf die Idee, den Brief vom Arbeitsamt gleich mal
bitterböse zu beantworten.


         Voilá!

Siehe da, der Text ist fertig, und man merkt ihm hoffentlich nicht an,
dass er von zwei Kaffee, einem Anruf und einem kleinkindlichen
Pflasternotfall unterbrochen wurde. In diesem Sinne: Aller Anfang ist
schwer, aber nach dem ersten Schritt wird es leichter.

Wir lesen uns bei Facebook oder in den Kommentaren bei Youtube.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

André Wiesler lebt und arbeitet in Wuppertal als Autor, Übersetzer und
Spieleentwickler. Als Lese-Komiker und Slam-Poet ist er auf
Deutschlands Bühnen unterwegs und als Der Schreibweise
(www.derschreibweise.de) unterrichtet er in Kursen und Einzelstunden
die Kunst und das Handwerk des Schreibens. Mehr zu ihm und seinen
Projekten verrät seine Homepage unter http://www.andrewiesler.de


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SCHREIBKURS:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


   "Text in Scheiben, oder: Kapitel planen und gestalten - Teil 2"
                        von Sebastian Schmidt

         Individualität wahren: Frei, aber bewusst schreiben


Immer gleich ist immer öde
..........................
Langweilig wäre es, wenn sich kein Buch mehr von einem anderen
unterschiede, das ist sowohl beim Inhalt als auch bei der Gliederung
so. Denn gerade der Reiz eines interessanten Buches besteht ja im
Einfallsreichtum seiner Autorin oder seines Autors. Deswegen stellt
sich berechtigterweise die Frage, wie weit man abweichen kann von den
Vorgaben, die man sich selbst gesetzt hat. Die Antwort ist einfach,
denn schließlich bewegen wir uns im Bereich der Kunst: Sie können so
weit von allem abweichen, wie Sie möchten. Schließlich ist es Ihr
Buch, Ihre ganz eigene Sache, die Sie gestalten. Niemand kann Ihnen
vorschreiben, wie Sie schreiben sollen. Trotzdem können Ratschläge
helfen, zu verstehen, was man eigentlich gerade tut. Denn eines gilt
für gutes Schreiben immer: Tun Sie, was Sie wollen, aber tun Sie es
bewusst!

Schreiben Sie Kapitel, die 100 Seiten lang sind, gefolgt von Kapiteln
mit nur zwei Seiten, aber stellen Sie sich folgende Frage: "Was, wenn
ich auf einer Lesung gefragt würde, warum ich das gerade so gemacht
habe?" Die Antwort, die Sie sich dann ausdenken müssten, sollten Sie
schon im Vorfeld bereitlegen.

Nehmen wir an, Sie schreiben einen langen Entwicklungsroman über einen
Drogenabhängigen, wobei Sie jeweils zehn Jahre seines Lebens als 100-
seitiges Kapitel verfassen, aber in dem Moment, als der Protagonist
böse abrutscht und einen besonders intensiven, verheerenden Trip
erlebt, diesen Trip mit besonders kurzen Kapiteln beschreiben. Um
Inhalt und Form gekonnt zu verweben.

Möglich ist alles, aber für alle Abweichungen sollte es einen Grund
geben. Denn spätestens den Lektorinnen wird auffallen, ob Ihre
Entscheidungen bewusst gefällt oder eine Folge von Unvermögen oder
unbedachtem Arbeiten sind.

Der Zweck heiligt die Mittel. So unzureichend diese Aussage in Ihrer
Allgemeinheit ist, so gut passt sie doch zum Gliedern Ihrer Idee und
zur formalen Gestaltung Ihres Buches. Alles, was Sie tun, sollte eine
bestimmte Wirkung haben, und darüber hinaus sollte diese Wirkung für
jeden Leser eindeutig erkennbar sein. Beim Beispiel des
Drogenabhängigen springt es ja geradezu ins Auge, dass die Kapitel dem
Inhalt angepasst worden sind. Wenn Sie hingegen in einem Liebesroman,
ohne dass die Story dies zulässt, plötzlich beginnen, ein solches
Stakkato an Kapiteln abzufeuern, wird das aufmerksame Leser verwirren.


Das Kind beim Namen nennen
..........................
So unscheinbar das Kapitel beim Lesen oft ist, es bietet unzählige
Möglichkeiten. Eine davon ist die Vergabe von Kapitelüberschriften.

Auf zwei Varianten stößt man besonders häufig. In manchen Büchern wird
nummeriert (I, II, III, IV, 
), in anderen wird für jedes Kapitel eine
passende Zusammenfassung vergeben. Beide Varianten haben Vor- und
Nachteile.

Durch die bloße Zählung der Kapitel erhält ein Buch Struktur und seine
Kerngedanken werden gegliedert dargestellt. Die Leser werden daran
erinnert, dass an den Kapitelgrenzen ein Sinnabschnitt endet und ein
neuer beginnt. Auch beim Überlesen einer Kapitelgrenze wird man nur
wenig aus dem Flow des Buches gerissen.

Anders liegt die Sache bei Kapitelüberschriften. Hier holen Sie den
Leser kurzzeitig aus dem Geschehen heraus und machen ihn neugierig auf
das, was folgen wird. Gerade, wenn Sie die einzelnen Kapitel Ihrer
Geschichte herausheben möchten, wenn Sie bewusst betonen möchten, was
passieren wird, oder wenn Sie eine gewisse Stimmung vermitteln wollen,
bevor der Leser weiterliest, sind Kapitelüberschriften eine gute
Möglichkeit. Nicht zuletzt lenken Sie Ihre Leserschaft in die richtige
Richtung, wenn Sie eine interessante Überschrift vergeben, Sie
motivieren sie zum Weiterlesen und geben erste Orientierungspunkte
dafür, wie das Folgende sich in die Geschichte einfügt. Das kann Ihnen
Aufmerksamkeit sichern, wenn Sie ein treffsicheres Händchen für
prägnante Titel haben.

+++++
Schreibanregung:
Im ersten Teil dieses Artikels (im vorigen Tempest) haben Sie
zumindest einen Plot verfasst und ihn gegliedert. Diese Gliederung
besteht derzeit nur aus der Einteilung in Kapitel und jeweils einem
Stichpunkt für den Inhalt. Arbeiten Sie Ihren gegliederten Plot nun so
auf, dass Sie zu jedem Stichpunkt eine interessante Überschrift
formulieren. Schreiben Sie sie mit in die Gliederung.
+++++

Kapitel gliedern Ihr Buch; und die Gliederung eines Buches findet man
oft wieder im Inhaltsverzeichnis, das meist dem Haupttext
vorangestellt ist. Wenn Sie in Erwägung ziehen, auch Ihr Buch mit
einem Inhaltsverzeichnis zu versehen, dann verzichten Sie auf
Überschriften, mit denen Sie Ihre Inhalte vorwegnehmen! Im
Familiendrama um die Personen Tom und Franz ist es nicht
empfehlenswert, das sechste von zwölf Kapiteln "Tom tötet Franz" zu
nennen - und dann ein Inhaltsverzeichnis voranzustellen.


         Noch bessere Texte: Techniken für Fortgeschrittene


Noch mehr gliedern!
...................
Inzwischen sollten Sie ausgestattet sein mit dem Handwerkszeug, das
Sie brauchen, um Ihre Texte bewusst zu gliedern und sich eine Vorlage
zu erstellen, nach der Sie arbeiten können. Nun folgen einige
zusätzliche Überlegungen, die Sie zu Fortgeschrittenen in der
Textgliederung machen.

Neben "Kapitel" und "Absatz" gibt es noch kleinschrittigere
Strukturierungsmöglichkeiten. Gerade bei Fach- und Sachtexten ist es
oft notwendig, Kapitel in Unterkapitel zu gliedern. Denn mehr noch als
bei fiktiven Texten zählt dort die Übersichtlichkeit. Zu jedem
Zeitpunkt sollte der Leser einordnen können, wie das, was er liest,
zum Thema beiträgt. Denn nur so werden lange Argumentationen
verständlich, nur so kann eine wissenschaftliche Arbeit verfasst
werden, die ihren oftmals komplexen Inhalt nachvollziehbar präsentiert
und verwertbar macht.

Jedoch funktioniert dieses Prinzip nur bedingt bei fiktionaler
Literatur. Hier sollten Sie es vermeiden, zu sehr ins Detail zu gehen.
Unterkapitel sind in der Regel nicht notwendig, und es besteht die
Gefahr, dass Sie dadurch Ihren Text zerpflücken. Wollen Sie in einem
Kapitel mehrere Themen behandeln, gliedern Sie einfach durch
Leerzeilen, also durch besonders herausgehobene Absätze.

Anders verhält es sich, wenn Sie größere Sinneinheiten Ihres Textes
noch einmal voneinander abtrennen möchten. Hier ist es bei sehr
umfangreichen Büchern oder bei Büchern mit zwei deutlich getrennten
Themenbereichen sinnvoll, größere Gliederungseinheiten als das Kapitel
zu verwenden. Möglichkeiten dazu bietet beispielsweise der "Teil" oder
das noch weiterreichende "Buch" (als Gliederungseinheit, nicht als
Gegenstand).

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie haben einen umfangreichen Fantasy-
Roman verfasst mitsamt dazugehörigem Geschichtsteil. Beides möchten
Sie in einem Band veröffentlichen. Um jedoch deutlich voneinander
abzugrenzen, was historischer Teil und was Ihr Roman selbst ist,
könnten Sie folgendermaßen gliedern: Das erste Buch ("Geschichte")
Ihres Textes umfasst die Teile "Vorzeit" und "Kriege", welche wiederum
in Kapitel untergliedert sind. Das zweite Buch trägt die Überschrift
"Gegenwart" und spaltet sich in die Teile "Ein Held wird geboren" und
"Der letzte Kampf beginnt", die beide ebenfalls wieder aus eigenen
Kapiteln bestehen.

