Hall of Fame
Schreib-Kick
Lese-Tipp
Autorenwissen
"Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern"
von Jennifer Schreiner
"Woher weiß man, ob das Manuskript
zum Veröffentlichen taugt? - Teil 2"
von Stefanie Bense
Vier Seiten für ein Halleluja
"Edge Impact" (Teil 2 des Lektorats)
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Buchbesprechung
"Wie Romane entstehen"
besprochen von Elke Bockamp
Interview mit Markus Stromiedel
Erfahrungsbericht
"Feenfleiß und Drachenschweiß:
Die Entstehung eines Märchenbuchs"
von Petra Hartmann
Besondere Lesungen
"Märchenlesung im Hexenhäuschen"
von Elvira Reck
Frag die Expertin für Lyrik
(Martina Weber)
EDITORIAL:
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Liebe Autorinnen und Autoren,
nach meiner ausführlichen Anleitung für die Meldungen in unserer "Hall
of Fame" haben sich im letzten Monat fast alle daran gehalten - die
anderen finden ihren Eintrag, wie angekündigt, hier nicht wieder.
Da es immer mehr Verlage gibt, die wir nicht alle kennen können und
deren Politik auch aus der Website nicht immer genau hervorgeht, müs-
sen wir euch ab sofort um einen Zusatz bei euren Meldungen bitten:
Schreibt bitte ab sofort in eure Mail mit der Meldung immer auch hin-
ein, dass ihr bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenver-
lag noch in einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor etwas be-
zahlt hat!
Draußen explodieren die Knospen, und auch der neue Tempest platzt aus
allen Nähten (Achtung, Metaphernpolizei!) vor spannenden Beiträgen.
Stefanie Bense klärt im zweiten Teil ihres Artikels unter anderem dar-
über auf, was "veröffentlichungsreif" konkret heißt. Jennifer Schrei-
ner gibt Tipps für Lesungen mit Pfiff. Hans Peter Roentgen liefert den
zweiten Teil seiner Analyse eines Lesertextanfangs. Von Freud und Leid
einer Herausgeberin berichtet Petra Hartmann. Elke Bockamp hat einen
Schreibratgeber für uns rezensiert. Eine neue besondere Lesungsidee
liefert Elvira Reck. Unsere HerausgeberInnen haben Markus Stromiedel
interviewt. Und unsere Lyrikexpertin Martina Weber antwortet auf eine
Frage, die sicher viele LyrikerInnen bewegt.
Der Tipp des Monats Mai, diesmal von Jana Kutzschbauch:
Um einen Text besser Korrektur lesen zu können,
sollte man eine andere Schriftart und -größe verwenden
und ihn dann ausgedruckt(!) lesen.
Durch das ungewohnte Format entdeckt man leichter Fehler,
die man sonst schnell übersieht.
Die Lostrommel ist noch geöffnet! Viele neue Tipps habe ich noch nicht
bekommen, also sind eure Gewinnchancen gut. Schickt mir bis zum 31.
Mai noch eure Tipps rund ums Schreiben und ums Autorendasein fürs Edi-
torial in maximal 300 Zeichen (inkl. Leerzeichen)! (Danach natürlich
auch, aber dann wandert euer Name erst in die Trommel für die nächste
Verlosung.) Und jetzt: Viele neue Ideenknospen wünschen wir euch - und
denkt beim Gang zur Bank auch mal an den Tempest, der eure Beiträge
dringend braucht!
Gabi Neumayer
Chefredakteurin
~~~~~~~~~~~
Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen
freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt,
aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das Konto
von autorenforum.de:
Sparda Bank Südwest eG
BLZ 550 905 00
Kto. 100 724 515
Stichwort: "Beitrag 2008"
Für AuslandsabonnentInnen: Am 1. Juli 2003 wurden die Auslandsüberwei-
sungsgebühren gesenkt. Aber natürlich könnt ihr uns euren Beitrag auch
weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des Tempest).
Wer aus Österreich überweist, braucht außerdem diese Nummern (bitte
genau so zusammenschreiben!)
IBAN: DE16 5509 0500 0100 7245 15
BIC: GENODEF1S01
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
ISSN 1439-4669 Copyright 2008 autorenforum.de. Copyright- und
Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe
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INHALT DIESER AUSGABE:
TEIL 1:
Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lese-Tipp
Autorenwissen
"Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern"
von Jennifer Schreiner
"Woher weiß man, ob das Manuskript
zum Veröffentlichen taugt? - Teil 2"
von Stefanie Bense
Vier Seiten für ein Halleluja
"Edge Impact" (Teil 2 des Lektorats)
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Buchbesprechung
"Wie Romane entstehen"
besprochen von Elke Bockamp
Interview mit Markus Stromiedel
Erfahrungsbericht
"Feenfleiß und Drachenschweiß:
Die Entstehung eines Märchenbuchs"
von Petra Hartmann
Besondere Lesungen
"Märchenlesung im Hexenhäuschen"
von Elvira Reck
Frag die Expertin für Lyrik
(Martina Weber)
Impressum
TEIL 2:
Veranstaltungen
Ausschreibungen
Publikationsmöglichkeiten
mit Honorar
ohne Honorar
Seminare
Messekalender
Impressum
~~~~~~~~~
Auf unserer Homepage gibt es mittlerweile einen praktischen Service
für orientierungslose Tempest-LeserInnen: Inhaltsübersichten für ein-
zelne Tempest-Jahrgänge, nach AutorInnen sortiert. Eberhard Kamprad
(http://www.kamprad-online.de) hat freundlicherweise die aufwendige
Arbeit übernommen, nach und nach die Verzeichnisse für alle bisherigen
Jahrgänge zu erstellen.
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HALL OF FAME:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen
können.
Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen nach diesem Schema:
.......
AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich
könnt ihr in maximal 60 Zeichen inklusive Leerzeichen (nicht Wörtern!)
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen.
.......
Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im Ei-
genverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.
ACHTUNG, NEU!
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr bes-
tätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in einem
Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt hat!
Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an
redaktion at team pt autorenforum pt de.
Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen
Schema gemacht werden!
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Kerstin Krause: "Abenteuer Pisatopia", Neverendingland 2007, Jugend-
buch / Fantasy. Ein echter Lern-Motivator! http://www.pisa-shop.de
Rainer Innreiter: "Sternstunden menschlichen Scheiterns", Twilight-
Line 2008, Humor. Originelle Humorgeschichten.
http://www.twilightline.com
Meddi Müller: "Der Gewürzhändler zu Frankfurt", Röschen-Verlag 2008,
Historischer Roman. Mehr darüber unter http://www.leserun.de
Falko Löffler: "Cademar - Günstling der Magie", Spreeside Verlag 2008,
Fantasy. Band 1 einer Trilogie, http://www.falkoloeffler.de
Inge Stender: "In der Schule stirbt man nicht", swb-verlag 2007, Kri-
minalroman. Drogen, sexuelle Eifersucht; http://www.inge-stender.com
Carmen Winter und Hermann Naehring: "Männertöne - Weiberworte", pho-
nector 2008, CD spoken word. http://www.phonector.com
Sabine Purfürst: "Spuren der Zeit", Turmhut-Verlag 2007, Gedichte. Mit
Bildern von Daniela Eller. www.turmhut-verlag.de
Erika Haid: "Ägypten. Urlaub im Land der Pyramiden", BoD 2008, Reise-
bericht. Reisebericht mit Informationen zur Geschichte des Landes
Martina Weber: "Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und
veröffentlichen", 2. Auflage, Uschtrin Verlag 2008, Sachbuch.
http://www.uschtrin.de/weber.html
Markus Stromiedel: "Zwillingsspiel", Knaur Verlag 2008, Polit-
Thriller. http://www.markus-stromiedel.de, www.zwillingsspiel.de
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SCHREIB-KICK:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Unser Schreib-Kick für den Mai, diesmal von Julia Sohnemann:
Ich habe mir ein Notizbuch zugelegt, um meine neue Wohnung bzw. meine
Traumwohnung zu planen. Dort hinein klebe ich alles, was mich irgend-
wie anspricht: Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften, Fotos, Stoff-
reste, alle anderen Materialien, die ich schön finde (zum Beispiel
Geschenkband) und auch Gedichte und Zitate. Wenn ich in einer Wohnung
oder in einem Restaurant war, das mir gefallen hat, dann zeichne ich
die Einrichtung so gut es geht auf oder beschreibe sie. Dadurch wird
einerseits meine Kreativität angeregt, und andererseits achte ich ge-
nauer auf meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.
Jetzt habe ich festgestellt, dass das mittlerweile schon sehr volle
Buch auch hilft, wenn ich eine Schreibblockade habe. Ich blättere ein-
fach ein wenig darin herum oder klebe neue Bilder ein, und meistens
kommen dann die Ideen von allein - denn in dem Buch sind nur Dinge,
die ich schön finde und die mich ansprechen.
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LESE-TIPP:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/index.php?id=3: Wer
etwas über Druckkostenzuschussverlage wissen möchte, sollte hier ein-
mal vorbeischauen.
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AUTORENWISSEN:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Lesung - oder: Die Angst des Autors vor Zuhörern"
von Jennifer Schreiner
Bei vielen Autoren und Lesungen frage ich mich, ob die Schreiber dass
extra machen. Was? Na, diese extrem langweiligen Titel.
Die können doch nicht einfach zufällig entstehen, oder? Selbst wenn
man kein Verkaufs- und Marketingprofi ist, kann es doch nicht so
schwierig sein, einfach den eigenen Namen und den Texttitel zu nehmen
und dazu ein paar werbewirksame Zeilen zu schreiben. Stattdessen ent-
steht leider oft der Eindruck: Lesung pur = Langeweile pur.
Natürlich muss das nicht so sein, dass die Lesung langweilig ist
(selbst wenn der Titel das glauben macht), aber wissen das die poten-
tiellen Zuhörer? Nein! Woher denn auch? Oder wie Dieter Nuhr sagte:
"Ich schreibe einfach Comedy drauf, dann kommen die Leute wenigstens
und hören mir zu."
Natürlich soll jetzt nicht überall "Comedy" drauf geschrieben werden,
aber wenigstens ein paar Punkte sollte jeder potentielle Vorleser
beachten.
Die Vorbereitung
Komisch, ist aber so: Auch eine Lesung muss vorbereitet werden.
Man sollte meinen, dass Autoren ihre Texte kennen und lesen können.
Entweder vergessen viele Autoren diese Tatsache manchmal, können
schreiben, aber nicht lesen, oder sie sind einfach mangelhaft vorbere-
itet oder nervös. Merke: Nur wirklich, wirklich talentierte Leute kön-
nen aus dem Stegreif vorlesen.
1. Textstelle suchen (der Zielgruppe entsprechend, möglichst lustig
und spannend, in sich geschlossen)
2. Lesezeit stoppen
3. Betonung üben
4. Gesten anpassen
5. eventuell Probezuhörer einladen
Wie kann man eine Lesung interessant gestalten?
Nichts davon ist ein Muss, aber alles ein Kann. Zuhörer werden positiv
eingestimmt und werden von der Lesung berichten (zumindest von dem
Aufwand, der getrieben wurde), wenn man zum Beispiel so etwas macht:
- Mit mehreren Autoren lesen
- Raumdeko (an das Genre anpassen)
- Licht (an das Genre anpassen)
- die eigene Optik (an das Genre anpassen)
- Stimmung (z. B. Kerzen, Nebel)
- Bilduntermalung (z. B. Computer)
- Musikuntermalung (Vorsicht: GEMA-Gebühren!)
