Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lesetipps
Autorenwissen
"Was mache ich, wenn ...?
Fragen und Antworten zu Schreibproblemen, Teil 3:
"Plot und Handlung verbessern"
von Stefanie Bense
Schreibkurs
"Ein Drehbuch schreiben, Teil 1"
von Marie Amsler
"Spannung, Teil 1"
von Anna Kaleri
Spannung, der Unterleib der Literatur
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Buchbesprechung
"Bessere! Romane! Schreiben!" von Stephan Waldscheidt
besprochen von Gabi Neumayer
Interview mit Jutta Wilke
Frag den Experten für Drehbuch
(Oliver Pautsch)
EDITORIAL:
---------------------------------------------------------------------
Liebe Autorinnen und Autoren,
am 17. Mai findet wieder das Autorentreffen statt, das schon seit
Jahren erfolgreich von Ursula-Schmid-Spreer organisiert wird.
Zahlreiche Seminare werden angeboten, unter anderem von Titus Müller,
unserem Experten für historische Romane. Im zweiten Teil des Tempest
findet ihr mehr dazu; wer teilnehmen möchte, sollte sich übrigens
schnell anmelden, um noch einen Platz zu bekommen.
Aber vorher solltet ihr genug Zeit zum Lesen des Tempest einplanen. In
diesem Monat platzt er vor schreibpraktischen Beiträgen aus allen
Nähten: Abgesehen von einem neuen Spannungs-Lektorat von Hans Peter
Roentgen zeigt Stefanie Bense im dritten Teil ihres Artikels, wie man
Plot und Handlung verbessern kann. Außerdem beginnen wir gleich zwei
neue mehrteilige Artikel: Anna Kaleri beschäftigt sich mit dem
Erzeugen von Spannung, und Marie Amsler weiht uns in die Geheimnisse
des Drehbuchschreibens ein. Überschneidungen zwischen all diesen
Beiträgen sind durchaus beabsichtigt - Wiederholungen mit anderen
Worten, aus anderen Perspektiven sind ja für jeden, der schreibt,
unverzichtbar. Und es gibt Themen, die uns beim Schreiben immer wieder
beschäftigen, egal in welchem Genre und in welchem Medium.
Bei aller Schreibpraxis findet ihr hoffentlich auch noch Zeit, das
Interview mit Jutta Wilke und Oliver Pautschs Expertenantwort zu
lesen, euch das E-Book aus unserem Buchtipp zuzulegen, an Wettbewerben
und Seminaren teilzunehmen (s. Teil 2 des Tempest) - und für all diese
nützlichen Infos euren Tempest auch im neuen Jahr zu unterstützen: mit
eurem freiwilligen Jahresbeitrag, Schreibtipps und Artikelvorschlägen.
Der Tipp des Monats Januar, diesmal von Bettina von Cossel:
Beim Schreiben Recherche jeder Art auf später verschieben.
Blühen Begonien im Februar? Egal. Einfach weiterschreiben
und die Feinheiten später abklären.
Ein wichtiger Hinweis in eigener Sache
Ab sofort haben wir ein neues Konto für eure freiwilligen Beiträge (s.
u.). Es läuft NICHT auf den Namen "autorenforum.de", sondern auf
"Jürgen Schloßmacher", der unser Team als neuer Mitherausgeber
verstärkt.
Auf ein fröhliches, spannendes, erfolgreiches Jahr 2012!
Gabi Neumayer
Chefredakteurin
~~~~~~~~~~~
Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen
wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen
freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt,
aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das
Konto:
Jürgen Schloßmacher
Kreissparkasse Köln
BLZ 370 502 99
Kto. 11 42 17 61 63
Stichwort: "Beitrag 2012"
Wichtig: Das Konto läuft NICHT mehr auf den Namen "autorenforum",
sondern nur auf "Jürgen Schloßmacher"!
Für AuslandsabonnentInnen: Am 1. Juli 2003 wurden die
Auslandsüberweisungsgebühren gesenkt. Aber natürlich könnt ihr uns
euren Beitrag auch weiterhin per Post schicken (Adresse am Ende des
Tempest).
Wer aus Österreich überweist, braucht außerdem diese Nummern (bitte
genau so zusammenschreiben!)
IBAN: DE16 5509 0500 0100 7245 15
BIC: GENODEF1S01
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
ISSN 1439-4669 Copyright 2012 autorenforum.de. Copyright- und
Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
INHALT DIESER AUSGABE:
TEIL 1:
Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lesetipps
Autorenwissen
"Was mache ich, wenn ...?
Fragen und Antworten zu Schreibproblemen, Teil 3:
"Plot und Handlung verbessern"
von Stefanie Bense
Schreibkurs
"Ein Drehbuch schreiben, Teil 1"
von Marie Amsler
"Spannung, Teil 1"
von Anna Kaleri
Spannung, der Unterleib der Literatur
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Buchbesprechung
"Bessere! Romane! Schreiben!" von Stephan Waldscheidt
besprochen von Gabi Neumayer
Interview mit Jutta Wilke
Frag den Experten für Drehbuch
(Oliver Pautsch)
Impressum
TEIL 2:
Veranstaltungen
Ausschreibungen
Publikationsmöglichkeiten
mit Honorar
ohne Honorar
Seminare
Messekalender
Impressum
*********************************************************************
HALL OF FAME:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest.
Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst -
dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen
können.
Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!)
nach diesem Schema:
.......
AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende
oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich
könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen
weitere Infos zu eurem Buch unterbringen, zum Beispiel eine Homepage-
Adresse.
.......
Ein Beispiel (!):
Johanna Ernst: "Der Fall der falschen Meldung", Hüstel Verlag 2009,
Mystery-Thriller. 60 Zeichen - und kein einziges mehr! Inklusive
Homepage!
.......
Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im
Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie
Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.
ACHTUNG!
Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr
bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in
einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt
hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen
muss, Lektorat bezahlt o. Ä.
Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an
redaktion at team pt autorenforum pt de.
Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen
Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten.
Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall
ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt!
