Ausgabe 10-05 (20. Mai 2008)

Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lese-Tipp
Autorenwissen
   "Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern"
   von Jennifer Schreiner
   "Woher weiß man, ob das Manuskript
   zum Veröffentlichen taugt? - Teil 2"
   von Stefanie Bense
Vier Seiten für ein Halleluja
   "Edge Impact" (Teil 2 des Lektorats)
   Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Buchbesprechung
   "Wie Romane entstehen"
   besprochen von Elke Bockamp
Interview mit Markus Stromiedel
Erfahrungsbericht
   "Feenfleiß und Drachenschweiß:
   Die Entstehung eines Märchenbuchs"
   von Petra Hartmann
Besondere Lesungen
   "Märchenlesung im Hexenhäuschen"
   von Elvira Reck
Frag die Expertin für Lyrik
   (Martina Weber)
EDITORIAL:  
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Liebe Autorinnen und Autoren, 

nach meiner ausführlichen Anleitung für die Meldungen in unserer "Hall  
of Fame" haben sich im letzten Monat fast alle daran gehalten - die  
anderen finden ihren Eintrag, wie angekündigt, hier nicht wieder. 

Da es immer mehr Verlage gibt, die wir nicht alle kennen können und  
deren Politik auch aus der Website nicht immer genau hervorgeht, müs- 
sen wir euch ab sofort um einen Zusatz bei euren Meldungen bitten:  
Schreibt bitte ab sofort in eure Mail mit der Meldung immer auch hin- 
ein, dass ihr bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenver- 
lag noch in einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor etwas be- 
zahlt hat! 

Draußen explodieren die Knospen, und auch der neue Tempest platzt aus  
allen Nähten (Achtung, Metaphernpolizei!) vor spannenden Beiträgen.  
Stefanie Bense klärt im zweiten Teil ihres Artikels unter anderem dar- 
über auf, was "veröffentlichungsreif" konkret heißt. Jennifer Schrei- 
ner gibt Tipps für Lesungen mit Pfiff. Hans Peter Roentgen liefert den  
zweiten Teil seiner Analyse eines Lesertextanfangs. Von Freud und Leid  
einer Herausgeberin berichtet Petra Hartmann. Elke Bockamp hat einen  
Schreibratgeber für uns rezensiert. Eine neue besondere Lesungsidee  
liefert Elvira Reck. Unsere HerausgeberInnen haben Markus Stromiedel  
interviewt. Und unsere Lyrikexpertin Martina Weber antwortet auf eine  
Frage, die sicher viele LyrikerInnen bewegt. 

Der Tipp des Monats Mai, diesmal von Jana Kutzschbauch: 

     Um einen Text besser Korrektur lesen zu können,  
     sollte man eine andere Schriftart und -größe verwenden  
     und ihn dann ausgedruckt(!) lesen.  
     Durch das ungewohnte Format entdeckt man leichter Fehler,  
     die man sonst schnell übersieht. 

Die Lostrommel ist noch geöffnet! Viele neue Tipps habe ich noch nicht  
bekommen, also sind eure Gewinnchancen gut. Schickt mir bis zum 31.  
Mai noch eure Tipps rund ums Schreiben und ums Autorendasein fürs Edi- 
torial in maximal 300 Zeichen (inkl. Leerzeichen)! (Danach natürlich  
auch, aber dann wandert euer Name erst in die Trommel für die nächste  
Verlosung.) Und jetzt: Viele neue Ideenknospen wünschen wir euch - und  
denkt beim Gang zur Bank auch mal an den Tempest, der eure Beiträge  
dringend braucht! 

  Gabi Neumayer 
  Chefredakteurin 

~~~~~~~~~~~ 
Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen  
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen  
freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt,  
aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das Konto  
von autorenforum.de: 

Sparda Bank Südwest eG 
BLZ 550 905 00 
Kto. 100 724 515 
Stichwort: "Beitrag 2008" 

Für AuslandsabonnentInnen: Am 1. Juli 2003 wurden die Auslandsüberwei- 
sungsgebühren gesenkt. Aber natürlich könnt ihr uns euren Beitrag auch  
weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des Tempest). 

Wer aus Österreich überweist, braucht außerdem diese Nummern (bitte  
genau so zusammenschreiben!) 
IBAN: DE16 5509 0500 0100 7245 15 
BIC: GENODEF1S01 

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ISSN 1439-4669   Copyright 2008 autorenforum.de. Copyright- und 
                 Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe 
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   INHALT DIESER AUSGABE: 


TEIL 1: 

      Editorial 
      Hall of Fame 
      Schreib-Kick 
      Lese-Tipp 
      Autorenwissen 
         "Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern" 
         von Jennifer Schreiner 
         "Woher weiß man, ob das Manuskript  
         zum Veröffentlichen taugt? - Teil 2" 
         von Stefanie Bense 
      Vier Seiten für ein Halleluja 
         "Edge Impact" (Teil 2 des Lektorats) 
         Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen 
      Buchbesprechung 
         "Wie Romane entstehen" 
         besprochen von Elke Bockamp 
      Interview mit Markus Stromiedel 
      Erfahrungsbericht 
         "Feenfleiß und Drachenschweiß:  
         Die Entstehung eines Märchenbuchs" 
         von Petra Hartmann 
      Besondere Lesungen 
         "Märchenlesung im Hexenhäuschen" 
         von Elvira Reck 
      Frag die Expertin für Lyrik 
         (Martina Weber) 
      Impressum 


TEIL 2: 

      Veranstaltungen 
      Ausschreibungen 
      Publikationsmöglichkeiten 
           mit Honorar 
           ohne Honorar 
      Seminare 
      Messekalender 
      Impressum 

~~~~~~~~~ 
Auf unserer Homepage gibt es mittlerweile einen praktischen Service  
für orientierungslose Tempest-LeserInnen: Inhaltsübersichten für ein- 
zelne Tempest-Jahrgänge, nach AutorInnen sortiert. Eberhard Kamprad  
(http://www.kamprad-online.de) hat freundlicherweise die aufwendige  
Arbeit übernommen, nach und nach die Verzeichnisse für alle bisherigen  
Jahrgänge zu erstellen.  

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HALL OF FAME: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 

Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.  
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -  
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen  
können. 

Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen nach diesem Schema: 

....... 
AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende  
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich  
könnt ihr in maximal 60 Zeichen inklusive Leerzeichen (nicht Wörtern!)  
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen. 
....... 

Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im Ei- 
genverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie  
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.  

ACHTUNG, NEU! 
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr bes- 
tätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in einem  
Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt hat! 

Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an  
redaktion at team pt autorenforum pt de.  

Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen  
Schema gemacht werden! 
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Kerstin Krause: "Abenteuer Pisatopia", Neverendingland 2007, Jugend- 
buch / Fantasy. Ein echter Lern-Motivator! http://www.pisa-shop.de 

Rainer Innreiter: "Sternstunden menschlichen Scheiterns", Twilight- 
Line 2008, Humor. Originelle Humorgeschichten.  
http://www.twilightline.com 

Meddi Müller:  "Der Gewürzhändler zu Frankfurt", Röschen-Verlag 2008,  
Historischer Roman. Mehr darüber unter http://www.leserun.de 

Falko Löffler: "Cademar - Günstling der Magie", Spreeside Verlag 2008,  
Fantasy. Band 1 einer Trilogie, http://www.falkoloeffler.de 

Inge Stender: "In der Schule stirbt man nicht", swb-verlag 2007, Kri- 
minalroman. Drogen, sexuelle Eifersucht; http://www.inge-stender.com 

Carmen Winter und Hermann Naehring: "Männertöne - Weiberworte", pho- 
nector 2008, CD spoken word. http://www.phonector.com  

Sabine Purfürst: "Spuren der Zeit", Turmhut-Verlag 2007, Gedichte. Mit  
Bildern von Daniela Eller. www.turmhut-verlag.de 

Erika Haid: "Ägypten. Urlaub im Land der Pyramiden", BoD 2008, Reise- 
bericht. Reisebericht mit Informationen zur Geschichte des Landes 

Martina Weber: "Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und  
veröffentlichen", 2. Auflage, Uschtrin Verlag 2008, Sachbuch.  
http://www.uschtrin.de/weber.html 

Markus Stromiedel: "Zwillingsspiel", Knaur Verlag 2008, Polit- 
Thriller. http://www.markus-stromiedel.de, www.zwillingsspiel.de 


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SCHREIB-KICK: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


Unser Schreib-Kick für den Mai, diesmal von Julia Sohnemann: 

Ich habe mir ein Notizbuch zugelegt, um meine neue Wohnung bzw. meine  
Traumwohnung zu planen. Dort hinein klebe ich alles, was mich irgend- 
wie anspricht: Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften, Fotos, Stoff- 
reste, alle anderen Materialien, die ich schön finde (zum Beispiel  
Geschenkband) und auch Gedichte und Zitate. Wenn ich in einer Wohnung  
oder in einem Restaurant war, das mir gefallen hat, dann zeichne ich  
die Einrichtung so gut es geht auf oder beschreibe sie. Dadurch wird  
einerseits meine Kreativität angeregt, und andererseits achte ich ge- 
nauer auf meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.  

Jetzt habe ich festgestellt, dass das mittlerweile schon sehr volle  
Buch auch hilft, wenn ich eine Schreibblockade habe. Ich blättere ein- 
fach ein wenig darin herum oder klebe neue Bilder ein, und meistens  
kommen dann die Ideen von allein - denn in dem Buch sind nur Dinge,  
die ich schön finde und die mich ansprechen. 


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LESE-TIPP: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/index.php?id=3: Wer  
etwas über Druckkostenzuschussverlage wissen möchte, sollte hier ein- 
mal vorbeischauen. 


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AUTORENWISSEN: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


           "Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern" 
                        von Jennifer Schreiner 

Bei vielen Autoren und Lesungen frage ich mich, ob die Schreiber dass  
extra machen. Was? Na, diese extrem langweiligen Titel.  

Die können doch nicht einfach zufällig entstehen, oder? Selbst wenn  
man kein Verkaufs- und Marketingprofi ist, kann es doch nicht so  
schwierig sein, einfach den eigenen Namen und den Texttitel zu nehmen  
und dazu ein paar werbewirksame Zeilen zu schreiben. Stattdessen ent- 
steht leider oft der Eindruck: Lesung pur = Langeweile pur. 

Natürlich muss das nicht so sein, dass die Lesung langweilig ist  
(selbst wenn der Titel das glauben macht), aber wissen das die poten- 
tiellen Zuhörer? Nein! Woher denn auch? Oder wie Dieter Nuhr sagte:  
"Ich schreibe einfach Comedy drauf, dann kommen die Leute wenigstens  
und hören mir zu." 

Natürlich soll jetzt nicht überall "Comedy" drauf geschrieben werden,  
aber wenigstens ein paar Punkte sollte jeder potentielle Vorleser  
beachten. 


          Die Vorbereitung 

Komisch, ist aber so: Auch eine Lesung muss vorbereitet werden. 

Man sollte meinen, dass Autoren ihre Texte kennen und lesen können.  
Entweder vergessen viele Autoren diese Tatsache manchmal, können  
schreiben, aber nicht lesen, oder sie sind einfach mangelhaft vorbere- 
itet oder nervös. Merke: Nur wirklich, wirklich talentierte Leute kön- 
nen aus dem Stegreif vorlesen. 

1. Textstelle suchen (der Zielgruppe entsprechend, möglichst lustig  
und spannend, in sich geschlossen) 
2. Lesezeit stoppen 
3. Betonung üben 
4. Gesten anpassen 
5. eventuell Probezuhörer einladen 


          Wie kann man eine Lesung interessant gestalten? 