- auch beliebt, aber nicht leicht zu bekommen oder teuer: Livemusik,
Feuerball-Jongleure, Feuerschlucker, Jongleure, Tänzer, Stripper
- Gibt es Freunde, die in einer Band spielen? Musiker? Zeichner (die
live zeichnen)? Oder könnte man sich ein Performance passend zum Text
vorstellen? (z. B. Pantomime)
Merke: Passender (!) Schnick-Schnack macht neugierig.
Die Ankündigung
Es ist ratsam, sofern man noch nicht bekannt ist, die Lesung als einen
Event anzukündigen und das Besondere herauszuheben; oder man sucht
sich einen Titel (der neugierig macht) und schreibt dann "Lesung"
drunter und gibt notwendige (und neugierig machende!!!) Informationen
zur geplanten Lesung.
Merke: Sex sells, Blut und Humor auch!
Und wo kündigt man die Lesung / den Event an? Zeitungen,
Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Homepage, passende Foren ...
Größere Events, Cons und Messen
Events, Cons und Messen sind interessant, unterhaltsam und machen Spaß
(mir zumindest). Wenn man dort eine Lesung veranstalten will, weiß man
im Vorfeld, dass viele Autoren oder Künstler da sein werden, die eben-
falls um die Gunst des Publikums buhlen.
Wir sind also vorbereitet, haben einen neugierig machenden Aufhänger,
aber immer noch kein Publikum.
Der Veranstalter kündigt uns mit unserem Aufhänger an (im Internet,
auf Zeit-Tafeln und im Programmheft)? Dann können wir uns noch in un-
serem zum Genre passenden (oder sonst wie auffälligen) Outfit durch
das Publikum bewegen, Handzettel verteilen, Plakate aufkleben (wenn
erlaubt) und Leute anquatschen.
Merke: Andere Autoren sind oft die schlechtesten, unwilligsten und
ungeduldigsten Zuhörer. (Oder bin nur ich das?)
Die Lesung selbst
Nervosität kann man akzeptieren. Zuhörer beißen nicht. Man kann ihnen
auch ganz einfach die Wahrheit sagen: "Ich bin nervös." Das macht
menschlich, und jeder kann Nervosität verstehen. Und was noch hilft:
Kaugummi kauen und es erst kurz vor dem ersten Wort runterschlucken.
(Ehrlich. Hat mir mein Biolehrer vor Jahren verraten.)
Humoristische Einlagen kommen auch immer gut. Machen Sie Stand-up-
Comedy, wenn Sie sich trauen. Erlebnisse aus dem Autorenalltag eignen
sich immer gut dazu, sie sind oft so skurril, dass eh keiner glaubt,
dass sie wirklich passiert sind.
Sie kennen keine? Das glaube ich Ihnen einfach nicht! Was sagen denn
Freunde und Eltern zu der Schriftstellerei? Oder wie waren Ihre Ver-
lagsabsagen? Ihre ersten Lesungen? Böse Rechtschreib- und Logikfehler,
die Sie schon gemacht haben?
Merke: Wer auch mal über sich selbst lachen - oder berichten - kann,
wirkt sympathisch.
Für ihre kleinen Anekdoten und Fehler werden die Zuhörer Sie lieben,
und Leute, die Sie lieben, kommen wieder und werden anderen Leuten von
Ihnen erzählen.
Gut les!
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Jennifer Schreiner wurde 1976 in Gelsenkirchen geboren, ist Magister
der Philologie, Autorin und Herausgeberin. Ihre Geschichten erschienen
in zahlreichen Anthologien (u. a. Ubooks "Honey", Boccaccio "Wild nach
dem Erdbeermund") und Zeitschriften (u. a. Feigenblatt-Magazin, Elfen-
schrift). Mehr zu ihr und ihrem bissig-erotischen Vampirroman "Zwill-
ingsblut" unter http://www.JenniferSchreiner.com.
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AUTORENWISSEN:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Woher weiß man, ob das Manuskript zum Veröffentlichen taugt?
Kriterien für Idee und Verkauf - Teil 2"
von Stefanie Bense
Wie beurteilt man ein Manuskript
in Hinsicht auf seine Vermarktbarkeit?
Selbst wenn alle Bekannten, Freunde und Verwandten recht haben sollten
und deine Texte gut lesbar und spannend sein sollten, heißt das nicht,
dass sie auch verkaufbar sind. Und das ist der Maßstab der Verlage!
Verkaufbar - das hängt von viel mehr Faktoren als nur einem gut
geschriebenen Manuskript ab (das allerdings vorausgesetzt wird):
- Konkurrenz-Manuskripte: Was ist schon auf dem Markt? Was liegt beim
Verlag an ähnlichen Stoffen zur Veröffentlichung bereit?
- Marketingstrategien des Verlags, z. B. dass sich Verlage auf einen
Teil des Genres spezialisieren oder dass nur Übersetzungen aus dem
Anglo-Amerikanischen eingekauft und veröffentlicht werden
- Vertriebsprognosen darüber, was in Zukunft gelesen wird, welche
Stoffe der Leser in den nächsten Jahren kaufen möchte
- Marktanalysen, z. B.: Lohnt es sich noch, auf den Zug "Tolkien-
Epigonen" oder "Zauberschulen-Geschichten" aufzuspringen? (Nein, tut
es nicht!) Geht er Trend zu düsterer Atmosphäre oder lichter
Heiterkeit?
- Risikominimierung im Verlag: Lieber ein drittes, viertes Manuskript
von einem etablierten Autor als ein erstes Manuskript von einem Neul-
ing, schließlich kennen die Leser den Namen des Etablierten schon
- Kostenminimierung: Lohnt sich der Aufwand, aus dem Manuskript ein
Buch zu machen?
... und eine Anzahl weiterer Faktoren, je nach Verlagspolitik.
Viele dieser Faktoren sind für Autoren nicht zu überblicken, gesch-
weige denn einzuschätzen. Daher ist es immer noch ein Glücksspiel, ein
Manuskript an den Verlag zu bringen. Und daher gibt es immer noch
Autoren, denen gar nicht bewusst ist, wie sie es denn nun "geschafft"
haben.
Was kann man selbst dafür tun?
Ein Exposé verfassen, das dem Lektor den Mund wässrig macht, so dass
er die Textprobe liest und am besten noch mehr von dem Manuskript le-
sen will. Exposés sind eine "Literaturform" für sich, daran sitzt man
oft viele Wochen oder Monate. Es ist ein Verkaufsargument vom Autor an
den Lektor, und es zeigt, ob du Profi genug bist, ausreichend Abstand
zu deinem Manuskript zu entwickeln, es zusammenzufassen und die wesen-
tliche Geschichte herauszustellen.
Ein Anschreiben texten, das dein Licht nicht unter den Scheffel
stellt, aber auch weder angibt noch großsprecherisch etwas behauptet,
was dein Manuskript nicht halten kann. Es muss zeigen, dass du etwas
vom Schreiben verstehst und warum gerade du die Richtige bist, diese
Geschichte zu erzählen. (Nebenbei: Schreibfehler sollten weder im An-
schreiben noch im Exposé oder im Manuskript auftauchen. Damit machst
du dich als Autor unglaubwürdig.)
Sich einen Namen machen, z. B. indem man Kurzgeschichten, Artikel etc.
veröffentlicht und / oder bei Wettbewerben gewinnt. Man kann im An-
schreiben an die Verlage dann darauf hinweisen. Außerdem dokumentiert
man damit, dass man keine Eintagsfliege ist, also eine Autorin, die
nur eine einzige Geschichte zu erzählen hat. Verlage setzen auf Wied-
erholungstäter.
Sich NUR an jene Verlage wenden, die Fantasy veröffentlichen und zwar
von deutschen Autoren/innen, wenn du Fantasy geschrieben hast. Nichts
ist unprofessioneller, als das Manuskript an Verlage zu senden, die
gar keine Fantasy im Programm haben. Wer Fantasy liest, weiß jedoch,
welche Verlage das Genre verkaufen. Wer es nicht liest, muss sich in-
formieren (und fragen lassen, warum er dann Fantasy schreibt). Was ist
einfacher, als in verschiedene Buchhandlungen zu gehen und dort in der
Fantasy-Ecke herumzustöbern? Oder sich in Verlagsprogrammen und im
Internet zu informieren?
Sich einen kleinen Verlag suchen, der sich noch die Mühe macht,
vielversprechende Manuskripte mit dem Autor / der Autorin zusammen zur
Marktreife zu bringen. Solche Verlage finden sich häufig im Internet,
oder sie inserieren in einschlägigen Zeitschriften (Fanzines, Con-
Berichte, Themenhefte) oder im Tempest. Verlage findet man auch in
Nachschlagewerken wie Sandra Uschtrins "Handbuch für Autorinnen und
Autoren". Aber Vorsicht vor Druckkostenzuschuss-Verlagen!
Sich im Buchhandel, Internet und über Verlagsprogramme informieren,
wer was veröffentlicht und welche Manuskripte sucht. Da helfen auch
Interviews mit Verlegern oder Lektorinnen oder Autoren/innen, die
erzählen, wie sie ihr Manuskript an den Verlag gebracht haben. Solche
Interviews gibt es in Autorenzeitschriften wie "Tempest", "Federwelt",
"TextArt" und im Internet.
Alternativen erwägen: Selbstveröffentlichung im Eigenverlag, Book on
Demand, ein anderes Projekt angehen, während das erste schon durch die
Verlage kursiert. Druckkostenzuschuss-Verlage dagegen sind mit Vor-
sicht zu genießen: Nur, wenn du viel Geld auszugeben bereit bist und
dein Werk ohne jede Komma-Änderung gedruckt sehen willst, hat das
Sinn. Ich persönlich bin der Meinung, dass ich keinen Verlag für eine
Veröffentlichung bezahlen muss. Schließlich verkaufe ich ihm meine
Ware Manuskript.
Was heißt das: Es passt nicht ins Verlagsprogramm?
Einerseits haben Lektoren, Herausgeber und Verleger schlechte Er-
fahrungen damit gemacht, den Autoren zu schreiben, warum sie die
Manuskripte wirklich ablehnen (müssen). Daher schreiben sie häufig,
das Angebotene passe nicht ins Programm. Sie haben nicht die Zeit, zu
diskutieren, Autoren zu päppeln oder wieder aufzurichten, die
Schwachstellen an Manuskripten auszubügeln, um Originalität zu bitten
...
Andererseits kann die Aussage auch meinen, was sie sagt: Du hast das
Manuskript zu einem Verlag gesandt, der bereits auf Jahre sein Pro-
gramm festgelegt hat oder z. B. keine Fantasy verlegt. Gegen Ersteres
kann man nichts unternehmen. Auf Letzteres solltest du selbst achten.
Was heißt das eigentlich: Veröffentlichen?
Es bedeutet, professionell aufzutreten, ständig Manuskripte zu
liefern, die verkaufbar sind, und mehr zu tun, als nur zu schreiben.
Ganz ehrlich solltest du dich Folgendes fragen:
-> Ist mein Manuskript gut genug und professionell aufbereitet (Norm-
seiten, einseitiger Ausdruck, Seitenzahlen, Fuß-/Kopfzeile)?
Überarbeitungen, Selbstkritik und professionelles Auftreten kann /
muss man lernen und üben, gegebenfalls mit Hilfe anderer.
-> Warum will ich, dass mein Manuskript zum Buch wird?
Wer damit groß Geld verdienen will, sollte sich auf Hungerzeiten ein-
stellen. Wer auf Ruhm, dicke Autos und Bewunderung aller Welt aus ist,
sollte Popstar werden.
-> Will ich wirklich Autorin sein?