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Brigitte Meertens: "Igel Mums Reise nach Bethlehem", Papierfresserchen
MTM-Verlag 2011, Weihnachtsbuch. Für Kinder ab 3 Jahre, 60 Seiten
Jeanine Krock: "Himmelsschwingen", Heyne 2012, Novelle. Himmlische
Begegnungen in St. Petersburg www.jeaninekrock.de
Andrea Tillmanns: "Lena lernt zaubern", Iatros-Verlag 2011, Kinder-
Phantastikroman. Lena findet ein Zauberbuch ... www.andreatillmanns.de
Ivy Paul: "Ghost Lover", Plaisir d´Amour Verlag 2011, erotischer
Liebesroman. Geschichte um einen Geist und eine Sterbliche
Johanna Marie Jakob: "Das Geheimnis der Äbtissin", Weltbild-Verlag
2011, historischer Roman. Die Frau Friedrich Barbarossas. www.johanna-
marie-jakob.de
Billie Rubin: "Dunkle Rache", allitera Verlag 2011, Kriminalroman.
Band 2 der Nürnberg-Serie mit Charlotte Braun
Gerwine Bayo-Martins: "Aminas Welt", Uniscripta Verlag 2011,
Historischer Kriminalroman
*********************************************************************
SCHREIB-KICK:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Unser Schreib-Kick für den Januar, diesmal von Jennifer Schreiner:
Ein Text, mehrere Perspektiven:
A. Schreibe einen kurzen Text einmal neutral, aus der Sicht eines
objektiven Augenzeugen. Erzähle ihn dann auktorial als allwissender
Erzähler und mit Gedanken und Empfindungen der Beteiligten. Dann
erzähle personal aus der Sicht eines Ichs, das dabei war.
B. Schreibe einen Text dreimal in der Ich-Form. Wähle aber jedes Mal
einen anderen Protagonisten aus, aus dessen Sicht du erzählst!
*********************************************************************
LESETIPPS:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
http://www.boersenblatt.net/463927
Der E-Book-Markt in den USA expandiert. Der erste Amazon-Kindle kam
2007 auf den Markt, inzwischen soll der Marktanteil 20 Prozent
betragen. Evan Schnittmans Schlussfolgerung daraus: "Print und Digital
müssen unterschiedlich positioniert werden."
http://www.buchmarkt.de/content/49312-newsflash.htm
Die Entwicklung des E-Book-Marktes führt zu interessanten Ideen. So
werden die Verlage "Haffmans & Tolkemitt" und "Rogner & Bernhard" im
Frührjahr 2012 die Weltneuheit "HardcoverPlus" auf den Markt bringen.
*********************************************************************
AUTORENWISSEN:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Was mache ich, wenn ...?
Fragen und Antworten zu Schreibproblemen
Teil 3: Plot und Handlung verbessern
von Stefanie Bense
Wozu brauche ich eine Plotplanung?
Jeder organisiert sich anders, wenn er schreibt. Manche planen viel,
manche wenig (s. Teil 1 dieses Artikels, Tempest 13-11).
Planung kann dir helfen, die Richtung der Story zu finden und
beizubehalten, die Übersicht über verschiedene Handlungsstränge oder
Zeitschienen zu wahren, die Logik und Konsequenzen aller Handlungen zu
beachten und alle Informationen beim Schreiben parat zu haben. Und du
legst das am besten schriftlich fest, damit du ggf. nachlesen oder
verschiedene Versionen nebeneinander abwägen kannst.
Bei mir (das ist nur eine Möglichkeit!) gibt es drei Stufen:
- Ich notiere Plotideen auf Karteikarten (wild gesammelt zu Szenen,
Kapiteln, Dialogen, Strängen, unabhängig von der Reihenfolge, in der
ich später erzähle).
- Ich sortiere und verknüpfe alles zu einem Arbeitsexposé (das folgt
der Erzähl-Reihenfolge, so wie der Leser es säpter liest; das können
viele Seiten werden, es ist aber nicht szenisch, sondern zählt auf).
- Ich kondensiere daraus einen (!) knappen Satz, worum es wirklich in
der Story geht, und pinne ihn mir an meinen Bildschirm, damit ich den
roten Faden immer vor Augen habe.
Für komplizierte Plots z. B. von verwickelten Krimis oder einem Roman
mit etlichen Handlungsebenen und Erzählperspektiven benötige ich
eventuell noch einen Kapitelplan in Tabellenform, der nicht nur die
Erzählreihenfolge der Szenen festlegt, sondern auch die Schauplätze,
wer wann wo ist, wem welche Informationen zur Verfügung stehen, wer
was mit wem tut, was der Leser weiß, aber der Ermittler nicht.
Eventuell enthält er auch einen Zeitplan, äußere Bedingungen (z. B.
Wetter, Helligkeit, Transportmittel, Wegezeiten) oder weitere
Informationen, die für einzelne Abschnitte wichtig sind.
Wie genau du planst und wie akribisch du aufzeichnest, bevor du
schreibst, bleibt dir überlassen. Such dir eine Methode, die für dich
funktioniert.
Wie viel Plot brauche ich?
Hast du einige Spannungspunkte und eine "Vorstellung, wie die ganze
Sache enden soll"? Sorry, aber das reicht nicht, es sei denn, du bist
eine spontane Erzählerin (s. Autorentypen, Teil 1).
Anzeichen für zu wenig Plot gibt es, wenn deine Story vor sich hin
mäandert oder dümpelt, sich verästelt, nicht zum Hauptstrang
zurückfindet, wenn andere Erzählstränge übernehmen oder sich die
Grundrichtung ständig ändert. Dazu lies bitte von Orson Scott Card die
Kategorisierung nach Milieu-, Ideen-, Charakter- und
Ereignisgeschichte (Orson Scott Card: "How to write Science Fiction &
Fantasy", 2001; Artikel in Tempest 2-11 und 2-12 "Fantasy -
Möglichkeiten und Handwerk" von Stefanie Bense). Die Kategorien sind
ein hilfreiches Instrument, um die Richtung einer Story beizubehalten.