Auf diese Weise geben Sie Ihrem Buch nicht nur eine klare Struktur,
sondern Sie verleihen ihm auch einen gewissen Reiz. Das unterstützt
gerade im Fantasy-Bereich sehr gut den Inhalt. Nutzen Sie alle
Möglichkeiten, um Ihr Buch attraktiver zu machen. Achten Sie jedoch
darauf, dass Sie die Struktur - egal ob Fiction- oder Non-Fiction-Text
- so reduziert wie möglich, aber so genau wie nötig halten. Mithilfe
der folgenden Schreibanregung sollten Sie sich gut auf die Gliederung
Ihres nächsten Projekts vorbereiten können.

+++++
Schreibanregung:
Entwerfen Sie eine Buchstruktur für ein wissenschaftliches Buch über
ein Fantasiethema (beispielsweise: "Architekturgeschichte des
Schneckenhauses"), und nutzen Sie dazu ausgiebig Unterkapitel und
Unterunterkapitel. Achten Sie dabei jedoch auf eine sinnvolle
Gliederung.

Entwerfen Sie danach die Gliederung eines monumentalen Epos, ebenfalls
über ein Fantasiethema (beispielsweise "Der Sonnengöttin ewiger Weg
durch die Galaxis"). Benutzen Sie hier die größeren
Gliederungseinheiten "Teil" und "Buch". Eventuell erfinden Sie noch
höhere Gliederungsebenen wie das "Regal" oder die "Bibliothek".
+++++


Auch ein Kapitel ist ein Text
.............................
Nun besitzen Sie alle Kenntnisse, um ohne Sorge und ganz bewusst Ihre
Buchprojekte gliedern zu können. Doch bevor die Schreibarbeit endlich
losgehen kann, bevor Sie wirklich endgültig die Tasten Ihrer Tastatur
oder Schreibmaschine bearbeiten, um ganz in Ihrem Element aufgehen zu
können, eine letzte kurze Überlegung. Wie schreibt man eigentlich ein
gutes Kapitel?

Die Antwort ist einfach, die Umsetzung ungleich schwieriger. Jedes
Kapitel gleicht einem kurzen, abgeschlossenen Text, jedoch mit dem
Unterschied, dass nicht jedes Kapitel für sich selbst sprechen muss.
Schließlich schreiben Sie ein Buch und keine Einzelszenen. Das heißt,
dass Sie am Kapitelanfang keinesfalls wiederholen sollten, "was bisher
geschah", und am Ende auch keine Zusammenfassung geben müssen.
Trotzdem besteht jedes Kapitel aus Anfang, Mittelteil und Schluss und
stellt eine große Sinneinheit dar.

Den groben Inhalt dieser Sinneinheit haben Sie bereits bestimmt, als
Sie Ihren Plot formten und in Kapitel einteilten, eventuell erste
Arbeitsüberschriften vorbereiteten. Es ist aber auch wichtig, die
Lesesituation zu berücksichtigen. Oftmals bilden Kapitelgrenzen
nämlich auch die Grenzen von Lese-Sessions, markieren deren Beginn
oder Ende. Mit dieser Überlegung im Hinterkopf drängt es sich schon
fast von allein auf, wie ein Kapitel gestaltet werden sollte:

Am Anfang eines Kapitels ist es ratsam, dem Leser eine kurze
Verschnaufpause zu geben, damit er sich im Text zurechtfinden kann.
Beginnen Sie nicht so: "Aufgrund dieser komplizierten Überlegungen
ging er nun vor die Tür und zertrümmerte das erstbeste Auto." Greifen
Sie stattdessen zum Beispiel einen markanten Punkt des Vorangegangenen
auf, umschreiben Sie ihn, so dass beim Lesen sofort Assoziationen an
das bereits Geschehene geweckt werden. Und dann beginnen Sie, den
neuen Themenkomplex zu entfalten.

Am Ende des Kapitels angekommen, lassen Sie den Leser nicht mit dem
Gefühl zurück, sich kaum an das erinnern zu können, was eigentlich
passiert ist. Geben Sie ihm etwas mit auf den Weg, woran er sich
erinnern kann, wenn er das nächste Mal das Buch aufschlägt und beim
nächsten Kapitel weiterliest. Das sollte so dezent geschehen, dass der
Leser gar nicht merkt, dass Sie ihn an die Hand nehmen, und er sich
lediglich freut, dass sich Ihr Buch so ungewöhnlich gut lesen lässt.
(Das gilt in dieser Form allerdings nur dann, wenn es nur einen
einzigen Haupthandlungsstrang gibt. Führen Sie beispielsweise zwei
Hauptstränge zusammen, müssen Sie beim Kapitelwechsel auf das letzte
Kapitel des entsprechenden Handlungsstranges verweisen.)

+++++
Schreibanregung:
Verfassen Sie drei Mikro-Kapitel auf einer A4-Seite. Versuchen Sie
diese Kapitel so aufeinander abzustimmen, dass man sich am Anfang
eines jeden an etwas Besonderes vom Ende des vorhergehenden Kapitels
erinnert.
+++++


Stopp! Hier bitte nicht gliedern
................................
Es gibt aber auch Texte, bei denen Sie am besten auf eine Einteilung
in Kapitel verzichten. Hier ist das Nachdenken darüber vermutlich
umständlicher als die tatsächliche Praxis.

Denn irgendwie drängt sich die Entscheidung darüber, wann Kapitel
notwendig sind und wann nicht, fast von allein auf. Das liegt daran,
dass Kapitel eine komplexe Sinneinheit darstellen und mit einer
Überschrift versehen werden können. Das heißt, dass jeder Text, der
von Haus aus nur ein Thema behandelt, eigentlich nicht noch einmal in
Kapitel untergliedert werden muss. Dafür reichen Leerzeilen oder
Zwischenüberschriften. Zeitungsartikel gehören zu diesen Texten, kurze
Essays, Rezensionen und im Normalfall auch E-Mails, Briefe,
Tagebucheinträge etc. Außerdem ist es überall da sinnvoll, auf Kapitel
zu verzichten, wo Sie auch bei etwas längeren Texten (zum Beispiel
Kurzgeschichten) die Textgestalt nicht zerreißen wollen und bewusst
nur durch Leerzeilen gliedern.

Im Prinzip gilt: Wo nicht die Möglichkeit besteht, ein
Inhaltsverzeichnis oder eine Sitemap unterzubringen, da ist eine
Einteilung in Kapitel meist auch nicht sinnvoll.

Ebenfalls nicht sinnvoll ist es, besonders hervorgehobene Textteile
als Kapitel auszuzeichnen. Dazu zählen vor allem der Prolog und der
Epilog. Diese oft kurzen Texte sind Ihrer Geschichte
voran- beziehungsweise nachgestellt und unterscheiden sich stark von
den Kapiteln. Im Prolog können Sie eine spannende Szene aus dem
Mittelteil aufgreifen, um dem Leser einen Vorgeschmack darauf zu
geben, was ihn im weiteren Verlauf erwartet. Den Prolog auf den Umfang
eines Kapitels auszudehnen würde seine Wirkung in vielen Fällen völlig
zerstören; und das Gleiche gilt für den Epilog.

Unterscheiden Sie immer, was zum eigentlichen Inhalt gehört und welche
Textteile andere oder mehrere Funktionen erfüllen, die sich von der
reinen Gliederungsfunktion der Kapitel abheben. Heben Sie diese
entsprechend hervor, nennen Sie also den Prolog auch "Prolog" oder
"Prolog: XY" und nicht "I" oder "Kapitel 1" oder nur "Wie sie ihn
langsam aufschlitzt". Das wirkt seltsam und verwirrt im ungünstigsten
Fall, noch bevor der Leser den ersten Satz gelesen hat.


         Jedem Zweck sein eigen Scheibchen

Zum Abschluss noch einmal zurück zur Brotscheiben-Metapher vom Anfang.
Denn nichts bleibt besser im Gedächtnis als Bilder - auch wenn sie nur
von Brot handeln.

Alles bisher Gesagte finden wir im Vergleich von Kapitel und
Brotscheibe angelegt: Wer beim Sandwich die Scheiben zu dick
schneidet, kaut am Ende auf einer mehr und mehr aufgehenden Masse, bei
der einem schnell der Appetit vergeht. Und wer sich für eine lange
Reise nichts weiter einpackt als zwei schmale Schnittchen, den wird
der Hunger irgendwann zernagen.

Aber jeder weiß doch im Alltag, wie er mit Brot umzugehen hat, jeder
schneidet so, wie es der Sache angemessen ist - weil er gelernt hat,
welche die richtige Wahl ist. Und was beim Brot geht, das geht auch
beim Schreiben. Natürlich, nicht jede Scheibe Backware wird immer ganz
glatt abgeschnitten, eine ist dicker, eine andere dünner. Aber im
Normalfall schneidet man gleichmäßig. Und wenn man das einmal
absichtlich nicht tut, dann wird man schon seinen Grund haben:
Eventuell wollte man nur mal eben einen kleinen Bissen einwerfen und
hat sich deswegen wenig abgeschnitten, eventuell schiebt man auch mal
einen ganzen Braten in ein ausgehöhltes Brot.

Der Möglichkeiten gibt es viele, warum also sie nicht bewusst
anwenden, wenn es um wesentlich komplexere Sachen als
Grundnahrungsmittel geht? Schließlich ist Ihr Buch etwas ganz
Besonderes! Investieren Sie Zeit, schneiden Sie sich nicht in die
Finger. Gehen Sie kurz in sich, entscheiden Sie sich bewusst, und
portionieren Sie dann genau so, wie es Ihrem Text am zuträglichsten
ist. Viel Erfolg und viel Spaß dabei - und guten Hunger!

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Sebastian Schmidt arbeitet als freier Lektor und Texter in der
Textbasis. Besonders interessieren ihn die Bereiche Belletristik,
Geisteswissenschaft und Lyrik. Auf dem textbasis.blog
(http://www.textbasis.wordpress.com) veröffentlicht er regelmäßig
Poesie-Interviews sowie Artikel zum kreativen Schreiben und zum
bewussten Einsatz von Sprache. Er liebt Bücher, wandert gern und ist
sehr nett.


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SPANNUNG, DER UNTERLEIB DER LITERATUR:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)

Was macht Romane spannend, und vor allem: Was macht sie langweilig?