Nichts davon ist ein Muss, aber alles ein Kann. Zuhörer werden positiv  
eingestimmt und werden von der Lesung berichten (zumindest von dem  
Aufwand, der getrieben wurde), wenn man zum Beispiel so etwas macht: 

- Mit mehreren Autoren lesen 
- Raumdeko (an das Genre anpassen) 
- Licht (an das Genre anpassen) 
- die eigene Optik (an das Genre anpassen) 
- Stimmung (z. B. Kerzen, Nebel) 
- Bilduntermalung (z. B. Computer) 
- Musikuntermalung (Vorsicht: GEMA-Gebühren!) 
- auch beliebt, aber nicht leicht zu bekommen oder teuer: Livemusik,  
Feuerball-Jongleure, Feuerschlucker, Jongleure, Tänzer, Stripper 
- Gibt es Freunde, die in einer Band spielen? Musiker? Zeichner (die  
live zeichnen)? Oder könnte man sich ein Performance passend zum Text  
vorstellen? (z. B. Pantomime) 

Merke: Passender (!) Schnick-Schnack macht neugierig. 


          Die Ankündigung 

Es ist ratsam, sofern man noch nicht bekannt ist, die Lesung als einen  
Event anzukündigen und das Besondere herauszuheben; oder man sucht  
sich einen Titel (der neugierig macht) und schreibt dann "Lesung"  
drunter und gibt notwendige (und neugierig machende!!!) Informationen  
zur geplanten Lesung. 

Merke: Sex sells, Blut und Humor auch! 

Und wo kündigt man die Lesung / den Event an? Zeitungen,  
Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Homepage, passende Foren ... 


          Größere Events, Cons und Messen 

Events, Cons und Messen sind interessant, unterhaltsam und machen Spaß  
(mir zumindest). Wenn man dort eine Lesung veranstalten will, weiß man  
im Vorfeld, dass viele Autoren oder Künstler da sein werden, die eben- 
falls um die Gunst des Publikums buhlen. 

Wir sind also vorbereitet, haben einen neugierig machenden Aufhänger,  
aber immer noch kein Publikum.  

Der Veranstalter kündigt uns mit unserem Aufhänger an (im Internet,  
auf Zeit-Tafeln und im Programmheft)? Dann können wir uns noch in un- 
serem zum Genre passenden (oder sonst wie auffälligen) Outfit durch  
das Publikum bewegen, Handzettel verteilen, Plakate aufkleben (wenn  
erlaubt) und Leute anquatschen. 

Merke: Andere Autoren sind oft die schlechtesten, unwilligsten und  
ungeduldigsten Zuhörer. (Oder bin nur ich das?) 


          Die Lesung selbst 

Nervosität kann man akzeptieren. Zuhörer beißen nicht. Man kann ihnen  
auch ganz einfach die Wahrheit sagen: "Ich bin nervös." Das macht  
menschlich, und jeder kann Nervosität verstehen. Und was noch hilft:  
Kaugummi kauen und es erst kurz vor dem ersten Wort runterschlucken.  
(Ehrlich. Hat mir mein Biolehrer vor Jahren verraten.) 

Humoristische Einlagen kommen auch immer gut. Machen Sie Stand-up- 
Comedy, wenn Sie sich trauen. Erlebnisse aus dem Autorenalltag eignen  
sich immer gut dazu, sie sind oft so skurril, dass eh keiner glaubt,  
dass sie wirklich passiert sind. 

Sie kennen keine? Das glaube ich Ihnen einfach nicht! Was sagen denn  
Freunde und Eltern zu der Schriftstellerei? Oder wie waren Ihre Ver- 
lagsabsagen? Ihre ersten Lesungen? Böse Rechtschreib- und Logikfehler,  
die Sie schon gemacht haben? 

Merke: Wer auch mal über sich selbst lachen - oder berichten - kann,  
wirkt sympathisch. 

Für ihre kleinen Anekdoten und Fehler werden die Zuhörer Sie lieben,  
und Leute, die Sie lieben, kommen wieder und werden anderen Leuten von  
Ihnen erzählen. 

Gut les! 

                    **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**  

Jennifer Schreiner wurde 1976 in Gelsenkirchen geboren, ist Magister  
der Philologie, Autorin und Herausgeberin. Ihre Geschichten erschienen  
in zahlreichen Anthologien (u. a. Ubooks "Honey", Boccaccio "Wild nach  
dem Erdbeermund") und Zeitschriften (u. a. Feigenblatt-Magazin, Elfen- 
schrift). Mehr zu ihr und ihrem bissig-erotischen Vampirroman "Zwill- 
ingsblut" unter http://www.JenniferSchreiner.com. 


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AUTORENWISSEN: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


    "Woher weiß man, ob das Manuskript zum Veröffentlichen taugt?  
               Kriterien für Idee und Verkauf - Teil 2" 
                           von Stefanie Bense 

          Wie beurteilt man ein Manuskript  
          in Hinsicht auf seine Vermarktbarkeit? 

Selbst wenn alle Bekannten, Freunde und Verwandten recht haben sollten  
und deine Texte gut lesbar und spannend sein sollten, heißt das nicht,  
dass sie auch verkaufbar sind. Und das ist der Maßstab der Verlage! 

Verkaufbar - das hängt von viel mehr Faktoren als nur einem gut  
geschriebenen Manuskript ab (das allerdings vorausgesetzt wird):  

- Konkurrenz-Manuskripte: Was ist schon auf dem Markt? Was liegt beim  
Verlag an ähnlichen Stoffen zur Veröffentlichung bereit? 
- Marketingstrategien des Verlags, z. B. dass sich Verlage auf einen  
Teil des Genres spezialisieren oder dass nur Übersetzungen aus dem  
Anglo-Amerikanischen eingekauft und veröffentlicht werden 
- Vertriebsprognosen darüber, was in Zukunft gelesen wird, welche  
Stoffe der Leser in den nächsten Jahren kaufen möchte 
- Marktanalysen, z. B.: Lohnt es sich noch, auf den Zug "Tolkien- 
Epigonen" oder "Zauberschulen-Geschichten" aufzuspringen? (Nein, tut  
es nicht!) Geht er Trend zu düsterer Atmosphäre oder lichter  
Heiterkeit? 
- Risikominimierung im Verlag: Lieber ein drittes, viertes Manuskript  
von einem etablierten Autor als ein erstes Manuskript von einem Neul- 
ing, schließlich kennen die Leser den Namen des Etablierten schon 
- Kostenminimierung: Lohnt sich der Aufwand, aus dem Manuskript ein  
Buch zu machen? 

... und eine Anzahl weiterer Faktoren, je nach Verlagspolitik. 

Viele dieser Faktoren sind für Autoren nicht zu überblicken, gesch- 
weige denn einzuschätzen. Daher ist es immer noch ein Glücksspiel, ein  
Manuskript an den Verlag zu bringen. Und daher gibt es immer noch  
Autoren, denen gar nicht bewusst ist, wie sie es denn nun "geschafft"  
haben. 


          Was kann man selbst dafür tun? 

Ein Exposé verfassen, das dem Lektor den Mund wässrig macht, so dass  
er die Textprobe liest und am besten noch mehr von dem Manuskript le- 
sen will. Exposés sind eine "Literaturform" für sich, daran sitzt man  
oft viele Wochen oder Monate. Es ist ein Verkaufsargument vom Autor an  
den Lektor, und es zeigt, ob du Profi genug bist, ausreichend Abstand  
zu deinem Manuskript zu entwickeln, es zusammenzufassen und die wesen- 
tliche Geschichte herauszustellen. 

Ein Anschreiben texten, das dein Licht nicht unter den Scheffel  
stellt, aber auch weder angibt noch großsprecherisch etwas behauptet,  
was dein Manuskript nicht halten kann. Es muss zeigen, dass du etwas  
vom Schreiben verstehst und warum gerade du die Richtige bist, diese  
Geschichte zu erzählen. (Nebenbei: Schreibfehler sollten weder im An- 
schreiben noch im Exposé oder im Manuskript auftauchen. Damit machst  
du dich als Autor unglaubwürdig.) 

Sich einen Namen machen, z. B. indem man Kurzgeschichten, Artikel etc.  
veröffentlicht und / oder bei Wettbewerben gewinnt. Man kann im An- 
schreiben an die Verlage dann darauf hinweisen. Außerdem dokumentiert  
man damit, dass man keine Eintagsfliege ist, also eine Autorin, die  
nur eine einzige Geschichte zu erzählen hat. Verlage setzen auf Wied- 
erholungstäter. 
Sich NUR an jene Verlage wenden, die Fantasy veröffentlichen und zwar  
von deutschen Autoren/innen, wenn du Fantasy geschrieben hast. Nichts  
ist unprofessioneller, als das Manuskript an Verlage zu senden, die  
gar keine Fantasy im Programm haben. Wer Fantasy liest, weiß jedoch,  
welche Verlage das Genre verkaufen. Wer es nicht liest, muss sich in- 
formieren (und fragen lassen, warum er dann Fantasy schreibt). Was ist  
einfacher, als in verschiedene Buchhandlungen zu gehen und dort in der  
Fantasy-Ecke herumzustöbern? Oder sich in Verlagsprogrammen und im  
Internet zu informieren? 

Sich einen kleinen Verlag suchen, der sich noch die Mühe macht,  
vielversprechende Manuskripte mit dem Autor / der Autorin zusammen zur  
Marktreife zu bringen. Solche Verlage finden sich häufig im Internet,  
oder sie inserieren in einschlägigen Zeitschriften (Fanzines, Con- 
Berichte, Themenhefte) oder im Tempest. Verlage findet man auch in  
Nachschlagewerken wie Sandra Uschtrins "Handbuch für Autorinnen und  
Autoren". Aber Vorsicht vor Druckkostenzuschuss-Verlagen! 

Sich im Buchhandel, Internet und über Verlagsprogramme informieren,  
wer was veröffentlicht und welche Manuskripte sucht. Da helfen auch  
Interviews mit Verlegern oder Lektorinnen oder Autoren/innen, die  
erzählen, wie sie ihr Manuskript an den Verlag gebracht haben. Solche  
Interviews gibt es in Autorenzeitschriften wie "Tempest", "Federwelt",  
"TextArt" und im Internet. 

Alternativen erwägen: Selbstveröffentlichung im Eigenverlag, Book on  
Demand, ein anderes Projekt angehen, während das erste schon durch die  
Verlage kursiert. Druckkostenzuschuss-Verlage dagegen sind mit Vor- 
sicht zu genießen: Nur, wenn du viel Geld auszugeben bereit bist und  
dein Werk ohne jede Komma-Änderung gedruckt sehen willst, hat das  
Sinn. Ich persönlich bin der Meinung, dass ich keinen Verlag für eine  
Veröffentlichung bezahlen muss. Schließlich verkaufe ich ihm meine  
Ware Manuskript. 


          Was heißt das: Es passt nicht ins Verlagsprogramm? 

Einerseits haben Lektoren, Herausgeber und Verleger schlechte Er- 
fahrungen damit gemacht, den Autoren zu schreiben, warum sie die  
Manuskripte wirklich ablehnen (müssen). Daher schreiben sie häufig,  
das Angebotene passe nicht ins Programm. Sie haben nicht die Zeit, zu  
diskutieren, Autoren zu päppeln oder wieder aufzurichten, die  
Schwachstellen an Manuskripten auszubügeln, um Originalität zu bitten  
... 

Andererseits kann die Aussage auch meinen, was sie sagt: Du hast das  
Manuskript zu einem Verlag gesandt, der bereits auf Jahre sein Pro- 
gramm festgelegt hat oder z. B. keine Fantasy verlegt. Gegen Ersteres  
kann man nichts unternehmen. Auf Letzteres solltest du selbst achten. 


          Was heißt das eigentlich: Veröffentlichen? 

Es bedeutet, professionell aufzutreten, ständig Manuskripte zu  
liefern, die verkaufbar sind, und mehr zu tun, als nur zu schreiben. 

Ganz ehrlich solltest du dich Folgendes fragen: 

-> Ist mein Manuskript gut genug und professionell aufbereitet (Norm- 
seiten, einseitiger Ausdruck, Seitenzahlen, Fuß-/Kopfzeile)?  
Überarbeitungen, Selbstkritik und professionelles Auftreten kann /  
muss man lernen und üben, gegebenfalls mit Hilfe anderer. 