Das bedeutet: nicht nur EIN Manuskript schreiben, sondern viele. Und
zwar stetig. Nicht nur den Verlag machen lassen, sondern selbst mar-
ketingtechnisch aktiv werden in Absprache mit der Marketingabteilung
des Verlags. Nicht nur schreiben, sondern auch Zeit und Können für
Interviews, Fans, Artikel und anderes aufbringen - sprich: öffentlich
werden.
Und das hat wirklich gar nichts mit der romantischen Vorstellung vom
Autorendasein mit Sekretärin, Cabrio und Villa zu tun, wo mal eben am
Pool der nächste Bestseller diktiert wird, oder mit der Vorstellung,
quasi über Nacht berühmt zu werden wie J. K. Rowling (was eh nicht
stimmt, denn Rowling hatte schon lange vorher geschrieben und auch an
den Potter-Bänden jahrelang gearbeitet). Schreiben und Veröffentlichen
ist harte Arbeit, wie in jedem anderen Handwerkerberuf, nur dass hier
noch das Kreative und Künstlerische dazukommt.
Zu all dem gibt es einige Hilfestellungen in Büchern, z. B. in: Sylvia
Englert: So finden Sie einen Verlag für Ihr Manuskript, oder: Manfred
Plinke: Handbuch für Erst-Autoren.
Und nun wünsche ich euch, dass ihr eure Manuskripte erst durch die
Mangel dreht und dann mit professionellem Auftreten an die Verlage
weitergebt.
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Stefanie Bense lebt und arbeitet in Hannover, gibt Schreibkurse auch
an der Uni und organisiert eine Roman-Werkstatt:
http://www.romantisch.essdeh. Sie veröffentlicht sporadisch und
schreibt an ihrem dritten Roman. Kontakt:
fantasy at experte pt autorenforum pt de.
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VIER SEITEN FÜR EIN HALLELUJA:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Oft können Profis schon an den ersten Seite sehen, woran ein Text
krankt. Da wird zu viel erklärt, oder die Personen bleiben blass, oder
der Text ist mit Adjektiven überladen oder ...
Wenn eins dieser Probleme in eurem Text auftaucht, wird ihn ein Ver-
lagslektor schnell beiseite legen - und ihr erhaltet ziemlich sicher
einen der beliebten Formbriefe. Denn die Probleme, die auf den ersten
vier Seiten auftreten, setzen sich in aller Regel im Rest des
Manuskripts fort.
Hier könnt ihr die Probe aufs Exempel machen. Hans Peter Roentgen, der
professionell Schnupperlektorate (http://www.hproentgen.de) der ersten
vier Seiten macht, bespricht für den Tempest kostenlos die ersten vier
Seiten von Lesern.
Also: Schickt uns die ersten vier Seiten eures Manuskripts - maximal
7.200 Zeichen! -, und vielleicht findet ihr schon im nächsten Tempest
unseren professionellen Kommentar dazu! In der Regel werdet ihr fest-
stellen, dass ihr unsere Ratschläge auch für den Rest eures Textes
verwenden könnt. Bitte schickt uns aber nur Text- oder RTF-Dateien.
Das könnt ihr einstellen, indem ihr in Word statt "Speichern"
"Speichern unter" anklickt und dann ganz unten den Dateityp wählt
("nur Text" oder "RTF"). Die normalen Word-Dateien sind beliebte
Virenträger und werden deshalb von uns nicht geöffnet.
Der Text wird anonym im Tempest abgedruckt und besprochen (es sei
denn, ihr wollt euren Namen dort sehen, bitte extra vermerken!).
Außerdem werden Text und Besprechung auf den Seiten von Hans Peter
Roentgen (http://www.textkraft.de) veröffentlicht, der dieses neue
Angebot organisiert und selbst schon viel Erfahrung mit dem Lektorat
der ersten vier Seiten hat.
Welcher Text besprochen wird, legen wir fest. Die AutorInnen erklären
sich mit ihrer Einsendung mit der Veröffentlichung einverstanden.
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"Edge Impact"
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Die Firma hatte mir ein schönes Fahrzeug überlassen, einen dunkel-
blauen E-Klasse-Mercedes mit Lederausstattung und Automatikgetriebe.
Eine der kleinen Annehmlichkeiten, die Alliance Officer kostenlos zur
Verfügung gestellt bekamen, wenn sie sich zwischen zwei Auslandsein-
sätzen wieder einmal für kurze Zeit in der Schweiz aufhielten. Ich bin
jetzt seit zwei Monaten aus dem Einsatz zurück. Eine kurze Zeit, wenn
man das alles hinter sich hat, was ich erlebt hatte. Nach meinem Ver-
trag würde mir jetzt ein Vierteljahr bezahlte Erholungspause und sogar
zehn kostenlose Sitzungen bei einem Psychotherapeuten meiner Wahl
zustehen. Diese Sitzungen wären eigentlich Pflicht, aber ich bin schon
zu lange in diesem Geschäft, als dass sie mir noch etwas gebracht hät-
ten. Es ist nicht etwa so, dass ich per se etwas gegen unsere Psy-
chologen hätte, vor allem nicht gegen die Damen dieser Zunft, da gab
es schon ein paar wirklich nette Mädels darunter. Aber auch die
konnten einem nicht den ganzen Schmutz und das verkrustete Blut von
der versteinerten Seele abwaschen. Etienne, einer meiner alten Kol-
legen, der von jenseits der Grenze aus Frankreich stammt, erzählte mir
bei dieser Gelegenheit einmal, er als praktizierender Katholik würde
nach jedem dieser Einsätze zu Beichte gehen. Ihm würde das helfen, es
ginge ihm hinterher sehr viel besser, aber der Priester müsse sich
jedes Mal übergeben und würde leichenblass den Beichtstuhl verlassen.
Ja, Etienne hat eine plastische Art, seine Erlebnisse zu schildern.
Das war übrigens auch eines der wenigen privaten Gespräche, die wir in
den sechs Jahren, die ich jetzt bei der Alliance bin, geführt hatten.
Im Grunde waren wir alle einsame Wölfe und jeder für sich gesehen eine
kapriziöse Primadonna. Alles ist so organisiert, dass wir uns bei der
Arbeit nicht großartig in die Quere kommen konnten. Jeder von uns
hatte seine eigene Region, in der er selbstverantwortlich arbeitete.
Es war ein bisschen so wie bei einem Handelsvertreter, wenn du lange
genug in einer Gegend zu tun hattest, dann kanntest du dort alle
wichtigen Leute. Du wusstest Bescheid darüber, wo es gefährlich ist
und wo du dich als Europäer besser nicht nach Einbruch der Dunkelheit
herumtreiben solltest. So verfügte jeder der Field Officer, das war
übrigens die offizielle Berufsbezeichnung, die in unseren Verträgen
mit der Swiss Security Alliance AG in Genf stand und so auch einen
ungefähren Hinweis auf die meistens militärische Vergangenheit von uns
gab, über ein ausgezeichnetes Netzwerk lebensnotwendiger Kontakte.
Etienne und ich, wir teilten uns den schwarzen Kontinent, er arbeitete
bevorzugt im Norden von Afrika und ich im Süden. Am Äquator kreuzten
sich unsere Pfade dann aber manchmal, das war aber unvermeidlich. Die
Alliance hatte ihre Leute in der russischen Föderation, in Nord- und
Südamerika und eben uns, die sogenannten Afrikaner. Aus den Krisenher-
den in Afghanistan, dem Irak und dem pazifischen Raum hielten wir uns
allerdings tunlichst heraus. Das waren die angestammten Reviere der
großen britischen Sicherheitsfirmen, die dort ausgezeichnet vom Per-
sonen- und Objektschutz leben. Ich war deshalb auch nicht wenig über-
rascht, als mich mein Chef, Guido Brunner, aus dem Urlaub zurückrief,
um mich ausgerechnet zu einem Afghanistaneinsatz zu überreden. Guido
war der dienstälteste und erfahrenste Profi bei der Alliance, er
stammt aus Luzern und hatte es in der Schweizer Armee bis zum Oberst
gebracht, ich bin dagegen, ohne einen anständigen Beruf gelernt zu
haben, als Reservist ausgestiegen, aber immerhin auch als Oberleut-
nant. Weiter kommst du bei uns in der Schweiz nicht, wenn du nicht
Berufssoldat werden willst, und ich wollte nicht.
Dieser neue Fall, mit dem mir Guido ständig in den Ohren lag, war mir
schon aus den Medien bekannt. Fünf zivile Aufbauhelfer eines deutschen
Industriekonsortium sind aus einem angeblich sicheren Außenbezirk von
Kabul entführt worden, alle bis jetzt geführten Verhandlungen waren
gescheitert. In der ganzen Bundesrepublik war dann auch niemand zu
bekommen, der zum einen dumm genug war, um sich auf eine solches Aben-
teuer einzulassen, und zum anderen auch noch die notwendige Erfahrung
mitbrachte, um in einer geschlossenen, streng muslimisch geprägten
Gesellschaft wie der afghanischen einen solchen Fall zu lösen. Das
ganze Land wird von einer Horde bewaffneter Halunken kontrolliert, die
seit Jahrhunderten in undurchlässigen Familienclans organisiert sind
und vom Opiumanbau und Drogenhandel leben. Solche Stammesstrukturen
kannte ich aus Afrika ziemlich gut, es ist derselbe Geist, dieselbe
Sorte von Halsabschneidern, nur anstelle des Opiums ging es in Afrika
um kostbare Bodenschätze.
In knapp einer Stunde würde ich mehr wissen. Die Besprechung mit den
Vertretern des Auftraggebers und den offiziellen deutschen Stellen war
für 10:30 angesetzt. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin, Avenue
Eugene Pittard 15, ein freistehendes modernes Bürogebäude am Parc Al-
fred Bertrand, mitten in der Genfer Innenstadt, die Firmenzentrale der
Swiss Security Alliance AG.
Ein Illustrer Kreis war das, der sich heute in Genf treffen würde.
Dr. Ziegler, einer der Geschäftsführer der Rheinstahl-Hutton AG, als
Vertreter des Auftraggebers. Es waren seine Leute, die in Afghanistan
entführt worden sind, und er stellte auch das benötigte Geld für die
Operation zur Verfügung. Dann war da noch Generalmajor Rüdiger Brod-
beck, der geheimnisumwitterte Chef der deutschen Spezialkräfte, mit
Männern aus seinem Stab. Seine Aufgabe wäre die militärische
Durchführung einer Befreiungsaktion. Nur leider saß er mit seiner
Truppe auf dem deutschen ISAF-Stützpunkt in Mesar-i Sharif fest, weil
ihm seine Aufklärung bis jetzt kein brauchbares Ziel liefern konnte.
Das sollte dann wohl meine Aufgabe werden. Ich sollte Brodbecks
Scharfschützen zum Versteck der Geiseln führen und dabei den eigenen
Kopf möglichst tief in der Deckung halten, um nicht noch als möglicher
Kollateralschaden in seinem Einsatzbericht unter der Rubrik zivile
Verluste zu erscheinen.
Dr. Ziegler war bis jetzt der einzige der Besucher, die ich schon ken-
nengelernt hatte. Das kam auch nur daher, weil ich ihn bereits letzte
Woche in seinem großzügigen und modern eingerichteten Büro in der 12.
Etage der Rheinstahl-Hutton-Firmenzentrale in Frankfurt am Main be-
sucht hatte. Ein großartiger Mann, der sich nicht damit abgefunden
hatte, dass seine Leute in Afghanistan aufgeben werden.
