Kann eine Fantasy-Welt auch Überschneidungen aus verschiedenen Jahrhunderten in sich vereinen, ohne "unglaubwürdig" zu werden?

Ich schreibe gerade an einem Fantasy-Roman (Low-Fantasy), der zwar in einer eigenen Welt mit verschiedenen Kulturen (alle weitgehend menschlich) spielt, sich aber was Technik, Waffen, Kleidung etc. an das europäische und orientalische Mittelalter anlehnt.

Zuerst wollte ich keinen Zeit-Bezug zu der "realen Welt" herstellen, doch dann fingen meine Probleme an ... Ich habe mich an einen Experten für mittelalterliche Kampftechniken, Waffen und Ausrüstung gewendet, um meine Kampfszenen authentisch darstellen zu können und wurde dabei darauf hingewiesen, dass diese Dinge sich alle gegenseitig beeinflusst haben bzw. bedingen. (Schutzkleidung eines Soldaten z. B. stimmt in ihren Materialien und Stärke damit überein, welche Waffen und Techniken zu der Zeit gebräuchlich waren [...].

Also habe ich mich auf 1200 n. Chr. festgelegt, um hier einen detaillierten, authentischen Vergleich für meinen Roman zu haben. Nur stehe ich jetzt vor dem Problem, dass es zu der Zeit noch keine solche Kutschen, Kleider, oder Schiffstypen gab, wie ich mir diese für meine Geschichte vorgestellt habe ...

Und darum hier auch meine Frage: [...] Müssen alle Details in sich stimmig sein, oder kann eine Fantasy-Welt auch Überschneidungen aus verschiedenen Jahrhunderten in sich vereinen, ohne "unglaubwürdig" zu werden? (Z. B. Kriegsführung angelehnt an 1200 n. Chr., Kutsche und Schiffsbau annähernd wie um 1600 n. Chr. und Kleidung ähnlich wie 1800 n. Chr) Oder bin ich da zu detailversessen? Oder ist das einfach Geschmacksache?

Ich finde es gut, wenn du recherchierst, um deine Fantasy-Welt so detailliert und „authentisch“ wie möglich zu machen. Aber frage dich bitte: Was ist für deine Story wichtig? Was könntest du auf keinen Fall streichen? Was würde die Story zerstören, falls es fehlte?

Wenn z. B. Kampfhandlungen, Schlachten und Soldatenleben wesentliche Elemente deiner Story sind, dann musst du darin auch möglichst „farbig“ bzw. detailliert sein, damit der Leser / die Leserin das Gefühl bekommt, in diese Szenen einzutauchen. Fast, als wäre er / sie wirklich dabei. Falls aber die Soldateska nur am Rande vorkommt, benötigst du auch kaum Details. Daher gilt - wie bei so vielem: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Bei Low Fantasy, Sword & Sorcery, also den Storys um (einsame) Helden, die die Welt retten müssen und sich natürlichen und / oder magischen Gegnern stellen, wird Kampf sicherlich eine große Rolle spielen. Es sei denn, dein Held ist ein Trickster, einer, der die Probleme eher mit dem Kopf als mit dem Schwert löst. Also wird dein Held / deine Heldin sich viel mit Waffen etc. beschäftigen. Das schließt Kleidung, Bewegungen, Gerüche, Schmecken, Gefühle etc. ein. Wie fühlt sich z. B. eine fremde Waffe in der Hand an im Gegensatz zur eigenen? Gibt es magische Waffen? Kann er / sie Waffen herstellen oder ist er / sie auf Lieferungen angewiesen? Aber es schließt auch Grundsätze ein: Gibt es einen Ehrenkodex im Kampf, oder kämpft man ggf. auch unfair? Was passiert mit den Gefallenen? Welchen Stellenwert haben Söldner, Berufssoldaten, Einzelkämpfer, technische Ausstattung?

Die Details müssen natürlich im Rahmen der Story-Logik (!) in sich stimmig sein. Nur, weil um 1200 n. Chr. die für die Story benötigte Kutschen-Version noch nicht existierte, musst du sie nicht weglassen. Du schreibst doch Fantasy und keinen historischen Roman. In letzterem muss natürlich weitestgehend die historische Genauigkeit gepflegt werden; dort gefederte Barockkutschen fahren zu lassen, wäre ein grober Anachronismus. Aber Fantasy bietet ja gerade die Freiheit, nicht historisch korrekt sein zu müssen. Denk nur an Steampunk, in dem moderne Technik mit dem viktorianischen Zeitalter verknüpft wird.

Details stark an historische Gegebenheiten verschiedener Zeitalter anzugleichen und dann zu mischen birgt zwei große Gefahren. Zum einen verleitet es dazu, sich möglichst genau an die Details zu halten, also ist man weniger frei mit seiner Phantasie unterwegs. Zum anderen können Details sich „beißen“, sich gegenseitig ausschließen. Jemand, der ein Motorrad zur Verfügung hat, wird keinen Meldereiter mehr entsenden, es sei denn, das Gelände erfordert es.

Ich weiß, das ist ein grobes Beispiel, aber ich kenne mich zu wenig in den von dir genannten Zeitschienen aus, um ein treffenderes Beispiel zu finden. Heißt: Du musst dich sehr gut in allen drei Zeitebenen auskennen, um solche Logikfehler zu vermeiden. Mag sein, dass der Leser nicht gleich den Finger darauf legen kann, aber solche Fehler holen ihn meist aus der Geschichte. Und bedenke auch Konsequenzen: Wenn im Schiffsbau im 19. Jahrhundert sich das Trockendock durchsetzte (vorher baute man am Strand), dann hat das Auswirkungen auf Hafengestaltung, Strandgestaltung, Materialflüsse etc. Wenn ein Propeller als Antrieb dient (ab 1850), wenn vernieteter Stahl das Eisen ersetzt (ab 1890), wenn Tanker gebaut werden können – dann hat das Einfluss nicht nur auf den Umgang mit Schiffen und Schiffsbau, sondern auch im Alltag, z. B. bei Waffen.

Daher frage dich unbedingt zunächst: Welche von deinen Details benötigst du unbedingt für die Story? Was könnte wegfallen, ohne die Story zu behindern? Was ist storybedingt? Darauf solltest du dein Augenmerk richten. Alles andere kannst du für die Story passend erfinden.

beantwortet von: Stefanie Bense (17-07)

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