Ist es ein komplexer Roman, so können mehrere Erzählstränge
verschiedene Richtungen haben. Dennoch muss ein Erzählstrang deutlich
den Hauptplot stellen und dabei bei einer Grundrichtung bleiben. Ein
Beispiel:
..........
Ereignisgeschichte = Magier muss Welt vor Magiereroberern retten
(Hauptplot) + Milieugeschichte = unstandesgemäße Liebe zwischen Magier
und Dämonin, weil verboten und gefährlich, Schwerpunkt bei
gesellschaftlichen Konsequenzen.
..........
Dann solltest du die Spannungspunkte für jeden Erzählstrang zum
Spannungsbogen ausarbeiten und diese Bögen ineinander verschränken,
sonst bleiben sie eventuell unzusammenhängend, statt sich gegenseitig
zu verstärken. Dabei hilft:
a) Mach dir klar, welcher Hauptkonflikt die Geschichte trägt.
Formuliere einen kurzen Satz: "Meine Geschichte handelt von ... dem
Magier, der einen Eroberermagier aufhalten muss, bevor dieser die Welt
an Dämonen verspielt." Hier: Hauptkonflikt: guter Magier gegen bösen
Magier. Nebenerzählung: Liebesgeschichte zweier sowohl physisch als
auch standesgemäß nicht zu vereinbarender Wesen, mit Schwerpunkt auf
den gesellschaftlichen Folgen für beide.
Wenn du dich für den Hauptkonflikt entschieden hast, arbeite ihn aus.
Was muss der Magier wissen / können / tun, um als Gegner für den Bösen
der Richtige zu sein? Wie wird er in die Geschichte gezogen (wehrt er
sich / stürzt sich hinein)? Welche Maßnahmen ergreift er? Warum wirken
sie nicht, und wie bringen ihn seine Lösungsversuche immer tiefer in
Bedrängnis ("rising the stakes")? Wie besiegt der Antagonist den
Helden, ohne ihn völlig zu zerstören (weil dann die Story zu Ende
wäre!)? Wann findet wo der Showdown statt? Welche letzte Anstrenung
unternimmt der Heldmagier? Mit welchem Aspekt seiner Stärke oder
überwundenen Schwäche gewinnt er? Falls er verliert, opfert er sich
oder gibt er auf? Dasselbe erarbeite nun für die Milieugeschichte ...
b) Arbeite das Ende aus, zumindest in Stichworten. So hast du einen
"Leuchtturm", auf den du zusteuern kannst (an den PC pinnen, damit
du's im Blick behältst). Du kannst auch vom Ende her plotten, indem du
dich fragst: Was muss direkt vor dem Ende passieren, damit es
schließlich so kommt? Was muss vor der vorletzten Szene passieren? Wie
kommen Magierheld und böser Magier zusammen? Warum dort? Was hat es
den Helden zuletzt gekostet, so dass er den Showdown aufnimmt? Wie
verwickelt ihn der Antagonist in immer schlimmere Auseinandersetzungen
(und warum)? Welche Strategien entwickelt der Held im Kampf und
vorher? Schließlich: Wie wird der Held in den Kampf gezogen, und warum
ist er dazu geeignet? Damit baust du deine Story vom Ende her auf, und
sie bekommt ihre Konsequenz in der Handlung (Margaret Mitchell hat so
"Vom Winde verweht" aufgebaut).
c) Der Held ist zur Zeit unwillig zu handeln, der Antagonist ist
einfach nur ein Böser (ohne eigenen Sinn, Verstand und Motiv), die
anderen Figuren labern bloß, man reitet mal hier, mal dorthin, um noch
ein Artefakt zu holen, dessen Verwendung und Wichtigkeit unklar sind -
kurz: Aktion ohne Plan?
Dann fehlt die kausale Verknüpfung durch Ursache und Wirkung! Eine
Handlung ergibt die andere, löst sie aus oder verhindert sie, fordert
Reaktion. Ohne Ursachen aber bleiben es bloß chronologisch gereihte
Ereignisse: Erst starb der König, dann die Königin. Eine Aufzählung,
keine Geschichte! Zur (Mini-)Erzählung wird es erst, wenn Ursachen
hinzukommen, also kausal verknüpft wird: Erst starb der König in einer
Schlacht, dann die Königin, weil sie so sehr trauerte, dass sie nichts
mehr essen konnte. Noch besser, wenn sich Ursachen verschränken: Erst
starb der König, der eine Schlacht gegen den Entführer der Königin
focht, dann die Königin, die derart trauerte, dass sie nichts mehr aß.
Das verbitterte den Entführer so, dass er den Königssohn angriff, der
in Wahrheit sein eigener Sohn war, weil die Königin, als sie es noch
nicht war, ein Verhältnis mit dem späteren Entführer ...
Diese vier Figuren sind dermaßen verstrickt im "Schmelztiegel", dass
keine/r von ihnen einfach sagen kann: "Ach, was soll's, ich geh jetzt
nach Hause und kümmere mich nicht mehr um die Geschichte."
Schaffe eine Situation, in der der Held gar nicht mehr anders kann,
als den Kampf aufzunehmen. Jede Figur muss sich beteiligen müssen; es
darf keinen anderen Ausweg geben. Gib allen einen (eigenen) Grund, die
Geschichte voranzubringen (s. Motive). Baue die Handlung so auf, dass
Ursache und Wirkung klar werden. Dabei müssen sie nicht immer direkt
aufeinander folgen, man kann auch Ursachen später enthüllen oder
Wirkungen verzögern. Aber es müssen beide pro Handlungseinheit da
sein. Wie das geht? Es gibt kein Rezept! Üben und Gefühl für Balance
entwickeln.
d) Füge Spannungspunkte zum Bogen, d. h., entwickle Steigerungen in
dem Konflikt: Erst begegnen sich Magierheld und Antagonist als
Wettstreiter, während sie ihren Beruf lernen, dann werben sie um
dasselbe Mädchen (wer gewinnt? Verlieren beide und machen sich
gegenseitig verantwortlich?), dann schnappt einer dem anderen etwas
weg, dann verursacht einer für den anderen eine mittlere Katastrophe,
dann sagen sie sich den direkten Kampf an, dann verletzt der
Antagonist den Helden, indem er ... Arbeite ggf. mit der Drei/Vier-
Akt-Struktur (Syd Field, Handbuch zum Drehbuch, 1993,
Zweitausendeins), um die Spannungspunkte gut aufzuteilen. Wo ist der
"point of no return"? Wo sind die Wendepunkte? Was bringt die Klimax?