-> Warum will ich, dass mein Manuskript zum Buch wird?  
Wer damit groß Geld verdienen will, sollte sich auf Hungerzeiten ein- 
stellen. Wer auf Ruhm, dicke Autos und Bewunderung aller Welt aus ist,  
sollte Popstar werden. 

-> Will ich wirklich Autorin sein?  
Das bedeutet: nicht nur EIN Manuskript schreiben, sondern viele. Und  
zwar stetig. Nicht nur den Verlag machen lassen, sondern selbst mar- 
ketingtechnisch aktiv werden in Absprache mit der Marketingabteilung  
des Verlags. Nicht nur schreiben, sondern auch Zeit und Können für  
Interviews, Fans, Artikel und anderes aufbringen - sprich: öffentlich  
werden.  

Und das hat wirklich gar nichts mit der romantischen Vorstellung vom  
Autorendasein mit Sekretärin, Cabrio und Villa zu tun, wo mal eben am  
Pool der nächste Bestseller diktiert wird, oder mit der Vorstellung,  
quasi über Nacht berühmt zu werden wie J. K. Rowling (was eh nicht  
stimmt, denn Rowling hatte schon lange vorher geschrieben und auch an  
den Potter-Bänden jahrelang gearbeitet). Schreiben und Veröffentlichen  
ist harte Arbeit, wie in jedem anderen Handwerkerberuf, nur dass hier  
noch das Kreative und Künstlerische dazukommt. 

Zu all dem gibt es einige Hilfestellungen in Büchern, z. B. in: Sylvia  
Englert: So finden Sie einen Verlag für Ihr Manuskript, oder: Manfred  
Plinke: Handbuch für Erst-Autoren. 

Und nun wünsche ich euch, dass ihr eure Manuskripte erst durch die  
Mangel dreht und dann mit professionellem Auftreten an die Verlage  
weitergebt. 
                    **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~** 

Stefanie Bense lebt und arbeitet in Hannover, gibt Schreibkurse auch  
an der Uni und organisiert eine Roman-Werkstatt:  
http://www.romantisch.essdeh. Sie veröffentlicht sporadisch und  
schreibt an ihrem dritten Roman. Kontakt:  
fantasy at experte pt autorenforum pt de. 


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VIER SEITEN FÜR EIN HALLELUJA: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 

Oft können Profis schon an den ersten Seite sehen, woran ein Text  
krankt. Da wird zu viel erklärt, oder die Personen bleiben blass, oder  
der Text ist mit Adjektiven überladen oder ... 

Wenn eins dieser Probleme in eurem Text auftaucht, wird ihn ein Ver- 
lagslektor schnell beiseite legen - und ihr erhaltet ziemlich sicher  
einen der beliebten Formbriefe. Denn die Probleme, die auf den ersten  
vier Seiten auftreten, setzen sich in aller Regel im Rest des  
Manuskripts fort.  

Hier könnt ihr die Probe aufs Exempel machen. Hans Peter Roentgen, der  
professionell Schnupperlektorate (http://www.hproentgen.de) der ersten  
vier Seiten macht, bespricht für den Tempest kostenlos die ersten vier  
Seiten von Lesern. 

Also: Schickt uns die ersten vier Seiten eures Manuskripts - maximal  
7.200 Zeichen! -, und vielleicht findet ihr schon im nächsten Tempest  
unseren professionellen Kommentar dazu! In der Regel werdet ihr fest- 
stellen, dass ihr unsere Ratschläge auch für den Rest eures Textes  
verwenden könnt. Bitte schickt uns aber nur Text- oder RTF-Dateien.  
Das könnt ihr einstellen, indem ihr in Word statt "Speichern"  
"Speichern unter" anklickt und dann ganz unten den Dateityp wählt  
("nur Text" oder "RTF"). Die normalen Word-Dateien sind beliebte  
Virenträger und werden deshalb von uns nicht geöffnet. 

Der Text wird anonym im Tempest abgedruckt und besprochen (es sei  
denn, ihr wollt euren Namen dort sehen, bitte extra vermerken!).  
Außerdem werden Text und Besprechung auf den Seiten von Hans Peter  
Roentgen (http://www.textkraft.de) veröffentlicht, der dieses neue  
Angebot organisiert und selbst schon viel Erfahrung mit dem Lektorat  
der ersten vier Seiten hat. 

Welcher Text besprochen wird, legen wir fest. Die AutorInnen erklären  
sich mit ihrer Einsendung mit der Veröffentlichung einverstanden. 

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                             "Edge Impact" 
              Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen 

Die Firma hatte mir ein schönes Fahrzeug überlassen, einen dunkel- 
blauen E-Klasse-Mercedes mit Lederausstattung und Automatikgetriebe.  
Eine der kleinen Annehmlichkeiten, die Alliance Officer kostenlos zur  
Verfügung gestellt bekamen, wenn sie sich zwischen zwei Auslandsein- 
sätzen wieder einmal für kurze Zeit in der Schweiz aufhielten. Ich bin  
jetzt seit zwei Monaten aus dem Einsatz zurück. Eine kurze Zeit, wenn  
man das alles hinter sich hat, was ich erlebt hatte. Nach meinem Ver- 
trag würde mir jetzt ein Vierteljahr bezahlte Erholungspause und sogar  
zehn kostenlose Sitzungen bei einem Psychotherapeuten meiner Wahl  
zustehen. Diese Sitzungen wären eigentlich Pflicht, aber ich bin schon  
zu lange in diesem Geschäft, als dass sie mir noch etwas gebracht hät- 
ten. Es ist nicht etwa so, dass ich per se etwas gegen unsere Psy- 
chologen hätte, vor allem nicht gegen die Damen dieser Zunft, da gab  
es schon ein paar wirklich nette Mädels darunter. Aber auch die  
konnten einem nicht den ganzen Schmutz und das verkrustete Blut von  
der versteinerten Seele abwaschen. Etienne, einer meiner alten Kol- 
legen, der von jenseits der Grenze aus Frankreich stammt, erzählte mir  
bei dieser Gelegenheit einmal, er als praktizierender Katholik würde  
nach jedem dieser Einsätze zu Beichte gehen. Ihm würde das helfen, es  
ginge ihm hinterher sehr viel besser, aber der Priester müsse sich  
jedes Mal übergeben und würde leichenblass den Beichtstuhl verlassen.  
Ja, Etienne hat eine plastische Art, seine Erlebnisse zu schildern.  
Das war übrigens auch eines der wenigen privaten Gespräche, die wir in  
den sechs Jahren, die ich jetzt bei der Alliance bin, geführt hatten.  
Im Grunde waren wir alle einsame Wölfe und jeder für sich gesehen eine  
kapriziöse Primadonna. Alles ist so organisiert, dass wir uns bei der  
Arbeit nicht großartig in die Quere kommen konnten. Jeder von uns  
hatte seine eigene Region, in der er selbstverantwortlich arbeitete.  
Es war ein bisschen so wie bei einem Handelsvertreter, wenn du lange  
genug in einer Gegend zu tun hattest, dann kanntest du dort alle  
wichtigen Leute. Du wusstest Bescheid darüber, wo es gefährlich ist  
und wo du dich als Europäer besser nicht nach Einbruch der Dunkelheit  
herumtreiben solltest. So verfügte jeder der Field Officer, das war  
übrigens die offizielle Berufsbezeichnung, die in unseren Verträgen  
mit der Swiss Security Alliance AG in Genf stand und so auch einen  
ungefähren Hinweis auf die meistens militärische Vergangenheit von uns  
gab, über ein ausgezeichnetes Netzwerk lebensnotwendiger Kontakte.  
Etienne und ich, wir teilten uns den schwarzen Kontinent, er arbeitete  
bevorzugt im Norden von Afrika und ich im Süden. Am Äquator kreuzten  
sich unsere Pfade dann aber manchmal, das war aber unvermeidlich. Die  
Alliance hatte ihre Leute in der russischen Föderation, in Nord- und  
Südamerika und eben uns, die sogenannten Afrikaner. Aus den Krisenher- 
den in Afghanistan, dem Irak und dem pazifischen Raum hielten wir uns  
allerdings tunlichst heraus. Das waren die angestammten Reviere der  
großen britischen Sicherheitsfirmen, die dort ausgezeichnet vom Per- 
sonen- und Objektschutz leben.  Ich war deshalb auch nicht wenig über- 
rascht, als mich mein Chef, Guido Brunner, aus dem Urlaub zurückrief,  
um mich ausgerechnet zu einem Afghanistaneinsatz zu überreden. Guido  
war der dienstälteste und erfahrenste Profi bei der Alliance, er  
stammt aus Luzern und hatte es in der Schweizer Armee bis zum Oberst  
gebracht, ich bin dagegen, ohne einen anständigen Beruf gelernt zu  
haben, als Reservist ausgestiegen, aber immerhin auch als Oberleut- 
nant. Weiter kommst du bei uns in der Schweiz nicht, wenn du nicht  
Berufssoldat werden willst, und ich wollte nicht. 
Dieser neue Fall, mit dem mir Guido ständig in den Ohren lag, war mir  
schon aus den Medien bekannt. Fünf zivile Aufbauhelfer eines deutschen  
Industriekonsortium sind aus einem angeblich sicheren Außenbezirk von  
Kabul entführt worden, alle bis jetzt geführten Verhandlungen waren  
gescheitert. In der ganzen Bundesrepublik war dann auch niemand zu  
bekommen, der zum einen dumm genug war, um sich auf eine solches Aben- 
teuer einzulassen, und zum anderen auch noch die notwendige Erfahrung  
mitbrachte, um in einer geschlossenen, streng muslimisch geprägten  
Gesellschaft wie der afghanischen einen solchen Fall zu lösen. Das  
ganze Land wird von einer Horde bewaffneter Halunken kontrolliert, die  
seit Jahrhunderten in undurchlässigen Familienclans organisiert sind  
und vom Opiumanbau und Drogenhandel leben. Solche Stammesstrukturen  
kannte ich aus Afrika ziemlich gut, es ist derselbe Geist, dieselbe  
Sorte von Halsabschneidern, nur anstelle des Opiums ging es in Afrika   
um kostbare Bodenschätze. 
In knapp einer Stunde würde ich mehr wissen. Die Besprechung mit den  
Vertretern des Auftraggebers und den offiziellen deutschen Stellen war  
für 10:30 angesetzt.  Ich bin gerade auf dem Weg dorthin, Avenue  
Eugene Pittard 15, ein freistehendes modernes Bürogebäude am Parc Al- 
fred Bertrand, mitten in der Genfer Innenstadt, die Firmenzentrale der  
Swiss Security Alliance AG. 
Ein Illustrer Kreis war das, der sich heute in Genf treffen würde. 
Dr. Ziegler, einer der Geschäftsführer der Rheinstahl-Hutton AG, als  
Vertreter des Auftraggebers. Es waren seine Leute, die in Afghanistan  
entführt worden sind, und er stellte auch das benötigte Geld für die  
Operation zur Verfügung. Dann war da noch Generalmajor Rüdiger Brod- 
beck, der geheimnisumwitterte Chef der deutschen Spezialkräfte, mit  
Männern aus seinem Stab. Seine Aufgabe wäre die militärische  
Durchführung einer Befreiungsaktion. Nur leider saß er mit seiner  
Truppe auf dem deutschen ISAF-Stützpunkt in Mesar-i Sharif fest, weil  
ihm seine Aufklärung bis jetzt kein brauchbares Ziel liefern konnte.  
Das sollte dann wohl meine Aufgabe werden. Ich sollte Brodbecks  
Scharfschützen zum Versteck der Geiseln führen und dabei den eigenen  
Kopf möglichst tief in der Deckung halten, um nicht noch als möglicher  
Kollateralschaden in seinem Einsatzbericht unter der Rubrik zivile  
Verluste zu erscheinen. 
Dr. Ziegler war bis jetzt der einzige der Besucher, die ich schon ken- 
nengelernt hatte. Das kam auch nur daher, weil ich ihn bereits letzte  
Woche in seinem großzügigen und modern eingerichteten Büro in der 12.  
Etage der Rheinstahl-Hutton-Firmenzentrale in Frankfurt am Main be- 
sucht hatte. Ein großartiger Mann, der sich nicht damit abgefunden  
hatte, dass seine Leute in Afghanistan aufgeben werden. 
Wir unterhielten uns lange darüber, wie viel Überzeugungsarbeit und  
Nervenkraft es ihn gekostet hatte, diese Politiker im Krisenzentrum  
des Außenministers in Berlin davon zu überzeugen, dass jetzt  
entschieden gehandelt werden musste. Zu meiner großen Überraschung war  
es Generalmajor Brodbeck gewesen, auf dessen Fürsprache hin es dann zu  
unserer Beauftragung gekommen ist. Von Dr. Ziegler wusste ich auch,  
dass Brodbeck bis ins Detail über meinen letzten Auftrag informiert  
gewesen war. Dieser Auftrag hatte mich vor neun Monaten nach Somalia  
geführt, und es wäre dann auch beinahe mein letzter geworden. Der  
damalige Auftraggeber war ein großer Versicherer gewesen, der sich  
weltweit auf Schiffs- und Frachtrisiken spezialisiert hatte und der am  
Horn von Afrika, allein in den letzten zwei Jahren, Schäden durch Pi- 
ratenangriffe auf Frachtschiffe in Höhe von 50 Millionen US Dollar  
regulieren musste. Deutlich zu viel, um weiterhin tatenlos zuzusehen.  
Gemeinsam mit einigen Kollegen einer bekannten britischen Firma ist es  
dann nach monatelanger zermürbender Kleinarbeit und dem Einsatz von  
250.000 US-Dollar Schmiergeld gelungen, an die gefährlichste Bande  
heranzukommen und die Drahtzieher unschädlich zu machen. Der Anführer  
war ein aus Nigeria stammender Gangster namens Abdul Lomossi, der über  
Jahre hinweg ganze Schiffe samt Ladung auf Nimmerwiedersehen hatte  
verschwinden lassen. Abdul Lomossi konnte uns zwar in letzter Sekunde  
in Somalia entkommen, aber auch er konnte zwei Monate später in einem  
Luxusbordell in Nairobi von einer kenianischen Spezialeinheit festge- 
nommen werden. Wie ich hinterher vom Auftraggeber erfahren hatte, ist  
Lomossi während der Untersuchungshaft in Kenia an einem Herzinfarkt  
verstorben. Für afrikanische Verhältnisse kein unübliches Ende. 
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                          Lektorat (Teil 2) 
                       von Hans Peter Roentgen 