Wir unterhielten uns lange darüber, wie viel Überzeugungsarbeit und
Nervenkraft es ihn gekostet hatte, diese Politiker im Krisenzentrum
des Außenministers in Berlin davon zu überzeugen, dass jetzt
entschieden gehandelt werden musste. Zu meiner großen Überraschung war
es Generalmajor Brodbeck gewesen, auf dessen Fürsprache hin es dann zu
unserer Beauftragung gekommen ist. Von Dr. Ziegler wusste ich auch,
dass Brodbeck bis ins Detail über meinen letzten Auftrag informiert
gewesen war. Dieser Auftrag hatte mich vor neun Monaten nach Somalia
geführt, und es wäre dann auch beinahe mein letzter geworden. Der
damalige Auftraggeber war ein großer Versicherer gewesen, der sich
weltweit auf Schiffs- und Frachtrisiken spezialisiert hatte und der am
Horn von Afrika, allein in den letzten zwei Jahren, Schäden durch Pi-
ratenangriffe auf Frachtschiffe in Höhe von 50 Millionen US Dollar
regulieren musste. Deutlich zu viel, um weiterhin tatenlos zuzusehen.
Gemeinsam mit einigen Kollegen einer bekannten britischen Firma ist es
dann nach monatelanger zermürbender Kleinarbeit und dem Einsatz von
250.000 US-Dollar Schmiergeld gelungen, an die gefährlichste Bande
heranzukommen und die Drahtzieher unschädlich zu machen. Der Anführer
war ein aus Nigeria stammender Gangster namens Abdul Lomossi, der über
Jahre hinweg ganze Schiffe samt Ladung auf Nimmerwiedersehen hatte
verschwinden lassen. Abdul Lomossi konnte uns zwar in letzter Sekunde
in Somalia entkommen, aber auch er konnte zwei Monate später in einem
Luxusbordell in Nairobi von einer kenianischen Spezialeinheit festge-
nommen werden. Wie ich hinterher vom Auftraggeber erfahren hatte, ist
Lomossi während der Untersuchungshaft in Kenia an einem Herzinfarkt
verstorben. Für afrikanische Verhältnisse kein unübliches Ende.
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Lektorat (Teil 2)
von Hans Peter Roentgen
Im vorigen Tempest hatte ich über Spannung geschrieben. Jetzt soll's
um die Glaubwürdigkeit gehen.
Psychologische Betreuung für Täter?
"Nach meinem Vertrag würde mir jetzt ein Vierteljahr bezahlte Erhol-
ungspause und sogar neun kostenlose Sitzungen bei einem Psychothera-
peuten meiner Wahl zustehen", heißt es in dem Text. Glaubwürdig? Ich
finde nicht. Vor allem in Zusammenhang damit, dass es offenbar darum
geht, ein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Haben Killer ein
schlechtes Gewissen? Spezialtruppen im Irak? Ich fürchte, nein. In der
Regel sind sie überzeugt, das Richtige zu tun. Zu den Aufgaben ihrer
Vorgesetzten gehört es, ihnen zu vermitteln, dass das, was sie tun,
der Welt nützt, und dass sie Helden sind.
Nicht die KZ-Wächter hatten Traumata, sondern die Insassen. Das ist
traurig, aber wahr. Obendrein passt eine solche Bemerkung kaum zu dem
Ich-Erzähler, der eher von der Sorte ist: Erst schießen, dann fragen.
Die Psychologinnen sind nicht nur an dieser Stelle des Textes über-
flüssig, sondern überhaupt.
Wirklich? Was wäre, wenn es sich um eine Umschreibung handeln würde?
Bei VW gab es Reisen für Betriebsräte zur Förderung des Be-
triebsfriedens. Dass es sich um Lustreisen handelte, kam erst später
raus. Was, wenn die Firma ihren Mitarbeitern Ähnliches gönnen würde?
Natürlich kann man nicht in die Bilanz schreiben: Lustreisen. Das geht
nicht. Aber psychologische Betreuung? Das wäre möglich.
Und die Bedeutung müsste man auch nicht sofort im Text erklären. Erst
werden die Psychologinnen eingeführt, auf die der Ich-Erzähler ver-
zichtet. Später erst wird klar, welche Aufgaben sie haben. Wir wollen
nicht alles verraten, und schon gar nicht am Anfang. Die Psychologin-
nen kommen erst nach der ersten Szene ins Spiel, der Anfang ist sowi-
eso mit Infos überladen. Führen wir sie zum Beispiel ein, wenn der
Erzähler sein Flugzeug besteigt.
..........
"Sie haben noch neun Psychotherapiesitzungen gut", sagte mein Firmen-
begleiter.
Jedem von uns stehen neun Psychotherapie-Sitzungen zu. Ich habe nichts
gegen Psychologen, vor allem nichts gegen die Damen dieser Zunft. Aber
sie halten selten, was sie versprechen.
"Ich schenke sie Ihnen", sagte ich zu ihm und ließ ihn stehen. Vermut-
lich ist er sogar rot geworden.
..........
Und erst viel später kommt heraus, was es damit auf sich hat. Was ein
weiteres Licht auf den Erzähler wirft. Der ist keiner, der solche Di-
enste unbedingt in Anspruch nehmen will.
Notwendige Recherchearbeit
Weiter in unserer Glaubwürdigkeit. Unser Erzähler ist für den Süden
Afrikas zuständig und glaubt, dass die Strukturen dort genauso seien
wie in Afghanistan. Glauben kann er das. Glaubwürdig ist es nicht.
Islamische Länder unterscheiden sich doch sehr von Schwarzafrika. Und
Somalia ist auch nicht gerade Afrikas Süden zuzurechnen.
Warum ist er nicht für Nordafrika zuständig? Da würden wir gleich zwei
Fliegen mit einer Klappe schlagen. Es wäre klar, warum er in Somalia
tätig war, und es gäbe eine Brücke zu dem Afghanistan-Einsatz. Sudan
und Somalia waren und sind Rückzugsgebiete für Glaubenskrieger. Bin
Laden hat lange im Sudan gelebt. Vielleicht hat die Gruppe, auf die er
angesetzt wird, Verbindungen nach Somalia? Wenn wir den Erzähler in
die Ecke Somalia - Sudan - Ägypten verpflanzen, wird das Konzept sehr
viel glaubwürdiger.
Denn ehrlich: Wieso soll jemand, der sich in Südafrika auskennt, für
einen Einsatz in Afghanistan - andere Kultur, andere Sprachen etc. -
ausgewählt werden?
Afghanistan, so erzählt unser Mann, lebt seit Jahrhunderten vom Opiu-
manbau und Drogenhandel. Glaubwürdig? Eher nicht. Solange gibt es die
Globalisierung denn doch nicht. Das Opium hat erst in den letzten
Jahren eine derart gewichtige Rolle gespielt.
Also diese Behauptung streichen? Unglaubwürdig? Würde ich dennoch
nicht. Denn es ist keine Tatsachenbehauptung, sondern das, was unser
Ich-Erzähler glaubt. Vielleicht ein Mann, der seine festen Vorstellun-
gen hat? Der, wie gesagt, erst schießt und dann Fragen stellt? Zu so
einem Mann würde das passen. Gut möglich, dass er irgendwann erkennen
muss, dass nicht alles so einfach ist, wie er sich das denkt. Das wäre
eine Entwicklung und das ist immer spannend.
Was wir daraus lernen können: Recherche ist nötig und dass man den
Hintergrund seiner Geschichte gut überdenkt, Einzelteile hin und her
schiebt, überlegt, ob etwas vielleicht ganz anders gedeutet werden
kann, als es zunächst scheint. Auch daraus lässt sich Spannung gewin-
nen.
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Hans Peter Roentgen coacht Autoren und Manuskripte
(http://www.textkraft.de). Im November 2007 ist sein Buch mit zahl-
reichen Beispielen zur Textbearbeitung erschienen: "Vier Seiten für
ein Halleluja", Lerato Verlag.
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BUCHBESPRECHUNG:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Wie Romane entstehen"
besprochen von Elke Bockamp
Zugegeben, ich lese Schreiblernliteratur gerne. Sogar, wenn das Wört-
chen "verdammt" im Titel steht. Doch ich sage es gleich, "Die Große
Liebe" von Ortheil (Hanns-Josef Ortheil, Professor für Kreatives
Schreiben an der Uni Hildesheim) hat mich gelangweilt. Wahrscheinlich
deshalb, weil es literarisch keine größere Liebe als Aitmatovs
"Dshamilja" geben kann, denke ich, und tatsächlich meint Ortheils
"Große Liebe" ohnehin die Liebe seines Protagonisten zum Meer. Diese
teilt er mit Franca, in San Benedetto del Tronto an der Italienischen
Adria. Die beiden lernen sich bei langen Spaziergängen am Meer kennen
und lieben, sie dinieren im "Il Pescatore", einem Fischrestaurant,
genießen eine "Brodetto Sanbenedettese", eine heimische Fischsuppe,
zubereitet aus konzentriertem Fischsud - und die Story dümpelt etwa ab
Seite 130 lustlos vor sich hin. Warum? Weil man zwei Menschen, die
dieselbe Obsession teilen und sich zudem handelseinig sind, kaum etwas
hinzufügen kann!
In "Wie Romane entstehen" gesellt sich zu der großen Liebe die Liebe
des Autors zu dem, was er am liebsten macht: Schreiben. Seine Zeilen
durchflutet plötzlich eine neue, viel intensivere Leidenschaft und
gibt dem Werk eine neue Tiefe. Der Autor selbst wird schrift-
stellernder Protagonist, er versinkt in seinem eigenen literarischen
Gemälde, seine Familie wird zur Nebensache, einem Störfaktor, der dem
Autor auf der Suche nach Ideen, dem Schürfen nach tiefer Bedeutung und
dem Ringen nach Worten im Wege steht. Zum ersten Mal verstehe ich, in
welch weltentrückten Welten ein schreibender Künstler lebt, Ortheil
spricht von einem "Faszinosum", einer poetischen Vision, die ihn be-
flügelt, mehr als 50.000 Wörter zu Papier zu bringen - "den" Roman zu
schreiben.
Das ist genial und kann eigentlich nur noch besser werden, denke ich,
fiebere Teil zwei von "Wie Romane entstehen" entgegen, in dem Klaus
Siblewski, Lektor im Luchterhand Verlag, zu Wort kommt. Ich erwarte
Werksgespräche, will wissen, wie der Lektor dem Autor hilft, seine
poetische Vision umzusetzen. Doch stattdessen parliert Siblewski über
Allgemeinplätze, zitiert einen fiktiven Autor herbei, der dem Verlag
den Rücken zugekehrt hat, und er spekuliert, was die sensible Kün-
stlerseele dazu bewogen haben mag: War der Autor nicht bereit, sein
Werk zu überarbeiten?
Offensichtlich erklärt er angehenden Berufskollegen, wie man mit ver-
schrobenen Autoren umgeht, wie man die sensible Künstlerseele im Namen
des hoffentlich zu erwartenden literarischen Werks bei Laune hält. Es
gibt nichts, rein gar nichts, was mich als Autorin anregt, unpräten-
tiös, ja blutleer, kommen seine Aussagen daher ("Die Fragen, die sich
Lektoren bei der ersten Lektüre stellen, ähneln denen, die sich
Autoren beim Schreiben zurechtgelegt haben.") Ich sehne mich zurück
nach Ortheils deftiger "Brodetto Sanbenedettese".
Doch die Kombination Ortheil/Siblewski hinterlässt einen Nachgesch-
mack. Offensichtlich gibt es außerhalb der Verdammt-jetzt-schreiben-
lernen-Ratgeber mit ihrem "Show, don't tell" und dem 3-Akt-
Erfolgsmodell einen Aufbruch in Richtung schöne, deutsche Literatur -
prosaisch fällt mir in diesem Zusammenhang ein, und: verdammt, wie war
doch gleich der Titel?
