Ausgabe 21-07 (20. Juli 2019)

   Editorial
   Hall of Fame
   Neues aus der Buchszene
   Schreib-Kick
     „Schreibtisch aufs Lieblingsgenre ausrichten“
     von Nora-Marie Borrusch
   Alte Schätze
     „Gekonnt Szenen machen“     
     von Iris Leister
   Impressum

EDITORIAL 

Liebe Autorinnen und Autoren,

auch die Tempest-MitarbeiterInnen brauchen mal Urlaub, darum gibt es diesmal Tempest light. (Macht also überhaupt nicht dick!) Trotzdem gibt es allerhand zu entdecken in dieser Ausgabe: 

Einen wunderbaren Schreibkick der etwas anderen Art stellt Nora-Marie Borrusch vor, es gibt zahlreiche neue Ausschreibungen und News aus der Buchszene. Und in unserer (Achtung: Zungenbrecher!) Rückblick-Rubrik „Alte Schätze“ gibt es einen Schreibkurs zur Szenengestaltung von Iris Leister zum Wiederlesen - noch genau so nützlich wie vor zehn Jahren!

Der Tipp des Monats, diesmal von www.writingforward.com/blog:

Focus on building tension, then give it a snap.

Kommt gut durch den Sommer, und schreibt uns mal was!

  Gabi Neumayer
  Chefredakteurin

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Und wer nicht überweisen möchte, kann uns den Beitrag auch weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des Tempest). 


ISSN 1439-4669 Copyright 2019 autorenforum.de. Copyright- und Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe


INHALT DIESER AUSGABE

TEIL 1

   Editorial
   Hall of Fame
   Neues aus der Buchszene
   Schreib-Kick
     „Schreibtisch aufs Lieblingsgenre ausrichten“
     von Nora-Marie Borrusch
   Alte Schätze
     „Gekonnt Szenen machen“     
     von Iris Leister
   Impressum


TEIL 2 (in separater E-Mail, falls ebenfalls abonniert)

   Veranstaltungen
   Ausschreibungen
   Publikationsmöglichkeiten
     mit Honorar
     ohne Honorar
   Seminare
   Messekalender


HALL OF FAME (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Die „Hall of Fame“ zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest. Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst - dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen können.

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!) nach diesem Schema:

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AutorIn: „Titel“, Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-Adresse.

.......

Ein Beispiel (!):

Johanna Ernst: „Der Fall der falschen Meldung“, Hüstel Verlag 2015, Mystery-Thriller. Dann noch 60 Zeichen - und keins mehr! Inklusive Homepage!

.......

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen. 

ACHTUNG!

Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen muss, Lektorat bezahlt o. Ä.

Schickt eure Texte unter dem Betreff „Hall of Fame“ an die Redaktion

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten. Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt! 


Gerd Zipper: „Stumme Qualen“, Prolibris Verlag 2019, Schwäbisch Gmünd-Krimi. www.prolibris-verlag.de


NEUES AUS DER BUCHSZENE (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)


Wir leben in turbulenten Zeiten, die Buchbranche ist in Bewegung wie nie zuvor. Ob es nun um neue Vertragsbedingungen mit Amazon geht, die zunehmende Digitalisierung des Marktes oder all die neuen Chancen und Möglichkeiten, die sich Verlagsautoren und professionellen Selfpublishern bieten: Eine Nachricht jagt die nächste. Damit ihr den Überblick behaltet und nichts Wichtiges verpasst, fassen wir hier alle interessanten Links zusammen, die uns jeden Monat ins Auge fallen - natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.


Buchhandel / Zwischenhandel


Übergangsfrist bei Büchersendungen. Umstellung bei Portomaschinen dauert.

Nach Insolvenz will KNV wieder wachsen.

Übergangsfrist bei Büchersendungen: Es hakt in Postfilialen.

Ermäßigte Umsatzsteuer für E-Books: Was das für Selfpublisher und Verlage bedeutet.

Büchersendung: Schonfrist bis Jahresende.

Zur KNV-Übernahme durch die Berliner Zeitfracht Gruppe: „Planungssicherheit für Verlage und Buchhandlungen.“

Die Verlage sind schlimmer als Bundesliga-Vereine.

Buchhandlungen lieben, bei Amazon kaufen: Warum machen wir das?