Im vorigen Tempest hatte ich über Spannung geschrieben. Jetzt soll's  
um die Glaubwürdigkeit gehen. 


          Psychologische Betreuung für Täter? 

"Nach meinem Vertrag würde mir jetzt ein Vierteljahr bezahlte Erhol- 
ungspause und sogar neun kostenlose Sitzungen bei einem Psychothera- 
peuten meiner Wahl zustehen", heißt es in dem Text. Glaubwürdig? Ich  
finde nicht. Vor allem in Zusammenhang damit, dass es offenbar darum  
geht, ein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Haben Killer ein  
schlechtes Gewissen? Spezialtruppen im Irak? Ich fürchte, nein. In der  
Regel sind sie überzeugt, das Richtige zu tun. Zu den Aufgaben ihrer  
Vorgesetzten gehört es, ihnen zu vermitteln, dass das, was sie tun,  
der Welt nützt, und dass sie Helden sind. 

Nicht die KZ-Wächter hatten Traumata, sondern die Insassen. Das ist  
traurig, aber wahr. Obendrein passt eine solche Bemerkung kaum zu dem  
Ich-Erzähler, der eher von der Sorte ist: Erst schießen, dann fragen.  
Die Psychologinnen sind nicht nur an dieser Stelle des Textes über- 
flüssig, sondern überhaupt. 

Wirklich? Was wäre, wenn es sich um eine Umschreibung handeln würde?  
Bei VW gab es Reisen für Betriebsräte zur Förderung des Be- 
triebsfriedens. Dass es sich um Lustreisen handelte, kam erst später  
raus. Was, wenn die Firma ihren Mitarbeitern Ähnliches gönnen würde?  
Natürlich kann man nicht in die Bilanz schreiben: Lustreisen. Das geht  
nicht. Aber psychologische Betreuung? Das wäre möglich. 

Und die Bedeutung müsste man auch nicht sofort im Text erklären. Erst  
werden die Psychologinnen eingeführt, auf die der Ich-Erzähler ver- 
zichtet. Später erst wird klar, welche Aufgaben sie haben. Wir wollen  
nicht alles verraten, und schon gar nicht am Anfang. Die Psychologin- 
nen kommen erst nach der ersten Szene ins Spiel, der Anfang ist sowi- 
eso mit Infos überladen. Führen wir sie zum Beispiel ein, wenn der  
Erzähler sein Flugzeug besteigt.  

.......... 
"Sie haben noch neun Psychotherapiesitzungen gut", sagte mein Firmen- 
begleiter. 
Jedem von uns stehen neun Psychotherapie-Sitzungen zu. Ich habe nichts  
gegen Psychologen, vor allem nichts gegen die Damen dieser Zunft. Aber  
sie halten selten, was sie versprechen. 
"Ich schenke sie Ihnen", sagte ich zu ihm und ließ ihn stehen. Vermut- 
lich ist er sogar rot geworden.  
.......... 

Und erst viel später kommt heraus, was es damit auf sich hat. Was ein  
weiteres Licht auf den Erzähler wirft. Der ist keiner, der solche Di- 
enste unbedingt in Anspruch nehmen will. 


          Notwendige Recherchearbeit 

Weiter in unserer Glaubwürdigkeit. Unser Erzähler ist für den Süden  
Afrikas zuständig und glaubt, dass die Strukturen dort genauso seien  
wie in Afghanistan. Glauben kann er das. Glaubwürdig ist es nicht.  
Islamische Länder unterscheiden sich doch sehr von Schwarzafrika. Und  
Somalia ist auch nicht gerade Afrikas Süden zuzurechnen. 

Warum ist er nicht für Nordafrika zuständig? Da würden wir gleich zwei  
Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es wäre klar, warum er in Somalia  
tätig war, und es gäbe eine Brücke zu dem Afghanistan-Einsatz. Sudan  
und Somalia waren und sind Rückzugsgebiete für Glaubenskrieger. Bin  
Laden hat lange im Sudan gelebt. Vielleicht hat die Gruppe, auf die er  
angesetzt wird, Verbindungen nach Somalia? Wenn wir den Erzähler in  
die Ecke Somalia - Sudan - Ägypten verpflanzen, wird das Konzept sehr  
viel glaubwürdiger. 

Denn ehrlich: Wieso soll jemand, der sich in Südafrika auskennt, für  
einen Einsatz in Afghanistan - andere Kultur, andere Sprachen etc. -  
ausgewählt werden? 

Afghanistan, so erzählt unser Mann, lebt seit Jahrhunderten vom Opiu- 
manbau und Drogenhandel.  Glaubwürdig? Eher nicht. Solange gibt es die  
Globalisierung denn doch nicht. Das Opium hat erst in den letzten  
Jahren eine derart gewichtige Rolle gespielt. 

Also diese Behauptung streichen? Unglaubwürdig? Würde ich dennoch  
nicht. Denn es ist keine Tatsachenbehauptung, sondern das, was unser  
Ich-Erzähler glaubt. Vielleicht ein Mann, der seine festen Vorstellun- 
gen hat? Der, wie gesagt, erst schießt und dann Fragen stellt? Zu so  
einem Mann würde das passen. Gut möglich, dass er irgendwann erkennen  
muss, dass nicht alles so einfach ist, wie er sich das denkt. Das wäre  
eine Entwicklung und das ist immer spannend. 

Was wir daraus lernen können: Recherche ist nötig und dass man den  
Hintergrund seiner Geschichte gut überdenkt, Einzelteile hin und her  
schiebt, überlegt, ob etwas vielleicht ganz anders gedeutet werden  
kann, als es zunächst scheint. Auch daraus lässt sich Spannung gewin- 
nen. 

                    **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~** 

Hans Peter Roentgen coacht Autoren und Manuskripte  
(http://www.textkraft.de). Im November 2007 ist sein Buch mit zahl- 
reichen Beispielen zur Textbearbeitung erschienen: "Vier Seiten für  
ein Halleluja", Lerato Verlag. 


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BUCHBESPRECHUNG: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


                        "Wie Romane entstehen" 
                      besprochen von Elke Bockamp 

Zugegeben, ich lese Schreiblernliteratur gerne. Sogar, wenn das Wört- 
chen "verdammt" im Titel steht. Doch ich sage es gleich, "Die Große  
Liebe" von Ortheil (Hanns-Josef Ortheil, Professor für Kreatives  
Schreiben an der Uni Hildesheim) hat mich gelangweilt. Wahrscheinlich  
deshalb, weil es literarisch keine größere Liebe als Aitmatovs  
"Dshamilja" geben kann, denke ich, und tatsächlich meint Ortheils  
"Große Liebe" ohnehin die Liebe seines Protagonisten zum Meer. Diese  
teilt er mit Franca, in San Benedetto del Tronto an der Italienischen  
Adria. Die beiden lernen sich bei langen Spaziergängen am Meer kennen  
und lieben, sie dinieren im "Il Pescatore", einem Fischrestaurant,  
genießen eine "Brodetto Sanbenedettese", eine heimische Fischsuppe,  
zubereitet aus konzentriertem Fischsud - und die Story dümpelt etwa ab  
Seite 130 lustlos vor sich hin. Warum? Weil man zwei Menschen, die  
dieselbe Obsession teilen und sich zudem handelseinig sind, kaum etwas  
hinzufügen kann! 

In "Wie Romane entstehen" gesellt sich zu der großen Liebe die Liebe  
des Autors zu dem, was er am liebsten macht: Schreiben. Seine Zeilen  
durchflutet plötzlich eine neue, viel intensivere Leidenschaft und  
gibt dem Werk eine neue Tiefe. Der Autor selbst wird schrift- 
stellernder Protagonist, er versinkt in seinem eigenen literarischen  
Gemälde, seine Familie wird zur Nebensache, einem Störfaktor, der dem  
Autor auf der Suche nach Ideen, dem Schürfen nach tiefer Bedeutung und  
dem Ringen nach Worten im Wege steht. Zum ersten Mal verstehe ich, in  
welch weltentrückten Welten ein schreibender Künstler lebt, Ortheil  
spricht von einem "Faszinosum", einer poetischen Vision, die ihn be- 
flügelt, mehr als 50.000 Wörter zu Papier zu bringen - "den" Roman zu  
schreiben. 

Das ist genial und kann eigentlich nur noch besser werden, denke ich,  
fiebere Teil zwei von "Wie Romane entstehen" entgegen, in dem Klaus  
Siblewski, Lektor im Luchterhand Verlag, zu Wort kommt. Ich erwarte  
Werksgespräche, will wissen, wie der Lektor dem Autor hilft, seine  
poetische Vision umzusetzen. Doch stattdessen parliert Siblewski über  
Allgemeinplätze, zitiert einen fiktiven Autor herbei, der dem Verlag  
den Rücken zugekehrt hat, und er spekuliert, was die sensible Kün- 
stlerseele dazu bewogen haben mag: War der Autor nicht bereit, sein  
Werk zu überarbeiten? 

Offensichtlich erklärt er angehenden Berufskollegen, wie man mit ver- 
schrobenen Autoren umgeht, wie man die sensible Künstlerseele im Namen  
des hoffentlich zu erwartenden literarischen Werks bei Laune hält. Es  
gibt nichts, rein gar nichts, was mich als Autorin anregt, unpräten- 
tiös, ja blutleer, kommen seine Aussagen daher ("Die Fragen, die sich  
Lektoren bei der ersten Lektüre stellen, ähneln denen, die sich  
Autoren beim Schreiben zurechtgelegt haben.") Ich sehne mich zurück  
nach Ortheils deftiger "Brodetto Sanbenedettese". 

