Ausgabe 14-02 (20. Februar 2012)

Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lesetipps
Autorenwissen
   "Was mache ich, wenn ...?
   Fragen und Antworten zu Schreibproblemen,
   Teil 4: Schreibmotivation fördern und erhalten"
   von Stefanie Bense
Schreibkurs
   "Ein Drehbuch schreiben, Teil 2"
   von Marie Amsler
   "Spannung, Teil 2"
   von Anna Kaleri
Spannung, der Unterleib der Literatur
   "Verfolgungsjagd"
   Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Interview mit Stefan Wendel
Frag den Experten für Verlagswesen
   (Bjørn Jagnow)
Frag den Experten für Kinder- und Jugendbuch
   (Michael Borlik)

EDITORIAL:
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Liebe Autorinnen und Autoren,

Rosenmontag - und dazu noch ein bis zum Platzen gefüllter Tempest, mit
Fortsetzungen der Schreibkurse von Stefanie Bense, Anna Kaleri und
Marie Amsler (mit Überschneidungen, was durchaus gewollt ist), mit
einem neuen Spannungslektorat von Hans Peter Roentgen, einem Interview
mit Stefan Wendel und neuen Expertenantworten. Da fasse ich mich
lieber mal ganz kurz und weise euch nur noch auf das nächste
Autorentreffen hin, das am 17. Mai stattfindet (s. zweiter Teil des
Tempest) und wie immer von Ursula Schmid-Spreer veranstaltet wird.
Unter anderem gibt es dort ein Seminar von Titus Müller, unserem
Experten für den historischen Roman.

Einen Aufruf möchte ich aber auch noch starten. Wir haben so viele
AbonnentInnen, da würde uns interessieren: Wo in aller Welt (wörtlich
gemeint) sitzt ihr eigentlich und lest den Tempest? Schreibt uns!

Der Tipp des Monats Februar, diesmal von Norbert Schimmelpfennig:

    Für Charaktere habe ich mir eine kompakte
    Excel-Tabelle angelegt:
    - Für jede/n Geschichte  / Roman je ein Tabellenblatt
    - Charaktere in oberste Zeile
    - darunter beliebige Eigenschaften
    Um Charaktere bei bestimmten Eigenschaften  zu vergleichen
    (etwa Charakter A - dünn; Charakter B - dick),
    benutze ich die gleiche "Füllfarbe".

Und hier noch mal ein wichtiger Hinweis in eigener Sache
Ab sofort haben wir ein neues Konto für eure freiwilligen Beiträge (s.
u.). Es läuft NICHT auf den Namen "autorenforum.de", sondern auf
"Jürgen Schloßmacher", der unser Team als neuer Mitherausgeber
verstärkt.

Allaf, helau, hejo und so weiter!

  Gabi Neumayer
  Chefredakteurin

~~~~~~~~~~~
Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen
freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt,
aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das
Konto:

Jürgen Schloßmacher
Kreissparkasse Köln
BLZ 370 502 99
Kto. 11 42 17 61 63
Stichwort: "Beitrag 2012"

Wichtig: Das Konto läuft NICHT mehr auf den Namen "autorenforum",
sondern nur auf "Jürgen Schloßmacher"!

Für AuslandsabonnentInnen: Am 1. Juli 2003 wurden die
Auslandsüberweisungsgebühren gesenkt. Aber natürlich könnt ihr uns
euren Beitrag auch weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des
Tempest).

Wer aus Österreich überweist, braucht außerdem diese Nummern (bitte
genau so zusammenschreiben!)
IBAN: DE16 5509 0500 0100 7245 15
BIC: GENODEF1S01

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ISSN 1439-4669  Copyright 2012 autorenforum.de. Copyright- und
               Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe
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 INHALT DIESER AUSGABE:


TEIL 1:

    Editorial
    Hall of Fame
    Schreib-Kick
    Lesetipps
    Autorenwissen
       "Was mache ich, wenn ...?
       Fragen und Antworten zu Schreibproblemen,
       Teil 4: Schreibmotivation fördern und erhalten"
       von Stefanie Bense
    Schreibkurs
       "Ein Drehbuch schreiben, Teil 2"
       von Marie Amsler
       "Spannung, Teil 2"
       von Anna Kaleri
    Spannung, der Unterleib der Literatur
       "Verfolgungsjagd"
       Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
    Interview mit Stefan Wendel
    Frag den Experten für Verlagswesen
       (Bjørn Jagnow)
    Frag den Experten für Kinder- und Jugendbuch
       (Michael Borlik)
    Impressum


TEIL 2:

    Veranstaltungen
    Ausschreibungen
    Publikationsmöglichkeiten
         mit Honorar
         ohne Honorar
    Seminare
    Messekalender
    Impressum


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HALL OF FAME:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)

Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen
können.

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!)
nach diesem Schema:

.......
AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich
könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-
Adresse.
.......
Ein Beispiel (!):

Johanna Ernst: "Der Fall der falschen Meldung", Hüstel Verlag 2009,
Mystery-Thriller. 60 Zeichen - und kein einziges mehr! Inklusive
Homepage!
.......

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im
Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.

ACHTUNG!
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr
bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in
einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt
hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen
muss, Lektorat bezahlt o. Ä.

Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an
redaktion at team pt autorenforum pt de.

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen
Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten.
Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall
ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt!
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Veronika A. Grager: "Nanobots - Gefährliche Teilchen", p.machinery
2011, Wissenschaftsthriller. ISBN 978-3-942533-22-5,
http://www.grager.at

Stephanie Fey: "Die Gesichtslosen", Heyne Verlag 2011,  Rechtsmedizin-
Thriller. http://www.stephanie-fey.de

Stephanie Madea: "Night Sky 02 - Schwur des Blutes", Sieben Verlag
2012, Paranormal Romance. Spannende Vampirliebesgeschichte.
www.stephanie-madea.com


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SCHREIB-KICK:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


Unser Schreib-Kick für den Februar, diesmal von Jennifer Schreiner:

Familienrituale

Jeder kennt aus seiner Familie Abläufe, die sich immer wiederholen
(Fernsehabend, Fußball gucken, Weihnachten). Schreibe eine "Satire",
in der durch anschauliche Übertreibung deutlich wird, wie du ein
Ritual erlebst und beurteilst.


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LESETIPPS:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


http://bookshelfporn.com
Für alle Buchliebhaber unter euch: eine Fotosammlung der schönsten
Buchregale rund um die Welt. Schaut rein und lasst euch verzaubern!


http://handbuch-medien.de/wordpress
Um Medienarbeit in Betrieben, Gewerkschaften und nicht kommerziellen
Institutionen geht es in dem Handbuch mit dazugehöriger Website.


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AUTORENWISSEN:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


                      "Was mache ich, wenn ...?
              Fragen und Antworten zu Schreibproblemen
          Teil 4: Schreibmotivation fördern und erhalten"
                         von Stefanie Bense


Eigentlich macht das Schreiben ja Spaß. Eigentlich stürzt man sich am
liebsten in die Geschichte und will gar nichts anderes mehr anfangen.
Eigentlich 
Aber was kann man tun, wenn das Eigentliche nicht mehr so
selbstverständlich ist? Wenn es "sich zieht" oder wenn "die Luft raus
ist"?


         Woher weiß ich, was für die Story am besten ist?

Du benötigst klare Entscheidungen. Manchmal hat man einfach zu viele
Ideen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Soll der Held sich in
eine Dämonin verlieben oder besser in die Geliebte des Antagonisten
(hm, hier schließt das eine das andere nicht mal aus)? Soll er reiten
oder fliegen? Wie unterscheidet sich seine von der "bösen" Magie? All
das musst du entscheiden und die Konsequenzen bedenken. Dafür muss man
eventuell eine Pause beim Schreiben einlegen.

Und das alles nicht nur für Figuren und Plot, sondern auch für
Zeitschienen, Orte, Schauplätze und Details, die das Ganze lebendig
machen. Manchmal ähnelt das dem Simultanschach, bei dem ein Spieler
etliche Partien parallel bestreitet.

Es gibt auch hier kein Patentrezept! Ich plane viel, daher weiß ich
meist, was zu meiner Story passt und was nicht. Aber manchmal
entwickelt sich die Story auch anders. Dann folge ich meinem
Bauchgefühl oder meiner Erfahrung, auch wenn ich hinterher vieles
ändern muss.

Bauchgefühl oder Erfahrung entwickeln sich im Laufe der Zeit mit viel
Schreibroutine und viel Handwerk. Es ist ein Gespür für das, was
wirkt. Hast du dieses Gefühl nicht, dann probiere beide Wege
(zumindest ansatzweise) aus, gewinne Abstand (Text liegenlassen), und
entscheide dich für die Variante, die dir im Nachhinein mehr liegt.


         Und wenn das alles langweilig ist?

Ob eine Geschichte an bestimmten Stellen oder im Ganzen langweilig
oder langwierig ist, kann man als Autor/in schlecht feststellen, wenn
man mitten im Schreiben ist. Man sieht den Wald vor Bäumen nicht. Da
gilt der alte Grundsatz: Erst schreiben, dann Abstand gewinnen (lange
Pause, damit einem der Text wieder "fremd" wird), dann laut lesen. Am
besten das Gelesene aufnehmen und nach einiger Zeit nochmals anhören.
Oft klingt es dann gar nicht so langweilig.

Du kannst es auch ausgewählten Testlesern geben, die alles anmarkern,
was ihnen langweilig vorkommt. Oder besser: Wo ist's besonders
spannend, wo ist's ziemlich langweilig? (Motiviert mehr, wenn du
siehst, dass es auch spannende Storyteile gibt!) Am besten noch eine
Farbe für Unklarheiten: Wo steigt der Leser nicht durch, was ist
missverständlich? (zum Thema Testleser s. u.)

Wenn es wirklich langweilig ist, frag dich, warum:

- Stehen die Figuren nur herum und reden? Dann sollten sie besser
handeln. Außerdem sollte im Dialog etwas auf dem Spiel stehen, z. B.
muss der Held eine wichtige Information bekommen oder er will etwas
verbergen.

- Wird zu viel erklärt und beschrieben? Hast du seitenweise
Informationen (Infodump)? Zählst du auf oder nennst zu viele Namen?
Behauptest du, wie die Magieregeln funktionieren, anstatt zu zeigen,
was passiert? Dann erkläre nur, was gerade zum Verständnis wichtig
ist, und setz es in eine Szene. Denk dir, es stehen Schauspieler auf
einer Bühne, die umsetzen müssen, was du erklären willst. Wie bewegen
sie sich? Welche Körperreaktionen gibt es? Wie reagieren andere
Figuren darauf? Show, don?t tell! Zeigen, nicht nennen!