Wer Szenen hat, die sie oder er für spannend hält, oder Szenen, bei
denen er sich nicht sicher ist, oder solche, die eigentlich spannender
gestaltet sein sollten, doch die Frage ist: Wie? - wer solche Szenen
hat, kann sie mir schicken.

Ich wähle dann einige aus, die ich im Tempest bespreche. Schickt die
Szenen als E-Mail-Anhang im RTF-Format an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bitte nicht mehr als 7.000 Anschläge, also etwa vier Normseiten. Dazu
zählt auch der Vorspann! Da die Szenen aus beliebigen Stellen eurer
Manuskripte stammen dürfen, müsst ihr eventuell die Vorgeschichte der
Szene erklären. Diese Erklärung sollte 400 Anschläge nicht
überschreiten!
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                              "Bonnie"
             Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen

Der Morgen war trüb. Der Sommer hat sich eine Auszeit genommen und die
tödlichen Strahlen haben an dem Tag anderswo getobt. Dexter war, wie
immer in dem Sommer, gegen neun auf. Er streichelte das Fell von Kitty
Hawk, nachdem er aus der Toilette kam. Sie hatte schwarzes Fell mit
orangefarbenen Streifen. Sie war sehr stolz auf sie. Diesmal blieb das
Kämmen aber aus. Dexter musste zur Beerdigung. Beim Frühstück
überlegte er, was er anziehen soll. Er hat sich im Sommer bunte
Klamotten zugelegt. Ein Hawaii-Hemd mit dem Gesicht einer Frau auf dem
Rücken; die Frau hatte dicke rote Lippen unter der Mitte des Kreuzes.
Ihre schwarzen Haare dehnten sich bis zu den Schultern aus. Sie hatte
etwas Gelbes im Gesicht.
Dexter war nicht vorbereitet auf Beerdigungen. Wie sollte er es auch
sein? In seine Hardware war Liebe kodiert, und er hatte ein großes
RAM. Er schob das Müsli zur Seite und griff nach seinem Handy.
- "Hör zu, ich komme rüber. Habt ihr etwas Schwarzes zum Anziehen? Ich
hab nur eine schwarze Hose mit Streifen."
- "Wir finden schon was. Beeile dich. Ist heute nicht deine Show",
sagte die Stimme am anderen Ende.
Die Straßen waren wie leergefegt. An den Zaun des Parks lehnte sich
ein Typ und übergab sich. Dann richtete er sich auf und ging pfeifend
auf Dexter zu. Er war ein Mann mittleren Alters, nicht schlecht
angezogen. Dexter sagte hallo. Der Typ grinste.
Dexter trug sich gerne im Viertel innerhalb des früheren Gettos herum.
Er traf oft angetrunkene Typen am Morgen oder zu Mittag. Sie nahmen
sich eine Auszeit von ihren Frauen oder vom Alltag. Es war warm in dem
Viertel innerhalb der großen Ringstraße. Die engen Straßen führten in
die Freiheit der Spelunken. Der Putz fiel von mancher Hauswand, die
Ziegel wurden sichtbar.
Er überquerte die Straße und schaute nach links. Den Irren mit den
Sandalen hat er diesmal nicht gesichtet. Zwei junge orthodoxe
Judenbuben gingen in Richtung des Kleinen Rings. Die Jungen gingen
immer in Gruppen. Die Alten, mit löwenhaften braunen und roten Bärten,
gingen manchmal allein. Sie waren schwarz gekleidet und trugen
persilweiße Hemden. Sie guckten auf der Straße niemandem in die Augen.
Als ob sie sagen wollten, dass man sie auch nicht beäugen soll.
Vielleicht war es wegen ihrer Religion, überlegte Dexter. Oder
einfach, weil sie sich zu Hause fühlten. Dexter staunte jedes mal über
ihre Selbstzufriedenheit und ruhige Ausstrahlung. Bei denen war die
Welt in Ordnung.
Auf der Nussbaumstraße ging er an verwahrlosten Häusern vorbei. Ihre
Graffitis waren Tätowierungen im Stein. Aus dem Gitterfenster des
Supermarktes blies die Klimaanlage heiße Luft  hinaus. Er wechselte
auf die andere Seite, wo das Vier-Sterne-Hotel stand. Den Blick der
roten Ledersessel im Foyer nahm er gerne ein.
Dexter war schon in seinem Leben in einem Hotel gewesen. Mit einer
Frau, die er in einer fremden Stadt besuchte. Die Frau wollte gar
nicht. Sie hat an seinen Nerven wie an einer Zither gespielt. Es gab
im Hotel zur Post zwei alte Betten. Zuerst verlangte sie, dass sie in
verschiedenen Betten schlafen. Er kam zu ihr ins Bett und umarmte sie,
wie immer, von hinten. Sie war breit in den Hüften und hatte schwere,
hängende Brüste. Beide waren nass vom Schweiß der aneinandergepressten
Körper. Die Frau war religiös und hielt, dass die Ehe ein Akt ist,
durch die Menschen ihre Liebe zu Gott zeigen. Zuerst Liebe zeigen.
"Dann können wir wie Pferde im weißen Schaum tummeln", hatte sie
gesagt. Am Morgen taumelte Dexter mit mehr Sternen vor den Augen aus
dem Hotel, als sie das Hotel hatte.  Er war Bugs Bunny, dem sie eine
Karotte vor die Nase hielt. Statt deren bekam er einen Schuss mit der
elektrischen Pistole. Sie kam ihm vor wie die Bullen auf dem Flughafen
in den Abendnachrichten, die einen Typen niederschossen, um ihre Waffe
auszuprobieren.
Er bog um die Ecke vor dem Büro der Witzpartei. Ihr neues
Wahlversprechen stand im Schaufenster: "Keiner muss arbeiten, Geld
soll aber vorhanden sein." Wie wahr. Jeder hatte einen Platz unter der
Sonne verdient, dachte Dexter.
In dem Miethaus wohnte einst ein großer Erzähler. Dexter stieg die
hundertelf Treppen bis zur Wohnung fluchend.
"Es gibt doch kein Leben außerhalb Ungarns", sagte er in der Tür zu
Rebecca.
"Außerhalb der Ringstraße, meinst du, weiser Tribun Dexter", sagte
Rebecca. Sie versuchte ihre Haxen in schenkelhohe schwarze Stiefel zu
quetschen.
"Meinst du, das ist übertrieben?", fragte sie hinter der Kommodentür.
Pinker saß im Sessel und rauchte. Er sah aus wie jemand, der mit
Geistern gehadert hat. Eine kleine Katze saß auf seiner Schulter.
"Lola hat ja nichts einzuwenden",s agte er. Seine Unterlippe hat er
blutig gebissen. Sein brauner Bart war rostfarbig.
"Ich mach mir Sorgen um dich, Mann", sagte Dexter.
"Trink einen Schluck Jäger", erwiderte Pinker und reichte ihm ein
Glas.
"Trinken wir einen auf Lola", schlug Dexter vor. Die beiden anderen
nickten und hoben ihre Gläser still. Die Katzen kratzten am
Fensterrand an den Gardinen.
Als sie in Beerdigungspomp auf die Rundflur hinausgingen, rieselte ein
leichter Regen. Das Laub der Buche ragte hoch bis zum fünften Stock.
Dexter hatte das übliche Schwindelgefühl. Sie schauten nicht hinunter,
gingen geschäftig hintereinander. Die Treppen schienen endlos. Sie
führten unter die Erde.

"Sollte es eins geben, ist es nicht so gut", dachte Dexter an den
Spruch im Auto. Warum musste sich Lola den Strick nehmen? Sie war
hübsch, verheiratet mit Pinker, dem Ayatollah. Sie hatten eine Wohnung
außerhalb des Bezirks, innerhalb der Ringstraße. Sie hatten Kohle. Sie
schmiss die besten Partys seit Jahren. Eines Morgens fanden sie sie
unter einer Lotusblume auf dem Boden. Auf dem Tisch lagen
halluzinogene Pilze.
Die Stadt floss in Wellen an ihnen vorbei. Über der Ringstraße gab es
noch vereinzelte Flecken staubiger Bewegung. Die Arbeiter schleppten
sich entlang der Straße vor den westlichen Geschäften, um ihr Geld
auszugeben. Die Penner suchten nach Flaschen.
An der Fiume-Straße bogen sie rechts rein. Der alte Friedhof mit
seinen hohen Gemäuern flog vorbei. Der chinesische Markt streckte sich
Kilometer lang aus. Hotels, Restaurants reihten sich aneinander. Die
Chinesen waren angekommen. Pinker schaute sie an und sagte:
- "Chinesische Frauen reden nicht mit Fremden."
- "Hier schon", sagte Rebecca.
- "Ich hab noch nie eine Chinesin gehabt", sagte Dexter.
- "Vielleicht solltest du Chinesisch lernen" sagte Rebecca.
- "Und du?", fragte er Pinker.
- "Von mir laufen sie weg."
- "Von dir laufen alle weg. Es ist deine Ausstrahlung", mutmaßte
Rebecca.
- "Angeblich sind sie gut."
- "Sie mögen gut sein, aber ich möchte nichts mit einer Stummen am Hut
haben", meinte Pinker.
Dexter dachte an einen Nachmittag bei seinem Großvater. Er saß auf den
Treppen seines Hauses und las ein Unterhaltungsheft. Es ging um eine
chinesische Prostituierte, die sich auf Männer gut verstand.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

                  Lektorat von Hans Peter Roentgen

Ein Mann in einem heruntergekommenen Viertel, der zu einer Beerdigung
muss und dem unterwegs allerlei Merkwürdigkeiten begegnen.

Ein wenig erinnert es an die Hardboiled-Detective-Geschichten a la
Marlowe, ein wenig an absurdes Theater, aber bietet eine eigene
Stimmung. Sicher nicht das, was Verlage auf ihrer Liste der
gewünschten Toptitel stehen haben. Dennoch gut zu lesen, wenn man
solche Texte mag.


         Zeiten

Fangen wir ganz einfach mit dem Anfang an.