Doch die Kombination Ortheil/Siblewski hinterlässt einen Nachgesch- 
mack. Offensichtlich gibt es außerhalb der Verdammt-jetzt-schreiben- 
lernen-Ratgeber mit ihrem "Show, don't tell" und dem 3-Akt- 
Erfolgsmodell einen Aufbruch in Richtung schöne, deutsche Literatur -  
prosaisch fällt mir in diesem Zusammenhang ein, und: verdammt, wie war  
doch gleich der Titel? 


Hanns-Josef Ortheil, Klaus Siblewski: "Wie Romane entstehen", 2008,  
283 Seiten, 10 Euro, Sammlung Luchterhand 

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Die Autorin Elke Bockamp leitet eine Schreibschule "Belletristisches  
Schreiben" an der VHS Duisburg, weitere Infos unter:  
http://www.lemontree.de. 


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INTERVIEW: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


                    "Schreiben bedeutet Umschreiben" 
                    Interview mit Markus Stromiedel 

Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Markus Stromiedel, im Mai  
2008 ist Ihr Thriller "Zwillingsspiel" im Knaur Verlag erschienen. Zum  
Inhalt ... 

Markus Stromiedel: "Kommissar Paul Selig starrt stumm und wie gelähmt  
durch die Windschutzscheibe seines Wagens auf eine Alptraumszenerie,  
die er einfach nicht fassen kann. Ausgerechnet er, ein zögerlicher,  
introvertierter und melancholischer Charakter, ist der erste Kommissar  
am Tatort eines Terroranschlags auf dem S-Bahnhof Savignyplatz in Ber- 
lin, bei dem sieben Menschen zerfetzt worden sind, darunter die  
Tochter eines prominenten Regierungsberaters. Unerklärlicherweise  
taucht keiner seiner Kollegen aus der Polizeidirektion am Tatort auf,  
um die Ermittlungen entschlossen an sich zu reißen, und so wird der  
wenig erfolgsverwöhnte Kommissar am Ende selbst mit den Ermittlungen  
beauftragt. Selig stößt auf etliche Ungereimtheiten und muss sich  
während seiner Ermittlungen sogar der Frage stellen, ob man ihm diesen  
Fall aufgrund seines Versagerimages bewusst zugespielt hat. Doch wer  
aus den eigenen Reihen hofft, durch Seligs Ermittlungsarbeit die Wahr- 
heit hinter dem Terroranschlag verschleiern zu können?" 


RRB/TRB: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman?  

MS: Der Roman ist entstanden, weil mir damals - das war im Herbst 2005  
- ein fest zugesagtes Drehbuchprojekt abgesagt worden war. Ich hatte  
sehr an dem Projekt gehangen, und aus Frust über die Situation habe  
ich mich kurzerhand hingesetzt und etwas getan, was ich immer schon  
tun wollte: einen Roman entwerfen. Mich hatte länger schon gereizt,  
eine Geschichte im politischen Berlin spielen zu lassen. Wenige Monate  
zuvor waren außerdem in der Londoner U-Bahn die Bomben der islamis- 
tischen Terroristen explodiert, ein Ereignis, das mich sehr bewegt  
hatte. Es lag also nahe, die Frage einmal durchzuspielen, was wäre,  
wenn ein solches Attentat in Deutschland geschehen würde.  

In gut 14 Tagen entstanden damals der Plot und die ersten 30 Seiten  
des Buches, die ich daraufhin allen wichtigen Verlagen in Deutschland  
angeboten habe. Danach ging alles relativ schnell: Vier Verlage hatten  
Interesse an dem Stoff und luden mich zu Gesprächen ein, aus denen  
dann zwei konkrete Vertragsangebote hervorgegangen sind.  


RRB/TRB: Sie sind ohne Agent direkt an die Verlage herangetreten? 

MS: Ja. Mir hat dabei sicherlich geholfen, dass ich schon seit zehn  
Jahren recht erfolgreich Drehbücher schreibe. Es war also klar, dass  
ich - obwohl das Buch mein Debüt als Romanautor ist - kein Anfänger  
bin. Außerdem habe ich alle Verlage angerufen und mein Projekt  
angekündigt, bevor ich den Romanentwurf verschickt habe. Das erste  
Gespräch mit dem Chef von Random House Deutschland fand schon wenige  
Wochen später statt. 


RRB/TRB: Sie haben dann bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur unter- 
schrieben. Warum dort? Und wie umfangreich war die Zusammenarbeit mit  
dem Lektorat des Knaur Verlags?  

MS: Zu großen Stücken war die Entscheidung für den Verlag eine  
Bauchentscheidung. Der Geschäftsführer und die damalige Verlag- 
sleiterin von Droemer zeigten die größte Begeisterung für das Projekt  
und hatten eine klare Vision für das Buch, das damals ja noch gar  
nicht geschrieben war. Dass die Entscheidung für Droemer Knaur eine  
sehr gute war, zeigt sich bis heute. Und auch die Begeisterung für das  
Buch hat sich bis heute im Verlag gehalten. 

Nachdem wir den Vertrag ausgehandelt und unterschrieben hatten, musste  
ich das Projekt erst einmal für ein Jahr beiseite legen, da ich meine  
aktuellen Drehbuch-Aufträge, zu denen ich Verträge unterschrieben  
hatte, abarbeiten musste. Im Herbst 2006 begann ich dann mit der Ar- 
beit an dem Buch.  

Das reine Schreiben hat gut sechs Monate gedauert, danach begann die  
Überarbeitungsphase mit dem Lektorat. Ich werde dort von dem Cheflek- 
tor Peter Hammans betreut, und das sehr gut. Mein Manuskript hat Her- 
bert Neumaier durchgekämmt, ein alter erfahrener Hase, der sehr genau  
sprachliche Ungenauigkeiten aufgedeckt hat. Das war eine gute und  
fruchtbare Zusammenarbeit, obwohl wir uns nie getroffen oder  
gesprochen haben: Ich bekam vom Cheflektor das von Herrn Neumaier  
bearbeitete Manuskript zugeschickt, daraufhin habe wiederum ich mich  
hingesetzt und die Änderungsvorschläge durchgesehen, in den meisten  
Fällen angenommen, selten abgelehnt und ab und zu ganz neue Lösungen  
gefunden.  


RRB/TRB: Hatten Sie Einfluss auf die Titelwahl, die Wahl des Buchcov- 
ers oder den Klappentext?  

MS: Ja und nein. Ja, weil ich es jederzeit hätte tun können, und nein,  
weil es nicht notwendig war: Der Verlag selbst war sehr kritisch und  
genau. Für das Buch wurden etliche Cover entworfen und wieder verwor- 
fen, das letzte Mal sogar noch während der Vertretertagung, bei der  
ich eingeladen war und auf der die Vertreter das damals vorgeschlagene  
Cover zwar lobten, aber als zu reißerisch ablehnten. Das jetzige Cover  
hat allen sofort gefallen. Gleiches galt auch für den Klappentext und  
den Titel, beides stammt aus der Feder des Cheflektors. 

Die Mühe und Genauigkeit des Verlages rührt auch daher, dass bald nach  
Abgabe des Manuskriptes klar war, dass "Zwillingsspiel" in einer  
größeren Erstauflage herausgebracht werden würde. Ursprünglich sollte  
das Buch im Hardcover erscheinen, aber die Verlagsleiterin bat mich,  
anders als vertraglich vereinbart, das Buch ins Taschenbuch zu geben,  
weil der Verlag nach dem Lesen des fertigen Manuskripts den Gedanken  
verfolgte, für den Titel eine große Werbekampagne aufzulegen. Eine  
solche sehr teure Kampagne rechnet sich nur bei einer hohen verkauften  
Auflage, die nur im Taschenbuch zu realisieren ist. Das Buch wird  
jetzt durch zahlreiche Werbemaßnahmen begleitet, von Internet- und  
Radiowerbung bis hin zu Kinospots, die aufwendig gedreht wurden und in  
großen Multiplexkinos gezeigt werden. Und zum Kinospot gibt's dann die  
Popcorntüte mit dem Buchcover drauf. Irre! 

RRB/TRB: Wie gehen Sie beim Schreiben und Recherchieren vor? Sind Sie  
mehr ein intuitiver Autor, oder planen Sie jedes Detail im Voraus? 

MS: Häufig nähere ich mich von außen einer Geschichte, über eine Idee  
oder ein Thema. Bei "Zwillingsspiel" war es das Thema "Spin-Doctor",  
das mich gereizt hat; also jene Imageberater, die Politiker bei ihren  
Wahlkämpfen betreuen und ihnen sagen, wie sie reden, gehen, denken  
sollen, damit sie gewählt werden. Eine solche Figur wollte ich in den  
Mittelpunkt stellen. Das hat beim Entwurf des Romans noch gut gek- 
lappt. Beim Schreiben aber hat sich gezeigt, dass die Figur und das  
Thema zwar faszinierend, aber emotional kalt sind. Damit sollte ich  
mich sechs Monate lang beschäftigen? Und wenn es mich schon nicht  
reizte, was würden dann erst die Leser sagen? Ich habe alles hingewor- 
fen, bin wochenlang wie Falschgeld durch die Gegend gelaufen und habe  
versucht, meine Geschichte zu greifen. Dabei drängte sich nach und  
nach eine kleine Nebenfigur in den Vordergrund, die ich - den Genrere- 
geln des Krimis folgend - in den Entwurf hineingeschrieben hatte: ein  
stotternder Kommissar. Diese Figur begann mich zu interessieren. Aber  
wie die Polit-Szene, die ich nicht aufgeben wollte, mit dem unsicheren  
Kommissar zusammenbringen? Es gab in dem Entwurf eine Frau, die als  
Beraterin des Innenministers ihre Strippen zieht, eine kühle und  
berechnende Taktikerin - könnte der Kommissar sich in die verlieben?  
Eine schlechte Idee, tausendmal schon gelesen oder gesehen - ich war  
ehrlich verzweifelt!  

Meine Frau hatte dann die so einfache wie geniale Idee, die beiden  
Geschwister sein zu lassen, zweieiige Zwillinge. Ich war wie elektris- 
iert: Diese beiden Figuren nebeneinander, das war spannend! Wieso ha- 
ben sich die beiden so unterschiedlich entwickelt? Was ist in deren  
Vergangenheit passiert? Mit diesen Fragen im Kopf, und ohne die Ant- 
wort zu kennen, habe ich das Buch begonnen und, was diesen Aspekt  
angeht, tatsächlich intuitiv geschrieben. So ist "Zwillingsspiel"  
schließlich ein sehr emotionales Geschwisterdrama geworden im Gewand  
eines spannenden Thrillers. 


RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Schreiben? Gab es ein bestimmtes Schlüssel- 
erlebnis?  

MS: Ich kam zum Schreiben über das Lesen. Ich habe früh mit dem Lesen  
begonnen, schon als Fünfjähriger, und mich durch die örtliche Biblio- 
thek durchgefressen. Auf die Idee, selber Geschichten oder gar Romane  
zu schreiben, bin ich aber nicht gekommen, auch später nicht, als ich  
schon Journalist geworden war. Alle, die sich das trauten, hatten me- 
ine große Hochachtung! Mir selber habe ich das damals nicht zugetraut.  
Nach einigen Jahren im Beruf bin ich noch einmal zum Studieren an die  
Uni gegangen und habe dort ersten Kontakt mit dem Thema Film bekommen.  
Den Ausschlag, ins fiktionale Schreiben einzusteigen, gab dann ein  
Drehbuch-Wettbewerb der Filmstiftung NRW, für den man einen Drehbuch- 
Entwurf und eine Probeszene einreichen sollte. Verblüffenderweise war  
ich einer der Preisträger, obwohl ich damals keine Ahnung hatte vom  
Drehbuchschreiben. Danach hatte ich ein halbes Jahr Zeit, dann musste  
ich zu meinem Entwurf ein fertig geschriebene Drehbuch abgeben ...  
Diese Monate waren der totale Drehbuch-Crash-Kurs! Das Drehbuch, das  
ich in dieser Zeit geschrieben habe, ist nie realisiert worden: zu  
intellektuell, zu aufwendig und teuer. Aber dafür hat "Requiem", so  
hieß das Buch, mir viele Türen geöffnet, auch die zur Bavaria Film. 