Karin Schmidt-Friderichs wird Börsenverein-Chefin.

Buchtage 2019: Die Branche geht mit der Zeit – und ist optimistisch.


Verlage / Konzerne


Gmeiner-Verlag übernimmt Leda-Verlag.

Bastei Lübbe schreibt wieder schwarze Zahlen.

Folge des Handelskriegs: Christliche Verlage warnen vor „Bibel-Steuer“.

Book meets Film beim Filmfest München: Verlage hoffen auf Verfilmung.

Positive Überraschung: Bastei Lübbe erzielt mehr Umsatz als gedacht.

„Hauptsache Lesen“: Neue E-Books aus dem Harry-Potter-Universum.

Neuer Zukauf: Anaconda Verlag reiht sich bei Random House ein.


Rechtliches / Politik / Gesellschaft


Deutsche Welle beschwert sich über Journalisten-Studie.

Männer wegen illegaler Buchplattform angeklagt.

Eigentum im Netz? Von wegen: Probleme mit Lizenzen für E-Books.

Politische Einmischung in Literaturhäuser: Georgischer PEN kritisiert Regierung.

Macht von Amazon, Facebook & Co. steigt: Bundeskartellamt greift ein.

Wer braucht schon Meinungsfreiheit? Immer mehr Staaten blockieren das Internet.


Kultur / Literaturszene


„Die den Skandal nicht scheuen“: Weibliche Stimmen in der französischen Literatur.

Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde hilft Menschen mit Sehstörungen.

Der langjährige Programmleiter Martin Hielscher gibt Einblick in seine Arbeit bei C. H. Beck.

Als die Russen Fallada zum Bürgermeister machten.

Auf dem Gipfel der Literatur: Als Francesco Petrarca den Mont Ventoux bestieg.

Ein Mann mit vielen Talenten: Bernhard Schlink wird 75.

Ein Rückblick auf den Bachmannpreis 2019.

Figuren mit Knollnasen: Argentinischer Zeichner Guillermo Mordillo ist tot.

„Eine Frau in Berlin“: Historiker zweifeln an der Echtheit des Tagebuchs.

Als Cervantes in der Schlacht von Lepanto kämpfte.

Autor von „Die kleine Raupe Nimmersatt“: Eric Carle wird 90.

Einsam, aber nie allein: Wie Franz Czernin aus der Dichtung schöpft.


LiteraturagentInnen


„Es ist unser Job, aggressiv zu sein.“ Andrew Wylie gilt als der mächtigste Literaturagent der Welt. 


Preise / Wettbewerbe 


„Wissensbücher des Jahres“: Bild der Wissenschaft lässt seine Leser erneut abstimmen.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Strigl und Macho erhalten Preise.

Literaturpreis für Lyrikübersetzungen geht an Theresia Prammer.

Celan-Preis für Übersetzungen für Annette Kopetzki.

Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung: Miku Sophie Kühmel ausgewählt.

Gewinner ausgezeichnet: Diese Reporter erhalten den Theodor-Wolff-Preis.

Vorlesewettbewerb des Börsenvereins: Anton Naab ist der beste Vorleser Deutschlands.

Birgit Birnbacher gewinnt den Bachmannpreis 2019.

Ehrung durch Börsenverein: Goldene Nadel für Sambeth und Ulmer.


Messen / Veranstaltungen


Trend folgen: Auf der Frankfurter Buchmesse 2019 können Bücher schon Samstag gekauft werden.

Europäische Literaturtage 2019: „Was ist ein gutes Leben?“

Donna Leon kommt zum Krimifestival Erfurt.

Zwischen Frankfurt und Leipzig: „Buchmesse Saar“ muss sich ab 2020 behaupten.


Amazon


Amazon ändert seine Geschäftsbedingungen zugunsten der Händler.

Onlinehändler müssen nicht zwingend per Telefon erreichbar sein.

Amazon wird 25: Die Erfolgsgeschichte des einstigen Online-Buchladens.


Digitalisierung


Microsoft stellt die Buchsektion seines App-Stores ein.

Bonnier’s BookBeat Announces a 24-Market European Expansion.

Amazon und Co.: Techkonzerne sollen ihre Nutzerinformationen offenlegen.