Hanns-Josef Ortheil, Klaus Siblewski: "Wie Romane entstehen", 2008,
283 Seiten, 10 Euro, Sammlung Luchterhand
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Die Autorin Elke Bockamp leitet eine Schreibschule "Belletristisches
Schreiben" an der VHS Duisburg, weitere Infos unter:
http://www.lemontree.de.
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INTERVIEW:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Schreiben bedeutet Umschreiben"
Interview mit Markus Stromiedel
Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Markus Stromiedel, im Mai
2008 ist Ihr Thriller "Zwillingsspiel" im Knaur Verlag erschienen. Zum
Inhalt ...
Markus Stromiedel: "Kommissar Paul Selig starrt stumm und wie gelähmt
durch die Windschutzscheibe seines Wagens auf eine Alptraumszenerie,
die er einfach nicht fassen kann. Ausgerechnet er, ein zögerlicher,
introvertierter und melancholischer Charakter, ist der erste Kommissar
am Tatort eines Terroranschlags auf dem S-Bahnhof Savignyplatz in Ber-
lin, bei dem sieben Menschen zerfetzt worden sind, darunter die
Tochter eines prominenten Regierungsberaters. Unerklärlicherweise
taucht keiner seiner Kollegen aus der Polizeidirektion am Tatort auf,
um die Ermittlungen entschlossen an sich zu reißen, und so wird der
wenig erfolgsverwöhnte Kommissar am Ende selbst mit den Ermittlungen
beauftragt. Selig stößt auf etliche Ungereimtheiten und muss sich
während seiner Ermittlungen sogar der Frage stellen, ob man ihm diesen
Fall aufgrund seines Versagerimages bewusst zugespielt hat. Doch wer
aus den eigenen Reihen hofft, durch Seligs Ermittlungsarbeit die Wahr-
heit hinter dem Terroranschlag verschleiern zu können?"
RRB/TRB: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman?
MS: Der Roman ist entstanden, weil mir damals - das war im Herbst 2005
- ein fest zugesagtes Drehbuchprojekt abgesagt worden war. Ich hatte
sehr an dem Projekt gehangen, und aus Frust über die Situation habe
ich mich kurzerhand hingesetzt und etwas getan, was ich immer schon
tun wollte: einen Roman entwerfen. Mich hatte länger schon gereizt,
eine Geschichte im politischen Berlin spielen zu lassen. Wenige Monate
zuvor waren außerdem in der Londoner U-Bahn die Bomben der islamis-
tischen Terroristen explodiert, ein Ereignis, das mich sehr bewegt
hatte. Es lag also nahe, die Frage einmal durchzuspielen, was wäre,
wenn ein solches Attentat in Deutschland geschehen würde.
In gut 14 Tagen entstanden damals der Plot und die ersten 30 Seiten
des Buches, die ich daraufhin allen wichtigen Verlagen in Deutschland
angeboten habe. Danach ging alles relativ schnell: Vier Verlage hatten
Interesse an dem Stoff und luden mich zu Gesprächen ein, aus denen
dann zwei konkrete Vertragsangebote hervorgegangen sind.
RRB/TRB: Sie sind ohne Agent direkt an die Verlage herangetreten?
MS: Ja. Mir hat dabei sicherlich geholfen, dass ich schon seit zehn
Jahren recht erfolgreich Drehbücher schreibe. Es war also klar, dass
ich - obwohl das Buch mein Debüt als Romanautor ist - kein Anfänger
bin. Außerdem habe ich alle Verlage angerufen und mein Projekt
angekündigt, bevor ich den Romanentwurf verschickt habe. Das erste
Gespräch mit dem Chef von Random House Deutschland fand schon wenige
Wochen später statt.
RRB/TRB: Sie haben dann bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur unter-
schrieben. Warum dort? Und wie umfangreich war die Zusammenarbeit mit
dem Lektorat des Knaur Verlags?
MS: Zu großen Stücken war die Entscheidung für den Verlag eine
Bauchentscheidung. Der Geschäftsführer und die damalige Verlag-
sleiterin von Droemer zeigten die größte Begeisterung für das Projekt
und hatten eine klare Vision für das Buch, das damals ja noch gar
nicht geschrieben war. Dass die Entscheidung für Droemer Knaur eine
sehr gute war, zeigt sich bis heute. Und auch die Begeisterung für das
Buch hat sich bis heute im Verlag gehalten.
Nachdem wir den Vertrag ausgehandelt und unterschrieben hatten, musste
ich das Projekt erst einmal für ein Jahr beiseite legen, da ich meine
aktuellen Drehbuch-Aufträge, zu denen ich Verträge unterschrieben
hatte, abarbeiten musste. Im Herbst 2006 begann ich dann mit der Ar-
beit an dem Buch.
Das reine Schreiben hat gut sechs Monate gedauert, danach begann die
Überarbeitungsphase mit dem Lektorat. Ich werde dort von dem Cheflek-
tor Peter Hammans betreut, und das sehr gut. Mein Manuskript hat Her-
bert Neumaier durchgekämmt, ein alter erfahrener Hase, der sehr genau
sprachliche Ungenauigkeiten aufgedeckt hat. Das war eine gute und
fruchtbare Zusammenarbeit, obwohl wir uns nie getroffen oder
gesprochen haben: Ich bekam vom Cheflektor das von Herrn Neumaier
bearbeitete Manuskript zugeschickt, daraufhin habe wiederum ich mich
hingesetzt und die Änderungsvorschläge durchgesehen, in den meisten
Fällen angenommen, selten abgelehnt und ab und zu ganz neue Lösungen
gefunden.
RRB/TRB: Hatten Sie Einfluss auf die Titelwahl, die Wahl des Buchcov-
ers oder den Klappentext?
MS: Ja und nein. Ja, weil ich es jederzeit hätte tun können, und nein,
weil es nicht notwendig war: Der Verlag selbst war sehr kritisch und
genau. Für das Buch wurden etliche Cover entworfen und wieder verwor-
fen, das letzte Mal sogar noch während der Vertretertagung, bei der
ich eingeladen war und auf der die Vertreter das damals vorgeschlagene
Cover zwar lobten, aber als zu reißerisch ablehnten. Das jetzige Cover
hat allen sofort gefallen. Gleiches galt auch für den Klappentext und
den Titel, beides stammt aus der Feder des Cheflektors.
Die Mühe und Genauigkeit des Verlages rührt auch daher, dass bald nach
Abgabe des Manuskriptes klar war, dass "Zwillingsspiel" in einer
größeren Erstauflage herausgebracht werden würde. Ursprünglich sollte
das Buch im Hardcover erscheinen, aber die Verlagsleiterin bat mich,
anders als vertraglich vereinbart, das Buch ins Taschenbuch zu geben,
weil der Verlag nach dem Lesen des fertigen Manuskripts den Gedanken
verfolgte, für den Titel eine große Werbekampagne aufzulegen. Eine
solche sehr teure Kampagne rechnet sich nur bei einer hohen verkauften
Auflage, die nur im Taschenbuch zu realisieren ist. Das Buch wird
jetzt durch zahlreiche Werbemaßnahmen begleitet, von Internet- und
Radiowerbung bis hin zu Kinospots, die aufwendig gedreht wurden und in
großen Multiplexkinos gezeigt werden. Und zum Kinospot gibt's dann die
Popcorntüte mit dem Buchcover drauf. Irre!
RRB/TRB: Wie gehen Sie beim Schreiben und Recherchieren vor? Sind Sie
mehr ein intuitiver Autor, oder planen Sie jedes Detail im Voraus?
MS: Häufig nähere ich mich von außen einer Geschichte, über eine Idee
oder ein Thema. Bei "Zwillingsspiel" war es das Thema "Spin-Doctor",
das mich gereizt hat; also jene Imageberater, die Politiker bei ihren
Wahlkämpfen betreuen und ihnen sagen, wie sie reden, gehen, denken
sollen, damit sie gewählt werden. Eine solche Figur wollte ich in den
Mittelpunkt stellen. Das hat beim Entwurf des Romans noch gut gek-
lappt. Beim Schreiben aber hat sich gezeigt, dass die Figur und das
Thema zwar faszinierend, aber emotional kalt sind. Damit sollte ich
mich sechs Monate lang beschäftigen? Und wenn es mich schon nicht
reizte, was würden dann erst die Leser sagen? Ich habe alles hingewor-
fen, bin wochenlang wie Falschgeld durch die Gegend gelaufen und habe
versucht, meine Geschichte zu greifen. Dabei drängte sich nach und
nach eine kleine Nebenfigur in den Vordergrund, die ich - den Genrere-
geln des Krimis folgend - in den Entwurf hineingeschrieben hatte: ein
stotternder Kommissar. Diese Figur begann mich zu interessieren. Aber
wie die Polit-Szene, die ich nicht aufgeben wollte, mit dem unsicheren
Kommissar zusammenbringen? Es gab in dem Entwurf eine Frau, die als
Beraterin des Innenministers ihre Strippen zieht, eine kühle und
berechnende Taktikerin - könnte der Kommissar sich in die verlieben?
Eine schlechte Idee, tausendmal schon gelesen oder gesehen - ich war
ehrlich verzweifelt!
Meine Frau hatte dann die so einfache wie geniale Idee, die beiden
Geschwister sein zu lassen, zweieiige Zwillinge. Ich war wie elektris-
iert: Diese beiden Figuren nebeneinander, das war spannend! Wieso ha-
ben sich die beiden so unterschiedlich entwickelt? Was ist in deren
Vergangenheit passiert? Mit diesen Fragen im Kopf, und ohne die Ant-
wort zu kennen, habe ich das Buch begonnen und, was diesen Aspekt
angeht, tatsächlich intuitiv geschrieben. So ist "Zwillingsspiel"
schließlich ein sehr emotionales Geschwisterdrama geworden im Gewand
eines spannenden Thrillers.
RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Schreiben? Gab es ein bestimmtes Schlüssel-
erlebnis?
MS: Ich kam zum Schreiben über das Lesen. Ich habe früh mit dem Lesen
begonnen, schon als Fünfjähriger, und mich durch die örtliche Biblio-
thek durchgefressen. Auf die Idee, selber Geschichten oder gar Romane
zu schreiben, bin ich aber nicht gekommen, auch später nicht, als ich
schon Journalist geworden war. Alle, die sich das trauten, hatten me-
ine große Hochachtung! Mir selber habe ich das damals nicht zugetraut.
Nach einigen Jahren im Beruf bin ich noch einmal zum Studieren an die
Uni gegangen und habe dort ersten Kontakt mit dem Thema Film bekommen.
Den Ausschlag, ins fiktionale Schreiben einzusteigen, gab dann ein
Drehbuch-Wettbewerb der Filmstiftung NRW, für den man einen Drehbuch-
Entwurf und eine Probeszene einreichen sollte. Verblüffenderweise war
ich einer der Preisträger, obwohl ich damals keine Ahnung hatte vom
Drehbuchschreiben. Danach hatte ich ein halbes Jahr Zeit, dann musste
ich zu meinem Entwurf ein fertig geschriebene Drehbuch abgeben ...
Diese Monate waren der totale Drehbuch-Crash-Kurs! Das Drehbuch, das
ich in dieser Zeit geschrieben habe, ist nie realisiert worden: zu
intellektuell, zu aufwendig und teuer. Aber dafür hat "Requiem", so
hieß das Buch, mir viele Türen geöffnet, auch die zur Bavaria Film.