Wie läuft der Showdown ab? Was braucht man danach noch?
Wozu braucht die Story Konflikte, und wie steigert man sie?
Konflikte bringen Handlung und damit Geschehen. Anders gesagt: Ohne
Konflikte keine Geschichte, denn niemand will lesen, dass es den
Figuren stets gut geht.
Machen wir's mal konkret: Mein Held ist eine Heilerin, die sich nichts
sehnlicher wünscht, als in Frieden im Dorf zu leben und sich um ihre
Nachbarn zu kümmern (langweilig!). Dumm nur, dass sie früher zum
mächtigen Zirkel der Zauberinnen gehört hat, der nun ihre Hilfe
braucht, um einen Erzmagier abzuwehren. Der hat es auf Zauberinnen
abgesehen, weil ihn eine gedemütigt, verletzt und verlassen hat (hm,
vielleicht sogar ein Artefakt geraubt? ihn fast umgebracht? seine
Kraft abgezapft? - er braucht ein starkes Motiv, um ein großes Ziel
wie die Vernichtung der Zauberinnen zu planen). Als der Ruf an die
Heilerin ergeht, weigert sie sich, in den Zirkel zurückzukehren (das
hat Konsequenzen!). Da erwischt der Erzmagier ihre ehemals beste
Zirkel-Freundin und macht sie zu einem willenlosen Geschöpf. Sie
verrät dem Erzmagier, dass die Heilerin ihm gefährlich werden könnte.
Also löscht er das ganze Dorf der Heilerin aus. Sie ist jedoch nicht
da. Als sie das Massaker vorfindet, ist sie tief verstört und entsetzt
(und fühlt sich schuldig?). Sie begreift, dass der Erzmagier
aufgehalten werden muss. So zieht sie los, um dem Zirkel zu helfen
(sie ist in der Sache drin) und gräbt Informationen über den Magier
aus, doch der Zirkel macht sie für den Verlust der Freundin
verantwortlich und traut ihr nicht recht. Der Magier greift an, und
jede Strategie, die Zirkel und Heilerin anwenden, kann ihn nur kurz
aufhalten, aber nicht stoppen (Steigerungen ausarbeiten!). Ihre
einzige Unterstützerin im Zirkel stirbt im Kampf mit Schergen des
Magiers - nun will der Zirkel sie dem Magier ausliefern, um ein
Abkommen auszuhandeln (erhöhter Einsatz, jetzt kämpft sie nicht nur
für ihre Freundin, sondern auch um ihr Leben). Schließlich kommt es
zum finalen Kampf zwischen Erzmagier und Heilerin. Sie kann ihre
ehemalige Freundin heilen, ist nun aber beim Kampf geschwächt. Als sie
zu verlieren droht, erkennt sie ihre größte Stärke: heilen. Also heilt
sie den Magier, setzt seine verletzte Seele wieder zusammen, bringt
ihn sozusagen zu sich.
Wichtig: SIE muss ihn bezwingen, nicht die gerettete Freundin, sonst
fühlt sich der Leser veralbert. Und sie muss es mit ihrer wirklichen
Stärke tun, mit dem Einsatz von allem, an dem ihr etwas liegt und das
sie aufbieten kann.
Wie baue ich Zeitsprünge ein?
Die Geschichte bestimmt die Zeitsprünge. Frage dich, was du gern lesen
würdest: Wie eine Figur Jahre vor sich hindümpelt und nichts
Interessantes passiert? Oder wie die Figur von einem Abenteuer ins
andere schliddert?
Zeitsprünge lassen sich einfach benennen, wenn sie nur erwähnt sein
sollen: "Zehn Jahre später", "Am nächsten Tag", "Als er endlich sein
erstes Eisenschwert bekam" ... Zeitsprünge lassen sich aber
interessanter mit einer spezifischen Situation der Hauptfigur
verknüpfen:
..........
(Kapitelende:) Als sie davonritten, schwankte Torw auf dem
Pferderücken und fragte sich, ob er es je lernen würde, so gerade und
elegant wie Genno als Reiter auszusehen. - (Neues Kapitel:) Sieben
Jahre später beugte er sich im Galopp aus dem Sattel, griff nach dem
Ziegenfell und warf es Genno zu, der davonpreschte und die Gegner mit
einer Staubwolke überzog. Torw wendete sein Tier, ließ es springen und
bocken, als ein Gegner an ihm vorbeiziehen wollte ...
..........
Zeitsprünge können auch in Verhalten oder Aussehen der Figur
festgemacht werden, solange es für die Story wichtig ist:
..........
(Kapitelende:) Torw presste das schmutzige Tuch gegen die Wunde. Von
ganzem Herzen wünschte er sich, er läge statt Genno im Staub und Genno
hielte sich die Wange. Aber Genno war tot, und kein Blut von ihm
selbst machte seinen Freund wieder lebendig. - (Neues Kapitel:) Die
Narbe juckte. Torw scheuerte mit dem Handrücken an seiner Wange herum,
bis ihn scharfe Metallkanten zerkratzten und daran erinnerten, dass er
seinen Kampfschutz trug ...
..........
Wenn es dir schon als müßig oder verschwenderisch erscheint, Seiten
auf Zeit, die einfach nur vergeht, zu verwenden, dann erscheint es dem
Leser später sicher auch so. Also: Lass es! Kürze die Zeit durch
Zeitsprünge oder zusammenfassendes Erzählen. Zusammenfassen kann man
durch eine Bewegung, z. B. eine Reise:
..........