.....
"Der Morgen war trüb. Der Sommer hat sich eine Auszeit genommen und
die tödlichen Strahlen haben an dem Tag anderswo getobt."
.....

Beide Sätze spielen in der Vergangenheit, der erste im Präteritum, der
zweite im Perfekt. Besser wäre es, wenn der zweite im Plusquamperfekt
stünde:

.....
Der Morgen war trüb. Der Sommer hatte sich eine Auszeit genommen und
die tödlichen Strahlen hatten an dem Tag anderswo getobt.
.....

Warum schlage ich hier das Plusquamperfekt vor? Vor allem, weil es für
mich besser klingt. Denn der Sommer hatte sich die Auszeit genommen,
bevor der Morgen trüb war.

.....
"Dexter war, wie immer in dem Sommer, gegen neun auf."
.....

Da der Text durchaus literarischen Anspruch hat, sollte man statt des
saloppen, umgangssprachliche "war auf" besser "stand auf" verwenden.
"Aufstehen" ist außerdem aktiver, aktivere Verben statt Hilfsverben
treiben eine Geschichte voran, klingen nicht so statisch und
langweilig. Und muss man den Sommer erwähnen? Man könnte das
streichen. Oder es stehenlassen, denn es legt die Jahreszeit fest, in
der wir uns befinden. Das ist eine Änderung, die vom persönlichen
Geschmack abhängt.

.....
"Er streichelte das Fell von Kitty Hawk, nachdem er aus der Toilette
kam. Sie hatte schwarzes Fell mit orangefarbenen Streifen. Sie war
sehr stolz auf sie. Diesmal blieb das Kämmen aber aus. Dexter musste
zur Beerdigung."
.....

Hier reicht es, wenn Dexter Kitty Hawk streichelt. Dass es sich um
eine Katze handelt und er das Fell streichelt, ergibt sich aus dem
Text. Und natürlich ist "er" auf sie stolz - oder sie war sehr stolz
auf sich.

Das mit dem Kämmen klingt seltsam. Ich habe keine Ahnung von Katzen
und ob es Besitzer gibt, die sie morgens kämmen. Wenn das gemeint sein
sollte, würde ich es erläutern. Das "nachdem" verlangt hier wieder
nach dem Plusquamperfekt.

.....
Er streichelte Kitty Hawk, nachdem er aus der Toilette gekommen war.
Sie hatte schwarzes Fell mit orangefarbenen Streifen, und er war sehr
stolz auf sie. Auf das Kämmen musste sie heute aber verzichten, Dexter
musste zur Beerdigung.
.....


         Satzlängen

Im obigen Beispiel habe ich gleich noch etwas korrigiert. Der Autor
verwendet immer sehr kurze, manchmal auch abgehackte Sätze. Beim Lesen
ermüdet das, besser ist es, die Satzlänge zu variieren. Deshalb habe
ich jeweils zwei Sätze zu einem zusammengefügt und durch Kommas
getrennt.

Auch in den folgenden Sätzen bietet es sich an, einige Sätze zu einem
einzigen zusammenzufassen.

.....
"Beim Frühstück überlegte er, was er anziehen soll. Er hat sich im
Sommer bunte Klamotten zugelegt. Ein Hawaii-Hemd mit dem Gesicht einer
Frau auf dem Rücken; die Frau hatte dicke rote Lippen unter der Mitte
des Kreuzes. Ihre schwarzen Haare dehnten sich bis zu den Schultern
aus. Sie hatte etwas Gelbes im Gesicht."
.....

In der Beschreibung seiner Kleidung sind das Gesicht auf dem Rücken
und die roten Lippen bereits zu einem Satz zusammengefasst. Ich würde
auch die schwarzen Haare in den Satz aufnehmen:

.....
Was sollte er bloß anziehen? Er hat sich im Sommer bunte Klamotten
zugelegt. Ein Hawaii-Hemd mit dem Gesicht einer Frau auf dem Rücken;
die Frau hatte dicke rote Lippen unter der Mitte des Kreuzes und ihre
schwarzen Haare reichten bis zu den Schulterblättern. Sie hatte etwas
Gelbes im Gesicht.
.....


         Gedanken, "überlegte er" und die Technik

Fällt Ihnen noch etwas auf? Ich habe "überlegte er" gestrichen. Wenn
Sie in einen Text "dachte er", "überlegte er" einfügen, schaffen Sie
Distanz. Der Leser schaut von außen auf die Figur. Das kann manchmal
gut sein, manchmal auch nötig, wenn Sie klarstellen müssen, dass es
sich um einen Gedanken einer Figur handelt. In unserem Fall folgt der
Text aber gut der Figur Dexter. Eine direkte Frage, "Was sollte er
bloß anziehen?", ist näher an der Figur, und aus dem Umfeld des Textes
ist es klar, dass es sich um einen Gedanken dieser Figur handelt.

Dann wird es technisch, Dexters Hardware ist auf Liebe kodiert, und er
hat ein großes RAM. Diese Formulierung ist sehr technisch und lässt
vermuten, dass Dexter eher in technischen Begriffen denkt. Dann muss
die Formulierung aber stimmen. Die Hardware besteht aus den Bausteinen
eines Computers, die Kodierung gehört aber zur Software. Und statt
"RAM" wäre "Speicher" der passende Begriffe. Besser wäre: "Er war auf
Liebe programmiert und hatte dafür einen großen Programmspeicher."

Ist diese Kombination, dass Dexter einerseits eher technisch denkt,
andererseits ausgerechnet auf Liebe programmiert ist, nicht ein
Widerspruch? Passen diese unterschiedlichen Begriffswelten überhaupt
zueinander?

In einem Text, der den üblichen Erzählwegen folgt, könnte das stören.
Hier stimmt es den Leser darauf ein, dass dieser Text sprunghaft,
nicht immer logisch verläuft, deshalb finde ich diese Kombination
passend.

Dann läuft Dexter durch sein Viertel, wir erleben kurze Schnappschüsse
skurriler Typen und lernen dadurch das Viertel kennen:

.....
"Die Straßen waren wie leergefegt. An den Zaun des Parks lehnte sich
ein Typ und übergab sich. Dann richtete er sich auf und ging pfeifend
auf Dexter zu. Er war ein Mann mittleren Alters, nicht schlecht
angezogen. Dexter sagte hallo. Der Typ grinste.
Dexter trug sich gerne im Viertel innerhalb des früheren Gettos herum.
Er traf oft angetrunkene Typen am Morgen oder zu Mittag. Sie nahmen
sich eine Auszeit von ihren Frauen oder vom Alltag. Es war warm in dem
Viertel innerhalb der großen Ringstraße. Die engen Straßen führten in
die Freiheit der Spelunken. Der Putz fiel von mancher Hauswand, die
Ziegel wurden sichtbar."
.....

So gut das geschildert wird, an ein paar Stellen stimmt die Wortwahl
nicht, und die abgehackten, kurzen Sätze sollte man besser ab und zu
variieren:

.....
Die Straßen waren leer gefegt. Am Zaun des Parks lehnte ein Typ und
übergab sich. Dann richtete er sich auf und ging pfeifend auf Dexter
zu. Er war ein Mann mittleren Alters, nicht schlecht angezogen. Dexter
sagte hallo, und der Typ grinste.
Dexter trieb sich gerne im Viertel innerhalb des früheren Gettos
herum. Oft traf er schon am Morgen oder Mittag angetrunkene Typen; sie
nahmen sich eine Auszeit von ihren Frauen oder vom Alltag. Es war warm
im Viertel innerhalb der großen Ringstraße. Der Putz fiel von mancher
Hauswand, die Ziegel wurden sichtbar.
.....

Das Bild der engen Straßen, die in die Freiheit der Spelunken führen,
habe ich gestrichen. Weil ich es für schief halte und weil es schon im
Text davor steht, dass es viele Spelunken gibt, die eine Auszeit
versprechen. Wenn der Satz mit den engen Straßen dennoch im Text
stehen soll, müsste ein treffenderes Bild gewählt werden.

Dann kommt wieder ein Satz mit "überlegte er", nachdem die orthodoxen
Juden beschrieben werden:

.....
"Vielleicht war es wegen ihrer Religion, überlegte Dexter. Oder
einfach, weil sie sich zu Hause fühlten. Dexter staunte jedes mal über
ihre Selbstzufriedenheit und ruhige Ausstrahlung."
.....

Auch hier schafft das "überlegte er" Distanz. Allerdings sorgt bereits
die Schilderung für eine gewisse Distanz, weswegen ich an dieser
Stelle das "überlegte er" stehen lassen würde - ebenso wie Dexters
Staunen über die ruhige Ausstrahlung. Denn dadurch wird betont, dass
es sich um Dexters subjektive Eindrücke handelt.


         Konkret schreiben, Bilder wecken

"Den Blick der roten Ledersessel im Foyer nahm er gerne ein. " Dieser
Satz muss umformuliert werden, besser wäre: "Die roten Ledersessel im
Foyer faszinierten ihn."

Und dann kommt der Rückblick auf die Nacht mit einer Frau im Hotel.
Und dieser Rückblick bleibt sehr blass. "Die Frau wollte gar nicht.
Sie hat an seinen Nerven wie an einer Zither gespielt." Mal abgesehen
davon, dass die Frau AUF seinen Nerven gespielt haben dürfte wie auf
einer Zither, bleibt die Szene allgemein, und das Versprechen, dass
hier gemacht wird, nämlich, dass es etwas Berichtenswertes geben wird,
hält der Text nicht ein. Wir wissen zwar, dass die Frau offenbar
Dexter angelockt und gleichzeitig zurückgestoßen hat, einige
Formulierungen wecken auch Neugier. Aber leider keine Bilder, es
klingt eher wie die gängige Klage eines Mannes, der an der Nase (oder
an anderen Körperteilen) herumgeführt wurde.

Sprich: Diesen Abschnitt würde ich streichen. Oder er müsste gründlich
überarbeitet werden, damit der Text Bilder weckt und in die Geschichte
passt.