RRB/TRB: Sie haben als Journalist für die "Zeit" und die "Frankfurter  
Rundschau" geschrieben, bevor Sie in die Filmbranche wechselten, und  
Sie waren unter anderem Chefdramaturg bei der Bavaria Film. Seit 1999  
schreiben Sie als freier Autor Drehbücher. Wie wirkt sich Ihre Er- 
fahrung als Drehbuchautor und Dramaturg auf Ihr Romanschreiben aus? 

MS: Das Wichtigste ist sicherlich das strukturierte Denken, das man  
als Drehbuchautor wieder und wieder trainiert. Der Plot und die Back- 
story von "Zwillingsspiel" sind sehr komplex, und es hat viel mit der  
Struktur des Buches zu tun, dass der Leser in der Geschichte nicht die  
Orientierung verliert. Bei einem Film nehme ich den Zuschauer an die  
Hand und führe ihn durch die Geschichte - und das ist auch bei einem  
Roman nicht schlecht, zumindest bei einem spannenden Roman. Wichtig  
war auch das bildliche Schreiben, das ja beim Drehbuchschreiben be- 
sonders bedeutsam ist: Denn nur wenn es gelingt, eine Situation mit  
wenigen Worten möglichst plastisch darzustellen, kann sie der Regis- 
seur auch zu entsprechenden Bildern umsetzen. Außerdem hat mir das  
jahrelange Schreibtraining geholfen. Und wichtig war die Erfahrung,  
dass man durch beharrliches Weiterarbeiten und Umschreiben auch ta- 
tsächlich weiterkommt. Ich weiß nicht, ob ich ohne dieses Wissen durch  
die Krisen des Projekts gekommen wäre.  


RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Autorin, einen guten  
Autor aus?  

MS: Ein guter Autor nimmt seine Leser ernst und weiß, für wen er  
schreibt und welche Erwartungen an ihn und an das Buch gestellt wer- 
den. Das heißt nicht, dass man sich anbiedern muss. Aber beim Schrei- 
ben eines Buches - egal, ob Roman oder Drehbuch - geht man mit dem  
Leser, dem Zuschauer eine Verabredung ein, und die muss man auch ein- 
halten, zumindest, wenn man Erfolg haben möchte. Dies gilt für jedes  
Genre, vom Heftroman bis zur hohen Literatur. Wichtig finde ich auch,  
dass ein Autor, eine Autorin das Handwerk beherrscht und in einer  
Sprache schreibt, die klug ist, ohne manieriert zu sein.  

Gut ist außerdem, wenn Autorinnen und Autoren ihren Lesern eine Er- 
fahrung bieten, die neu ist. Die also nicht das Bestehende und Alt- 
bewährte wiederholen, sondern innerhalb des gewählten Genres die Gren- 
zen ausloten und ein Stück weitergehen als zuvor. Das macht ein Buch  
für alle interessant: für den, der es schreibt, und für den, der es  
liest.  


RRB/TRB: Wie sieht der Alltag Ihres Autorenlebens aus?  

MS: Bis neun Uhr gehört der Morgen der Familie, dann ist etwas Zeit  
zum Zeitunglesen, eine wichtige Recherchequelle, je nach Ar- 
beitsvorkommen mehr oder weniger. Dann geht es an den Schreibtisch,  
egal, wie ich drauf bin, und ich beginne mit der Überarbeitung des am  
Vortag Geschriebenen. Das hilft in der Regel, wieder in das Buch hine- 
inzukommen. Wenn es gut läuft, halte ich bis zwei oder drei Uhr am  
Nachmittag durch. Dann, nach einer Pause, wird das Telefon wieder  
angeschaltet, der zweite Computer mit dem E-Mail-Programm hochgefahren  
und die Post hereingeholt, und es wird alles erledigt, was aufgelaufen  
ist in den vergangenen Stunden. Der Abend ab 18 Uhr gehört dann, wenn  
die Zeit es zulässt, wieder der Familie. In den Phasen kurz vor Abgabe  
eines Manuskripts kann es vorkommen, dass ich zu dieser Zeit wieder  
abtauche und mit dem Schreiben weitermache. Spät am Abend ist dann die  
Zeit des Denkens, da werden (häufig beim Zähneputzen) Lösungen für  
Probleme gefunden, die während des Schreibens im Laufe des Tages auf- 
gekommen sind. Und wo das Zähneputzen nicht hilft, da hilft meine  
Frau, die schon seit vielen Jahren meine Stoffe dramaturgisch betreut  
- ein Geschenk! So jemanden sollte jeder Autor, jede Autorin zu Hause  
haben!  


RRB/TRB: Wie sehen Ihre Schreibpläne für die Zukunft aus?  

MS: Zurzeit arbeite ich an einem zweiten Roman für die Ermittlerfigur  
Paul Selig aus "Zwillingsspiel". Die Resonanz der Leser auf die  
Geschichte und die Figur war so stark, dass sich eine Fortsetzung  
geradezu aufdrängte. Zwar wird in dem zweiten Buch als Fall eine ei- 
genständige Geschichte erzählt, aber die Vergangenheit des Kommissars  
wird weiter ausgeleuchtet. Der hat noch einiges vor sich! Das Buch,  
das dann im nächsten Jahr entstehen soll, wird etwas ganz anderes  
sein. Bin selber schon gespannt, was da kommt. 


RRB/TRB: Welchen Roman lesen Sie gerade? Was hat Sie am stärksten bee- 
indruckt?  

MS: Da ich im Moment an meinem eigenen nächsten Buch schreibe, lese  
ich zurzeit keine Romane, um meinen Stil nicht zu verlieren. Ich habe  
gemerkt, dass ich, wenn ich während einer Schreibphase ein Buch eines  
anderen Autoren lese, unbewusst beginne, dessen Schreibstil zu kop- 
ieren.  

Besonders beeindruckt haben mich die Bücher von Friedrich Dürrenmatt,  
insbesondere seine Krimis, die ich wegen ihrer pfiffigen Plots und  
einer sehr klaren Sprache liebe. Große Hochachtung! 


RRB/TRB: Hätten Sie noch einen Rat für angehende Autorinnen und  
Autoren?  

MS: Beharrlich bleiben! Ich selbst habe nach meinem ersten Erfolg bei  
einem Drehbuchwettbewerb drei Jahre gebraucht, bevor ich mein erstes  
Drehbuch an das Fernsehen verkauft habe, und weitere vier Jahre, bevor  
ich vom Schreiben leben konnte. Und: Keine Angst vor dem Überarbeiten,  
dem Wegwerfen, dem Neuschreiben! Gerade als Drehbuchautor lernt man,  
dass Schreiben Umschreiben bedeutet - ein quälender Prozess, der aber  
häufig zu etwas sehr viel Besserem führt. So halte ich es auch als  
Autor, auch wenn es manchmal hart ist: Gerade habe ich 30 spannende  
Seiten weggeworfen, weil ich gemerkt habe, dass der Plot mit diesen  
Figuren danach nichts mehr hergibt. War nicht schön für mich, aber dem  
Buch tut es gut. 


RRB/TRB: Vielen Dank für das Interview. 
Wer mehr über den Drehbuch- und Romanautor Markus Stromiedel erfahren  
möchte: 
- Homepage des Autors: http://www.markus-stromiedel.de 
- Internetseite zum Buch mit Leseprobe und Internetfilm:  
http://www.zwillingsspiel.de 
- Das Buch bei Amazon: http://www.amazon.de/Zwillingsspiel-Markus- 
Stromiedel/dp/3426634465/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1209371589&sr= 
8-1 


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ERFAHRUNGSBERICHT: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 


                    "Feenfleiß und Drachenschweiß:  
                  Die Entstehung eines Märchenbuchs" 
                          von Petra Hartmann 

"Gib bloß nicht so an - du hast ja nicht mal was geschrieben darin",  
mault meine Mutter. Es ist zwei Tage vor Weihnachten, das Märchenbuch  
"Drachenstarker Feenzauber" ist nach weniger als einem Monat auf dem  
Markt bereits vergriffen, die Zweitauflage ist geplant, und meine Fa- 
milie musste sich schon hundertmal anhören, ich hätte einen "Bestsel- 
ler" gemacht. Kein Wunder, dass meine Mutter genervt ist. Aber was  
genau habe ich eigentlich getan? Und auf was muss man sich einstellen,  
wenn man den Herausgeberjob annimmt? 

Ich gebe zu, etwas einfacher hatte ich es mir vorgestellt. Fast ein  
Jahr Arbeit steckt in den 200 Seiten, die Stunden habe ich nicht  
gezählt, die Albträume von druckfehlerverstreuenden Nachtelfen über  
meiner Festplatte ebenfalls nicht. 

Die Märchen-Anthologien im Wurdack-Verlag haben eine gewisse Tradi- 
tion. Bisher war ich in jeder vertreten. Freundliche Idealisten und  
ein engagierter Kleinverleger haben sich mit meinen Texten herumgesch- 
lagen. Es ist Zeit, etwas zurückzugeben, dachte ich und meldete mich  
freiwillig ... 


          Der Zeitplan 

Ich begann mit einem Zeitplan. Vom Verkaufen verstehe ich zwar nichts,  
aber dass es so etwas wie ein "Weihnachtsgeschäft" gibt, hatte ich  
schon mitbekommen. Damit stand fest, dass das Buch spätestens Anfang  
Dezember, besser noch im November erscheinen sollte. Mein Urlaub und  
die letzten Arbeiten an meinem Buch "Ein Prinz für Movenna" waren  
dafür verantwortlich, dass die Ausschreibung erst Anfang Februar  
starten konnte. Das Zeitfenster war also knapp bemessen. 

Eigentlich hatte ich von einem Kinderbuch wie "Immer diese Kobolde!"  
geträumt, der Anthologie des Vorjahres mit herrlichen Illustrationen  
von Matthias Herkle. Doch der winkte ab: In einem so kurzen Zeitraum  
zu jedem Märchen ein Bild erstellen - bist du bei Trost? Die Herausge- 
berin lernte: Auch Zeichner haben nur zwei Hände. Also entschieden wir  
uns für "Märchen für Erwachsene" (für Erwachsene = ohne Bilder), und  
ich strich den Buchtitel "Bärenstarke Gute-Nacht-Geschichten" von me- 
inem Wunschzettel. 

Die Ausschreibung ging am 11. Februar 2007 im Forum der Storyolympiade  
online und wurde kurz danach in diversen Foren, Portalen und  
Zeitschriften veröffentlicht. Jetzt gab es kein Zurück mehr. 


          Ausschreibung - und Wirklichkeit 

"Gesucht werden Märchen für Erwachsene", stand im Aufruf. "Umfang:  
max. 7.000 Zeichen." Ich hatte heftig mit dem Kopf geschüttelt, als  
Verleger Ernst Wurdack vorschlug, die Ausschreibung nur für Stam- 
mautoren anzubieten. Schließlich hatte ich selbst als unbekannte Jun- 
gautorin mein Debüt in solchen offenen Anthologien.  

Die Ausschreibung steht gerade mal eine Stunde im Netz, als der erste  
Beitrag eintrudelt. "Ich weiß nicht, ob das ein Märchen ist, aber  
vielleicht kannst du es gebrauchen", schreibt der Autor. Nein, das ist  
kein Märchen, das ist eine Parabel. Aber danke fürs Mitspielen.  