Survey: Springer Nature shares what authors have to say about open access.


International


Zensur in China: Verlage müssen Nischen zum Publizieren nutzen.

Der slowenische Verlag „Stripburger“ macht Comic-Kunst.

„Book ripper“: Someone in Kent vandalises library books – and he's still on the loose.

A different kind of customer: How babies choose books.

With Netflix changing film landscape: Are there still books too difficult to adapt?

Here we go again: The novel is dead, supposedly – but it's only the same old tattle.

Refugee tales and migration – four books that help us understand a crisis.

Success, but no money: What it is like as a midlist author.

An unlikely path to success: The story of how „Catch-22“ became a classic.

US poet laureate: Joy Harjo is the first Native American to hold the position.


SCHREIB-KICK (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)


Der Kick des Monats, diesmal von Nora-Marie Borrusch:

Schreibtisch aufs Lieblingsgenre ausrichten 

Sofern man ein Lieblingsgenre hat, in dem man meistens schreibt, und dazu einen festen Arbeitsplatz, zum Beispiel den Schreibtisch, kann man diesen auf sein Genre ausrichten, um sofort bei Schreibbeginn in die richtige Stimmung zu kommen.  Ein paar Beispiele: 

Fantasy. Zunächst ist alles aus Holz. Verschiedenste Bücher stapeln sich in, auf und unter Regalen. Eine Buchstütze, die wie ein alter Globus aussieht. Verschiedene kleine Gegenstände, die vielleicht den Gnomen gehören könnten, die in den Steckdosen hausen. Ein Stapel Papier und, wer es ganz altmodisch mag, vielleicht sogar eine Schreibfeder und Tinte, um sich Notizen zu machen. 

Science-Fiction. Eine Schreibtischplatte aus Glas, in der man sich ein riesiges Touchpad vorstellen kann. Roboterhafte, gleichmäßige Anordnung aller Gegenstände im Schreibtischbereich. Bücher sind dort eher nicht zu finden, sondern vielleicht noch ein Handy und ein Tablet und künstlich hergestelltes Schreibgerät, vielleicht ein Block mit Plastikeinband und Kulis oder Textmarker. 

Kinderbuch. Möglichst verspielt und bunt. In einer Ecke könnte eine Sammlung an Steinen, Murmeln oder Muscheln liegen, die jeden Fünfjährigen neidisch machen würde (und durch die man auch als Erwachsener mal seine Finger gleiten lassen kann). 

Horror. Schon die Schreibtischplatte kann schwarz sein. Vielleicht sitzt auf einer Ecke etwas Haariges (eine Kuschelspinne zum Beispiel), und es finden sich mysteriöse Bücher, die sich nicht öffnen lassen, und vielleicht auch ein Glas mit einer dunklen, undefinierbaren Flüssigkeit. 


ALTE SCHÄTZE (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)


„Gekonnt Szenen machen“

von Iris Leister

Diesen Artikel beginne ich mit einem Turbowerkzeug zum Überarbeiten von Szenen. Ungewöhnlich, zugegeben. Aber das gibt mir die Gelegenheit, die Grundprinzipien einer Szene Punkt für Punkt zu erklären. Unabhängig davon, ob es sich um eine Prosa- oder eine Filmszene handelt. Die Übung heißt „Szenenvisitenkarte“ und ist ein echtes Präzisionswerkzeug beim Überarbeiten.
 

Die Szenenvisitenkarte

Schreiben Sie entweder zunächst eine beliebige Szene aus Ihrem Werk einfach herunter, oder nehmen Sie sich eine bereits geschriebene Szene vor. Erstellen Sie jetzt die Visitenkarte der Szene, indem Sie die folgenden Punkte schriftlich beantworten (Näheres dazu gleich): 

1. Logline der Szene.
2. Was sagt der Protagonist / die Protagonistin der Szene, um sein / ihr Ziel zu verfolgen?
3. Was tut er / sie, um sein / ihr Ziel zu verfolgen?
4. Wie bzw. wodurch treibt die Szene den Plot voran?
5. Überarbeiten: Versuchen Sie dort, wo es möglich ist, den Dialog durch Handlung oder Anzeichen zu ersetzen.