Sie verließen das Tal, überquerten die Berge, kalt und nass, noch
kälter und trocken, und erreichten die Straße. Sie folgten ihr, mieden
Wagenzüge und Karawanen, umgingen Räubernester und Gasthäuser, bis er
kein getrocknetes Fleisch und Hartbrot mehr beißen mochte und sein
Hintern fast die Gegenform des Sattels angenommen hatte.
..........
oder durch Zeitabläufe, z. B. Jahreszeiten:
..........
Der Frühling kam und ging mit Keras leisem Bedauern, dass Genno nicht
mehr sah, wie es im Garten spross und keimte. Der Sommer legte
staubige Hitze über das Land, bis Sommergewitter herabprasselten und
Löcher in den Staub stanzten. Gras spross und wurde gemäht, Getreide
reifte und wurde geerntet und die Früchte wuchsen prall und saftig.
Der Herbst jedoch fiel aus. Übergangslos schneite es und ...
..........
oder in den Gedanken der Figuren, z. B.:
..........
Waren wirklich schon zehn Jahre vergangen, in denen sie jeden Tag das
Tor geöffnet und auf ihn gewartet hatte? Jeden Abend hatte sie es
wieder geschlossen, als wolle sie es nie wieder öffnen, aber dann
hatte sie am nächsten Morgen den Riegel gehoben und sich gegen die
Torflügel gestemmt, als wäre es erst gestern gewesen, dass er sie
verlassen hatte.
..........
Wenn du allerdings zeigen willst, wie das Verstreichen der Zeit dem
Helden zu schaffen macht oder wie langweilig es für ihn ist, dann
musst du das zeigen, indem du schreibst, wie es dem Helden widerfährt
(seine Sicht, z. B. indem Tätigkeiten oder Haltungen sich
wiederholen):
..........
Torw schaute aus dem Fenster. Draußen grünte der Frühling im Land, und
er schaute aus dem Fenster, dann wurde es gelb im Sommer und bunt im
Herbst, und er schaute immer noch aus dem Fenster. Und noch immer
durfte er nicht reiten und fechten, weil sein Bein sich nicht beugen
ließ. Während die anderen stritten und fochten, ritten und jagten,
schaute er aus dem Fenster ...
..........
Es gibt noch weitere Möglichkeiten, aber ich kann hier nicht alle
aufzählen. Wichtig ist, was deine Geschichte "fordert", was sie
anschaulich und lesbar macht.
Wie baue ich Ortswechsel ein?
Wie beschreibe ich komplizierte Orte?
Dasselbe Prinzip wie für Zeitsprünge gilt auch hier: Was ist notwendig
für die Story? Ist der Ort unwichtig wie bei der Durchreise, dann
reicht es, ein oder zwei kräftige Details zu beschreiben, die der
Figur auffallen, z. B. dass es besonders laut ist, dass es nach Brot
oder Hundepisse riecht, dass die Menschen sie nicht anblicken ...
Ortswechsel erwähnt man, oder man zeigt Bewegung:
..........
Als sie aus dem Dorf schlenderte, öffnete sich das Land und floß
sanftwellig zur Ebene hinab ...
Sie preschten durch Torhaus, das sich an den Berg duckte. Sie
donnerten an Grünwald vorbei, versteckt unter Baumschatten ...
Er umrundete das Schloss, nein, ein Schloss warŒs nicht, obwohlŒs so
hieß. Bloß ein Klotz, hohe Mauern ohne Fenster, Türme oder Erker, ein
gemauerter Fels, ein Gefängnis ...
..........
Ist der Ort relevant für die Story? Soll eine bestimmte Atmosphäre (s.
Beispiele oben) erzeugt werden? Dann zeige ihn durch Augen, Ohren,
Nase, Zunge und Tastsinn des Protagonisten. Mach den Ort lebendig,
indem du alle Sinne beteiligst und den Leser durch das Erleben des
Helden mitnimmst.
Orte zu beschreiben, kann man üben. Setz dich in verschiedenen
Jahreszeiten, tags oder nachts auf dieselbe Parkbank, denselben Stein,
in dieselbe Kneipe, schließe die Augen und beschreibe, was du
wahrnimmst. Denk dir, dein Held säße daneben. Was würde er bemerken?
Im Schreibjournal kannst du "Ortswahrnehmungen" sammeln. Wie riecht es
im Pferdestall? Und im Schweinestall? Wie hören sich Holzräder auf
Kopfsteinpflaster an? Wie schmeckt ein Brot, das direkt aus dem
Steinofen mit der ganzen Brot-Produktion für ein Dorf kommt? Wenn du
deinen Helden in ein Labyrinth schickst, wie fühlt sichŒs an? Wände
aus Stein oder Hecke? Boden fest oder weich, matschig oder steinig?
Wie riecht es dort? Ist es kalt oder warm? Was hört er? Was nimmt er
sonst noch wahr? Wie reagiert sein Körper auf die Umgebung?
Komplizierte Orte kann ich reduzieren, indem ich den Leser durch die
Figur den Schauplatz erleben lasse; ihn mit dem Helden
hindurchschicke. Niemand nimmt einen Ort zur Gänze wahr, sondern immer
in Teilstücken. Was fällt zuerst auf? Ist es ein heller oder dunkler
Raum? Groß oder klein? Wie fühlt er sich an? Was wird auf den zweiten,
dritten Blick deutlich? Wo sind die geheimen Ecken oder Verstecke? Ist
der Raum überladen oder schlicht, kalt oder warm, gemütlich oder
funktionell? Ist er überfüllt mit Leuten oder menschenleer?