Am zweiten Tag mailt mir ein junger Mann, der vermutlich gerade in  
einem Karriereseminar forsches Auftreten gelernt hat: "Ihre Auss- 
chreibung habe ich mit großem Interesse gelesen. Die Zeichenzahl  
scheint mir jedoch etwas zu knapp berechnet. Für die Geschichte, die  
mir vorschwebt, benötige ich etwa 25.000 Zeichen ..." Ist ja nicht  
mein Problem. "In Ihre Ausschreibung hat sich vermutlich ein Druck- 
fehler eingeschlichen", formuliert es ein Dritter diplomatischer. "Ich  
vermute, es muss heißen: 7.000 Wörter."  

Ein Vierter schickt vier Märchen, obwohl nur zwei pro Teilnehmer er- 
laubt sind. Der Fünfte bringt meinen altersschwachen Computer glatt  
zum Absturz durch ein wunderschönes, hochaufgelöstes 3-MB-Bild im An- 
hang. "Du wolltest ja nicht hören", feixt Ernst. Die Herausgeberin  
lernt: Wer eine Ausschreibung macht, ist Freiwild für Anthologie- 
Nomaden, Selbstdarsteller und verkannte Genies.  

Ab Ende Februar gehen pro Woche etwa zehn Märchen und 300 Spam-Mails  
bei mir ein. Manche Autoren scheinen das "für Erwachsene" als "suche  
Pornos" missverstanden zu haben. Ein paar ziemlich brutale Hor- 
rorgeschichten sind dabei. Und erschütternd viel Fantasy. Ich liebe  
Fantasy. Aber nicht in Märchenbüchern.  

An mir selbst beobachtete ich eine seltsame Wandlung: Mein Leben lang  
hatte ich "Äußerlichkeiten" verachtet. Doch jetzt sehe ich es einem  
Manuskript schon auf den ersten Blick an, ob es etwas taugt oder  
nicht. Bunte Blasenbuchstaben, exotische Formatierungen oder ein- 
zeilige 7-Punkt-Texte machen mich geradezu aggressiv. Mein Gott, was  
bin ich spießig geworden! "Das ist völlig normal", verrät mir Viktor  
Christen, Vater einer Schulfreundin und ehemaliger Verlagsleiter bei  
Gerstenberg, dem ich mein Herz ausschütte. "So geht es allen."  

Trotzdem: Ich lese alles. Bei mir soll jeder seine Chance haben. Auch  
mit zentrierten Riesenbuchstaben. Jeder erhält eine Eingangsbestäti- 
gung. Und ich schreibe erstmal dreist, dass "voraussichtlich Ende Mai"  
das Ergebnis feststeht. 

          Die Auswahl 

Berufsbedingt kann ich nur samstags am Märchenbuch arbeiten. Ich  
notiere beim Lesen auf jedem Ausdruck ein J (ja), N (nein) oder V  
(vielleicht). Aber die Kategorien verschwimmen schnell. In den ersten  
Wochen ersticke ich in grottigen Texten und bekomme Panik, dass ich  
die Anthologie gar nicht voll kriege. Da wird aus manchem V dann doch  
ein "V+". Doch ab der zweiten oder dritten Woche trudeln so viele gute  
Texte ein, dass ich selbst aus ursprünglichen Js ein N machen muss. Am  
Ende der Ausschreibungsfrist weiß ich gar nichts mehr. Um zu einer  
wirklich fairen Auswahl zu kommen, muss ich noch einmal ganz von vorn  
anfangen und jedes der über 170 Märchen neu lesen. Nun gut, es sind ja  
nur 740 Normseiten mit 961.509 Zeichen. 

Worüber ich mir als notorische Leseratte gar keine Gedanken gemacht  
hatte: Einen 800 Seiten starken Roman lese ich locker an einem Tag  
weg. (Für Hohlbeins "Unterland" mit 788 Seiten habe ich acht Stunden  
gebraucht. Ich habe auf die Uhr geschaut, weil der Aufkleber des Ver- 
lags "20 Stunden Spannung garantiert" versprach.) Aber 740 Seiten Mär- 
chen, bei denen man sich nach spätestens vier Seiten jedesmal auf eine  
völlig neue Welt und einen völlig anderen Schreibstil einstellen muss,  
sind gar nicht "am Stück" durchzustehen. Nach spätestens drei Texten  
fordert das Gehirn eine Pause, nach acht schaltet sich das Lesezentrum  
vorübergehend aus wie der Überhitzungsschutz eines Bügeleisens. Das  
mit dem Ergebnis "Ende Mai" war wohl etwas großspurig. 

Fünf Verfasser disqualifiziere ich wegen Überlänge (Spitzenreiter:  
über 20.000 Zeichen). Zwei fliegen raus, weil ihre Texte schon in an- 
deren Anthologien erschienen sind (wiedererkannt, weil ich in beiden  
Büchern selbst vertreten bin). Pornos, Polit-Satiren, Parodien und  
Parabeln werden aussortiert.  

Im Mai habe ich einige Lesungen, Cons und Autorentreffs auf dem Ter- 
minplan. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn einen langjährige  
Autorenfreunde nach der Anthologie fragen. Ich erzähle, ich hätte noch  
sehr viel Arbeit zu erledigen. Die unausgesprochene Frage, die mir aus  
allen Augen entgegen leuchtet - "Hast du mein Märchen mit ausgewählt?"  
-, beantworte ich nicht. Freundschaft ist Freundschaft, und Literatur  
ist Literatur, sage ich mir. Und trotzdem, jeder Herausgeber tut gut  
daran, sich selbst die unangenehme Frage zu stellen: "Was mache ich  
bloß, wenn ausgerechnet der Text von XY Mist ist?"  

Am 4. Juni ist es so weit. Ich melde Ernst Wurdack 51 Autoren und Mär- 
chentitel, die im Forum der Storyolympiade und auf der Verlagshomepage  
veröffentlicht werden. Die Autoren maile ich zusätzlich persönlich an,  
gratuliere und erzähle schon ein wenig über den weiteren Fahrplan bis  
zur Veröffentlichung. 


          Die Arbeit am Text 

Dann beginnt die Textarbeit. Die 51 Märchen sind großartig, an vielen  
muss ich gar nicht viel tun. Dennoch gibt es einige Ecken und Kanten.  
An einer Stelle wechselt eine Person plötzlich den Vornamen. Einmal  
streiche ich eine Nebenhandlung, die gar nicht ins Märchen hinein- 
passt. Ein paar Anakoluthe werden getilgt (ein schöner Ausdruck für  
den Umstand, dass die zweite Satzhälfte irgendwie nicht zur ersten  
passt), ein paar Metaphern auf Kurs gebracht, allzu Geschraubtes vere- 
infacht. Ich bemühe mich, extrem sensibel mit den Texten umzugehen.  
Nach und nach erhält jeder Autor seine Geschichte mit blauen Anmerkun- 
gen versehen zurück und wird gebeten, den Text "abzusegnen" beziehung- 
sweise sich über die markierten Stellen noch einmal Gedanken zu ma- 
chen. 

Für das Korrekturlesen - meine große Schwachstelle - hat sich Judith  
Ott freiwillig gemeldet. Ich bin schockiert und begeistert, was sie  
noch alles findet. Von ihr lerne ich auch, dass man etwas nicht "aus  
den Augenwinkeln" beobachten kann, sondern allenfalls "aus dem Augen- 
winkel" - man müsste anderenfalls furchtbar schielen. Am 3. September  
können wir Ernst das Werk übergeben. Die Satzarbeiten sind nicht mehr  
mein Bier, ich lehne mich zurück und gönne mir eine eiskalte Cola. 


          Cover und Titel 

Im Forum ist inzwischen eine heftige Diskussion um das Cover ent- 
flammt. Matthias Herkle hat eine hinreißend süße Elfe entworfen. In  
der ersten Version war sie nackt, da intervenierte der Verleger. Jetzt  
trägt sie ein Robin-Hood-Kostüm. Einige finden den rosa Umschlag  
kitschig, andere den Drachen im Hintergrund zu dackelartig. Der Drache  
verschwindet, die Farbe bleibt. Kitschig darf ein Märchenbuch ja  
aussehen. 

Die Titelsuche ... ein Kapitel für sich. Wie kann man das niedliche  
"Sockenmonster" und die grausame "Madere Hal" zusammenfassen? Wie den  
komischen Kampf um den "Goldzahn des Trolls" verbinden mit der an- 
rührenden Geschichte um den im Koma liegenden "Don Rose", der verfügt  
hat, dass seine Organe entnommen werden sollen? Was eigentlich die  
Stärke und den Zauber der Anthologie ausmachen sollte, nämlich die  
Vielschichtigkeit, die die gesamte Bandbreite der Märchenerzählkunst  
abbildet, treibt mich nun zur Verzweiflung. Als ich mich bei der Mit- 
teilung im Forum auch noch vertippe und "Drachenstarke Feenmärchen"  
ankündige, ist die Verwirrung komplett. Viele Autoren schütteln den  
Kopf: "Ich habe gar kein Feenmärchen geschrieben." Einige Freunde  
warnen, der Titel klinge zu sehr nach Kinderbuch.   

Einen positiven Nebeneffekt hat die Diskussion um die Feen auf jeden  
Fall: Normalerweise schwitze ich beim Entwerfen von Klappentexten Was- 
ser und Blut - aber jetzt kann ich mich aus meiner Aufzählung im Forum  
bedienen, in der ich erklärte, wie viel Feenzauber im Buch steckt.  
Erweitert um eine kurze Statistik lautet der vollständige Text auf der  
Buchrückseite: 

"Öko-Feen, Büro-Feen, Todes-Feen und Bahn-Feen, geschäftstüchtige Dra- 
chen, goldzahnige Trolle, Sockenmonster, verzauberte Kühlschränke,  
Bierhexen, Zwirrrrle, Familienschutzengel, Lügenschmiede, ehrliche  
Anwälte, verarmte Zahnärzte und andere Märchenwesen geben sich in die- 
sem Buch ein Stelldichein. 51 Märchenerzähler im Alter von zwölf bis  
76 Jahren haben die Federn gespitzt und schufen klassische und moderne  
Märchen, lustige, melancholische, weise und bitterböse Erzählungen, so  
bunt wie das Leben und so unvergesslich wie das Passwort eines verhex- 
ten Buchhalters." 


          Pressearbeit 

Damit ist meine Arbeit als Herausgeberin getan. Im November fahre ich  
für drei Wochen nach Helgoland und verfolge vom Internetcafé aus die  
ersten Forenkommentare zum Buch. Ich selbst muss mich bis Anfang  
Dezember gedulden. Als ich dann endlich zu Hause das Paket auspacken  
kann, denke ich: Ja, es hat sich gelohnt. 

Zu Ende ist die Arbeit allerdings nicht. Der Verleger hatte damals  
ausdrücklich gesagt, er suche so etwas wie einen "Buchmanager". Das  
bedeutet wohl, dass mein Job erst zur Hälfte getan ist. Verkaufen soll  
sich das Buch schließlich auch. Also hänge ich meinen Herausgeberhut  
an den Nagel und mutiere zur Pressesprecherin. Ab jetzt wird die Zei- 
tungslandschaft mit drachenstarkem Feenzauber bombardiert. 

Ich bitte meine Märchenschreiber, mir die Mailadressen ihrer  
Heimatzeitungen mitzuteilen. Einige wollen lieber nicht an die Öffen- 
tlichkeit, aber rund die Hälfte macht mit. Jetzt zahlt es sich aus,  
dass ich bereits bei der Ausschreibung eine Kurzbiographie verlangt  
hatte. Aus dem Klappentext und ein paar Sätzen zum Hintergrund der  
Anthologie bastele ich eine Pressemitteilung und setze individuell für  
jeden Autor einen Vorspann dazu, der näher auf das jeweilige Märchen  
und den Verfasser eingeht. Unter den Text kommen seine und meine Kon- 
taktdaten - fertig. 