Während die ersten vier Punkte eine Bestandsaufnahme Ihrer Szene sind, ist Punkt fünf eine Handlungsanweisung. 
 

Die Logline 

Zuerst verlangt die Übung eine Logline. Das ist der Inhalt einer Szene (oder eines Plots) in ein bis zwei knappen Sätzen. Hier ein ganz profanes Beispiel: „Anton möchte, dass Beate ihm beim morgendlichen Frühstück die Butter reicht.“

Wer eine knackige Logline für seine Szene formulieren kann, hat bereits die Grundlage dafür geschaffen, dass sie spannend, konfliktgeladen und fokussiert ist. Wer das nicht kann, muss herausarbeiten, worum es genau in seiner Szene geht.
 

Ziel, Strategie und Konflikt

Punkt zwei fragt danach, was der / die Protagonist/in sagt, um ihr Ziel zu erreichen. Dass es ein Ziel gibt, eine Figur also etwas will, ist wichtig, weil dieses Ziel den Spannungsbogen der Szene ausmacht. Was eine Szene für den Leser oder Zuschauer spannend macht, ist nämlich exakt die Frage, ob eine Figur bekommen wird, was sie will. – Selbst wenn es wie in unserem Fall einfach nur das Reichen der Butter ist. 

Damit hängt ganz eng zusammen, wie und wodurch, also mit welcher Strategie die Figur ihr Ziel erreicht. Ziel und Strategie sind zentrale Fragen in einer Szene. Sie führen uns direkt zum Thema Konflikt. Der Konflikt gibt der Szene Dynamik. Wenn z. B. Anton nun die Butter will, Beate sie aber nicht herüberreichen möchte oder sie sie ihm wortlos hinknallt, haben wir einen Konflikt. Prompt ist unsere Aufmerksamkeit geweckt. Wir fragen uns, was zwischen den beiden los ist und wie Anton sein Ziel trotzdem erreicht. 

Der Konflikt ist deswegen so wichtig, weil nur er den Figuren die Gelegenheit gibt, zu zeigen, was in ihnen steckt. Und damit sind wir bei der Frage nach der Strategie, also wie und womit eine Figur versucht, ihr Ziel zu erreichen. 
 

Der Dialog: Verbale Strategien

Meistens lösen wir Autoren das durch Dialog, die so genannte verbale Strategie. Wahrscheinlich, weil wir diese Art der Konfliktlösung aus unserem Alltagsleben kennen. Es wird geredet, argumentiert, manchmal ein bisschen geschrieen, möglicherweise gedroht oder geschmeichelt, vielleicht sogar gelogen – um nur einige verbale Strategien zu nennen. Wir können uns also sehr gut vorstellen, dass Anton um die Butter bittet und Beate daraufhin sagt, er solle sie sich selbst holen und sie habe nun endgültig genug von Antons Um-die-Häuser-Zieherei, woraufhin ein Wort das andere ergibt.
 

Wortlos: Nonverbale Strategien

Punkt drei der Liste vom Anfang fragt danach, ob die Figur in der Szene auch nonverbale Strategien anwendet, um ihr Ziel zu erreichen. Das müssen keine Rambostrategien wie das Türeneintreten sein. Ignorieren, sich zurückziehen, jemanden bestechen oder verführen, um das Ziel zu erreichen, sind ebenfalls nonverbale Strategien. Nonverbale Strategien sind Gold wert. Warum, darauf komme ich noch.

Statt Beate zu fragen, ob er die Butter haben kann, könnte Anton einfach mit dem Messer gegen das Butterschälchen schlagen. Oder sich demonstrativ verrenken, um dran zu kommen. Beate wiederum könnte ihn ignorieren, die Butter demonstrativ in den Kühlschrank stellen, sie gegen die Wand werfen usw. 
 

Reden ist Silber, Handeln Gold

Jede der genannten nonverbalen Strategien würde etwas ganz anderes über den Charakter der Figur aussagen, sie aber gleichzeitig sehr viel plastischer beschreiben, als ein Dialog das kann. Wer gut über seine Figuren Bescheid weiß, findet deren nonverbale Strategien und kreiert wesentlich dreidimensionalere Figuren, als wenn sich diese nur unterhalten. Deswegen sind nonverbale Strategien Gold wert.