- Ergehen sich Figuren in langen inneren Monologen? Gedanken und
Gefühle sind meist statisch, es bewegt sich nichts voran in der
Handlung. Du brauchst sie, um die Motivation und Entscheidungsfindung
der Figur zu zeigen, aber sie müssen sich der Handlung unterordnen.
Kürze oder verknüpfe innere Monologe mit äußerer Handlung (wie bei
Dialogen).

- Gibt es eine lange oder viele Rückblenden? Rückblenden erzählen aus
der Vergangenheit, das heißt, sie reißen den Leser aus dem Geschehen
der Story. Besonders Erinnerungen an frühere Ereignisse oder
Dialogteile, die jemanden über entferntes Geschehen informieren, sind
Stolpersteine. Nutze nur Rückblenden, wenn sie für die Story wichtig
sind! Halte die Rückblende handlungsorientiert, also setze sie in
Szene, und möglichst kurz.

- Wird eine Reise in die Länge gezogen? Beschreibst du jeden Reisetag,
ohne dass etwas Wesentliches passiert? Warum ist eine Figur an diesem
oder jenem Ort? Ist es relevant, wie sie dort hinkommt? Falls ja,
musst du die Reise erwähnen, falls nein, kannst du sie auslassen oder
raffen.

Langeweile kann beim Leser auch entstehen, wenn er nicht erkennt,
warum die Figuren etwas tun (reisen, kämpfen, studieren). Ach, schon
wieder ein Artefakt, das beschafft werden muss - wozu eigentlich? Dann
stell die Wichtigkeit für die Figuren stärker heraus, erhöhe den
Einsatz (rising the stakes), lass mehr auf dem Spiel stehen, und
steigere die Konflikte der Beteiligten.


         Was leisten Testleser? Was eine Schreibgruppe?

Testleser sind so etwas wie "Gutachter" für ein Projekt, sie lesen und
kommentieren, aber sie üben nicht mit dir. Eine Schreibgruppe kann
interaktiv und produktiv sein. Da sind auch gemeinsame Übungen
möglich. Achtet darauf, dass ihr euch gegenseitig motiviert, nicht
demotiviert!

Die Testleser sollte man möglichst nicht aus Verwandtschaft oder
Freundeskreis wählen. Erstens sind sie oft wenig geübt in Kritik,
zweitens mögen sie dich einfach und wollen dir nicht weh tun. Du
findest Testleser im Schreibkurs oder in Schreibgruppen (z. B. im
Internet), in Foren oder inserierst in Autorenzeitschriften oder im
Echo-Service des Tempest. Leute, die ebenfalls schreiben und dir nicht
so nahe stehen, können meist besser beurteilen, wie die Story läuft
und wo man sie wie verbessern könnte.

Vereinbart gegenseitige Textbegutachtungen und vor allem klare Regeln:
Alle Kritikpunkte sind Vorschläge, man muss nichts ändern, aber man
kann; Kritik geht an den Text, nicht an die Person, hütet euch vor
persönlichen Zuweisungen (vermeidet: "du musst", "du darfst nicht");
trotzdem muss Kritik konkret sein (die Story ist unspannend - hilft
nicht, besser: Die Story ist in der Mitte zu langatmig, da der
Heldmagier die Hexe aufsucht und sie nur reden); Kritik am besten
schriftlich mit Nachfragemöglichkeit, aber keine ausufernde
Diskussionen mit Rechtfertigung ("aber ich wollte doch ..."; "aber das
muss so sein"; besser fragen: "Wie kriege ich das hin? Wie macht ihr
das? Habt ihr ein Gegenbeispiel?"); haltet euch nicht mit Komma-
Diskussion auf, sondern kümmert euch erst um Struktur und Figuren,
dann könnt ihr immer noch nach Kommafehlern suchen (selbstverständlich
niemandem fehlerstrotzende Texte zumuten!).

Noch eine Möglichkeit ist es, einen Textcoach in Anspruch zu  nehmen,
das ist jedoch kostenpflichtig, z. B. bei Hans-Peter Röntgen,
http://www.textkraft.de (lies mal in seiner Rubrik nach, in der er
Textproben analysiert und auf Spannung untersucht).

Wichtig: Bitte keine Texte an die Tempest-Experten schicken, für
Textkritik sind wir nicht zuständig!


         Und wie übe ich nun das Schreiben?

Üben kannst du nur, indem du schreibst. Dies ist kein Spruch, sondern
kurz: die Wahrheit. Du lernst, indem du es tust. Wie beim Radfahren.

Es gibt Abkürzungen, z. B. Schreibratgeberbücher, Seminare und
Gruppen, denen man sich anschließen kann, um Textkritik zu lernen.
Sehr gute Seminare findest du unter http://www.bundesakademie.de, die
kann man sich zum Beispiel zum Geburtstag wünschen. Bücher kannst du
auch auf die Wunschliste setzen oder aus Bibliotheken ausleihen (was
vor Ort nicht da ist, kann man zur Fernleihe bestellen).

Aber wichtiger als alle Hilfsmittel ist: schreiben, schreiben,
schreiben. Erst, was du selbst durch dein Schreiben erfahren, erlebt
und vertieft hast, wird in deinen Werkzeugkasten übergehen.

Sammle Schreibübungen, Schreibspiele und Methodikspiele  - z. B. aus
dem Tempest oder aus Schreibratgebern, etwa von Gisela Schalk und
Bettina Rolfes: "Schreiben befreit", Verlag Kleine Schritte 1986, oder
von Anne Bernays und Pamela Painter: "Was wäre wenn 
", Alexander
Verlag 2002.

Bücher zum Thema Schreibenlernen findest du im Tempest, z. B. in
meinen älteren Artikeln und vor allem in Gabi Neumayers Rezensionen.

Einen guten Rundumschlag zum Romanschreiben bietet Louise Doughty:
"Ein Roman in einem Jahr", Autorenhaus-Verlag 2009. Der Titel ist
etwas großsprecherisch (was sie selbst zugibt). Doch sie bietet in 52
Kapiteln 14-tägig wechselnd sinnvolle Übungen und Hintergrundwissen
an. Dazu gab es eine Webseite und Community: http://www.ein-roman-in-
einem-jahr.de

Viel Motivation (allerdings auf englisch) bietet: Heather Sellers:
"Chapter after Chapter", Writer?s Digest 2009. Leider betont sie zu
stark, dass man nur die Bücher schreiben könne, die man schon in sich
trage. Das sehe ich nicht so. Dennoch liefert sie viel an Übungen,
Durchhaltestrategien und Fallenvermeidungstaktiken.


         Bin ich zu jung / alt zum Schreiben?

Lass dir bloß nicht erzählen, du seist zu jung oder zu alt oder zu
dick oder zu dünn zum Schreiben! Es gibt schlichtweg kein "richtiges"
Alter, um mit dem Schreiben anzufangen. Wie bei jeder Kunst.

Lass dich nicht verunsichern! Niemand sagt, es wäre jemand zu jung /
alt zum Töpfern oder Malen. Wenn du körperlich eingeschränkt bist,
musst du dir den Alltag und deine Schreibzeiten vielleicht anders
organisieren. Ich kenne eine Autorin, die sitzt im Rollstuhl, schreibt
mit drei Fingern auf der Tastatur und bekommt dennoch ihre Bücher
zustande. Wenn sie das schafft, warum nicht du?

Mit dem Veröffentlichen ist das anders. Wenn du ein Manuskript
verkaufst, musst du geschäftsfähig sein (d. h. mindestens 18 Jahre),
oder deine Eltern müssen für dich den Vertrag eingehen. Aber wozu
gleich an das Verkaufen denken? Lass dir unbedingt Zeit, zu lernen und
zu schreiben!

Bedenke, für einen Roman wirst du Monate oder Jahre benötigen. Das
schreibt man nicht an ein paar Wochenenden. Du wirst dich mit
Recherche beschäftigen, mit Struktur, Plot und Spannung. Du wirst mit
Dialog, Beschreibung, Erzählung umgehen lernen und mit Sprache. Das
Schwierigste jedoch wird sein, deine Motivation, deinen Spaß und die
Disziplin zu erhalten - es ist ein Marathonlauf, kein Sprint.

Lies viel! Querbeet! Und zwar nicht nur zum Vergnügen. Schau dir an,
wie verschiedene Autoren Schlachten beschreiben, wie sie Figuren
miteinander reden lassen, wie Welten aufgebaut und eingerissen werden,
wie Götter und Magier handeln, wie die Sprache klingt, was sich
spannend liest ... Arbeite damit! Schreib z. B. einen Ausschnitt von
Dialogen oder eine Schlachtenbeschreibung ab, schreib um, versuche,
die Art, wie jemand geschrieben hat, auf deine Geschichte anzuwenden,
schreib absichtlich ähnlich und absichtlich ganz anders.

Such dir einen Beispielroman, bei dem du sagst: So gut will ich auch
schreiben! Und einen, bei dem du sagst: Das kann ich aber besser!
Halte die Bücher in Reichweite, und lies darin (vor allem im
schlechten Beispiel) - das motiviert!

Bei allen Hilfen jedoch: Schreiben lernt man nur durchs Schreiben!


         Mir geht der Überblick ständig verloren 


Ich kenne das gut, irgendwann so dicht im Romanmanuskript zu stecken,
dass man "das große Ganze" aus dem Blick verliert. ("War doch als
Abenteuer gedacht, aber wo ist das jetzt?") Da hilft es, einen ganz
kurzen Klappentext (wie man ihn hinten auf Buchcovern findet) zu
verfassen, der die wichtigsten Hauptanliegen deines Romans aufnimmt.
Am besten mit nicht mehr als 60 Wörtern. Ist nebenbei ein gute Übung,
um zu testen, ob einem klar ist, worum es im Buch eigentlich geht.
Diesen Klappentext oder auch eine Stichwortsammlung kannst du dir an
den PC kleben oder unter die Schreibtischunterlage klemmen oder
sonstwie sichtbar anbringen. Dann kannst du immer mal einen Blick
drauf werfen.

Den Überblick beim Speichern eines Romanprojektes kannst du z. B.
behalten, indem du den gesamten Text in einer Datei behälst (gut, um
mit STRG + F eine bestimmte Stelle zu suchen und um Statistik
abzurufen). Dann speichere die verschiedenen Versionen unter dem Datum
ab.