Gleiches gilt auch für den Wahlspruch der Witzpartei. Zwar kann man
Wahlversprechen parodieren, aber dann muss der Tonfall erkennbar sein.
"Keiner muss arbeiten, Geld soll aber vorhanden sein", das klingt
weder wie ein Wahlslogan noch wie eine Parodie auf einen solchen.

Dann die Szene in der Wohnung, Rebecca zwängt ihre Beine in
schenkelhohe Stiefel, und im Mietshaus wohnte einst ein großer
Erzähler. In einer realistischen Geschichte wäre das absolut
unmöglich, in einer, die mit Absurditäten spielt, darf man das. Nie
sollte man vergessen, dass Menschen oft sehr absurde Dinge tun. Und
was dem einen absurd erscheint, ist es für andere durchaus nicht.
Leider gibt es eine Tendenz im Buchmarkt, die verlangt, dass alle
Personen sich immer in der "üblichen" Logik verhalten sollten. Ich
finde das bedauerlich.


         Sätze müssen passen

Einwände hätte ich gegen den Satz, dass die Treppen unter die Erde
führten. Er hat im Text keine Funktion, ich würde ihn streichen.
Gleiches gilt für:"?Sollte es eins geben, ist es nicht so gut?",
dachte Dexter an den Spruch im Auto.

Hier ist der Bezug nicht klar, wirft den Leser aus dem Text, weil der
erst mal überlegt, auf welchen Spruch dieser Satz sich bezieht. Und so
gut der Absatz über die verstorbene Frau ist, so wenig passt der
folgende Satz in die Beschreibung der Stadt: "Die Arbeiter schleppten
sich entlang der Straße vor den westlichen Geschäften, um ihr Geld
auszugeben."

Auch hier: Entweder streichen oder ein besseres Bild wählen.

Der folgende Absatz über die Stadt, den Chinesenmarkt und der Dialog
über chinesische Frauen passt dagegen. Er arbeitet mit Assoziationen
und folgt dem absurden, schwarzhumorigen Touch der Geschichte.


         Assoziativer Text

Dieser Text ist assoziativ, er folgt keiner strikten Logik und
verletzt gleich mehrere Regeln des Geschichtenerzählens. Eigentlich
passiert wenig, Fragen, die den Leser fesseln könnten, werden nur am
Rande aufgeworfen. Er lebt von der ungewöhnlichen Beschreibung des
Mannes und des Viertels, in dem er lebt. Budapest, wie es nicht im
Touristenhandbuch steht. Ein literarischer Text darf das. Der kürzlich
verstorbene Slawomir Mrozek hat das nachdrücklich in seinen Texten
bewiesen.

Und bei Lichte betrachtet, weckt er durchaus Fragen. Wer war diese
Frau, die an einer Überdosis starb? Was wird uns der Autor noch für
ungewöhnliche Bilder über diese Stadt liefern?

Reicht das für einen ganzen Roman?

Das weiß ich nicht. Setzt der Text einfach nur diese Schilderung fort,
so, wie sie hier begonnen wurde, kann er schnell ermüden, passt eher
zu einer Erzählung als zu einem Roman. Die ersten vier Seiten können
viel über einen Text verraten, doch nicht alles.

Nicht zu vergessen: Geschmäcker sind verschieden. Sie können mit
diesem Text gar nichts anfangen? Das ist Ihr gutes Recht. Doch beim
Lektorieren kommt es nicht auf den Geschmack an. Es gibt Leser, die
mögen keine Fantasygeschichten, andere finden die literarischen Texte
in Klagenfurt furchtbar. Einem literarischen Text vorzuwerfen, dass
dort keine phantastischen Welten vorkommen, ist aber genauso unsinnig,
wie einem Fantasytext mangelnde Realität anzukreiden. Jede
Überarbeitung muss sich auf die Art des Textes konzentrieren, soll ihn
besser machen, ihn aber nicht in eine andere Geschichte verwandeln.


         Dexter

Der Text verwendet den Namen eines bekannten Fernsehhelden aus einer
Serie, die ebenfalls schwarzhumorig mit absurden Einsprengseln ist.
Darf man das?

Klare Antwort: Nein. Man darf das parodieren, aber auch dann sollte
man einen ähnlich klingenden Namen verwenden, nicht den Originalnamen.
Aus dem "Herrn der Ringe" wurde "Der Herr der Augenringe". Also sollte
der Name unbedingt geändert werden, sonst könnte es Ärger mit den
Rechteinhabern der Fernsehgesellschaft geben. Einen ähnlich klingenden
Namen darf man aber verwenden, wenn der Text offensichtlich eine
Parodie ist. Wenn der Text nur ein "Remake" oder "Fanfiction" ist,
muss man vorher die Zustimmung der Rechteinhaber einholen. Es gibt
keinen Grund, davor Angst zu haben. Oft reagieren sie freundlich, und
man kann sich verständigen, welchen Namen man verwenden darf und wann
der eigene Text keine Rechte verletzt. Dass man dann einen
freundlichen Hinweis auf die Genehmigung an den Schluss des Textes
setzt, ist selbstverständlich.


         Formalia

In den Dialogen im Text stehen immer Gedankenstriche vor den
Anführungszeichen der Dialogsätze (auch dahinter standen welche, die
wir hier bereits durch Kommas ersetzt haben). Das ist ungewöhnlich.
Üblich sind Anführungszeichen in der Unterhaltungsliteratur, in
einigen literarischen Werken ersetzen Gedankenstriche die
Anführungszeichen. Aber beide zusammen, das wäre doppelt gemoppelt.
Ich würde mich auf eines von beiden beschränken. Und bei Formalia ist
es immer gut, sich an das Gewohnte zu halten. Ich würde daher die
Anführungszeichen verwenden und die Gedankenstriche weglassen.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Hans Peter Roentgen ist Autor der Bücher "Vier Seiten für ein
Halleluja" über Romananfänge und "Drei Seiten für ein Exposé".
Außerdem hält er Schreibkurse und lektoriert. Gerade ist sein neuer
Ratgeber "Schreiben ist nichts für Feiglinge" erschienen.


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INTERVIEW:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


                   "Man spürt die Liebe zum Lesen"
                    Interview mit Mandy Pitschel

Mandy Pitschel mag den Duft von weißem Flieder, Waldspaziergänge im
Regen und Nudeln in allen Varianten. Aber noch mehr mag sie Bücher,
und genau deshalb steckt sie bereits seit fünf Jahren ihre ganze
Leidenschaft in den "Buchmarkt Frankfurt Hbf"
(https://www.facebook.com/BSVFrankfurt).

Unter ihrer Leitung ist das engagierte Team vor allem durch seine
vielen Aktionen im Gedächtnis geblieben. Bei "Gib deinem Buch ein
Gesicht" wurden auf der Facebook-Seite des Ladens bereits unzählige
bekannte und weniger bekannte deutsche Autoren vorgestellt. Während
der Aktion "Wir zeigen Herz" hat das Team signierte Bücher
versteigert, um den Opfern der Flutkatastrophe 2013 zu helfen.


Olga A. Krouk: Liebe Mandy, im Juli 2008 ist die Buchhandlungskette
"Schmitt & Hahn" auf dich zugekommen und hat gefragt, ob du die
Filiale "Buchmarkt Hbh Frankfurt a. M.", die als modernes Antiquariat
geführt wird, als selbständige Kommissionärin übernehmen möchtest. Was
genau ist darunter zu verstehen?

Mandy Pitschel: Es ist so, dass ich einen Vertrag mit "Schmitt & Hahn"
habe, dass ich deren Bücher verkaufe und dafür eine Provision auf den
Umsatz erhalte. Ich bin selbständig, leite den Laden unter eigener
Regie, das Team ist bei mir angestellt. Ich entscheide über das
Sortiment, bestelle und plane allein. Jedoch sind die Bücher die ich
bestelle und zukaufe, Eigentum der Firma Schmitt & Hahn.

Ungefähr 80% des Sortiments sind reduzierte Bücher. Es sind keine
gebrauchten Bücher, sondern Bücher, die aus der Buchpreisbindung raus
sind, oder Remittenden. Ein Teil der Ware kommt aus den eigenen Läden
vom Unternehmen, und dann gibt es viele Vertreter, die eben mit
gemängelten Büchern handeln.


OAK: Oft sind als "Mängelexemplar" gestempelte Bücher zu finden, die
sonst völlig in Ordnung sind. Was genau ist denn ein "Mängelexemplar"?

MP: Ein Mängelexemplar ist nach der Definition des Gesetzes ein Buch,
das "verschmutzt oder beschädigt" ist oder "einen sonstigen Fehler
aufweist". Es gab darüber auch immer wieder Streitigkeiten. Doch in
der heutigen Zeit, bei den immer höher steigenden Buchpreisen, machen
oft nur kleine Beschädigungen das Buch zum gebundenen Preis häufig
unverkäuflich. Um es mit einfachen Worten zu sagen: Dem Kunden fällt
ein Buch aus dem Regal, die Ecken sind angestoßen, und somit könnte
man es als Mängelexemplar verkaufen. Wichtig ist hierbei, es muss
immer einen Mängelexemplarstempel haben oder eben den Strich an der
Unterseite des Buches.


OAK: Du erwähnst die steigenden Buchpreise, weswegen Bücher mit den
kleinsten Beschädigungen schon unverkäuflich sind - wäre die
Abschaffung der Buchpreisbindung deiner Meinung nach eine Lösung?

MP: Ich denke, dass nur eine Buchpreisbindung dafür sorgt, dass
Autoren noch von ihrem Beruf leben können und dass die kleinen
Buchhandlungen am Markt noch eine Chance haben gegen die Marktführer
und Onlineshops. Wenn es keine Buchpreisbindung gibt, können die
großen Ketten den Preis bestimmen. Da kann der Kleinunternehmer
niemals mithalten. Es ist doch in fast jeder Branche schon so.


OAK: Und die Branche ist immer in Bewegung. Wie siehst du den Beruf
des modernen Buchhändlers?