RRB/TRB: Sie haben als Journalist für die "Zeit" und die "Frankfurter
Rundschau" geschrieben, bevor Sie in die Filmbranche wechselten, und
Sie waren unter anderem Chefdramaturg bei der Bavaria Film. Seit 1999
schreiben Sie als freier Autor Drehbücher. Wie wirkt sich Ihre Er-
fahrung als Drehbuchautor und Dramaturg auf Ihr Romanschreiben aus?
MS: Das Wichtigste ist sicherlich das strukturierte Denken, das man
als Drehbuchautor wieder und wieder trainiert. Der Plot und die Back-
story von "Zwillingsspiel" sind sehr komplex, und es hat viel mit der
Struktur des Buches zu tun, dass der Leser in der Geschichte nicht die
Orientierung verliert. Bei einem Film nehme ich den Zuschauer an die
Hand und führe ihn durch die Geschichte - und das ist auch bei einem
Roman nicht schlecht, zumindest bei einem spannenden Roman. Wichtig
war auch das bildliche Schreiben, das ja beim Drehbuchschreiben be-
sonders bedeutsam ist: Denn nur wenn es gelingt, eine Situation mit
wenigen Worten möglichst plastisch darzustellen, kann sie der Regis-
seur auch zu entsprechenden Bildern umsetzen. Außerdem hat mir das
jahrelange Schreibtraining geholfen. Und wichtig war die Erfahrung,
dass man durch beharrliches Weiterarbeiten und Umschreiben auch ta-
tsächlich weiterkommt. Ich weiß nicht, ob ich ohne dieses Wissen durch
die Krisen des Projekts gekommen wäre.
RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Autorin, einen guten
Autor aus?
MS: Ein guter Autor nimmt seine Leser ernst und weiß, für wen er
schreibt und welche Erwartungen an ihn und an das Buch gestellt wer-
den. Das heißt nicht, dass man sich anbiedern muss. Aber beim Schrei-
ben eines Buches - egal, ob Roman oder Drehbuch - geht man mit dem
Leser, dem Zuschauer eine Verabredung ein, und die muss man auch ein-
halten, zumindest, wenn man Erfolg haben möchte. Dies gilt für jedes
Genre, vom Heftroman bis zur hohen Literatur. Wichtig finde ich auch,
dass ein Autor, eine Autorin das Handwerk beherrscht und in einer
Sprache schreibt, die klug ist, ohne manieriert zu sein.
Gut ist außerdem, wenn Autorinnen und Autoren ihren Lesern eine Er-
fahrung bieten, die neu ist. Die also nicht das Bestehende und Alt-
bewährte wiederholen, sondern innerhalb des gewählten Genres die Gren-
zen ausloten und ein Stück weitergehen als zuvor. Das macht ein Buch
für alle interessant: für den, der es schreibt, und für den, der es
liest.
RRB/TRB: Wie sieht der Alltag Ihres Autorenlebens aus?
MS: Bis neun Uhr gehört der Morgen der Familie, dann ist etwas Zeit
zum Zeitunglesen, eine wichtige Recherchequelle, je nach Ar-
beitsvorkommen mehr oder weniger. Dann geht es an den Schreibtisch,
egal, wie ich drauf bin, und ich beginne mit der Überarbeitung des am
Vortag Geschriebenen. Das hilft in der Regel, wieder in das Buch hine-
inzukommen. Wenn es gut läuft, halte ich bis zwei oder drei Uhr am
Nachmittag durch. Dann, nach einer Pause, wird das Telefon wieder
angeschaltet, der zweite Computer mit dem E-Mail-Programm hochgefahren
und die Post hereingeholt, und es wird alles erledigt, was aufgelaufen
ist in den vergangenen Stunden. Der Abend ab 18 Uhr gehört dann, wenn
die Zeit es zulässt, wieder der Familie. In den Phasen kurz vor Abgabe
eines Manuskripts kann es vorkommen, dass ich zu dieser Zeit wieder
abtauche und mit dem Schreiben weitermache. Spät am Abend ist dann die
Zeit des Denkens, da werden (häufig beim Zähneputzen) Lösungen für
Probleme gefunden, die während des Schreibens im Laufe des Tages auf-
gekommen sind. Und wo das Zähneputzen nicht hilft, da hilft meine
Frau, die schon seit vielen Jahren meine Stoffe dramaturgisch betreut
- ein Geschenk! So jemanden sollte jeder Autor, jede Autorin zu Hause
haben!
RRB/TRB: Wie sehen Ihre Schreibpläne für die Zukunft aus?
MS: Zurzeit arbeite ich an einem zweiten Roman für die Ermittlerfigur
Paul Selig aus "Zwillingsspiel". Die Resonanz der Leser auf die
Geschichte und die Figur war so stark, dass sich eine Fortsetzung
geradezu aufdrängte. Zwar wird in dem zweiten Buch als Fall eine ei-
genständige Geschichte erzählt, aber die Vergangenheit des Kommissars
wird weiter ausgeleuchtet. Der hat noch einiges vor sich! Das Buch,
das dann im nächsten Jahr entstehen soll, wird etwas ganz anderes
sein. Bin selber schon gespannt, was da kommt.
RRB/TRB: Welchen Roman lesen Sie gerade? Was hat Sie am stärksten bee-
indruckt?
MS: Da ich im Moment an meinem eigenen nächsten Buch schreibe, lese
ich zurzeit keine Romane, um meinen Stil nicht zu verlieren. Ich habe
gemerkt, dass ich, wenn ich während einer Schreibphase ein Buch eines
anderen Autoren lese, unbewusst beginne, dessen Schreibstil zu kop-
ieren.
Besonders beeindruckt haben mich die Bücher von Friedrich Dürrenmatt,
insbesondere seine Krimis, die ich wegen ihrer pfiffigen Plots und
einer sehr klaren Sprache liebe. Große Hochachtung!
RRB/TRB: Hätten Sie noch einen Rat für angehende Autorinnen und
Autoren?
MS: Beharrlich bleiben! Ich selbst habe nach meinem ersten Erfolg bei
einem Drehbuchwettbewerb drei Jahre gebraucht, bevor ich mein erstes
Drehbuch an das Fernsehen verkauft habe, und weitere vier Jahre, bevor
ich vom Schreiben leben konnte. Und: Keine Angst vor dem Überarbeiten,
dem Wegwerfen, dem Neuschreiben! Gerade als Drehbuchautor lernt man,
dass Schreiben Umschreiben bedeutet - ein quälender Prozess, der aber
häufig zu etwas sehr viel Besserem führt. So halte ich es auch als
Autor, auch wenn es manchmal hart ist: Gerade habe ich 30 spannende
Seiten weggeworfen, weil ich gemerkt habe, dass der Plot mit diesen
Figuren danach nichts mehr hergibt. War nicht schön für mich, aber dem
Buch tut es gut.
RRB/TRB: Vielen Dank für das Interview.
Wer mehr über den Drehbuch- und Romanautor Markus Stromiedel erfahren
möchte:
- Homepage des Autors: http://www.markus-stromiedel.de
- Internetseite zum Buch mit Leseprobe und Internetfilm:
http://www.zwillingsspiel.de
- Das Buch bei Amazon: http://www.amazon.de/Zwillingsspiel-Markus-
Stromiedel/dp/3426634465/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1209371589&sr=
8-1
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ERFAHRUNGSBERICHT:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Feenfleiß und Drachenschweiß:
Die Entstehung eines Märchenbuchs"
von Petra Hartmann
"Gib bloß nicht so an - du hast ja nicht mal was geschrieben darin",
mault meine Mutter. Es ist zwei Tage vor Weihnachten, das Märchenbuch
"Drachenstarker Feenzauber" ist nach weniger als einem Monat auf dem
Markt bereits vergriffen, die Zweitauflage ist geplant, und meine Fa-
milie musste sich schon hundertmal anhören, ich hätte einen "Bestsel-
ler" gemacht. Kein Wunder, dass meine Mutter genervt ist. Aber was
genau habe ich eigentlich getan? Und auf was muss man sich einstellen,
wenn man den Herausgeberjob annimmt?
Ich gebe zu, etwas einfacher hatte ich es mir vorgestellt. Fast ein
Jahr Arbeit steckt in den 200 Seiten, die Stunden habe ich nicht
gezählt, die Albträume von druckfehlerverstreuenden Nachtelfen über
meiner Festplatte ebenfalls nicht.
Die Märchen-Anthologien im Wurdack-Verlag haben eine gewisse Tradi-
tion. Bisher war ich in jeder vertreten. Freundliche Idealisten und
ein engagierter Kleinverleger haben sich mit meinen Texten herumgesch-
lagen. Es ist Zeit, etwas zurückzugeben, dachte ich und meldete mich
freiwillig ...
Der Zeitplan
Ich begann mit einem Zeitplan. Vom Verkaufen verstehe ich zwar nichts,
aber dass es so etwas wie ein "Weihnachtsgeschäft" gibt, hatte ich
schon mitbekommen. Damit stand fest, dass das Buch spätestens Anfang
Dezember, besser noch im November erscheinen sollte. Mein Urlaub und
die letzten Arbeiten an meinem Buch "Ein Prinz für Movenna" waren
dafür verantwortlich, dass die Ausschreibung erst Anfang Februar
starten konnte. Das Zeitfenster war also knapp bemessen.
Eigentlich hatte ich von einem Kinderbuch wie "Immer diese Kobolde!"
geträumt, der Anthologie des Vorjahres mit herrlichen Illustrationen
von Matthias Herkle. Doch der winkte ab: In einem so kurzen Zeitraum
zu jedem Märchen ein Bild erstellen - bist du bei Trost? Die Herausge-
berin lernte: Auch Zeichner haben nur zwei Hände. Also entschieden wir
uns für "Märchen für Erwachsene" (für Erwachsene = ohne Bilder), und
ich strich den Buchtitel "Bärenstarke Gute-Nacht-Geschichten" von me-
inem Wunschzettel.
Die Ausschreibung ging am 11. Februar 2007 im Forum der Storyolympiade
online und wurde kurz danach in diversen Foren, Portalen und
Zeitschriften veröffentlicht. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Ausschreibung - und Wirklichkeit
"Gesucht werden Märchen für Erwachsene", stand im Aufruf. "Umfang:
max. 7.000 Zeichen." Ich hatte heftig mit dem Kopf geschüttelt, als
Verleger Ernst Wurdack vorschlug, die Ausschreibung nur für Stam-
mautoren anzubieten. Schließlich hatte ich selbst als unbekannte Jun-
gautorin mein Debüt in solchen offenen Anthologien.
Die Ausschreibung steht gerade mal eine Stunde im Netz, als der erste
Beitrag eintrudelt. "Ich weiß nicht, ob das ein Märchen ist, aber
vielleicht kannst du es gebrauchen", schreibt der Autor. Nein, das ist
kein Märchen, das ist eine Parabel. Aber danke fürs Mitspielen.
Am zweiten Tag mailt mir ein junger Mann, der vermutlich gerade in
einem Karriereseminar forsches Auftreten gelernt hat: "Ihre Auss-
chreibung habe ich mit großem Interesse gelesen. Die Zeichenzahl
scheint mir jedoch etwas zu knapp berechnet. Für die Geschichte, die
mir vorschwebt, benötige ich etwa 25.000 Zeichen ..." Ist ja nicht
mein Problem. "In Ihre Ausschreibung hat sich vermutlich ein Druck-
fehler eingeschlichen", formuliert es ein Dritter diplomatischer. "Ich
vermute, es muss heißen: 7.000 Wörter."