Nebenbei kannst du eine Tabelle, ein Schreibjournal, ein Romanjournal
o. Ä. führen, in dem du nach Datum oder Kapitel sortierst, mit kurzer
Inhaltsangabe, eventuell wichtigen Informationen (Tageszeit, Wetter,
beteiligte Figuren) und Bemerkungen wie "widerspricht Szene X" oder
"hier: mehr Tempo!". Es gibt Programme, die solche Funktionen
anbieten, z. B. MemoMaster 4.1.1 bei http://memomaster.softonic.de/

Eine andere Art von Übersicht bieten Mindmaps, die es für
technikaffine Leute auch als Programm gibt, z. B. FreeMind 9.0 bei
http://freemind.softonic.de/


         Und was ist, wenn ich nur Mist schreibe?

Sorge dich nicht, dass du "Mist" schreibst, den du "am Ende sowieso
wieder doof" findest und rausnimmst. Na klar! Macht jede/r so.

Ich kenne niemanden, der oder die nicht in der Schreibphase jammert,
wie fürchterlich das Geschriebene alles sei! Und - mir geht's genauso.
Manches Mal heule ich auf, weil das alles so platt, banal,
verschroben, bescheuert ... klingt, weil nichts passen will und die
Geschichte so doof ist, dass ich mich frage, warum ich sie überhaupt
schreibe.

Dann hilft ein Schreibjournal, in dem man seine Erfolge festgehalten
hat, sozusagen seine Schreib-Fortschritte. Wenn du das nachliest,
merkst du: Hey, da hab ich schon was gelernt - und eigentlich ist das
Ganze ja doch nicht so dämlich ...

Oder es helfen Gleichgesinnte, Leute, die ebenfalls in
Schreibprojekten stecken und einen aufbauen und motivieren können:
"He, lass dich nicht hängen, das wird schon; komm erzähl mal, wo's
hakt ..." Oder jemand, der alles testliest und eine zweite Meinung
abgibt: "Gar nicht so schlecht, aber das mit der Reise, da passiert ja
nix ..."

Und dann ist da immer noch die Alternative: liegen lassen und an was
anderem, Kurzem arbeiten. Bis du Abstand gewonnen und wieder Lust und
Laune zum großen Projekt hast.
Auf keinen Fall aufgeben!


Eigentlich, ja, eigentlich sollte mit diesem Teil der Artikel
abgeschlossen sein. Da ich jedoch von einigen Lesern angeregt wurde,
auch etwas zum Thema "Dialog" zu schreiben, wird es einen Teil 5
geben: "Dialoge spannend und informativ aufbauen".

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Stefanie Bense lebt und arbeitet in Emden, gibt Schreibkurse und führt
eine Roman-Werkstatt, http://www.romantisch.essdeh.de, veröffentlicht
sporadisch und schreibt an ihrem dritten Roman.


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SCHREIBKURS:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


                  "Ein Drehbuch schreiben, Teil 2"
                          von Marie Amsler


         Die Heldenreise

Richtungsweisend als Struktur-Hilfe ist die in vielen Heldenmythen
anzutreffende Heldenreise, die über zwölf Stationen geht. Sie stammt
von Joseph Campbell und wurde von Christopher Vogler auf
Filmstrukturen angewendet. "Star Wars" und "Herr der Ringe" sind
danach gebaut, aber auch viele andere Genre-Filme, von denen man es
nicht vermutet hätte. "Thelma und Louise", "Matrix", "Schlaflos in
Seattle", "Der Pate" und auch "Das Schweigen der Lämmer" gehören dazu.

Die zwölf Stationen, die der Held / Protagonist durchlaufen muss, sind
für die Struktur von Filmen nach Vogler:

1. "Ordinary World" - die normale Welt: Der Ausgangspunkt der
Geschichte ist die normale Welt des Helden.
2. "Call to adventure" - der Ruf zum Abenteuer: Der Ruf zum Abenteuer
erreicht den Helden und fordert ihn auf, zu handeln.
3. "Redusal" - Verweigerung: Diesem Ruf verweigert er sich.
4. "Meeting with the mentor" - Treffen mit dem Mentor: Ein Mentor
überzeugt ihn, die Reise anzutreten. Das Abenteuer beginnt.
5. "Crossing the threshold" - Überschreiten der Schwelle: Der Held
überschreitet die erste Schwelle, nach der es kein Zurück gibt.
6. "Tests, allies, enemies" - Prüfungen, Mitstreiter, Feinde:
Daraufhin wird der Held vor erste Bewährungsproben gestellt und trifft
auf Verbündete und Feinde.
7. "Approach to inmost cave" - Kurz vor dem Betreten der Höhle des
Löwen: Der Held hat Niederlagen erlebt und sucht nach neuen
Lösungsmöglichkeiten. An der Schwelle zur Höhle des Feindes geht ihm
durch den Kopf, wie weit  ihn seine Reise gebracht hat. Die Größe
seiner Aufgabe wird ihm bewusst. Angst und Zweifel überfallen ihn.
8. "Ordeal" - Prüfung: Nun findet die entscheidende Prüfung und größte
Herausforderung statt. Es kommt zur Konfrontation mit dem Gegner. Der
Held muss seine größten Ängste überwinden und schafft es, seinen
schlimmsten Feind zu besiegen.
9. "Reward / Seizing the sword" - Belohnung/ Ergreifen des Schwertes:
Der Held wird nach seinem Sieg belohnt. Er kommt aus dem Kampf stärker
als je zuvor. Als Belohnung erhält er einen Schatz oder ein Elixiers
(auch im übertragenen Sinn).
10. "The road back" - Der Weg zurück: Der Held tritt den Rückweg an.
Er steht diesmal, im Gegensatz zu dem Moment, als ihn der Ruf zum
Abenteuer erreichte, voll und ganz hinter der Sache, für die er
kämpft. Aber auch hier muss er wieder eine Schwelle überschreiten.
Seine Aufgabe ist es, ein neues Gleichgewicht zwischen seinen früheren
Ambitionen und den Zielen finden, für die er sich nunmehr bestimmt
sieht.
11. "Resurrection" - Wiederauferstehung: Dies ist der Höhepunkt der
Geschichte. Der Held tritt seinen letzten, entscheidenden Kampf an, in
dem es um Leben und Tod geht (kann auch symbolisch sein). In diesem
Kampf geht es nicht nur um seine eigene Existenz, sondern um auch das
Schicksal der übrigen Menschen, die von ihm abhängen. Der Held gewinnt
diesen Kampf und tritt aus ihm als neuer Mensch (wie neugeboren)
hervor.
12. "Return with the elixir" - Rückkehr mit dem Elixier: Anschließend
tritt der Held mit dem "Elixier" den Heimweg an. Er hat sich
verändert. Er ist als Mensch gewachsen, hat viele Dinge gelernt, und
viele gefahrvolle Situationen überlebt. Nunmehr sieht er einem neuen
Leben entgegen. Bei seiner Rückkehr kann er eine neue Hoffnung, eine
neue Problemlösung oder eine neue Perspektive für alle bringen. Die
Belohnung für den Helden kann materiell oder im übertragenen Sinne als
Bereicherung gemeint sein. Sie kann für ihn eine neue Einsicht
bedeuten, beinhaltet aber auf jeden Fall Veränderung, Erfolg und den
Beweis, dass seine Heldenreise richtig war. Das Ende der Heldenreise
lässt die Zweifler zum Schweigen kommen, bestraft die Feinde und
belohnt die Mitstreiter. Der Held ist in seiner alten Welt angekommen,
aber nichts in dieser Welt wird für ihn so sein wie zuvor.

Insgesamt ist die Heldenreise - egal, ob die Stationen der
Filmgeschichte wortwörtlich oder im übertragenen Sinne stattfinden -
eine in sich abgerundete Struktur. Man lernt sie am besten verstehen,
wenn man sich die eigenen Lieblingsfilme vornimmt und mit Hilfe dieser
Schablone die Heldenreise einiger Lieblingsprotagonisten analysiert.


         Beispiel: "Der Pate"

Zur Verdeutlichung hier die zwölf Stationen der Heldenreise am
Beispiel des bekannten Films "Der Pate" mit dem Protagonisten Michael,
dem Sohn Don Vitos.

Logline: Ein junger Mann, der das Mafiageschäft seiner eigenen Familie
verabscheut, übernimmt die Position seines Vaters und wird zum
mächtigen Paten.

1. Die Hochzeitsfeier / Michael ist zwar der Sohn des Mafiabosses Don
Vito, will aber mit dem Mafiageschäft nach seiner Entlassung aus der
Armee nichts zu tun haben. Dies versichert er auch Kay, der Frau, die
er liebt und mit der er sein Leben teilen will.
2. Don Vito macht Jack Woltz ein Angebot, das dieser nicht ausschlagen
kann / Don Vito aber weigert sich, ins Drogengeschäft einzusteigen.
3. Mehrere Ereignisse, die Michael zum Eingreifen zwingen:  Sollozo
ermordet Brasi, Sollozzo entführt Tom Hagen, Don Vito wird
angeschossen. Michael sieht die Zeitungsüberschriften.
4. Michael begibt sich zum verlassenen Hospital, wo sein Vater liegt.
Er versichert ihm, er stünde jetzt ganz und gar an der Seite seines
Vaters.
5. Sonny wartet auf eine Nachricht, wo Michaels Treffen stattfinden
soll.
6. Michael erschießt Sollozzo und McCluskey.
7. Don Vito kehrt nach Hause zurück.
8. Michael wird sicherheitshalber nach Sizilien geschickt und heiratet
dort Apollonia.
9. Sonny wird niedergeschossen / Apollonia wird bei einer Explosion
ermordet / Don Vito sorgt für Michaels sichere Rückkehr.
10. Don Vito warnt Michael, auf welche Weise sich der Verräter selbst
verraten wird. Bei der Beerdigung von Don Vito wird klar, dass Tessio
dieser Verräter ist.
11. Während der Taufe regelt Michael die noch offen stehenden
Familienrechnungen.
12. Michael hat die Position seines Vaters als Oberhaupt der Mafia-
Familie eingenommen. Man nennt ihn ehrfürchtig Don Corleone, den
Paten. Michael belügt seine zweite Frau, Kay, und versichert ihr, er
habe nichts mit der Mafia zu tun.


         Die Planung

Es ist sinnvoll, wenigstens eine oder zwei Methoden zur Strukturierung
eines Drehbuchs zu kennen und damit sehr früh, möglichst schon bei der
Planung, zu arbeiten. Es kann riesigen Spaß machen, zum Beispiel mit
farbigen Grafiken oder simplen Karteikarten eine ganze Wand mit der 3-
Akt-Struktur, eventuell auch um die Methode der acht Sequenzen
erweitert, zu dekorieren. Oder man übernimmt das Raster der
Heldenreise. Man ordnet die einzelnen Handlungsschritte den zwölf
Stationen zu.