Eine wichtige Steigerung der nonverbalen Strategie ist etwas, das ich als „vor vollendete Tatsachen stellen“ bezeichnen möchte. Aber dazu später mehr. Hier zunächst der Hinweis auf ein weiteres ebenfalls höchst wertvolles, nonverbales Hilfsmittel: das Anzeichen. Anzeichen sind verräterische Details, die den inneren Zustand einer Figur offenbaren. Die Figur sagt nicht, dass sie nervös, absolut selbstsicher, noch angetrunken vom Abend vorher o. Ä. ist, sondern man benutzt Anzeichen dafür: Sie kann Nägel knabbern, sich völlig lässig auf einen Stuhl fallen lassen, sich als Erstes einen Cocktail aus Rollmöpsen und Tomatensaft bereiten und dabei versehentlich die Milch ausschütten, und dergleichen mehr. 

Wie eine nonverbale Strategie geben Anzeichen einer Figur Dreidimensionalität und verringern die Last des Dialogs.
 

Was gibt’s Neues?

Zu Punkt 4: Eine Szene funktioniert nur dann, wenn die Leser oder Zuschauer in ihr eine neue, wichtige Information zur Figur oder zum Plot erhalten. Um sie bei der Stange zu halten, platziert man diese Information am Ende der Szene. 

Ist keine neue Information vorhanden, wirkt die Szene langweilig. Solange sie nicht mit einer neuen Information aufgeladen werden kann, muss sie gestrichen werden. Auch wenn es die Lieblingsszene ist. 
 

Unmerklich künstlich und deshalb dramatisch

Nun zu Punkt 5. Sowohl die literarische als auch die Filmszene sind keine Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine hochkonzentrierte, kunstvoll dramatisierte Simulation derselben. Genau darauf zielt die Handlungsanweisung, den Dialog wo immer möglich durch Handlung oder Anzeichen zu ersetzen. 

Handeln und Anzeichen machen Figuren automatisch unverwechselbar, weil wir erfahren, über welches Arsenal an Verhaltensweisen sie verfügen bzw. nicht verfügen. Und sie schärfen den Konflikt. Hier schließt sich der Kreis zu den vollendeten Tatsachen, die ich unter Punkt drei genannt hatte. Im Fall von Anton und Beate könnte das z. B. so aussehen, dass sie, anstatt die Buttersituation in einen verbalstrategischen Ehekrach über Antons Beziehungsunfähigkeit münden zu lassen, den Raum verlässt, seine Koffer gepackt hat. Oder den Schlüsseldienst anruft, der die Schlösser austauschen soll. Wie wird Anton nun handeln? Eine spannende Frage, die viel über die Beziehung der beiden und seine Charaktereigenschaften verrät. 

Vor vollendete Tatsachen stellen, das bedeutet, den Konflikt kunstvoll zu dramatisieren und dadurch eine Figur zum Handeln und damit zum Offenlegen ihrer Strategien zu zwingen, wodurch sie unverwechselbar und lebensecht wird.
 

Fazit, aber noch kein Schluss

Ziel, Strategie, Konflikt und das Ersetzen von Dialog durch Handlung sind zentrale Handwerkszeuge zum Schreiben packender Szenen mit dreidimensionalen Figuren. 
 

Zum Schluss 

Vergessen Sie alles, was ich bis hierhin geschrieben habe. 

Schreiben Sie stattdessen Ihre Szenen einfach herunter. Ganz instinktiv. Ohne nachzudenken. Und dann, ja, dann gehen Sie mit Ihrer Szene zurück zum Anfang dieses Artikels. Da wird nämlich ein Werkzeug zur Überarbeitung von Szenen vorgestellt. Ein Präzisionswerkzeug, mit dessen Hilfe Ihre Szenen und die Figuren darin zu strahlen beginnen.

                     **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**

Iris Leister ist freie Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben. Sie lernte Drehbuchschreiben in Hollywood, schrieb Hörspiele, einen Roman und viele auch preisgekrönte Kurzgeschichten. 2016 gewann sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi. Sie ist Mitautorin des Brockhaus Ratgeber Kreatives Schreiben und liebt es, ihr Wissen in Artikeln und Workshops zu teilen. Iris-Leister.de

 


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Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, den ihr separat abonnieren müsst.


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