Ein Vierter schickt vier Märchen, obwohl nur zwei pro Teilnehmer er-
laubt sind. Der Fünfte bringt meinen altersschwachen Computer glatt
zum Absturz durch ein wunderschönes, hochaufgelöstes 3-MB-Bild im An-
hang. "Du wolltest ja nicht hören", feixt Ernst. Die Herausgeberin
lernt: Wer eine Ausschreibung macht, ist Freiwild für Anthologie-
Nomaden, Selbstdarsteller und verkannte Genies.
Ab Ende Februar gehen pro Woche etwa zehn Märchen und 300 Spam-Mails
bei mir ein. Manche Autoren scheinen das "für Erwachsene" als "suche
Pornos" missverstanden zu haben. Ein paar ziemlich brutale Hor-
rorgeschichten sind dabei. Und erschütternd viel Fantasy. Ich liebe
Fantasy. Aber nicht in Märchenbüchern.
An mir selbst beobachtete ich eine seltsame Wandlung: Mein Leben lang
hatte ich "Äußerlichkeiten" verachtet. Doch jetzt sehe ich es einem
Manuskript schon auf den ersten Blick an, ob es etwas taugt oder
nicht. Bunte Blasenbuchstaben, exotische Formatierungen oder ein-
zeilige 7-Punkt-Texte machen mich geradezu aggressiv. Mein Gott, was
bin ich spießig geworden! "Das ist völlig normal", verrät mir Viktor
Christen, Vater einer Schulfreundin und ehemaliger Verlagsleiter bei
Gerstenberg, dem ich mein Herz ausschütte. "So geht es allen."
Trotzdem: Ich lese alles. Bei mir soll jeder seine Chance haben. Auch
mit zentrierten Riesenbuchstaben. Jeder erhält eine Eingangsbestäti-
gung. Und ich schreibe erstmal dreist, dass "voraussichtlich Ende Mai"
das Ergebnis feststeht.
Die Auswahl
Berufsbedingt kann ich nur samstags am Märchenbuch arbeiten. Ich
notiere beim Lesen auf jedem Ausdruck ein J (ja), N (nein) oder V
(vielleicht). Aber die Kategorien verschwimmen schnell. In den ersten
Wochen ersticke ich in grottigen Texten und bekomme Panik, dass ich
die Anthologie gar nicht voll kriege. Da wird aus manchem V dann doch
ein "V+". Doch ab der zweiten oder dritten Woche trudeln so viele gute
Texte ein, dass ich selbst aus ursprünglichen Js ein N machen muss. Am
Ende der Ausschreibungsfrist weiß ich gar nichts mehr. Um zu einer
wirklich fairen Auswahl zu kommen, muss ich noch einmal ganz von vorn
anfangen und jedes der über 170 Märchen neu lesen. Nun gut, es sind ja
nur 740 Normseiten mit 961.509 Zeichen.
Worüber ich mir als notorische Leseratte gar keine Gedanken gemacht
hatte: Einen 800 Seiten starken Roman lese ich locker an einem Tag
weg. (Für Hohlbeins "Unterland" mit 788 Seiten habe ich acht Stunden
gebraucht. Ich habe auf die Uhr geschaut, weil der Aufkleber des Ver-
lags "20 Stunden Spannung garantiert" versprach.) Aber 740 Seiten Mär-
chen, bei denen man sich nach spätestens vier Seiten jedesmal auf eine
völlig neue Welt und einen völlig anderen Schreibstil einstellen muss,
sind gar nicht "am Stück" durchzustehen. Nach spätestens drei Texten
fordert das Gehirn eine Pause, nach acht schaltet sich das Lesezentrum
vorübergehend aus wie der Überhitzungsschutz eines Bügeleisens. Das
mit dem Ergebnis "Ende Mai" war wohl etwas großspurig.
Fünf Verfasser disqualifiziere ich wegen Überlänge (Spitzenreiter:
über 20.000 Zeichen). Zwei fliegen raus, weil ihre Texte schon in an-
deren Anthologien erschienen sind (wiedererkannt, weil ich in beiden
Büchern selbst vertreten bin). Pornos, Polit-Satiren, Parodien und
Parabeln werden aussortiert.
Im Mai habe ich einige Lesungen, Cons und Autorentreffs auf dem Ter-
minplan. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn einen langjährige
Autorenfreunde nach der Anthologie fragen. Ich erzähle, ich hätte noch
sehr viel Arbeit zu erledigen. Die unausgesprochene Frage, die mir aus
allen Augen entgegen leuchtet - "Hast du mein Märchen mit ausgewählt?"
-, beantworte ich nicht. Freundschaft ist Freundschaft, und Literatur
ist Literatur, sage ich mir. Und trotzdem, jeder Herausgeber tut gut
daran, sich selbst die unangenehme Frage zu stellen: "Was mache ich
bloß, wenn ausgerechnet der Text von XY Mist ist?"
Am 4. Juni ist es so weit. Ich melde Ernst Wurdack 51 Autoren und Mär-
chentitel, die im Forum der Storyolympiade und auf der Verlagshomepage
veröffentlicht werden. Die Autoren maile ich zusätzlich persönlich an,
gratuliere und erzähle schon ein wenig über den weiteren Fahrplan bis
zur Veröffentlichung.
Die Arbeit am Text
Dann beginnt die Textarbeit. Die 51 Märchen sind großartig, an vielen
muss ich gar nicht viel tun. Dennoch gibt es einige Ecken und Kanten.
An einer Stelle wechselt eine Person plötzlich den Vornamen. Einmal
streiche ich eine Nebenhandlung, die gar nicht ins Märchen hinein-
passt. Ein paar Anakoluthe werden getilgt (ein schöner Ausdruck für
den Umstand, dass die zweite Satzhälfte irgendwie nicht zur ersten
passt), ein paar Metaphern auf Kurs gebracht, allzu Geschraubtes vere-
infacht. Ich bemühe mich, extrem sensibel mit den Texten umzugehen.
Nach und nach erhält jeder Autor seine Geschichte mit blauen Anmerkun-
gen versehen zurück und wird gebeten, den Text "abzusegnen" beziehung-
sweise sich über die markierten Stellen noch einmal Gedanken zu ma-
chen.
Für das Korrekturlesen - meine große Schwachstelle - hat sich Judith
Ott freiwillig gemeldet. Ich bin schockiert und begeistert, was sie
noch alles findet. Von ihr lerne ich auch, dass man etwas nicht "aus
den Augenwinkeln" beobachten kann, sondern allenfalls "aus dem Augen-
winkel" - man müsste anderenfalls furchtbar schielen. Am 3. September
können wir Ernst das Werk übergeben. Die Satzarbeiten sind nicht mehr
mein Bier, ich lehne mich zurück und gönne mir eine eiskalte Cola.
Cover und Titel
Im Forum ist inzwischen eine heftige Diskussion um das Cover ent-
flammt. Matthias Herkle hat eine hinreißend süße Elfe entworfen. In
der ersten Version war sie nackt, da intervenierte der Verleger. Jetzt
trägt sie ein Robin-Hood-Kostüm. Einige finden den rosa Umschlag
kitschig, andere den Drachen im Hintergrund zu dackelartig. Der Drache
verschwindet, die Farbe bleibt. Kitschig darf ein Märchenbuch ja
aussehen.
Die Titelsuche ... ein Kapitel für sich. Wie kann man das niedliche
"Sockenmonster" und die grausame "Madere Hal" zusammenfassen? Wie den
komischen Kampf um den "Goldzahn des Trolls" verbinden mit der an-
rührenden Geschichte um den im Koma liegenden "Don Rose", der verfügt
hat, dass seine Organe entnommen werden sollen? Was eigentlich die
Stärke und den Zauber der Anthologie ausmachen sollte, nämlich die
Vielschichtigkeit, die die gesamte Bandbreite der Märchenerzählkunst
abbildet, treibt mich nun zur Verzweiflung. Als ich mich bei der Mit-
teilung im Forum auch noch vertippe und "Drachenstarke Feenmärchen"
ankündige, ist die Verwirrung komplett. Viele Autoren schütteln den
Kopf: "Ich habe gar kein Feenmärchen geschrieben." Einige Freunde
warnen, der Titel klinge zu sehr nach Kinderbuch.
Einen positiven Nebeneffekt hat die Diskussion um die Feen auf jeden
Fall: Normalerweise schwitze ich beim Entwerfen von Klappentexten Was-
ser und Blut - aber jetzt kann ich mich aus meiner Aufzählung im Forum
bedienen, in der ich erklärte, wie viel Feenzauber im Buch steckt.
Erweitert um eine kurze Statistik lautet der vollständige Text auf der
Buchrückseite:
"Öko-Feen, Büro-Feen, Todes-Feen und Bahn-Feen, geschäftstüchtige Dra-
chen, goldzahnige Trolle, Sockenmonster, verzauberte Kühlschränke,
Bierhexen, Zwirrrrle, Familienschutzengel, Lügenschmiede, ehrliche
Anwälte, verarmte Zahnärzte und andere Märchenwesen geben sich in die-
sem Buch ein Stelldichein. 51 Märchenerzähler im Alter von zwölf bis
76 Jahren haben die Federn gespitzt und schufen klassische und moderne
Märchen, lustige, melancholische, weise und bitterböse Erzählungen, so
bunt wie das Leben und so unvergesslich wie das Passwort eines verhex-
ten Buchhalters."
Pressearbeit
Damit ist meine Arbeit als Herausgeberin getan. Im November fahre ich
für drei Wochen nach Helgoland und verfolge vom Internetcafé aus die
ersten Forenkommentare zum Buch. Ich selbst muss mich bis Anfang
Dezember gedulden. Als ich dann endlich zu Hause das Paket auspacken
kann, denke ich: Ja, es hat sich gelohnt.
Zu Ende ist die Arbeit allerdings nicht. Der Verleger hatte damals
ausdrücklich gesagt, er suche so etwas wie einen "Buchmanager". Das
bedeutet wohl, dass mein Job erst zur Hälfte getan ist. Verkaufen soll
sich das Buch schließlich auch. Also hänge ich meinen Herausgeberhut
an den Nagel und mutiere zur Pressesprecherin. Ab jetzt wird die Zei-
tungslandschaft mit drachenstarkem Feenzauber bombardiert.
Ich bitte meine Märchenschreiber, mir die Mailadressen ihrer
Heimatzeitungen mitzuteilen. Einige wollen lieber nicht an die Öffen-
tlichkeit, aber rund die Hälfte macht mit. Jetzt zahlt es sich aus,
dass ich bereits bei der Ausschreibung eine Kurzbiographie verlangt
hatte. Aus dem Klappentext und ein paar Sätzen zum Hintergrund der
Anthologie bastele ich eine Pressemitteilung und setze individuell für
jeden Autor einen Vorspann dazu, der näher auf das jeweilige Märchen
und den Verfasser eingeht. Unter den Text kommen seine und meine Kon-
taktdaten - fertig.
Als Lokalredakteurin weiß ich, dass in einer Heimatzeitung nichts so
kostbar ist wie eine Ortsmarke. Im ersten Satz der Pressemitteilung
und in der Betreffszeile der E-Mail platziere ich also unübersehbar
den Wohnort meiner Helden. Die Rechnung geht auf. Bald mailen mir me-
ine Schreiber die ersten erschienenen Zeitungsartikel zu.
Am 22. Dezember ist die erste Auflage verkauft, und ich stelle die
Pressearbeit über die Feiertage ein. Die zweite Auflage erscheint im
Januar, Ende Februar informiert der Verleger, die Bücher gingen lang-
sam zur Neige, eine dritte Auflage sei durchaus möglich.