Zum Trost: Bei Anfängern wie Profis unter den Drehbuchautoren macht
sich die gleiche Verzweiflung breit, wenn irgendetwas am Drehbuch
nicht stimmt. Spätestens dann sollte man den Mut haben, einfach alles
an der Geschichte noch einmal in Frage zu stellen. Hilfreich ist es
dabei, noch einmal zur ursprünglichen Planungsstruktur zurückzukehren
und die einzelnen Schritte gründlich zu überprüfen. Dazu ist es
wichtig, die einzelnen Planungsstadien aufzubewahren, zum Beispiel,
indem man sich Fotos davon macht.


         Die Fallhöhe

Doch eins sollte man beim Schreiben nie vergessen: Was nützt die
ausgefeilteste Struktur, wenn dem Protagonisten nichts passieren kann?
Wenn die Fallhöhe des Protagonisten nicht groß genug ist? Wenn das,
was ihm am Ende passiert, keine Konsequenzen für ihn hat? Wenn die
Aussage des Films überhaupt nicht wichtig ist?

Man muss im Auge behalten, dass das, was für den Protagonisten auf dem
Spiel steht, erst der zentralen dramatischen Frage Bedeutung und
Zielsetzung verleiht. Beim Beispiel von "Thelma und Louise" ist die
Fallhöhe sehr groß. Thelma und ihre Freundin Louise geben lieber ihr
Leben auf, als die neugewonnene Freiheit zu verlieren. Im Film "Gran
Torino" opfert der verbitterte Rassist Walt Kowalski, ein Veteran des
Koreakrieges, der seine asiatischen Nachbarn bis aufs Blut hasst, für
sie zum Schluss sogar sein eigenes Leben. Ihm sind diese Nachbarn, die
er einst verabscheute, menschlich so wichtig geworden, dass er sie aus
einer Lebensgefahr befreit und bei seinem Einsatz ganz bewusst das
eigene Leben opfert. Thelma und Louise, aber auch Kowalski setzen das
ein, was für jeden Menschen das wichtigste Gut ist: das Leben.

Jeder Filmstoff sollte von einem wirklich bedeutsamen Ereignis im
Leben eines Menschen handeln und zeigen, wie dieser damit umgeht. Der
Zuschauer bleibt nämlich bei einer so konzipierten Geschichte nicht
desinteressiert und passiv in seinem Sessel im dunklen Kinosaal
sitzen. Er geht aktiv mit, und die Aussage des Filmes kann für ihn
sogar Anstoß zu einer eigenen inneren Entwicklung sein.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Die Drehbuchautorin Marie Amsler, die seit 2010 Drehbuchschreiben
online unterrichtet, studierte Literatur- und Filmwissenschaften in
Europa und den USA. Ihr erster Spielfilm, "Puppe", entstand mit
Corinna Harfouch als deutsch-schweizerische Koproduktion und kommt
2012 in die Kinos. Mehr zu ihren Kursen im Drehbuchschreiben unter
http://www.StoryScript.eu


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SCHREIBKURS:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


                         "Spannung, Teil 2"
                          von Anna Kaleri


Wenn man spannende Texte schreiben will, lohnt es sich, den möglichen
Rezipienten zu beleuchten. Gespannt zu sein, das hat für die meisten
Menschen einen positiven Grundton. Es bedeutet, dass ihr Interesse
geweckt ist, dass sie voll und ganz dabei sind und sich immer weiter
in das Geschehen hineinziehen lassen. Ein Zustand, in dem sich ein
Rezipient wohl fühlt, denn er wird unterhalten, das heißt: gefordert.
Auf der anderen Seite kann er sich aber auch entspannen - spätestens,
wenn (beim Film) der Abspann läuft.


         Suspense

In Film und Literatur bezeichnet man diese Gespanntheit als Suspense.
Im ersten Teil hatten  wir das Bild der Hängebrücke, die zwei Seiten
eines Tals miteinander verbindet und uns über schwindelerregende
Abgründe führt, so dass der ängstliche Teil in uns erwartet,
abzustürzen, der optimistische schon die nahe andere Seite sieht.

Suspense bezieht sich also auf die Erwartung eines bestimmten
Ereignisses (siehe Patricia Highsmith: "Suspense oder Wie man einen
Thriller schreibt"). Wir befürchten, dass etwas Unerwünschtes
passiert, und hoffen, dass etwas Erwünschtes eintritt. Welches von
beiden sich einlöst - also das Happy End oder das finale Inferno - und
wie weit der Weg dahin ist, das macht den Spannungsbogen aus, zu
dessen Dramaturgie wir gleich kommen.


         Identifikation mit dem Protagonisten

Im ersten Teil haben wir außerdem gesehen, dass die Spannung als hoch
empfunden wird, wenn die Identifikation mit den Protagonisten oder die
empathische Verbundenheit mit dem Thema/ Konflikt hoch ist.
Psychologisch betrachtet ist Suspense eine "emotionale Reaktion, die
typischerweise aus akuter Besorgnis um beliebte Protagonisten
entspringt, die durch unmittelbar erwartete Ereignisse bedroht werden,
wobei diese Besorgnis aus einer hohen, aber nicht vollständigen
subjektiven Gewissheit über das Eintreten der erwarteten
bedauernswerten Ereignisses erwächst" (Dolf Zillmann: "The Psychology
of Suspense in Dramatic Exposition"). Gern identifizieren wir uns im
Film mit Figuren, die etwas haben, das wir nicht haben, zum Beispiel
das Sexappeal eines Chefs, der durch Hugh Grant verkörpert wird. Zum
anderen haben wir auch gern etwas Vertrautes, die ganz normalen Sorgen
und Nöte, mit denen Woody Allens Filme uns so wunderbar unterhalten.
Ein kleiner Clou, den man sicher auch von Film in die Literatur
rüberziehen kann, ist der unsympathische Held. Erinnern Sie sich an
den ungeschickten Pfadfinder in "Oben", der einfach total nervt und
nichts auf die Reihe kriegt? Oder der Matratzenverkäufer Ingo in
"Lichter", der zum Loser geboren scheint? Am Ende der Filme ist jedes
Mal eine Transformation in uns vorgegangen: Wir haben die Typen, die
wir am Anfang abstoßend fanden, ins Herz geschlossen. Nicht nur der
Held wächst über sich hinaus, sondern auch der Zuschauer. Vielleicht
gelingt uns das auch in unseren Prosatexten?



         Im Schwebezustand

Wenn Spannung erzeugt wird durch einen Schwebezustand zwischen
Ungewissheit und Gewissheit, so ist im Umkehrschluss klar, dass
absolute Gewissheit über den Ausgang einer Handlung den Leser über der
Lektüre einschlafen lässt.

Natürlich sind wir aufgrund unserer persönlichen und medialen
Vorerfahrungen nie ganz im Ungewissen. Wir rechnen bei einem Krimi mit
bestimmten Ereignissen wie etwa Mord und bei einer Liebesgeschichte
mit einem dramatischen Ausgang. Auf solche negativen Ereignisse
bereiten wir uns vor und senken aus Selbstschutz ein Stück weit die
empathische Identifikation ("Das ist doch nur ein Film / Roman.").

Die größte Spannung entsteht theoretisch dann, wenn die subjektiv
geschätzte Wahrscheinlichkeit für einen positiven Ausgang sehr klein,
aber größer Null ist, einen Zustand, der gut beschrieben wird mit "die
Hoffnung stirbt zuletzt". Die Erfolgswahrscheinlichkeit besteht, um es
noch mal etwas mathematisch auszudrücken, aus dem Verhältnis von der
Höhe einer Gefahr und der Fähigkeit des Protagonisten, eine
Herausforderung zu meistern. Das Phänomen kennen wir in Filmen, aber
auch im Märchen. Zweimal hat die böse Königin schon versucht,
Schneewittchen zu töten, zweimal konnten die Zwerge sie gerade noch
retten. Beim dritten Mal kommen sie zu spät. Aber wir können und
wollen einfach nicht glauben, dass unsere (zugegeben ziemlich passive)
Heldin diesmal wirklich tot sein soll.


         Mikro- und Makroebene

In "Kim Novak badete nie im See Genezareth" geraten ein 13-Jähriger
und sein Freund zwischen die Fronten von Liebe, Eifersucht und Tod.
Angesichts der Gefahren, in die sie geraten, sind sie schwach, Kinder
eben, gerade an der Grenze zu Jugendlichen. Im kritischsten Moment
wird der eine Junge krank.
Die Spannung kann über zwei Wege erhöht werden: über die Erhöhung der
Gefahr, also wenn die Schraube noch ein wenig zugedreht wird, oder
über die Verringerung der Verteidigungskräfte der Protagonisten. Also,
die Bedrohung wird höher oder der Held schwächer. Man kann außerdem
Schritt für Schritt neue Informationen geben, etwa beim oben genannten
literarischen Kriminalroman. Subtil wird immer wieder die
Rätselspannung unterfüttert und sorgt für unerwartete Wendungen. In
dem Vexierspiel wollen wir endlich erfahren, wer der Mörder ist. Doch
Håkan Nesser zieht kurz vor Schluss, wenn eine Lösung schon in Sicht
ist, noch mal die Bremse.


         Der Spannungsbogen

Das führt zu den handwerklichen Mitteln, mit denen man Spannung
erzeugt. Das eine ist der Spannungsbogen, der sich aus einem
Zusammenspiel von Handlung und Figurenkonstellation / Konflikt ergibt.
Das ist die Makroebene der Spannung.

Um sie besser zu fassen, kann man verschiedene dramaturgische Konzepte
zu Hilfe ziehen. Am überschaubarsten ist die klassische Dramaturgie
nach Freytag und die recht universell anwendbare Dramaturgie der
Heldenreise nach Joseph Campbell, in der der Held elf Stationen
durchläuft: Ausgangssituation; Auslöser; Weigerung des Helden, die
Herausforderung anzunehmen; Erster Wendepunkt; Freunde und Feinde;
Mittelpunkt der Geschichte; Zerreißprobe; Zweiter Wendepunkt;
Katastrophe; Höhepunkt; Neue Situation/  Ausklang.


Übung:
......
Wenn Sie diese Stationen auf kleine Kärtchen schreiben, können Sie in
einem Märchen oder Hollywood-Drehbuch und auch in manchem Krimi oder
Trivialroman die Eckpunkte den entsprechenden Abschnitten zuordnen. Es
lohnt auch, mindestens eine Kurzgeschichte zu entwerfen mit Konflikt
und Figurenprofil und dann die Stationen der Heldenreise
"abzuklappern".