MP: Den modernen Buchhändler als solches gibt es für meinen
persönlichen Geschmack nicht. Es gibt die heutigen großen Ketten mit
riesiger Auswahl, mit unzähligen Möglichkeiten, alles zu bestellen,
was der Kunde wünscht, mit einem Zusatzsortiment, das eigentlich so
gar nichts mit Büchern zu tun hat, und leider mit wenig bis gar keiner
Zeit für Beratung, Persönlichkeit und Kundengespräche. Die Läden sind
zielorientiert, mit wenig Personal, Quantität vor Qualität. Es gibt
die Onlinehändler, die einfach jedes Buch in ihren virtuellen Regalen
stehen haben. Und es gibt die altmodischen Läden, wo man beraten wird,
wo man sich über das Gelesene austauscht, wo Lebensgeschichten erzählt
werden und wo der Kunde sich wohl und aufgehoben fühlt.

Genau das ist das Bild, was ich von unserem Laden zeigen kann. Wir
sind sehr kundenorientiert. Suchen, so oft es geht, das Gespräch mit
unseren Kunden. Durch unseren großen Stammkundenkreis, den wir uns
aufgebaut haben, weiß man schon genau, wo die Interessen liegen. Wir
sind kein großer Laden, aber bei uns gibt es ein unglaublich großes
Sortiment. Es kommt oft vor, dass ein neuer Kunde uns mit den Worten
anspricht: "Das haben Sie bestimmt nicht, aber haben Sie vielleicht
etwas von Nietzsche?" Und mit einem Schmunzeln zeige ich dem Kunden
unser Klassikerregal, und er ist mehr als überrascht.


OAK: Dabei ist es sicherlich nicht einfach, Mängelexemplare nach
Kundenwünschen anzubieten. Einen aktuellen Bestseller beschafft man
sich nicht ohne Weiteres zum reduzierten Preis. Wie machst du das?

MP: Natürlich ist es nicht so wie bei den regulärpreisigen Büchern.
Wir können nicht gezielt nach aktuellen Bestsellern suchen, um diese
vergünstigt anbieten zu können. Aber wir suchen schon ganz gezielt
nach bestimmten Titeln, einem bestimmten Genre. Besonders wenn nach
einem Hardcover das Taschenbuch erscheint, halte ich die Augen offen,
denn dann bekommt man die Hardcover oft zum guten Preis. Und dann
fragt man eben auch gezielt beim Vertreter: "Du, ich brauche wieder
schöne Fantasy-Titel, was kannst du mir anbieten?" Wie sagte ein
Vertreter letztens so schön? "Es macht wirklich Spaß, Ihre Bestellung
zu bearbeiten, da sieht man genau, dass da jemand mit Sinn und
Verstand bestellt. Normal bekomme ich nur einen Anruf, und dann soll
ich eine Palette zurechtstellen."


OAK: Genau zu wissen, wo die Interessen der Kundschaft liegen, das ist
ein gutes Stichwort. Konntest du in der letzten Zeit gewisse
Schwankungen beobachten, je nachdem, was "aktuell" war, wie zum
Beispiel Dystopien oder Vampire?

MP: Natürlich gab es auch bei uns immer wieder eine Welle von
Überfliegern. Seien es Vampire oder Zombies oder ganz aktuell die
Blicke hinter eine Welt aus Lust und Leidenschaft, Folter und Qualen.
Doch auch wenn wir diese Trendrichtungen miterleben, bei uns lieben
die Kunden einfach das geschriebene Wort. Man spürt die Liebe zum
Lesen. Wir verkaufen so viele Klassiker, ob an Jung oder Alt. Das
zeigt mir einfach, dass die Liebe zu Büchern niemals vergehen wird. So
lange es Autoren gibt, die Bücher schreiben, wird es Menschen geben,
die sie lesen.


OAK: Das hast du sehr schön gesagt, liebe Mandy. Doch um gelesen zu
werden, muss das Buch präsent sein. Dafür bleibt einer Neuerscheinung
immer weniger Zeit. Drei Monate, vielleicht ein halbes Jahr - wenn das
Buch in dieser Zeit nicht läuft, ist es praktisch tot. Merkst auch du,
dass der Markt immer schneller wird?

MP: Oft erlebe ich, wie unsere Kunden zum Bestsellerregal laufen: Was
dort steht, muss einfach gut sein. Ich denke, dass auch Zeit eine
Rolle spielt. Sich diese Zeit zu nehmen, um in Ruhe nach einem Buch zu
schauen. Aber ich würde auch nicht sagen, dass ein Buch nach einer
gewissen Zeit keine Chance mehr hat. Es gab viele Bücher in den
letzten Jahren, die nicht von Anfang an der Überflieger waren. Doch
mit einem Schlag waren sie in den Verkaufsrängen ganz oben. Stieg
Larsson war zum Beispiel so ein Fall. Der erste Band seiner Trilogie
verkaufte sich anfangs eher schleppend. Und wenn man noch einmal in
eine andere Richtung schaut: Verfilmungen von Büchern verschaffen den
Büchern noch einmal einen richtigen Hype. In den letzten Jahren wurden
so viele Bücher verfilmt, die dadurch noch einmal ins Licht gerückt
sind.

Was aber wieder für den schnelleren Markt spricht, sind diese
unzähligen Neuerscheinungen in jedem Monat. Da spinne ich den Faden
mal weiter ... Der kleine Buchladen um die Ecke hat nur einen
bestimmten Platz für die Neuerscheinungen. Das Regal ist voll, und
dann kommen schon wieder die nächsten Bücher vom Verlag (es ist immer
noch ein gesponnener Faden). Nun steht die Buchhändlerin vor dem Regal
und überlegt: Was lief bisher gut, was lief nicht so? Und nimmt die
Titel, die noch nicht so gut angelaufen sind, aus dem Laden, um Platz
für die neuen zu machen. Die Neuerscheinungen der letzten Monate, die
sich gut verkauft haben, bekommen dann einen Platz im eigentlichen
Genre. Das wäre eine Idee, wieso manche Titel keine richtige Chance
bekommen haben. Dabei war in diesem Zeitraum vielleicht nur nicht der
passende Leser für jene Bücher im Laden.


OAK: Und wie ist es in einem Laden, der sich auf das moderne
Antiquariat spezialisiert hat?

MP: Bei unseren reduzierten Büchern ist das anders. Für den niedrigen
Preis probiert man gern mal etwas aus. Die Kunden nehmen sich Zeit und
durchstöbern die Angebote, und da entscheidet meist weder der bekannte
Autor, noch wie alt das Buch schon ist. Mir geht es ja genau so. Ich
habe da schon manche Schätze entdeckt, von denen ich sonst wohl
niemals gehört hätte.

Auch kommt es durch Läden wie uns dazu, dass Bücher zu regulären
Preisen wieder gekauft werden, obwohl sie vielleicht schon "tot"
waren. Wir hatten da so ein Buch, ich habe es bei den reduzierten
Taschenbüchern entdeckt, gekauft und gelesen. Dieses Buch fand ich so
toll, dass ich sehr vielen Stammkunden davon erzählt habe. Viele waren
so neugierig geworden, dass sie dieses Buch unbedingt lesen wollten.
Also haben wir es ins Sortiment aufgenommen und wirklich unzählige
Male verkauft. Der Autor und dessen Verlag müssen sich gewundert
haben, was da auf einmal los war.


OAK: Man spricht manchmal von "gemachten Bestsellern", für die ein
Verlag sehr viel in Werbung investiert. Was hältst du davon? Konntest
du am Verhalten der Kunden merken, dass diese Werbung gut
funktioniert?

MP: Wir sind so beeinflusst von der Werbung! Das spüren wir im Laden
jeden Tag. - "Ich hab da auf dem Plakat so ein Buch gesehen. Haben Sie
das hier ?" - "Wo ist denn Ihr Bestsellerregal?" (Ich frage nach, ob
der Kunde einen bestimmten Titel sucht:) "Nein ist mir egal,
Hauptsache ein Bestseller."

Der "gemachte Bestseller" funktioniert. Nehmen wir als Beispiel
"Feuchtgebiete". Die Autorin hat sich gekonnt in aller Munde gebracht,
indem sie von Talkshow zu Talkshow gewandert ist. Man wusste noch
nicht, ob das Buch wirklich gut ist. Aber alles, was irgendwie Beine
hatte, strömte in die Buchläden, um dieses rote Buch mit dem Pflaster
zu kaufen.


OAK: Was auch den Buchhändler dazu veranlasst, mehr vom Titel
auszulegen.

MP: Die Bestseller sind für jeden Buchhändler jene Bücher, die einen
guten Teil seiner Miete bezahlen.


OAK: Also müsst auch ihr den Trends folgen?

MP: Wir sind ein modernes Antiquariat, das auch aktuelle Bücher zum
regulären Preis anbietet. Aber wir müssen nicht auf jeden Zug
aufspringen. Wir bieten unseren Kunden gern Qualität, und wir freuen
uns über jede Beratung, die wir geben können, bei der sich der Kunde
darauf einlässt, wenn wir ihn weg von der Bestsellerliste führen. Eine
Antwort, die ich gern meinen Kunden gebe: "Was hier in der
Bestsellerliste steht, kann ich nicht beeinflussen. Die Bücher, die
ich selbst ins Sortiment aufnehme, schon. Und da wählen wir sehr genau
aus."


OAK: Wenn es nicht die Verlagswerbung ist, was beeinflusst dich dann
bei deiner Auswahl?

MP: Als Erstes steht natürlich immer der Kunde im Vordergrund. Es gibt
bestimmte Genres und Themen, wo ich weiß, was unseren Stammkunden
gefällt. Es lässt sich so viel besser arbeiten, wenn man einen so
großen Stammkundenkreis hat. Bei unseren Büchern zum regulären Preis
wähle ich wirklich jeden Titel einzeln aus. Ich schaue mir an, worum
es geht, und dann höre ich auf mein Bauchgefühl. Eine Story, die
einfach mal anders ist, die weckt sofort meine Neugier. Gerade durch
unsere Aktion "Gib deinem Buch ein Gesicht" haben wir so viele tolle
Autoren kennengelernt! Das war und ist für uns eine absolute
Bereicherung.


OAK: Und was könnte ein Autor selbst für sein Buch tun? Kann er
überhaupt etwas tun?