"Klar, dass sich das so gut verkauft", sagt meine Mutter. "Von dir ist
ja nichts drin." Aber ein paarmal werde ich ihr wohl doch noch
erzählen, ich sei eine "Bestseller-Macherin".
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Petra Hartmann, Jahrgang 1970, ist promovierte Literaturwissenschaft-
lerin arbeitet als Redakteurin einer Tageszeitung. 2007 erschienen ihr
zweiter Fantasy-Roman "Ein Prinz für Movenna" und die Märchenantholo-
gie "Drachenstarker Feenzauber". Homepage:
http://www.petrahartmann.de.
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BESONDERE LESUNGEN:
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(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Märchenlesung im Hexenhäuschen"
von Elvira Reck
Nach der Ferienpassaktion, in der ich mit Kindern zwischen neun und
dreizehn Jahren gemeinsam Märchen- oder Fantasygeschichten schreibe,
machen wir die Abschlusslesung ebenfalls verkleidet.
Im letzten Jahr haben wir erstmalig ein kleines Rahmenstück dazu ein-
studiert. Das kam beim Publikum sehr gut an, weil dabei nicht nur eine
Folge von Vorlesern präsentiert wurde, sondern alles noch in eine
kleine Geschichte verpackt war. Auch ich habe mich als Märchenfee oder
auch als Hexe verkleidet.
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UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:
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Bitte schickt den ExpertInnen nur Fragen zu ihrem Expertenthema -
keine Manuskripte zur Beurteilung.
Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst
kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird.
Drehbuch: Oliver Pautsch
drehbuch at experte pt autorenforum pt de
Fandom: Thomas Kohlschmidt
fandom at experte pt autorenforum pt de
Fantasy: Stefanie Bense
fantasy at experte pt autorenforum pt de
Heftroman: Arndt Ellmer
heftroman at experte pt autorenforum pt de
Historischer Roman: Titus Müller
historischer.roman at experte pt autorenforum pt de
Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik
kinderbuch at experte pt autorenforum pt de
Lesungen: Rüdiger Heins
lesungen at experte pt autorenforum pt de
Lyrik: Martina Weber
lyrik at experte pt autorenforum pt de
Sachbuch: Gabi Neumayer
sachbuch at experte pt autorenforum pt de
Schreibaus- und fortbildung: Uli Rothfuss
fortbildung at experte pt autorenforum pt de
Schreibgruppen: Ute Hacker
schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de
Schreibhandwerk: Ute Hacker
schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de
Sciencefiction: Andreas Eschbach
sf-autor at experte pt autorenforum pt de
Technik (physikalisch!): Woldemar Schilgen
technik at experte pt autorenforum pt de
Übersetzung: Barbara Slawig
uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de
Verlagswesen: Bjørn Jagnow
verlagswesen at experte pt autorenforum pt de
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Experten-Special:
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Bjørn Jagnow hat seine über 80 Fragen und Antworten zu den Themen Ur-
heberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten acht Jahre gesam-
melt (jetzt inklusive 2007) und stellt sie euch als kostenloses PDF
zur Verfügung. Das Tolle daran: Die Fragen sind nun thematisch geord-
net, das elektronische Format erlaubt eine schnelle Volltextsuche -
und Björn hat außerdem alle Antworten überarbeitet und aktualisiert.
Ob ihr Infos sucht zu Ausfallhonorar, Book on demand, Buchpreisbin-
dung, Druckkostenzuschussverlag, Exposé, Honorar, ISBN, Leseprobe,
Nebenrechte, Plagiat, Titelschutz, Verlagsgründung, Zitat oder ...
Hier werdet ihr fündig: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0062-
tempest2-4.
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FRAG DIE EXPERTIN FÜR LYRIK:
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Martina Weber(lyrik at experte pt autorenforum pt de)
Frage:
Ich würde gerne meine Gedichte veröffentlichen. Diese lese ich derzeit
zusammen mit einem Songschreiber in einem Gesangs-Lyrik-Abend in re-
gelmäßigen Abständen öffentlich vor. Ich wurde mehrfach angesprochen,
ob man diese Gedichte nicht in einem Buch kaufen könnte. Ich trage
mich mit dem Gedanken, sie bei Book on Demand zu veröffentlichen, und
hätte sicher auch keine Problem, sie zu verkaufen! Auch einige Buchlä-
den würden das Buch nehmen.
Jetzt riet mir ein befreundeter Autor davon ab. Da ich zurzeit auch an
einem Roman arbeite, könnte die Veröffentlichung bei BoD einen
schlechten Eindruck auf potentielle Agenten und Verlage machen. Was
ist da dran? Sollte ich lieber unter Pseudonym veröffentlichen? Welche
Verlage bzw. Agenten sind überhaupt interessiert an Lyrik von neuen
Autoren? Ich habe schon die ganze Odyssee hinter mir: "lobende" Absa-
gen nach monatelangem Warten, unakzeptable Angebote von Zuschussverla-
gen etc. Für Tipps wäre ich sehr dankbar!
Antwort:
Viele LyrikerInnen in ihrer Anfangsphase meinen, es genüge, in viel-
leicht drei Jahren eine Sammlung von 50 Gedichten zu schreiben, ir-
gendein Verlag würde diese dann schon veröffentlichen und sich um den
Rest kümmern, also um den Verkauf und natürlich auch um den Ruhm der
Lyrikerin. Es kann tatsächlich so laufen, dass eine Lyrikerin mit ih-
rem Frühwerk einen der vielen hunderte Kleinverlage, die es in
Deutschland gibt, von ihren Texten überzeugt. Meistens läuft es so
aber nicht.
Der ideale Weg zum ersten Gedichtband besteht darin, sich über Jahre
hinweg einen Namen zu machen: durch Veröffentlichungen in möglichst
renommierten Literaturzeitschriften und Anthologien, durch Teilnahme
an Literaturwettbewerben, die in der Branche beachtet werden (zum Bei-
spiel dem Literarischen März), durch Stipendien - kurz: durch eine
schrittweise allmähliche Integration in den Literaturbetrieb, der ja
nicht nur aus Verlagen besteht, sondern auch aus Literaturgruppen,
Redaktionen von Literaturzeitschriften, aus der Organisation von Le-
sungen usw. Aus einer solchen Position heraus ergibt sich der erste
Lyrikband manchmal ganz unkompliziert durch Kontakte, vielleicht weil
eine neue Lyrikbekanntschaft beim XY-Verlag ist. Es ist ein langer
Weg; oft liegen zwischen den ersten Gedichtversuchen und dem Lyrikde-
büt zehn Jahre.
Wer ein Buch als Book on Demand veröffentlicht (bei welchem kommer-
ziellen Anbieter auch immer), steht in der Literaturbranche im durch-
aus begründeten Verdacht, keinen Verlag von den eigenen Gedichten ü-
berzeugt zu haben und sozusagen aus einer Ungeduld heraus und mit al-
ler Gewalt die eigenen Werke auf den Markt bringen zu wollen. Aus-
schreibungen, die als Teilnahmevoraussetzung einen Lyrikband verlan-
gen, führen immer aus, dass weder ein Buch im Selbstverlag noch ein
BoD-Band ausreicht: Der BoD-Band zählt sozusagen nicht. (Nicht gemeint
sind damit Verlage, die ihre Bücher als BoD drucken und sich ihre Au-
torInnen aussuchen, zum Beispiel die Lyrikedition 2000.)
Der BoD-Band kann aber sinnvoll sein, wenn die Nachfrage nach dem ei-
genen Werk groß ist und wenn sich die Autorin, der Autor literarisch
unabhängig von der Literaturbranche bewegt. Da Sie sich jedoch auch
als Romanautorin einen Namen machen wollen, rate ich Ihnen von einem
BoD unter Ihrem Namen ab. Einer Veröffentlichung unter Pseudonym haf-
tet immer etwas davon an, nicht zu dem eigenen Werk zu stehen. Ich
persönlich würde es nicht tun. Die Verwendung eines Pseudonyms könnte
in Ihrem Fall sinnvoll sein, wenn Sie in Ihrer Lyrik kein Entwick-
lungspotential mehr spüren (wenn also der Lyrikband der erste und
letzte für Sie wäre), während Sie Ihren Schwerpunkt und auch Ihren
literarischen Erfolg in der Prosa sehen.
Normalerweise trägt der Verlag das Risiko dafür, ob sich von einer
Auflage von vielleicht 300 Lyrikbänden wenigstens so viele Bücher ver-
kaufen, dass der Verlag keinen Verlust macht. Lyrikbände völlig unbe-
kannter AutorInnen verkaufen sich aber oft so schlecht, dass einige
Verlage statt des Normvertrags Verträge anbieten, nach denen die Auto-
rin dem Verlag eine bestimmte Zahl der Druckauflage (vielleicht 150)
zu einem reduzierten Preis abkauft und die Bücher zum vollen Preis
verkaufen kann. Man kann diese Modell als verdeckten Zuschussvertrag
bezeichnen; für AutorInnen, die selbst aktiv eigene Lesungen gestal-
ten, lohnt es sich aber durchaus.
Agenturen interessieren sich grundsätzlich nicht für Lyrik, weil bei
den Auflagen, die Lyrikbände in Deutschland erreichen (1.000 Stück
haben schon Bestsellercharakter) keine Gewinne zu erwarten sind.
Die meisten Verlage sind über unaufgefordert eingereichte Manuskript
nicht gerade erfreut. In den Statistiken geht der Anteil der angenom-
menen Manuskripte aus dem Stapel der unaufgefordert eingereichten ge-
gen Null. Verlage wollen ihre AutorInnen am liebsten selbst entdecken,
zum Beispiel auf Wettbewerben oder Lesungen.
Wer sich dennoch mit einem Manuskript von ca. 10 bis 15 Gedichten plus
Kurzbiographie an Verlage wenden möchte, muss vor allem darauf achten,
dass die Gedichte zum Verlag passen, das bedeutet, sich vorher gut
über das Verlagsprogramm zu informieren und möglichst auch einige Ge-
dichtbände zu kennen. Das ist viel Arbeit.
[Eine aktuelle Liste von rund 90 Verlagen mit Erreichbarkeitsdaten,
Internetadressen und teilweise auch Programmausrichtung sowie weitere
Tipps zur Verlagsuche und zum Verlagsvertrag finden sich in Martina
Webers Buch "Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und
veröffentlichen", Uschtrin Verlag, 2. Auflage 2008. - die Red.]
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Martina Weber ist Autorin und Herausgeberin des Buches "Zwischen Hand-
werk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen", dessen 2.
Auflage Ende in diesen Tagen herauskommt. Einige ihrer Gedichte finden
sich unter http://www.poetenladen.de/martina-weber.html.
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Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen
und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit getrenn-
ter Mail kommt!
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Einsendeformalien:
Einsendungen sind zu allen Rubriken von autorenforum.de - nach Rück-
sprache - erwünscht. Zurzeit können jedoch noch keine Honorare gezahlt
werden. Das Urheberrecht verbleibt bei der Autorin bzw. beim Autor.
Einsendungen bitte im RTF-Format und per E-Mail, und zwar an:
beitrag at team pt autorenforum pt de.
Fragen zu Einsendungen sollten ebenfalls an diese Adresse gerichtet
werden. Die genauen Richtlinien findet ihr unter der Adresse
http://autorenforum.de/Tempest/richtlinien.html.
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I M P R E S S U M
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Herausgeber:
Ramona Roth-Berghofer public.relations at team pt autorenforum pt de
Gabi Neumayer redaktion at team pt autorenforum pt de
Stefan Schulz webmaster at autorenforum pt de
Thomas Roth-Berghofer
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