         Die Fünf-Akt-Struktur

Mit der Heldenreise lässt sich die klassische Dramaturgie recht gut
vereinen. Sie geht auf die Poetik von Aristoteles zurück.
Interessanterweise empfiehlt dieser einen Verzicht auf Nebenhandlungen
und die zeitliche Beschränkung der Handlung auf einen "Sonnenlauf",
also einen Tag. Dieser Engführung wurde in der französischen Klassik
noch die Konzentration auf einen Ort hinzugefügt, so dass man von der
Einheit von Ort, Zeit und Handlung spricht, was im Drama oft, in der
Short Story fast immer angewendet wird. Die Einteilung in fünf Akte
geht auf den römischen Dichter Horaz zurück. Beide Theorien, die von
Aristoteles und die von Horaz, bilden die Grundlage des Regeldramas,
das letztlich von Gustav Freitag so eingeteilt wurde:

Einführung - Steigerung - Höhepunkt - retardierendes Moment - Lösung

In der Einleitung werden die handelnden Personen eingeführt, der
dramatische Konflikt kündigt sich an. Daraufhin steigert sich der
Konflikt. Die Handlung erreicht ihren Höhepunkt, an dem sich die
(Glücks-)Umstände des Helden umkehren. In der Retardation wird die
Handlung kurz vor der Lösung entschleunigt, oder es kommt noch ein
unerwartetes Problem hinzu. Dann folgt die Lösung oder Katastrophe.

Übung:
.......
Teilen Sie doch einmal die Handlung eines Prosatextes, den Sie schon
geschrieben haben oder schreiben möchten, in diese fünf Teile ein, um
zu sehen, wie oder ob der Text funktioniert. Dabei hilft es auch, die
wichtigsten Punkte der Handlung in eine Zeichnung einzufügen und dabei
selbst den Steigungswinkel zu bestimmen.


         Spannungselemente

Auf der Mikroebene gibt es kleinteilige Spannungselemente wie die
"Überraschung" (surprise), die uns für einen Moment den Atem stocken
lässt, aber langfristig nicht von Bedeutung ist und eher wie ein
kleiner Paukenschlag wirkt. "Mystery" beschreibt die geistige
Aktivität des Lesers, wenn es darum geht, Zusammenhänge aufzudecken,
von denen er auf rätselhafte Weise einige Bruchteile zugespielt
bekommt. Dann gibt es die Ebene der "Atmosphäre", die von bestimmten
Topoi wie Wald bei Mondschein oder Schloss in Finsternis oder Friedhof
bei Nebel stärker auszugehen scheint als von einem Büro bei Tageslicht
- jedenfalls auf den ersten Blick. Erzeugen Sie Stimmungen durch
sinnliche Beschreibungen, in denen man meint, die feuchte Luft
einzuatmen oder das kalte Metall auf seiner Haut zu spüren.

Und auch in der Sprache an sich gibt es spannungserzeugende
Schlüsselwörter und Wortfelder. Bei Nesser finden wir, als gerade zu
erahnen ist, dass etwas Schlimmes passieren muss, an einer eigentlich
entspannenden Szene "ein leicht vibrierendes Gefühl ganz im Innern
meines Kopfes", "eine aufblitzende Sekunde", "Blutsbrüderschaft" und
"Geheimbund". Mit dem Wort "Blutsbrüderschaft" tut sich ein ganzes
Feld auf und natürlich ist Blut in ihm enthalten und schwingt auch als
Einzelbedeutung mit.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Anna Kaleri hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Sie
hat zwei Bücher veröffentlicht, im Herbst 2012 erscheint ihr neuer
Roman. Sie arbeitet als freie Journalistin und leitet seit 2008 die
Prosawerkstatt Leipzig, die eine fortlaufende Werkstatt beinhaltet
sowie sechs Intensivkurse im Jahr zu den handwerklichen
Grundbausteinen der Prosa.
www.prosawerkstatt.de


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SPANNUNG, DER UNTERLEIB DER LITERATUR:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)

Was macht Romane spannend, und vor allem: Was macht sie langweilig?

Wer Szenen hat, die sie oder er für spannend hält, oder Szenen, bei
denen er sich nicht sicher ist, oder solche, die eigentlich spannender
gestaltet sein sollten, doch die Frage ist: Wie? - wer solche Szenen
hat, kann sie mir schicken.

Ich wähle dann einige aus, die ich im Tempest bespreche. Schickt die
Szenen als E-Mail-Anhang im RTF-Format an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Bitte nicht mehr als 7.000 Anschläge, also etwa vier Normseiten. Dazu
zählt auch der Vorspann! Da die Szenen aus beliebigen Stellen eurer
Manuskripte stammen dürfen, müsst ihr eventuell die Vorgeschichte der
Szene erklären. Diese Erklärung sollte 400 Anschläge nicht
überschreiten!
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                         "Verfolgungsjagd"
            Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen

Zuerst dachte Malvin, seine Sinne hätten ihn getäuscht.
Schon oft hatte er Wut- oder Hassgefühle dank seiner besonderen
Begabung wahrgenommen. Selbst von seiner Frau und seinen Kindern.
Dabei war es egal, ob diese Emotionen ihm galten oder anderen
Menschen. Wenn Malvin nahe genug an der "Quelle" der Gefühle stand,
dann konnte er sie beinahe körperlich spüren.
Dies hier aber war anders als alles, was er bisher erlebt hatte,
bedrohlicher.
Meist waren die Gefühle berechtigt. Seine Frau war sauer, weil er zu
spät aus dem Büro nach Hause kam. Seine Kinder beschimpften ihn, weil
er wieder einmal ihre quatrogeile neuronengothic Heavybeschallung
leiser regelte. Und sein Chef murrte, weil er immer noch vergaß, sich
beim Tanken mit dem Firmengleiter die Quittung geben zu lassen. Diese
Gefühle kamen und gingen und waren für Malvin so leicht zu spüren wie
ein Haar auf der Zunge. Nicht angenehm, aber man konnte damit leben.
Aber was Malvin heute Abend, auf dem Weg nach Hause, wahrnahm, hatte
nichts zu tun mit zänkischen Teeniestreitereien oder Eheweibsterror.
Dies hier fühlte sich ernst an, richtig ernst.
So mussten sich Mordgedanken anfühlen. Malvins Nackenhaare sträubten
sich. Dies war kein Haar mehr auf der Zunge, sondern ein ganzes Fell.
Ihm wurde übel von der Anwesenheit des Todes.
Es war wieder einmal zu spät im Büro geworden. Die Straßenlaternen
brannten. Es regnete. Außer Malvin waren keine Menschen auf der Straße
zu sehen. Laufbänder gab es in diesem Teil von Terrania City nicht.
Die Retros, eine kleine Bürgerinitiative, bestehend aus reichen
Terranern, hatten es tatsächlich geschafft, einen kleinen Teil der
Hauptstadt einem Timewarp zu unterwerfen, wie sie es nannten. Zurück
in die Vergangenheit. Keine Laufbänder, Lokale mit echter Bedienung,
Straßenlaternen. Seiner Firma konnte diese Retrobewegung nur recht
sein. Sie stellte Gummidichtungen für Duschen her. Diese Menschen
wuschen sich tatsächlich freiwillig mit Wasser, statt die Segnungen
einer Ultraschallreinigung in Anspruch zu nehmen. Shower Industries
war die einzige Firma, die solche Dichtungen noch herstellte. Trotz
dieser Monopolstellung waren die paar Freaks, die sich noch mit Wasser
duschten, zu wenige Abnehmer, um die Produktion auf Dauer am Leben zu
halten. Aber seit der Retrobewegung brummte der Laden. Sich mit Wasser
zu waschen war wieder in. Der Name Sebastian Kneipp tauchte immer
häufiger im Trivid auf. Er war angeblich der Mann, der das Duschen
erfunden haben sollte, und wurde zur Galionsfigur dieser Bewegung.
Malvin hatte es sich angewöhnt, den Gleiter ein paar Blocks entfernt
von seinem Büro abzustellen, damit er wenigstens etwas Bewegung hatte.
Heute verfluchte er sich für diese Angewohnheit. Er war 63 und somit
eigentlich im besten Mannesalter, und trotzdem oder vielleicht gerade
deswegen zeigte seine Waage kontinuierlich zwanzig Kilo zu viel an.
Die empathischen Empfindungen der Mordgedanken beunruhigten ihn immer
mehr. Und sie waren zweifelsohne an seine Adresse gerichtet.
Das machte keinen Sinn. Er war stellvertretender Leiter einer
mittelständischen Firma, aber weder sein Gehalt noch seine nicht
vorhandene politische Ausrichtung rechtfertigten einen Mord. Egal,
nach dem nächsten Block kam sein Gleiter in Sicht, hier hoffte er in
Sicherheit zu sein. Zu sehen war von seinem Verfolger immer noch
nichts, aber das war in Zeiten von Deflektorfeldern auch nicht weiter
verwunderlich.
Endlich stand er schweratmend vor dem Gleiter. Die Tür schwang auf und
Malvin hechtete in Sicherheit. Mit einem leichten Fingerdruck auf den
syntronischen Signalgeber wollte er den Gleiter starten. Doch der
vibrierte nur kurz, hob aber nicht vom Boden ab. Malvin fluchte. Da
sah er eine Bewegung aus den Augenwinkeln. Neben dem Fenster schälte
sich eine Gestalt aus dem Nichts. Ein Mann, hochgewachsen, hager, fast
schon dürr. Die gespenstisch weiße Haut spannte sich wie Pergament
über seine Gesichtsknochen. Er trug einen langen schwarzen Mantel, von
dem er einen Ärmel zurückschob, um Malvin das Kombiarmband zu zeigen,
welches den Start des Gleiters verhindert hatte und in wenigen
Sekunden auch den Öffnungsmechanismus des Gleiters geknackt haben
würde. Malvin erbleichte. Schnell rutschte er auf den Beifahrersitz.
Er wusste, dass der Fremde die Bewegung durch die halbverspiegelten
Fenster nicht sehen konnte. Als die Fahrertür aufschwang, schlüpfte
Malvin auf der anderen Seite schnell ins Freie. Über seinen
Signalgeber ließ er die Türen schließen und sie mit einem neuen
Öffnungscode versehen. Das Fluchen des Fremden hörte er noch mehrere
Meter weiter.