Will ich z. B. ein großes Schlachtfeld beschreiben, habe ich mehrere
Möglichkeiten:
a) von einem erhöhten Standpunkt aus (Hügel, Festungsmauer) im
Überblick, abgehoben / distanziert vom Geschehen, z. B. als Feldherr
b) von nah nach fern oder umgekehrt, wenn z. B. ein Reiterangriff das
hergibt
c) als Beobachter im Mittelfeld mit begrenztem Ausschnitt, z. B. als
wartende Bogenschützen
d) mittendrin als Beteiligter, als Kämpfer oder Hineingeratener, in
Details, die den Ort lebendig machen (Gestank, Getümmel, Geschrei,
Blut, Schmerzen ...)
Dasselbe an Möglichkeiten gilt auch für Räume, Städte, Landschaften,
Gebiete ... Versuche mal, verschiedene Blickwinkel und Standpunkte
auszuprobieren.
Wichtig ist letztlich, was für die Story und die Handlung am
passendsten ist.
Wie lang muss meine Geschichte werden?
Die Geschichte bestimmt, wie lang sie wird. Es gibt Romane, die kann
man eben nicht auf 200 oder 400 Seiten erzählen, die brauchen mehrere
Bände. Aber diese Geschichten haben dementsprechend in ihrem
Spannungsbogen "Gelenke", an denen man sie teilen kann. Ein schlechtes
Beispiel ist "Herr der Ringe" von Tolkien, das zunächst nur aufgeteilt
wurde, um handlichere Bücher zu erzielen. Ein besseres Beispiel ist
der Zyklus Trudi Canavans, der die Entwicklung der Heldin
nachvollzieht: Rebellin - Novizin - Magierin (und mit Sonea
fortgesetzt wird). Ich, als Leserin, mag Storys, die zwar ihren
Abschluss finden, aber doch genug offenlassen, um mich neugierig auf
den Fortgang zu machen.
Es gibt kein Patentrezept, wie man das schafft. Es gibt nur gute und
weniger gute Beispiele. Ich rate dir, Zyklen zu lesen, bei denen du
das Gefühl hast, sofort in den nächsten Band einsteigen zu wollen. Und
dann prüfe sie daraufhin, wie die Autoren die Übergänge schaffen. Was
macht dich neugierig? Warum willst du mehr lesen? Liegt es an der
Handlung, die nicht zu Ende geführt ist? Oder doch eher an der
Anteilnahme an einer Hauptfigur? Willst du eher wissen, wie‚s
weitergeht oder was dieser einen Figur passiert?
Grundsätzlich: Schreibe deine Geschichte erst einmal zu Ende, egal, ob
sie 400 oder 1.400 Seiten benötigt. Erst im zweiten, dritten Durchgang
des Überarbeitens kannst du klarer sehen, ob du alles benötigst oder
kürzen kannst, ob die Story sich für einen Zyklus eignet oder ob du zu
weitschweifig erzählst. Dann solltest du dich fragen, ob du vielleicht
eine andere Erzählstrategie verfolgen kannst, statt linear
chronologisch von der Geburt des Helden an zu erzählen. Was Wichtiges
bei der Geburt passiert ist, ließe sich z. B. im Dialog mit der
Mutter, in Verhaltensweisen der Verwandten etc. unterbringen. Oder der
Held könnte es erst mühevoll herausfinden müssen. Frage dich, was
wirklich für die Story von Bedeutung ist.
Wie muss das Ende aussehen, darf es auch schlecht ausgehen?
Eigentlich ist alles erlaubt in der Fiktion, solange die Lösung der
Geschichte sich aus der Geschichte selbst ergibt. Zum Beispiel, wenn
die Heldin einen ganz großen Charakterfehler oder eine große Schwäche
hat, die sie überwinden muss, um den Antagonisten zu besiegen. Dann
kämpft sie nämlich auf zwei Ebenen: Den äußeren Konflikt trägt sie
gegen den "Bösewicht" aus, den inneren Konflikt mit sich selbst gegen
ihre Schwäche. (Nebenbei gesagt, sind Helden mit innerem und äußerem
Problemen meist viel interessanter.) Demnach gibt es mehrere
Möglichkeiten:
a) Sie besiegt ihre Schwäche und den Antagonisten (absolutes Happy-
End, Sieg auf ganzer Linie; das würde ich als Leser nur schlucken,
wenn Hindernisse und sich steigernde Katastrophen auf ihrem Weg enorm
gewesen sind, nach dem Motto: Viel gewagt, viel gelitten, Super-Happy-
End akzeptabel).
b) Sie besiegt den Antagonisten, aber nicht ihre Schwäche, was sie
erneut angreifbar macht (schwaches Ende, wodurch siegt sie denn?
zufällige Siege sind keine Siege, sondern nur Glücksfälle).
c) Sie besiegt ihre Schwäche, aber es reicht nicht, um den
Antagonisten zu besiegen (der Kampf wird fortgesetzt, ein typisches
Ende für Fortsetzungsromane; hinterlässt bei Lesern leicht einen
schalen Geschmack, wenn nicht von Anfang an deutlich wird, dass der
Antagonist noch gebraucht wird, etwa weil sie ihn erst in Band 3
besiegt).
d) Sie besiegt ihre Schwäche und den Antagonisten, aber sie verliert
dermaßen viel dabei, dass es ein Pyrrhussieg wird. Dieser Sieg wird
sie über die Geschichte hinaus verändern und ihr künftiges Verhalten
beeinflussen (ein meist glaubwürdiges Ende, wenn ich als Leserin mit
der Figur mitfiebern und -leiden konnte).
e) Sie besiegt weder ihre Schwäche noch den Antagonisten (übles Ende,
denn da fühlt sich der Leser betrogen, weil er mit der Figur
mitgelitten hat, die am Ende des Weges genauso da steht wie am Anfang;
nichts hat sich geändert, wozu also die ganze Geschichte?).
f) Ein Gott / Ein Freund / Eine Naturkatastrophe hilft und besiegt den
Antagonisten (ganz übles Ende, so genannter "Deus ex machina", weil
nicht die Heldin siegt, sondern jemand bzw. etwas von außen; der Leser
fühlt sich veralbert).