MP: Weißt du, wie ich auf unsere Aktion kam? Durch unsere Seite haben
sich die beiden Autorinnen Zoe Beck und Lilli Beck etwas besser
kennengelernt. Und durch diese Menschen hinter dem Buch habe ich Lust
auf ihre Bücher bekommen. Genau deswegen wollte ich diese Aktion
machen, weil ich glaube, dass es vielen genauso geht. Zeigt euch auf
euren Seiten, seid Mensch und nicht nur ein Name. Das ist mein Rat.


OAK: In diesem Interview hast du sehr oft von euren Stammkunden
gesprochen und darüber, wie ihr auf ihre Wünsche eingeht. Kein Wunder,
dass die Nachricht, dass der Vertrag für dich und dein Team von
"Schmitt & Hahn" nicht verlängert wurde, wie eine Bombe eingeschlagen
ist.  Welche Gründe wurden euch genannt, als ihr davon erfahren habt?

MP: Eigentlich hatten wir an diesem Tag einen Termin vereinbart, weil
wir ein paar Dinge und Probleme besprechen wollten. Bei unserem Termin
teilte man uns mit, dass man den Vertrag mit uns kündigen wird, weil
die Firma Schmitt & Hahn diesen Laden nun in eigener Regie betreiben
möchte. Es wurde betont, dass es nichts mit uns zu tun hat. Was nun im
Nachhinein behauptet wird, können wir weder nachvollziehen noch
verstehen.



OAK: Von "vielen Kundenbeschwerden" ist dabei die Rede. Auf Facebook
meldet sich daraufhin eine Kundin: "Klar ist es am Bahnhof manchmal
nicht leicht. Aber ich habe schon erlebt, wie ihr berechtigterweise
Leute freundlich, aber bestimmt hinausbitten musstet." Könntest du ein
bisschen von diesen Vorfällen erzählen?

MP: Hier, in der Bahnhofsumgebung, stoßen zwei Welten aufeinander. Das
Bankenviertel in der Nähe und die ganzen kaputten Existenzen, die
direkt vor und im Bahnhof unterwegs sind. Drogen, Alkohol,
organisierte Bettlergruppen, Trickbetrüger - und das alles prallt auf
mich ein, eine Frau aus einer Kleinstadt in Thüringen. Natürlich
stumpft man mit der Zeit ab, man wird härter und lässt nicht mehr
alles an sich heran. Doch dann geht wieder die Tür auf, und ein Junkie
kommt in den Laden, gerade voll auf seiner Droge, und du weißt nicht,
was du machen sollst. Kippt er uns gleich ins Regal, oder fällt er auf
den Boden? Wir können in dem Moment nichts anderes machen, als ihn
hinauszuschicken. Zum Schutz unserer Kunden, aber auch zu unserem
eigenen Schutz.

In diesem Moment kommt dieser Mensch nicht zu uns und möchte etwas
kaufen, in den meisten Fällen wollen sie Bücher mitnehmen, aber nicht
bezahlen. Schnelles Geld machen. Für die nächsten Drogen.


OAK: Habt ihr schon irgendwelche Pläne, wie es mit euch als Team
weitergehen könnte?

MP: Leider haben wir noch keine Pläne, wie es weitergehen soll. Der
Schock hat uns eine Weile gelähmt. Wir machen doch seit Jahren nichts
anderes, als für unseren Laden und unsere Kunden da zu sein. Das kann
man nicht mal eben abtun und ersetzen. Doch wir werden nun wieder
aufstehen, weitermachen und sehen, wohin uns der neue Weg führt. Wir
hoffen, wir können als Team woanders weitermachen. Und viele unserer
Kunden haben gesagt, sie würden uns folgen.


OAK: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Olga A. Krouk (http://www.olgakrouk.de oder
www.facebook.com/OlgaAKrouk, dort findet ihr auch mehr zu den
aktuellen Entwicklungen)


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VERLAGSPORTRAIT:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


Verlag Monika Fuchs
Langer Hagen 25
31134 Hildesheim
Telefon: (0 51 21) 96 21 17
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
http://www.verlag-monikafuchs.de


         Verlagsgründung

Monika Fuchs, die Gründerin des Verlags, arbeitet (noch) allein.
Illustratoren, Lektoren etc. werden je nach Bedarf als freie
Mitarbeiter beauftragt. Gemeinsam mit ihrem MedienBüro betreibt sie
ihren Kleinverlag hauptberuflich.

Den Impuls, einen Verlag zu gründen, gaben Aufträge, die sie für ihr
Medienbüro bekam. Da waren manchmal Projekte dabei, die einen größeren
Leserkreis verdient hätten, z. B. Schriften zu bestimmten Fachthemen.
Von daher sah das ursprüngliche Verlagskonzept vor, "Kleinigkeiten" in
Broschürenform zu publizieren, wenn sich das eine oder andere Projekt
ergibt. Aber schon die dritte ISBN-Nummer gehört einem Buch 


Das offizielle Gründungsdatum des Verlags ist der 9. November 2006.
Kurz darauf erschien die erste Publikation über einen Meditationsweg
in Hildesheim. Die zweite Broschüre ergab sich 2007 aus dem Auftrag
eines Kindergartens, das erste Buch erschien 2008. Von da an wurde es
professionell mit dem Verlag, und die nächsten Bücher folgten in
kürzeren Abständen. Nach und nach kamen mit IBU und später den
Barsortimenten auch die buchhandelsüblichen Vertriebswege dazu. Seit
Februar 2013 lässt die Verlegerin über den MedienService Runge
ausliefern, um die Schnittstelle zum Buchhandel besser bedienen zu
können und den Verlagsalltag zu entlasten. Inzwischen sind über 30
Titel im VLB gelistet, Ende des Jahres werden es fast 40 sein.


         Programm und Philosophie

Insgesamt bietet der Verlag "Leseglück für Groß und Klein" an. Sprich:
Er soll ein Verlag für die ganze Familie sein. Schwerpunkt ist aber
der Bereich Kinder- und Jugendbuch.

Besonders zu erwähnen sind hier die Reihen "Edition Kleiner Fuchs" als
Publikationsplattform für jugendliche Autoren und "linguAmica" für
Bilinguales. Als Themen interessieren die Verlegerin vor allem
originelle Stoffe, die ohne erhobenen Zeigefinger Werte vermitteln und
zum Nachdenken und zum Gespräch anregen. Gute Chancen haben auch
Manuskripte, die eine klare Zielgruppe erkennen lassen.

Aber trotz dieses Schwerpunktes sollen auch Vater, Mutter, Onkel,
Tante, Oma und Opa ihr Leseglück im Verlag Monika Fuchs finden können.
Das Genre liegt bei den Erwachsenen nicht hindertprozentig fest, soll
aber in erster Linie unterhalten. Die Manuskripte dafür werden danach
ausgewählt, ob sie überzeugen und ob die Verlegerin eine
Vermarktungschance sieht.


         Welche Autoren wurden bisher verlegt?

Die "Wall of Fame" zählt zurzeit 96 Einträge. 57 davon sind
"Neuzugänge" aufgrund der ersten Anthologie, "Autorenträume", die im
Juni dieses Jahres erschienen ist.

Zu den "Hausautoren und -illustratoren" gehören z. B. Gunnar Kunz,
Frauke Baldrich-Brümmer, Tina Birgitta Lauffer, Yvonne Kopf, Rainer
Osinger Christa Lippich, Katharina Arendt, Nina Lükenga, Inge Becher,
Heike Georgi und Doris Gassner. Durch die Anthologie kamen u. a.
Frederike Frei, Kai Riedemann, Matthias Kröner, Michèle Minelli, Adi
Hübel dazu. Nicht zu vergessen Tanja Kinkel, die das Geleitwort zum
Buch schrieb, weil wir mit einem Teil des Erlöses ihr Hilfswerk "Brot
und Bücher e. V." unterstützen.

Im Herbst können wir die Liste um die Namen Petra Gabriel, Petra
Hartmann, Harriet Grundmann, Stefanie Jeschke, Olena Fradina, Hans
Gärtner und Theresia Bongarth erweitern. Die komplette "Wall of Fame"
findet man hier: http://www.verlag-monikafuchs.de/?page_id70


         AutorInnen gesucht

Im Moment werden keine neuen Manuskripte angenommen, weil das Programm
schon bis Ende 2014 steht und der SUM, der Stapel ungelesener
Manuskripte, noch nicht abgetragen ist. AutorInnen hätten einfach eine
zu lange Wartezeit, bis die Verlegerin sich rühren kann und bis ihr
Projekt eventuell verwirklicht werden könnte.


         Konditionen

Der Verlag arbeitet nach dem klassischen Verlagsprinzip: Er trägt alle
Kosten, die vor und nach der Publikation eines Buches anfallen, und
Honorar wird auch gezahlt. Nicht nur an den Autor, sondern auch an
Illustratoren, Lektoren und was sonst noch hin und wieder an
Dienstleistungen eingekauft wird.

Grundlage für Autorenverträge ist der Normvertrag, Konditionen
(Honorare, Rechteübertragung etc.) werden von Projekt zu Projekt
individuell verhandelt. Belegexemplare und Autorenrabatt (für eigene
und alle anderen Verlagsbücher) gibt es auch.


         Was ist besonders wichtig?

Professionalität und Qualität. Für die Manuskripteinreichung bedeutet
das: Wurden die Vorgaben des Verlags erfüllt? Wie sorgfältig ist die
Einsendung zusammengestellt? Überzeugt das Exposé auch in Sachen
Rechtschreibung und Grammatik? Überzeugt die Geschichte? Beherrscht
der Autor sein Handwerk? Denn - das sollte schon klar sein: Schreiben
ist in erster Linie Handwerk, Inspiration sollte natürlich dazukommen,
aber Genie ist dann doch eher selten.