Einen großen Vorsprung würde ihm dieser Trick nicht einbringen. Der
Fremde sah durchtrainiert aus. Bei ihm zerrte keine Gravitation an
zwanzig Kilogramm Übergewicht.
Malvins einzige Hoffnung war es, schnell ins Bürogebäude
zurückzukommen. Die Eingangstür war syntronisch zu gut gesichert, um
mit einem einfachen Kombiarmband geknackt zu werden. Auf der anderen
Seite: Dieses "einfache" Kombiarmband des Fremden hatte es auch
geschafft, seinen Gleiter am Starten zu hindern. Egal, er musste in
die Sicherheit eines geschlossenen Gebäudes. Sein Arbeitsplatz war
ungefähr ein halben Kilometer entfernt.
Fünfhundert Meter fast im Sprinttempo zurückzulegen war für eine
trainierte Person kein Problem, für Malvin aber war es ein
unüberwindbares Hindernis. Einzig seine Todesangst schleuderte seine
Beine in einem Tempo nach vorne, welches Malvin sonst nie erreicht
hätte.
Gehetzt schaute er sich um. Die Fahrertür seines Gleiters schwang auf.
Malvin blickte wieder nach vorne und packte alle Panik in seine Beine,
damit sie ihn noch schneller vorwärts treiben würden.
Die kalte Nachtluft brannte in seinen Lungen. Die mordlüsternen
Gefühle des Fremden bekamen eine zusätzliche Färbung. Es war das
kindliche Vergnügen an einem tollen Spiel. Ein Katz-und-Maus-Spiel,
und die Maus hatte eindeutig die kürzeren Beine und weniger Ausdauer.
Malvins Muskeln wurden schwer. Ein sicheres Zeichen, dass sie
übersäuerten. Ein Blick zurück bestätigte Malvin, dass der Fremde
aufholte. Sein Mantel umgab ihn wie die Schwingen eines Todesengels.
Wie silberne Pistolenkugeln stoben die Wassertropfen davon, wenn der
Fremde durch die Pfützen lief. Sein bleiches Gesicht zeigte keine Spur
von Anstrengung. Er schien sich seiner Sache sicher zu sein. Selbst
auf das Deflektorfeld hatte er verzichtet. Konstant und fast mühelos
verringerte er die Entfernung zu seinem Opfer.
Malvins Atemzüge wurden immer kürzer. Seitenstechen war sein
geringstes Problem. Farbige Kreise tanzten vor seinen Augen. Noch
konnte er seine Beine durch reine Willensanstrengung nach vorne
schleudern, doch seine physiologischen Grenzen waren bald erreicht.
Noch hundert Meter, schätzte Malvin, dann hatte er das schützende
Bürogebäude erreicht. Er wagte es nicht mehr den Kopf zu wenden, vor
Angst, die Bewegung könnte ihn zum Stürzen bringen. Sein Kreislauf
würde sich in einigen Sekunden von ihm verabschieden. Die farbigen
Kreise verengten sich zu einem Tunnel. Am Ende dieses Tunnels sah
Malvin den Eingang zu seinem Bürogebäude.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


                  Lektorat von Hans Peter Roentgen

Eine Science-Fiction-Geschichte, ein Mann wird verfolgt. Finden Sie
diese Geschichte spannend?

Ich ja. Na gut, ist vielleicht nicht Dan Brown, aber ragt doch
deutlich heraus aus den Geschichten, die ich normalerweise bekomme. -
Warum ist das so?


         Informationen geschickt einbinden

Da ist einmal die Art, wie der Autor seine Informationen verpackt.
Eine Welt der Zukunft, mit eigener Technik, eigenen Regeln und die
muss man dem Leser natürlich vermitteln. Hier wird das so geschickt
verpackt, dass der Leser es gar nicht merkt. Denn es wird uns nicht
als Infodump an den Kopf geworfen, nicht als statischer
Lexikonartikel:

..........
"In Terrania City war alles modern, es gab Laufbänder und Gleiter, das
sind Fortbewegungsmittel, die die Autos ersetzt haben. Statt mit
Duschen säuberte man sich mit Ultraschallreinigern, die die säubernde
Wirkung des Ultraschalls nutzten, weil das viel bequemer war als
Wasser. In einem kleinen Viertel lebten Retros, die nur alte Techniken
duldeten, sich deshalb duschten, die Transportbänder verbannt hatten
und Duschdichtungen benötigten. Verbrecher nutzten Kombiarmbändern, um
elektronische Schlösser zu knacken ..."
..........

Spätestens bei den Duschdichtungen wäre der Leser eingeschlafen.

Stattdessen werden die Informationen dort angebracht, wo die Handlung
es benötigt, sie werden nicht statisch vermittelt, sondern
eingebunden. Das Kombiarmband taucht dort auf, wo es benutzt wird. Wir
erfahren nur das, was es in der Handlung tut: den Start eines Gleiters
verhindern und eine Tür illegal öffnen.

Aber das Retroviertel? Darüber wird uns doch einiges erzählt? Richtig.
An dieser Stelle erfahren wir etwas über den Hintergrund. Aber erstens
nicht alles, und zweitens wird es mit der Person verbunden. Malvin
vertritt eine Firma mit Duschdichtungen, für diese Firma ist das
Retroviertel ein Segen, hier werden die Produkte der Firma benötigt.
Einige wenige Details erfahren wir, den Rest fügt sich der Leser
selbst im Kopf zusammen.


         Aufbau der Handlung

Zweitens baut die Handlung langsam aufeinander auf. Malvin ist allein
auf der Straße; wie diese Straße aussieht, zeichnet der Autor mit
einigen wenigen Strichen. Abends allein auf der Straße, sicher schon
ein bisschen bedrohlich, aber nicht so recht.

Aber die Gedanken. Malvin kann die fühlen, und da sind bedrohliche
Gedanken, Gedanken, die Mord denken. Was steckt dahinter? Zu sehen ist
niemand. In Zeiten von Deflektorfeldern nicht verwunderlich.

Merken Sie, wie beiläufig hier Deflektorfelder eingeführt werden? Hier
denkt jemand über diese Deflektoren nach, für den sie
selbstverständlich sind.

Jedenfalls hat unser Held den Wagen erreicht. In Sicherheit, die
Frage, ob er es schaffen wird, ist damit beantwortet. Dann taucht
jemand auf, und dieser Jemand sieht nicht angenehm aus. Schnell
losfliegen, das will unser Held. Geht nicht, der Gegner zeigt das
Kombiarmband.

Halt! Warum sollte er das seinem Opfer zeigen? Weil der Autor eine
Begründung braucht, warum der Gleiter nicht startet, und etwas, das
Malvin warnt. Hier kommt etwas ins Spiel, das man besser nicht tun
sollte: Der Autor lässt etwas geschehen, weil er es für seine
Geschichte braucht, das sich aber nicht richtig organisch in die
Geschichte einpasst. In diesem Falle wäre es besser, das beiläufiger
passieren zu lassen.

..........
"Der Ärmel war zurückgeschoben, die rechte Hand drückte auf ein
Armband. Verdammt, ein Kombiarmband!"
..........

Auf diese Weise wäre das Kombiarmband besser eingefügt. Möglich wäre
natürlich auch ein Täter, der dem Opfer ganz bewusst Angst einjagen
will und ihm eine Chance geben will, zu entkommen. Dann wäre dieses
bewusste Herzeigen wiederum besser. Was passt, das entscheidet sich
manchmal erst später im Text.


         Fragen halten den Leser bei der Stange

Malvin jedenfalls entkommt zunächst mal. Er muss jetzt rennen, aber er
ist alt und übergewichtig. Wird er es schaffen? Das ist die nächste
Frage, die sich der Leser stellt. Schaut nicht gut aus für den armen
Malvin, der Kreislauf spielt nicht mit. Aber den endgültigen Schluss
hat uns der Autor vorenthalten - auch wenn ich ziemlich sicher bin,
dass Malvin davonkommen wird. Möglicherweise fällt er aber doch dem
Verfolger auf den letzten Metern in die Hände? Und muss dann alles
geben, um doch noch zu entkommen?

Fragen sind es, die den Leser bei der Stange halten. Und das
funktioniert hier ganz gut.



         Kleine Verbesserungen

Aber ich bin von Beruf Meckerer. Also habe ich an den Einzelheiten der
Geschichte doch etwas auszusetzen, auch wenn sie schon recht gut
gelungen ist. Fangen wir also mit den Korinthen an.

Der erste Satz lautet: "Zuerst dachte Malvin, seine Sinne hätten ihn
getäuscht." Natürlich ist das eine schöne Einstimmung darauf, dass
jetzt etwas Dramatisches geschieht. Aber benötigen wir das überhaupt?
Denn anschließend erfahren wir etwas über die Fähigkeit, Gedanken
wahrzunehmen, an Beispielen aus dem Familienleben. Für mich würde das
als Hook am Anfang reichen, ich würde also den Anfangssatz streichen,
gebe aber gerne zu, dass wir hier in den Bereich des persönlichen
Geschmacks kommen.

Das Nächste, woran ich mich störe, ist dieses Bild mit dem Haar auf
der Zunge: "Dies war kein Haar mehr auf der Zunge, sondern ein ganzes
Fell." Ein ungewöhnliches Bild, aber für mich passt es nicht so recht.
Da würde ich nach einem passenderen Vergleich suchen.

..........
"Shower Industries war die einzige Firma, die solche Dichtungen noch
herstellte. Trotz dieser Monopolstellung waren die paar Freaks, die
sich noch mit Wasser duschten, zu wenige Abnehmer, um die Produktion
auf Dauer am Leben zu halten. Aber seit der Retrobewegung brummte der
Laden."
..........

Was fällt Ihnen an diesem Absatz auf? Dass erst gesagt wird, dass die
Firma zu wenig Abnehmer hatte, dann, dass der Laden seit der
Retrobewegung brummt. Beim ersten Lesen hat mich das verwirrt. Ließe
sich aber einfach lösen: "Trotz dieser Monopolstellung waren früher
die paar Freaks ..." Mit einem einfachen "früher" könnte man
Irritationen vermeiden.

..........
"Einzig seine Todesangst schleuderten seine Beine in einem Tempo nach
vorne, welches Malvin sonst nie erreicht hätte.
Gehetzt schaute er sich um. Die Fahrertür seines Gleiters schwang auf.
Malvin blickte wieder nach vorne und packte alle Panik in seine Beine,
damit sie ihn noch schneller vorwärts treiben würden."
..........

Die Beine, die nach vorne geschleudert werden und in die alle Panik
gepackt wird, die werden mir hier ein wenig zu sehr überfrachtet, die
Aufmerksamkeit darauf abgelenkt. Da wäre ein weniger ablenkendes Bild
von Vorteil. Vielleicht:

..........