Für ein Szenen- oder ein Kapitelende existiert noch Möglichkeit g),
die m. E. die ergiebigste für diese Art Schlussstelle ist:
g) Sie besiegt weder ihre Schwäche noch den Antagonisten und darüber
hinaus (!) hat sie noch ein weiteres Problem am Hals, z. B. wurde sie
gefangen genommen. Das bringt die Heldin wunderbar in noch mehr
Schwierigkeiten und der Leser ist gespannt, wie es ihr nun gelingen
mag, da herauszukommen und trotz allem zu siegen. Das ist aber
KEINESFALLS für ein Romanende sinnig, denn damit fühlt der Leser sich
um einen Abschluss, ein Ende betrogen. Es ist der so genannte
Cliffhanger, der das nächste Buch, die Fortsetzung verkaufen soll. Die
meisten Leser möchten aber lieber eine zumindest auf einer Ebene
abgeschlossene Erzählung, die nicht alles offen läßt (siehe b, c und
d).
Eine Zeitlang war es "modern", gar kein Ende anzubieten und den Leser
ratlos zurückzulassen, wie die Geschichte denn nun ausgeht, besonders
in der Nicht-Genre-Literatur, in der gehobenen Belletristik, im
experimentellen und / oder postmodernen Roman. Doch diejenigen der
Leser, die Geschichten wollen, wollen auch einen Abschluss. Daher
sollte man keinen Unterhaltungsroman anbieten, der die
Lesererwartungen in dieser Beziehung grob enttäuscht.
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Stefanie Bense lebt und arbeitet in Emden, gibt Schreibkurse und führt
eine Roman-Werkstatt, http://www.romantisch.essdeh.de, veröffentlicht
sporadisch und schreibt an ihrem dritten Roman.
*********************************************************************
SCHREIBKURS:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Ein Drehbuch schreiben, Teil 1"
von Marie Amsler
Am Anfang eines Drehbuches steht immer die faszinierende Idee zu
einer guten Story. Manchmal führt diese Idee zu großem Erfolg, zu
einem erfolgreichen Film. Häufig aber verschwindet das Drehbuch trotz
guter Idee in der Schublade. Meistens liegt es daran, dass das
Drehbuch selbst nicht genügend professionelle Qualität aufweist. Denn
eine Geschichte muss man vor allem auch gut erzählen können. Eine gute
Drehbuchidee umzusetzen verlangt Kreativität, Talent und gutes
Schreiben, um daraus eine fesselnde Filmgeschichte entstehen zu
lassen.
Gutes Schreiben heißt vor allem, das Drehbuch mit einer adäquaten
dramatischen Struktur zu versehen. Einer der besten amerikanischen
Drehbuchautoren, William Goldman, sagte: "Drehbuch ist Struktur." Die
Story mit ihrer passenden Struktur muss auch in einem korrekten Format
abgeliefert werden. Dazu muss man wissen, wie ein (inter)national
anerkanntes, professionelles Drehbuchformat aussieht.
Aber auch Durchhaltevermögen ist gefragt. Drehbücher sind - anders als
Romane - gedacht als Vorlage für eine Gemeinschaftsarbeit, zu der noch
viele weitere Beteiligte im Laufe der Filmherstellung ihre Ideen
beitragen. Es ist damit die Basis für jede weiterführende Arbeit bis
hin zum fertigen Film.
Das Genre
Eine wichtige Anmerkung: Die hier folgenden Erläuterungen beziehen
sich nicht auf den Kunstfilm, der mit Regeln spielen oder sie auf den
Kopf stellen darf, sondern sie betreffen die Sorte Filme, die wir
Genre-Filme nennen. Die bekanntesten darunter sind das Drama, der
Abenteuerfilm, der Western, der Horrorfilm, der Thriller, der
Kriegsfilm, der Liebesfilm, die romantische Komödie, die Komödie, der
Science-Fiction-Film und der Fantasyfilm.
Mit der Planung des Drehbuchs stellt sich dem Autor die Frage: Welches
Genre würde meinem Thema am besten entsprechen? Die Antwort lautet,
dass jeder Drehbuchautor ohnehin Vorlieben für ein oder zwei bestimmte
Genres mit sich herumträgt. Das sind meistens diejenigen, mit deren
Struktur-Regeln er auch vertraut ist. Das richtige Genre auswählen und
zu schreiben heißt nämlich, dass der Autor der Erwartungshaltung der
Zuschauer Rechnung trägt. Ein Zuschauer sucht sich den Film nicht nur
nach seinen Lieblingsschauspielern aus, sondern auch danach, welches
Genre er bevorzugt. Wenn er zum Beispiel eine romantische Komödie
sehen möchte, dann aber plötzlich Elemente eines ganz anderen Genres
im Film auftauchen und die romantische Komödie als Tragödie endet, ist
der Zuschauer enttäuscht. Jedes Genre hat seine ganz eigenen Struktur-
Regeln, die man, wenn man eine Filmgeschichte schreiben möchte, kennen
muss.
Das Handwerkszeug
Ist die Genre-Zuordnung für ein Drehbuch geklärt, kann der Autor in
die übrige Planung einsteigen. Sehr hilfreich dabei ist das
professionelle Handwerkszeug, das eine Reihe von "Tools of the Trade"
umfasst. Das sind Texte verschiedener Formate, die die Entwicklung
eines Drehbuchs erleichtern. Sie dienen dazu, die Story klar zu
durchdenken und präzise zu planen. Zu dieser Liste gehören unter
anderem:
1. das Thema oder die Prämisse (Julia Roberts in "Erin Brockovich":
David gegen Goliath)
2. der Inhalt in einem Satz (maximal 25 Wörter!), genannt Logline
("Erin Brockovich": Eine arbeitslose und alleinstehende Mutter erhält
endlich einen Hilfsjob bei einem Rechtsanwalt und bringt fast
eigenhändig einen kalifornischen Stromkonzern wegen Vergiftung des
städtischen Grundwassers zu Fall.)