In Bezug auf die Vermarktung schöpft Monika Fuchs alle Möglichkeiten,
die sie hat (Werbemittel, Pressearbeit etc.), aus, um Buch und Autor
zu fördern. Aber sie wünscht sich - wie wohl die meisten Kleinverlage
- ein aktives Mittun des Autors, weil fast sieben Jahre
Verlagserfahrung gezeigt haben, dass man wenig ausrichten kann, wenn
der Autor die Füße auf den Tisch legt und hofft, dass der Rubel auch
ohne ihn rollt. Irgendwo rollt der sicher 



         Zukunftspläne, Perspektiven

Nahziel: eine Mitarbeiterin, die die Verlegerin vor allem bei Werbung
und Vertrieb unterstützt und mit der sie noch viele neue Ideen in
allen Bereichen der Verlagsarbeit entwickeln kann. Sie würde nämlich
gern wachsen!


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UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:
---------------------------------------------------------------------
Bitte schickt den ExpertInnen nur Fragen zu ihrem Expertenthema -
keine Manuskripte zur Beurteilung.

Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst
kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird.


Drehbuch: Oliver Pautsch
                            drehbuch at experte pt autorenforum pt de
Fandom: Thomas Kohlschmidt
                              fandom at experte pt autorenforum pt de
Fantasy: Stefanie Bense
                             fantasy at experte pt autorenforum pt de
Heftroman: Arndt Ellmer
                           heftroman at experte pt autorenforum pt de
Historischer Roman: Titus Müller
                  historischer.roman at experte pt autorenforum pt de
Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik
                          kinderbuch at experte pt autorenforum pt de
Kriminalistik: Kajo Lang
                       kriminalistik at experte pt autorenforum pt de
Lesungen: Rüdiger Heins
                            lesungen at experte pt autorenforum pt de
Lyrik: Martina Weber
                               lyrik at experte pt autorenforum pt de
Recherche: Barbara Ellermeier
                           recherche at experte pt autorenforum pt de
Plotten: Kathrin Lange
                             plotten at experte pt autorenforum pt de
Sachbuch: Gabi Neumayer
                            sachbuch at experte pt autorenforum pt de
Schreibaus- und -fortbildung: Uli Rothfuss
                         fortbildung at experte pt autorenforum pt de
Schreibgruppen: Ute Hacker
                      schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de
Schreibhandwerk: Ute Hacker
                     schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de
Sciencefiction: Andreas Eschbach
                            sf-autor at experte pt autorenforum pt de
Übersetzung: Barbara Slawig
                       uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de
Verlagswesen: Bjørn Jagnow
                        verlagswesen at experte pt autorenforum pt de

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.................
Experten-Special:
.................

Bjørn Jagnow hat seine Fragen und Antworten zu den Themen
Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten Jahre gesammelt
- thematisch sortiert und aktualisiert:

"Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung für Autoren 2012", E-Book,
2,99 Euro, http://www.amazon.de/gp/product/B007VD3OL6/


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FRAG DIE EXPERTIN FÜR LYRIK:
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           Martina Weber (lyrik at experte pt autorenforum pt de)


Frage:
1. Welchen Einfluss hat die Veröffentlichung von Gedichten im Internet
(gegebenenfalls mit freiwilligen Zahlmöglichkeiten) auf eine mögliche
Printveröffentlichung?
2. Wie würde die - sicher gegenüber der Printpublikation einfachere -
Publikation als E-Book laufen?


Antwort:
Zu 1:
Grundsätzlich hat die Veröffentlichung von Gedichten im Internet gar
keinen Einfluss auf eine mögliche Printveröffentlichung. Denn ein
gutes Gedicht will der Lesende letztlich doch gern in gedruckter Form
besitzen. Deshalb wird ein Verlag die Publikation eines bereits im
Internet veröffentlichten Gedichtes nicht aus dem Grund, weil es
bereits im Internet veröffentlicht wurde, ablehnen.

Allerdings gibt es Lyrikwettbewerbe, die die Einsendung
unveröffentlichter Gedichte verlangen. Bei solchen Wettbewerben dürfen
ins Internet gestellte Gedichte nicht eingereicht werden. Es gibt auch
Zeitschriften, die nur bisher unveröffentlichte Gedichte drucken.

Unabhängig davon rate ich eher zur Zurückhaltung mit der
Veröffentlichung im Internet. Es gibt renommierte Seiten wie
Fixpoetry.com oder poetenladen.de, auf denen nur Gedichte
veröffentlicht werden, die die Herausgeber überzeugt haben. Die
Veröffentlichung auf einer dieser Seiten ist daher bereits ein
Qualitätskriterium. Für eine Veröffentlichung von Gedichten im
Internet sollte man jedoch auf keinen Fall Zahlungen leisten müssen,
auch keine freiwilligen. Das schadet dem Ruf und könnte sich
tatsächlich auf eine mögliche Printveröffentlichung ungünstig
auswirken.

Zu 2:
Mir ist kein Gedichtband bekannt, der ausschließlich als E-Book
veröffentlicht wurde. Vielleicht wäre statt eines E-Books auch ein
Book on Demand interessanter.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Martina Weber erhielt u. a. das im Jahr 2009 erstmals ausgeschriebene
Frankfurter Autorenstipendium. Im Januar 2013 erschien ihr Lyrikdebüt
mit dem Titel "Erinnerungen an einen Rohstoff" im Poetenladen Verlag,
Leipzig. Außerdem erschienen: "Zwischen Handwerk und Inspiration.
Lyrik schreiben und veröffentlichen" Uschtrin Verlag München, 3.
Auflage 2011. Inhalt: http://www.uschtrin.de/weber.html

*********************************************************************
FRAG DIE EXPERTIN FÜR FANTASY:
---------------------------------------------------------------------
         Stefanie Bense (fantasy at experte pt autorenforum pt de


Frage:
Ich habe in meiner Freizeit einen Roman geschrieben und möchte mir
Meinungen dazu einholen. Allerdings würde ich es bevorzugen, zunächst
Bekannte danach zu befragen und logische Brüche etc. weitestgehend
auszuhebeln, bevor ich einen Lektor bemühe.

Nun sollte man zwar meinen, dass man seinen Freunden vertrauen kann,
aber man kann schließlich nie sicher genug sein. Wie kann ich
ausschließen, dass diejenigen, die mein Buch lesen, es als ihr eigenes
deklarieren und veröffentlichen? Welche Sicherheiten gibt es für mich
als Autor, wenn das Buch noch nicht veröffentlicht wurde? Ich möchte
es außerdem jemandem geben, den ich nicht so gut kenne, der also eine
etwas distanziertere Meinung hat und bei dem das Risiko noch größer
ist, da ich ihm das Script per E-Mail zusenden müsste.


Antwort:
Sie können niemals sicher sein, dass kein anderer Ihre Ideen
verwendet. Nicht einmal, wenn Sie Ihr Buch die nächsten Jahre in einem
Tresor verwahren und niemandem zeigen. Dieselbe Idee, die Sie hatten,
könnte auch ich entwickeln oder ein anderer Autor. Manche Ideen liegen
einfach "in der Luft". Ideen sind außerdem nicht urheberrechtlich
geschützt.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass andere Autoren denselben (!)
Roman schreiben (können) wie Sie?

Selbst wenn wir von derselben Idee, denselben Figuren und demselben
Handlungsaufbau mit demselben Ende ausgehen würden, kämen dennoch zwei
völlig unterschiedliche Storys dabei heraus. Sie würden vielleicht
mehr Wert auf Action legen, ich auf Figurencharakterisierung, Sie
eventuell auf Weltenbau, ich auf Spannungsaufbau. Von Umfang,
Wortwahl, Arten der Beschreibung, Dialogfassungen, Kapitelaufteilung
und Stil ganz zu schweigen.

Ich hoffe für Sie, dass Sie sehr wohl Freunde und Bekannte haben,
denen Sie vertrauen. Aber das ist nicht unbedingt das beste Kritiker-
Publikum. Suchen Sie sich lieber eine schreibhandwerklich orientierte
Gruppe oder einen Lektor, die / der professionell an den Text geht.
Diese Kritik ist zwar schmerzhaft und meist recht umfassend, bringt
aber mehr, weil Leute, die selbst schreiben, besser den Finger auf die
Schwachstellen legen und sie benennen können. Und in einer Gruppe, in
der Texte auf Gegenseitigkeit gelesen und kritisiert werden, sollte
Vertrauen selbstverständlich sein.

Abgesehen davon, sollten Sie den Roman nur in Textauszügen vorstellen.
Am besten mit konkreten Fragen: "Wie wirkt der Dialog auf euch? Warum
"hakt" es hier? Die Figur erscheint mir so flach - habt ihr Ideen, wie
ich das besser hinkriegen kann?" - Da werden Ideen schnell zu
freigiebiger Tauschware, denn ohne die Ideen und Kritiken der anderen
entwickelt man sich selbst im Schreiben nur langsam weiter.

Ganz offen: Ich gebe seit zwanzig Jahren Seminare, habe mehrere
Gruppen geleitet und bin selbst Mitglied in realen und virtuellen
Schreibgruppen gewesen oder bin es noch und habe es in all den Jahren
nicht ein einziges Mal erlebt, dass jemand einem anderen etwas
"gestohlen" hätte.

Sehr wohl gab es Anfragen: "He, das ist eine gute Idee, den Frosch
statt in einen Prinzen in einen Stallburschen zu verwandeln - darf ich
das auch benutzen?" Ich habe jedes Mal "ja" dazu gesagt - und nicht
ein einziges Mal erlebt, dass die Geschichte der anderen Autorin
meiner auch nur ähnelte.

Ich weiß, dass unter jungen Autoren/innen die Furcht sehr verbreitet
ist, dass der Ideenklau umgeht. Doch diese Angst ist unbegründet. Zum
einen stehen Ideen nicht unter Urheberrecht, sondern nur die daraus
entstehenden Werke, zum anderen gibt es so viele Ideen - warum sollte
man da eine bereits "benutzte" verwenden?

Bitte lesen Sie dazu meinen Artikel "Schreckgespenst Ideenklau" aus
dem Tempest-Archiv 10-11 November 2008 und die Experten-Antwort auf
eine Leserfrage 13-1 Januar 2011.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Stefanie Bense lebt und arbeitet in Hannover, gibt Schreibkurse,
veröffentlicht sporadisch und schreibt an ihrem vierten Roman.


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