"Die Todesangst trieb seine Beine in einem Tempo voran, welches Malvin
sonst nie erreicht hätte.
Gehetzt schaute er sich um. Die Fahrertür seines Gleiters schwang auf.
Malvin zwang sich, noch schneller zu laufen."
..........

Später werden die Beine noch mal "geschleudert", auch da könnte man
treffender erzählen.

Aber meine Meckereien betreffen eher Kleinigkeiten. Es gibt sicher
noch das eine oder andere, bei dem man überlegen könnte: Ist das so
passend oder sollte man doch noch ein wenig feilen?


         Was könnte man noch verbessern?

Das überlasse ich aber Ihnen. Gehen Sie Satz für Satz durch. Wo
stocken Sie, welche Formulierungen könnte man verbessern? Wie wirkt
Ihre veränderte Fassung?

Wenn Sie noch mehr für Ihre Spannungsmuskeln tun möchten, kann ich
Ihnen noch zwei weitere Übungen empfehlen.

1. Wie sieht die Szene aus, wenn Sie sie aus der Sicht des Verfolgers
schreiben? Ebenfalls möglichst spannend, versteht sich?

2. Und wie sähe es aus, wenn Sie ganz in die Gedanken von Malvin gehen
würden, um die Verfolgungsszene zu schildern?

..........
"Sofort auf den Beifahrersitz, die Sitzkontrolle krachte ihm in die
Eier, schnell die Tür öffnen, das Steuergerät raus, Schließen drücken
und neuer Code, und jetzt rennen, rennen musste er ..."
..........

Schreiben Sie also die Szene mal ganz aus dem Kopf von Malvin, und
folgen Sie nur seinen hektischen Gedanken.

Wenn Sie fertig sind: Welche Szene gefällt Ihnen am besten?

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Hans Peter Roentgen ist Autor der Bücher "Vier Seiten für ein
Halleluja" über Romananfänge und "Drei Seiten für ein Exposé".
Außerdem hält er Schreibkurse und lektoriert.


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INTERVIEW:
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                            (redaktion at team pt autorenforum pt de)


      "Lektoren müssen noch immer eines sein: Trüffelschweine!"
                     Interview mit Stefan Wendel


Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Herr Wendel, Bücher spielten
in Ihrem Leben schon immer eine große Rolle. Sie haben Germanistik und
Anglistik studiert, viele Jahre lang als Lektor und Programmleiter bei
Thienemann  gearbeitet, zusammen mit Autorengrößen wie Michael Ende,
Otfried Preußler und Ralf Isau, und nun bieten Sie Ihre
Expertenkenntnisse seit 2011 über Ihre Website autorenberatung.net
Autoren, Illustratoren, Agenten und Verlagen an.

Wie wir gehört haben, hat sich das Berufsfeld des Verlagslektors in
den letzten Jahren sehr gewandelt. Ganz allgemein gefragt: Welche
Fähigkeiten sollte ein Lektor haben?

Stefan Wendel: Rückblickend sind die Veränderungen, die sich vollzogen
haben, tatsächlich enorm. Im stillen Lektoratskämmerlein oder gar im
literarischen Elfenbeinturm sitzt da niemand mehr. Manche Verlage
bezeichnen ihre Lektoren heute als Redakteure oder gar Produktmanager,
und das ist Ausdruck dafür, dass es mit literarischem Gespür allein
längst nicht mehr getan ist. Bei fast allen Entscheidungen, die
Lektoren treffen müssen, steht die Verkäuflichkeit eines Titels an
oberster Stelle. Die Aspekte der Vermarktung spielen eine große Rolle,
von Anfang an. Betriebswirtschaftliche und urheberrechtliche
Kenntnisse werden gefordert. Marketingstrategien werden häufig schon
in den Lektoraten angedacht und entwickelt. Ohne ein ausgesprochenes
Organisationstalent ist man angesichts der Titelzahl, für die man
zuständig ist, völlig aufgeschmissen. Doch abgesehen davon müssen
Lektoren immer noch eines sein: gute "Trüffelschweine", die ein Gespür
dafür haben, was auf dem momentanen Markt angesagt ist. Das war schon
immer so, daran hat sich nichts geändert.


RRB/TRB: Was macht ein Manuskript für Sie interessant? Nach welchen
Qualitätskriterien wählen Sie aus bzw. ab wann ist ein Manuskript
geeignet, um mit Ihrer Hilfe veröffentlichungsreif zu werden?

SW: Ich war nie ein Freund von "Me-too-Büchern". Geschichten, die es
bereits gibt (womöglich sogar in einer besseren Variante), finde ich
uninteressant. Originalität als "Variation des Vertrauten" ist für
mich entscheidend. Langeweile ist tödlich. Geschichten müssen es wert
sein, erzählt zu werden, sonst stiehlt man seinen Lesern nur die Zeit
- und das rächt sich.


RRB/TRB: Sind Sie bei der Auswahl auf bestimmte Genres spezialisiert?

SW: Als Autorenberater bin ich ja nun kein Programmmacher mehr, wähle
also nicht mehr für ein bestimmtes Programm aus und stelle mich
stattdessen auf die individuellen Bedürfnisse meiner Klienten ein.
Meine Kernkompetenz liegt im Bilder-, Kinder- und Jugendbuch in all
seinen Ausprägungen vom Pappbilderbuch bis zum All-Age-Roman sowie
beim belletristischen Unterhaltungsroman in all seinen Varianten
(Krimis, Thriller, historische Romane, Fantasy).


RRB/TRB: Wie dürfen wir uns Ihre Zusammenarbeit mit Ihren Autoren
vorstellen? Wie unterscheidet sie sich von Ihrer früheren Tätigkeit im
Verlag? So bieten Sie u. a. auch Ihre Hilfe bei der Erstellung von
Dossiers für eine Verlagsbewerbung an.

SW: Der größte Unterschied zu früher ist, dass ich die Seite des
Schreibtisches gewechselt habe. Ich sitze den Autoren nicht mehr
gegenüber, sondern ich befinde mich neben ihnen und stehe ihnen mit
Rat und Tat und Zeit zur Verfügung. Mein in der Verlagspraxis
erworbenes Know-how setze ich nicht mehr für einen Verlag, sondern
einzig und allein für meine Klienten ein. Nur deren Interessen sind
entscheidend, wenn es beispielsweise um die Suche nach einem passenden
Agenten oder um Vertragsverhandlungen geht.


RRB/TRB: Sie bieten Ihr Know-how als Lektor auch Verlagen und
Agenturen an. Wie sieht die Zusammenarbeit hier aus?

SW: Wegen der oben beschriebenen Veränderungen und der allseits
spürbaren Dynamisierung oder gar Turboisierung des Marktes ist Zeit in
vielen Lektoraten und Agenturen Mangelware. Um den Autoren dennoch
eine gute, umfassende Betreuung angedeihen zu lassen, biete ich meine
Unterstützung an. Beispielsweise indem ich im Auftrag von Agenturen
gemeinsam mit den Autoren professionelle Exposés für die Präsentation
von Projekten in den Verlagen erstelle. Diese Form des Outsourcings
macht Sinn für alle Beteiligten und erhöht die Chancen auf Erfolg,
denn Exposés bilden üblicherweise die Grundlage, auf der man ins
Gespräch kommt.


RRB/TRB: Seit diesem Jahr unterstützen Sie auch das Team der Autoren-
und Verlagsagentur AVA international im Kinder- und Jugendbuchbereich.
Bedeutet dies, Sie sind nun auch Literaturagent bzw. vermitteln auch
Manuskripte an Verlage?

SW: Meine Aktivitäten als Autorenberater überschneiden sich von Fall
zu Fall mit denen eines klassischen Agenten, ich biete jedoch bewusst
nicht die umfangreiche Logistik einer Agentur mit allem, was
dazugehört. Dafür gibt es genügend hervorragende Agenten, die ich zum
Teil persönlich kenne und deren Arbeit für ihre Autoren ich sehr
schätze. Ich sehe mich vielmehr im Umfeld zwischen Autoren, Agenten
und Verlagen und trete nur punktuell als Mittler auf, indem ich mein
gewachsenes Netzwerk nutze und mitunter auch direkte Kontakte
herstelle, wenn es sich ergibt.

Im Unterschied zu einem Agenten muss man sich nicht vertraglich an
mich als Berater binden, sondern nur bedarfsweise. Das kann eine ganz
konkrete Frage sein, die es kurz und kompetent zu klären gilt, das
kann auch ein längerer Prozess sein. Manchen Autoren, die sich nicht
dauerhaft binden möchten, kommt dies entgegen.

Roman Hocke, der Kopf der AVA international, und ich kennen uns schon
seit vielen Jahren, denn er war früher der Leiter des Weitbrecht
Verlags unter dem Dach von Thienemann. In den vergangenen zehn Jahren
hat er die 1981 von Reinhold G. Stecher gegründete Agentur unter
enormem persönlichem Einsatz gekonnt ausgebaut, weiterentwickelt und
viele namhafte Autoren lanciert, die sich auf den Bestseller-Listen
wiederfinden. Diese Entwicklung habe ich mit großem Respekt verfolgt.
Jetzt bündeln wir unsere Kompetenzen im Sinne einer
partnerschaftlichen Arbeitsteilung: Ich wähle Kinder- und
Jugendbuchprojekte, die der AVA international angeboten werden,
gezielt mit aus und mache sie gemeinsam mit den Autoren von Stuttgart
aus präsentationsreif. Alles Weitere übernimmt dann wieder Roman Hocke
mit seinem Münchner Team. Wir sind beide guter Dinge, dass die AVA
international auf diese Weise zu einer noch attraktiveren Adresse für
Kinder- und Jugendbuchautoren werden kann.


RRB/TRB: Wie umfangreich ist im Schnitt die Arbeit an einem
eingereichten Manuskript bis zur Bewerbungsreife bei einem Verlag?

SW: Das lässt sich nicht verallgemeinern und hängt ganz und gar von
der Grundlage ab, die ein Autor liefert. Manche Autoren sind in der
Lage, hervorragende Exposés für ihre eigenen Projekte zu schreiben,
andere benötigen dabei eben mehr Unterstützung. Ich habe lange genug
auf der anderen Seite des Schreibtisches gesessen und weiß, worauf es
ankommt.