Als Lokalredakteurin weiß ich, dass in einer Heimatzeitung nichts so  
kostbar ist wie eine Ortsmarke. Im ersten Satz der Pressemitteilung  
und in der Betreffszeile der E-Mail platziere ich also unübersehbar  
den Wohnort meiner Helden. Die Rechnung geht auf. Bald mailen mir me- 
ine Schreiber die ersten erschienenen Zeitungsartikel zu. 

Am 22. Dezember ist die erste Auflage verkauft, und ich stelle die  
Pressearbeit über die Feiertage ein. Die zweite Auflage erscheint im  
Januar, Ende Februar informiert der Verleger, die Bücher gingen lang- 
sam zur Neige, eine dritte Auflage sei durchaus möglich. 

"Klar, dass sich das so gut verkauft", sagt meine Mutter. "Von dir ist  
ja nichts drin." Aber ein paarmal werde ich ihr wohl doch noch  
erzählen, ich sei eine "Bestseller-Macherin". 

                    **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~** 

Petra Hartmann, Jahrgang 1970, ist promovierte Literaturwissenschaft- 
lerin arbeitet als Redakteurin einer Tageszeitung. 2007 erschienen ihr  
zweiter Fantasy-Roman "Ein Prinz für Movenna" und die Märchenantholo- 
gie "Drachenstarker Feenzauber". Homepage:  
http://www.petrahartmann.de. 


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BESONDERE LESUNGEN: 
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                              (redaktion at team pt autorenforum pt de) 
                    "Märchenlesung im Hexenhäuschen" 
                            von Elvira Reck 

Nach der Ferienpassaktion, in der ich mit Kindern zwischen neun und  
dreizehn Jahren gemeinsam Märchen- oder Fantasygeschichten schreibe,  
machen wir die Abschlusslesung ebenfalls verkleidet.  

Im letzten Jahr haben wir erstmalig ein kleines Rahmenstück dazu ein- 
studiert. Das kam beim Publikum sehr gut an, weil dabei nicht nur eine  
Folge von Vorlesern präsentiert wurde, sondern alles noch in eine  
kleine Geschichte verpackt war. Auch ich habe mich als Märchenfee oder  
auch als Hexe verkleidet.  


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UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:      
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Bitte schickt den ExpertInnen nur Fragen zu ihrem Expertenthema -  
keine Manuskripte zur Beurteilung. 

Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst  
kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird. 


  Drehbuch: Oliver Pautsch 
                              drehbuch at experte pt autorenforum pt de 
  Fandom: Thomas Kohlschmidt 
                                fandom at experte pt autorenforum pt de 
  Fantasy: Stefanie Bense 
                               fantasy at experte pt autorenforum pt de 
  Heftroman: Arndt Ellmer 
                             heftroman at experte pt autorenforum pt de 
  Historischer Roman: Titus Müller 
                    historischer.roman at experte pt autorenforum pt de 
  Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik 
                            kinderbuch at experte pt autorenforum pt de 
  Lesungen: Rüdiger Heins 
                              lesungen at experte pt autorenforum pt de 
  Lyrik: Martina Weber 
                                 lyrik at experte pt autorenforum pt de 
  Sachbuch: Gabi Neumayer 
                              sachbuch at experte pt autorenforum pt de 
  Schreibaus- und fortbildung: Uli Rothfuss 
                           fortbildung at experte pt autorenforum pt de 
  Schreibgruppen: Ute Hacker 
                        schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de 
  Schreibhandwerk: Ute Hacker 
                       schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de 
  Sciencefiction: Andreas Eschbach 
                              sf-autor at experte pt autorenforum pt de 
  Technik (physikalisch!): Woldemar Schilgen 
                               technik at experte pt autorenforum pt de 
  Übersetzung: Barbara Slawig  
                         uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de 
  Verlagswesen: Bjørn Jagnow 
                          verlagswesen at experte pt autorenforum pt de 

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................. 
Experten-Special: 
................. 

Bjørn Jagnow hat seine über 80 Fragen und Antworten zu den Themen Ur- 
heberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten acht Jahre gesam- 
melt (jetzt inklusive 2007) und stellt sie euch als kostenloses PDF  
zur Verfügung. Das Tolle daran: Die Fragen sind nun thematisch geord- 
net, das elektronische Format erlaubt eine schnelle Volltextsuche -  
und Björn hat außerdem alle Antworten überarbeitet und aktualisiert.  
Ob ihr Infos sucht zu Ausfallhonorar, Book on demand, Buchpreisbin- 
dung, Druckkostenzuschussverlag, Exposé,  Honorar, ISBN, Leseprobe,  
Nebenrechte, Plagiat, Titelschutz, Verlagsgründung, Zitat oder ...  
Hier werdet ihr fündig: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0062- 
tempest2-4. 


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FRAG DIE EXPERTIN FÜR LYRIK: 
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Martina Weber(lyrik at experte pt autorenforum pt de) 


Frage: 
Ich würde gerne meine Gedichte veröffentlichen. Diese lese ich derzeit   
zusammen mit einem Songschreiber in einem Gesangs-Lyrik-Abend in  re- 
gelmäßigen Abständen öffentlich vor. Ich wurde mehrfach angesprochen,  
ob man diese Gedichte nicht in einem Buch kaufen könnte. Ich trage  
mich mit dem Gedanken, sie bei Book on Demand zu veröffentlichen, und  
hätte sicher auch keine Problem, sie zu verkaufen! Auch einige Buchlä- 
den würden das Buch nehmen.  

Jetzt riet mir ein befreundeter Autor davon ab. Da ich zurzeit auch an  
einem Roman arbeite, könnte die Veröffentlichung bei BoD einen  
schlechten Eindruck auf potentielle Agenten und Verlage machen. Was  
ist da dran? Sollte ich lieber unter Pseudonym veröffentlichen? Welche  
Verlage bzw. Agenten sind überhaupt interessiert an Lyrik von neuen  
Autoren? Ich habe schon die ganze Odyssee hinter mir: "lobende" Absa- 
gen nach monatelangem Warten, unakzeptable Angebote von Zuschussverla- 
gen etc. Für Tipps wäre ich sehr dankbar! 


Antwort: 
Viele LyrikerInnen in ihrer Anfangsphase meinen, es genüge, in viel- 
leicht drei Jahren eine Sammlung von 50 Gedichten zu schreiben, ir- 
gendein Verlag würde diese dann schon veröffentlichen und sich um den  
Rest kümmern, also um den Verkauf und natürlich auch um den Ruhm der  
Lyrikerin. Es kann tatsächlich so laufen, dass eine Lyrikerin mit ih- 
rem Frühwerk einen der vielen hunderte Kleinverlage, die es in  
Deutschland gibt, von ihren Texten überzeugt. Meistens läuft es so  
aber nicht.  

Der ideale Weg zum ersten Gedichtband besteht darin, sich über Jahre  
hinweg einen Namen zu machen: durch Veröffentlichungen in möglichst  
renommierten Literaturzeitschriften und Anthologien, durch Teilnahme  
an Literaturwettbewerben, die in der Branche beachtet werden (zum Bei- 
spiel dem Literarischen März), durch Stipendien - kurz: durch eine  
schrittweise allmähliche Integration in den Literaturbetrieb, der ja  
nicht nur aus Verlagen besteht, sondern auch aus Literaturgruppen,  
Redaktionen von Literaturzeitschriften, aus der Organisation von Le- 
sungen usw. Aus einer solchen Position heraus ergibt sich der erste  
Lyrikband manchmal ganz unkompliziert durch Kontakte, vielleicht weil  
eine neue Lyrikbekanntschaft beim XY-Verlag ist. Es ist ein langer  
Weg; oft liegen zwischen den ersten Gedichtversuchen und dem Lyrikde- 
büt zehn Jahre.  

Wer ein Buch als Book on Demand veröffentlicht (bei welchem kommer- 
ziellen Anbieter auch immer), steht in der Literaturbranche im durch- 
aus begründeten Verdacht, keinen Verlag von den eigenen Gedichten ü- 
berzeugt zu haben und sozusagen aus einer Ungeduld heraus und mit al- 
ler Gewalt die eigenen Werke auf den Markt bringen zu wollen. Aus- 
schreibungen, die als Teilnahmevoraussetzung einen Lyrikband verlan- 
gen, führen immer aus, dass weder ein Buch im Selbstverlag noch ein  
BoD-Band ausreicht: Der BoD-Band zählt sozusagen nicht. (Nicht gemeint  
sind damit Verlage, die ihre Bücher als BoD drucken und sich ihre Au- 
torInnen aussuchen, zum Beispiel die Lyrikedition 2000.)  

Der BoD-Band kann aber sinnvoll sein, wenn die Nachfrage nach dem ei- 
genen Werk groß ist und wenn sich die Autorin, der Autor literarisch  
unabhängig von der Literaturbranche bewegt. Da Sie sich jedoch auch  
als Romanautorin einen Namen machen wollen, rate ich Ihnen von einem  
BoD unter Ihrem Namen ab. Einer Veröffentlichung unter Pseudonym haf- 
tet immer etwas davon an, nicht zu dem eigenen Werk zu stehen. Ich  
persönlich würde es nicht tun. Die Verwendung eines Pseudonyms könnte  
in Ihrem Fall sinnvoll sein, wenn Sie in Ihrer Lyrik kein Entwick- 
lungspotential mehr spüren (wenn also der Lyrikband der erste und  
letzte für Sie wäre), während Sie Ihren Schwerpunkt und auch Ihren  
literarischen Erfolg in der Prosa sehen. 

Normalerweise trägt der Verlag das Risiko dafür, ob sich von einer  
Auflage von vielleicht 300 Lyrikbänden wenigstens so viele Bücher ver- 
kaufen, dass der Verlag keinen Verlust macht. Lyrikbände völlig unbe- 
kannter AutorInnen verkaufen sich aber oft so schlecht, dass einige  
Verlage statt des Normvertrags Verträge anbieten, nach denen die Auto- 
rin dem Verlag eine bestimmte Zahl der Druckauflage (vielleicht 150)  
zu einem reduzierten Preis abkauft und die Bücher zum vollen Preis  
verkaufen kann. Man kann diese Modell als verdeckten Zuschussvertrag  
bezeichnen; für AutorInnen, die selbst aktiv eigene Lesungen gestal- 
ten, lohnt es sich aber durchaus. 

Agenturen interessieren sich grundsätzlich nicht für Lyrik, weil bei  
den Auflagen, die Lyrikbände in Deutschland erreichen (1.000 Stück  
haben schon Bestsellercharakter) keine Gewinne zu erwarten sind.  

Die meisten Verlage sind über unaufgefordert eingereichte Manuskript  
nicht gerade erfreut. In den Statistiken geht der Anteil der angenom- 
menen Manuskripte aus dem Stapel der unaufgefordert eingereichten ge- 
gen Null. Verlage wollen ihre AutorInnen am liebsten selbst entdecken,  
zum Beispiel auf Wettbewerben oder Lesungen. 

Wer sich dennoch mit einem Manuskript von ca. 10 bis 15 Gedichten plus  
Kurzbiographie an Verlage wenden möchte, muss vor allem darauf achten,  
dass die Gedichte zum Verlag passen, das bedeutet, sich vorher gut  
über das Verlagsprogramm zu informieren und möglichst auch einige Ge- 
dichtbände zu kennen. Das ist viel Arbeit. 

[Eine aktuelle Liste von rund 90 Verlagen mit Erreichbarkeitsdaten,  
Internetadressen und teilweise auch Programmausrichtung sowie weitere  
Tipps zur Verlagsuche und zum Verlagsvertrag finden sich in Martina  
Webers Buch "Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und  
veröffentlichen", Uschtrin Verlag, 2. Auflage 2008. - die Red.]  

                    **~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~** 

Martina Weber ist Autorin und Herausgeberin des Buches "Zwischen Hand- 
werk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen", dessen 2.  
Auflage Ende in diesen Tagen herauskommt. Einige ihrer Gedichte finden  
sich unter http://www.poetenladen.de/martina-weber.html.  


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Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen  
und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit getrenn- 
ter Mail kommt! 
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