RRB/TRB: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

SW: Von Alltag kann glücklicherweise überhaupt keine Rede sein! Nach
zwanzig Jahren im Verlag kam ich mir manchmal wie ein altgedientes
Zirkuspferd vor - immer im Kreis rum, ein Frühjahrsprogramm, ein
Herbstprogramm, ein Frühjahrsprogramm, ein Herbstprogramm 
Jetzt ist
jeder Tag anders und voller Überraschungen, und ich hoffe, dass sich
auch dauerhaft keine lähmende Routine einstellt. Die Vielseitigkeit
meiner Aufgaben sollte mich davor bewahren. Viel Beratung läuft per E-
Mail oder am Telefon ab. Am spannendsten sind jedoch die Einzel-
Workshops, die ich zwecks Orientierung oder (Neu-)Positionierung
anbiete. Dabei klinken sich die Autoren und ich fünf, sechs Stunden
aus und entwickeln eine individuelle, maßgeschneiderte Strategie für
den jeweiligen Autor.


RRB/TRB: Arbeiten Sie noch als Übersetzer?

SW: Das Übersetzen der Elmar-Bilderbücher von David McKee war immer so
eine Art Hobby, das ich mir am Wochenende neben der Verlagsarbeit
geleistet habe, ganz einfach weil es mir Spaß macht. Wenn es sich
ergibt, bin ich auch für andere Übersetzungsaufträge offen. Ein
Kinder- oder Jugendbuch würde mich schon sehr reizen 



RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Autor aus?

SW: Ich glaube, ein Autor ist dann ein guter Autor, wenn er
tatsächlich etwas zu erzählen hat und es versteht, seine Leser zu
fesseln. So einfach, so schwer 



RRB/TRB: Welchen Roman (welche Zeitschrift, Kurzgeschichte, welches
Sachbuch ...) lesen Sie gerade? Was hat Sie am stärksten beeindruckt?

SW: Während meiner Auszeit, in der ich nicht nach Santiago de
Compostela gewandert bin, sondern u. a. das Konzept für meine
Autorenberatung entwickelt habe, habe ich meterweise Romane gelesen -
all die, für die ich nie Zeit hatte ("Middlemarch"!) oder was ich
schon immer einmal wiederlesen wollte ("Das Parfüm"). Sehr viel aus
dem Diogenes Verlag, dessen Programm ich sehr schätze, weil die
Qualität stimmt und die Mischung aus U und E gelingt. Besonders
inspirierend fand ich "Lustig ist das Verlegerleben. Briefe von und an
Daniel Keel", ein Buch, das sich alle Verleger unters Kopfkissen legen
sollten, dessen Lektüre sich aber auch auf Autoren motivierend
auswirken kann. Denn wenn man weiß, was man will, geht?s mit etwas
Glück - und sei der Markt auch noch so verrückt.


RRB/TRB: Hätten Sie sonst noch einen Rat für angehende Autoren und
Autorinnen?

SW: Patentrezepte gibt es nicht. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.
Generell kann ich allen Autoren nur empfehlen, sich schlau zu machen
und sich in allen Bereichen schriftstellerischen Schaffens zu
professionalisieren. Das ist freilich noch keine Erfolgsgarantie, aber
zumindest ein erster Schritt, um dem Glück auf die Sprünge zu helfen.


RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview.


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UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:
---------------------------------------------------------------------
Bitte schickt den ExpertInnen nur Fragen zu ihrem Expertenthema -
keine Manuskripte zur Beurteilung.

Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst
kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird.


Drehbuch: Oliver Pautsch
                            drehbuch at experte pt autorenforum pt de
Fandom: Thomas Kohlschmidt
                              fandom at experte pt autorenforum pt de
Fantasy: Stefanie Bense
                             fantasy at experte pt autorenforum pt de
Heftroman: Arndt Ellmer
                           heftroman at experte pt autorenforum pt de
Historischer Roman: Titus Müller
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Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik
                          kinderbuch at experte pt autorenforum pt de
Kriminalistik: Kajo Lang
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Lesungen: Rüdiger Heins
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Lyrik: Martina Weber
                               lyrik at experte pt autorenforum pt de
Sachbuch: Gabi Neumayer
                            sachbuch at experte pt autorenforum pt de
Schreibaus- und -fortbildung: Uli Rothfuss
                         fortbildung at experte pt autorenforum pt de
Schreibgruppen: Ute Hacker
                      schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de
Schreibhandwerk: Ute Hacker
                     schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de
Sciencefiction: Andreas Eschbach
                            sf-autor at experte pt autorenforum pt de
Übersetzung: Barbara Slawig
                       uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de
Verlagswesen: Bjørn Jagnow
                        verlagswesen at experte pt autorenforum pt de

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
.................
Experten-Special:
.................

Bjørn Jagnow hat seine über 80 Fragen und Antworten zu den Themen
Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten Jahre gesammelt
und in einem Buch zusammengefasst - thematisch sortiert und
aktualisiert:

Björn Jagnow: "Fragen und Antworten zu Urheberrecht, Verlagswesen und
Vermarktung", 2009, 188 Seiten, 10,00 Euro, Edition Octopus


*********************************************************************
FRAG DEN EXPERTEN FÜR VERLAGSWESEN:
---------------------------------------------------------------------
         Bjørn Jagnow (verlagswesen at experte pt autorenforum pt de)


Frage:
Ich habe ein  Buch [...] geschrieben, das fast ausschließlich aus
Passagen aus Büchern, Nachrichten, Zeitschriften, Zeitungen, Internet
etc. besteht (maximal 15 geschriebene Zeilen) [...]. Pro Tag des
Jahres gibt es einen Beitrag, 365 insgesamt. Die meisten davon sind
mit einem persönlichen Kommentar von mir versehen, um den Inhalt zu
erklären, vertiefen, zur Diskussion anzuregen. [...]

Meine Frage ist, ob ich für jeden "Fremdbeitrag" die Genehmigung des
Verlages, der Zeitung etc. einholen muss, wenn ich ihn in meinem Buch
veröffentlichen will. Die genaue Quellenangabe habe ich jedem Beitrag
beigefügt, so dass der Leser weiß, woher der Inhalt stammt, und sich
bei Interesse auch das jeweilige Buch besorgen oder eine interessante
Zeitschrift abonnieren kann.



Antwort:
Ja, Sie benötigen für jede Textpassage, die Sie nicht selbst
geschrieben haben, eine Genehmigung.

Es ist zwar erlaubt zu zitieren, allerdings nur im unbedingt nötigen
Umfang (d. h. so wenig wie möglich) und nur dann, wenn Ihre Arbeit nur
zu Bruchteilen aus Zitaten besteht. Eine Arbeit aus anderen Quellen
"zusammenzuzitieren", ist nur mit Genehmigung möglich.

++++++++++

Nachfrage:
Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass solche
Genehmigungen erteilt werden? Schließlich wäre das ja auch eine Form
der Werbung / des Marketings, die Leute sollen ja angeregt werden,
durch einen "Appetithappen" Lust auf mehr zu bekommen. Vielleicht
können Sie mir noch sagen, an wen (Abteilung) ich eine solche Anfrage
in den Verlagen senden müsste.


Antwort:
Ich vermute, dass die Verlage dies weniger als Werbung denn als
Lizenzgeschäft sehen und erwarten, dass Sie dafür Geld bezahlen. Die
richtigen Ansprechpartner wären daher auch im Lektorat bzw. in der
Lizenzabteilung zu finden. Wenn es um kostenlose Verwertung geht, wird
die Wahrscheinlichkeit, alle Genehmigungen zu erhalten, vermutlich
stark in sich zusammenfallen.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Bjørn Jagnow ist Schriftsteller, Verlagsfachwirt, Verlagskaufmann und
Buchhändler (http://www.bjoernjagnow.de/). Sein Fantasy-Thriller
"Wilde Jagd" ist als kostenloses PDF lieferbar (http://nbn-
resolving.de/urn:nbn:de:0062-wildejagd1-8).



*********************************************************************
FRAG DEN EXPERTEN FÜR KINDERBUCH:
---------------------------------------------------------------------
         Michael Borlik (kinderbuch at experte pt autorenforum pt de)


Frage:
Seit vier Jahren arbeite ich an einem Stoff für ein fantastisches
Kinderbuch. [...] Zu meinem Erschrecken stellte ich fest, dass es
jetzt einen Kinofilm gibt, der genau dieses Thema beinhaltet, über das
ich mein Kinderbuch schreiben will. Was soll ich nun tun? Kann ich
mein Buch jetzt vergessen? Ist der Stoff für alle Zeiten "vergeben"?

Mein Buch ist in einigen Punkten anders, aber vom Thema her ist es
genau gleich. Nun meine Frage: Was soll ich machen? Kann ich u. U.
etwas warten und dann mit dem Thema rauskommen?



Antwort:
Natürlich gibt es in vielen Büchern ähnliche Grundthemen. Wichtig ist,
dass Sie auf neue, originelle Weise an das Thema herangehen und sich
nicht an dem bereits existierenden Film/Buch orientieren.
Beispielsweise können Sie eine besondere Erzählstimme wählen, indem
Sie die Geschichte aus dem Blickwinkel einer ungewöhnlichen Hauptfigur
schildern. Arbeiten Sie die Unterschiede Ihrer Geschichte zu der
bereits existierenden heraus. Diese Unterschiede geben Ihrer Erzählung
letztendlich die besondere Note. Sollte dies nicht möglich sein oder
die Übereinstimmungen zu groß, empfehle ich Ihnen, sich einem neuen
Projekt zuzuwenden und das "alte" zunächst ruhen zu lassen.

                  **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Michael Borlik, 1975 geboren, ist freier Schriftsteller, der bereits
über 30 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht hat. Mehr Infos zu
seinen Büchern unter http://www.borlik.de.


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Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen
und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit
getrennter Mail kommt
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Einsendeformalien:
Einsendungen sind zu allen Rubriken von autorenforum.de - nach
Rücksprache - erwünscht. Das Urheberrecht verbleibt bei der Autorin
bzw. beim Autor.

Einsendungen bitte im RTF-Format und per E-Mail, und zwar an:
beitrag at team pt autorenforum pt de.

Fragen zu Einsendungen sollten ebenfalls an diese Adresse gerichtet
werden.

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                      I M P R E S S U M
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Herausgeber:
 Ramona Roth-Berghofer public.relations at team pt autorenforum pt de
 Gabi Neumayer                redaktion at team pt autorenforum pt de
 Stefan Schulz                     webmaster at autorenforum pt de
 Thomas Roth-Berghofer
                  Thomas.Roth-Berghofer at team pt autorenforum pt de
 Jürgen Schloßmacher
                  juergen.schlossmacher at team pt autorenforum pt de
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