3. der Kurzinhalt, auch Outline genannt, von maximal 200 Wörtern
4. die Zusammenfassung, im englischen Raum auch Synopsis genannt, die
eine Seite Text oder weniger umfasst, einzeilig und in Times New Roman
12
5. die aufeinanderfolgenden "plot beats", sprich: die Liste der
einzelnen Handlungsschritte in der Geschichte
6. der Pitch (eine mündlich vorgetragene Ideenskizze des Stoffes in
Kurzform, um den Stoff an einen Interessenten / Produzenten zu
verkaufen)
7. das Exposé (eine in Prosaform gehaltene Zusammenfassung des
Stoffes, Umfang drei bis vier Seiten, zweizeilig, Times New Roman 12)
8. das Treatment (ein dramatisierter Handlungsablauf als Prosatext von
etwa 20 Seiten, ähnlich einer Kurzgeschichte)
9. das Bilder-Treatment (ein bereits dramatisch und szenisch
gegliederter Text, aber noch ohne Dialoge)
Wenn das Bilder-Treatment steht, beginnt das eigentliche Schreiben des
Drehbuches. Man sollte als Autor darauf vorbereitet sein, dass sich im
Laufe der Entwicklung eines Drehbuchs diese Texte ständig verändern,
bis man endlich die Schlussversion erreicht.
Das Maximum an Seiten für einen Spielfilm beträgt 110-120 Seiten.
Ausnahmen sind möglich. Besonders Autorenfilme, in denen der Autor
selbst Regie führt, sind oft länger.
Drehbuch ist Struktur
Die Hauptperson, Protagonist genannt, und ihr Gegenspieler, der
Antagonist, stehen fest. Das Genre ist gewählt. Das Thema steht
einigermaßen. Die Logline, jedenfalls ihre erste Version, ebenfalls.
Aber nun tauchen Fragen auf. Habe ich bei meiner Geschichte alles
richtig gemacht? Gehört dieser Handlungsteil wirklich in den ersten
Akt? Wie gestalte ich den zweiten Akt interessant genug, ohne dass der
Protagonist zum Stillstand kommt und die Konflikte verflachen? Wie
verknüpft man kunstvoll alle bislang ausgelegten Handlungsschnüre zu
einem zufriedenstellenden Höhepunkt am Ende des dritten Akts?
Jeder Drehbuchautor will seine Anfangs-Idee in einen fesselnden Film
verwandeln. Dazu benötigt er eine gute Struktur. In einem wirklich
guten Drehbuch sollte keine einzige Szene zu viel sein. Aber wie kommt
man zu einem derart "wasserdichten" Drehbuchtext? Viele Drehbuch-
Theoretiker haben sich zu dieser Frage Gedanken gemacht und
Strukturierungs-Methoden entwickelt, die echte Hilfen für jeden
Drehbuchautor darstellen.
Die 3-Akt-Struktur
Die Grundlage all dieser Methoden ist, so banal es klingt, Aristoteles
und seine 3-Akt-Struktur mit Anfang, Mitte und Ende. Die 3-Akt-
Struktur kann man für alle Genres verwenden. Auch der Drehbuchguru Syd
Field arbeitet bei seiner 3-Akt-Theorie mit der Poetik von
Aristoteles.
Die Dreiteilung der Akte mit Anfang, Mitte und Ende wird auch
Exposition, Konfrontation und Klimax (samt Auflösung) genannt. Wenn
man rein theoretisch von 120 Minuten Spielfilmlänge ausgeht (eine gut
formatierte Drehbuchseite entspricht ziemlich genau einer Minute
Film), so umfasst der erste Akt etwa 30, der zweite Akt 60 und der
dritte Akt 30 Seiten.
Syd Field setzt zwei entscheidende Wendepunkte jeweils ans Ende des
ersten und des zweiten Akts, die er "plot point 1" und "plot point 2"
nennt. Diese beiden Wendepunkte ändern die Handlungsrichtung und
katapultieren den Protagonisten in neue, eskalierende Konflikte. Am
Ende des dritten Akts erleben wir den Höhepunkt und die Auflösung, mit
der alle Konflikte gelöst sein müssen.
Wer Fields Drehbuchtheorie kennt, dem ist vielleicht auch der Begriff
"inciting incident" bekannt. Das ist der Auslöser für die Filmhandlung
und die Aufforderung für den Protagonisten, in den Konflikt
einzusteigen. Dieser Auslöser liegt in den ersten Minuten des ersten
Akts, katapultiert den Protagonisten aus seiner normalen Welt und
zwingt ihn, aktiv zu werden. Man kann sich ruhig einmal das Vergnügen
machen, mit einer Stoppuhr die Zeit zu messen, die diverse
Lieblingsfilme benötigen, um zu diesem "inciting incident" zu kommen.
In jede Filmgeschichte gehören auf alle Fälle Konfrontation und
Konflikt. Der Konflikt muss eskalieren, denn im Konflikt zeigen alle
Charaktere, wer sie wirklich sind, und außerdem ist der Zuschauer mit
spannungsreichem Erzählen an den Sitz genagelt.
Wunsch und Bedürfnis des Protagonisten
Eine nach Aristoteles klassisch angelegte Filmgeschichte erzählt von
Personen, die vor einer Wahl stehen, etwas wollen und deswegen mit
sich selbst und anderen Personen in Konflikt geraten. Im weiteren
Verlauf der Geschichte entdecken sie möglicherweise, dass das, was sie
ursprünglich wollten (der Wunsch), nicht mehr wichtig ist. Sie haben
vielleicht durch die Konflikterfahrungen herausgefunden, dass ihnen
etwas ganz anderes fehlt, was ihnen ein reicheres Leben schenkt und
aus ihnen einen besseren Menschen macht (das Bedürfnis).
Ein Beispiel: Bei "Thelma und Louise" ist Thelma eine brave und
unterwürfige Hausfrau, die unter ihrem gewalttätigen Ehemann leidet.
Ihre Freundin Louise hat ihre eigenen Probleme mit Männern. Beide
Frauen entfliehen einer sie einengenden Welt für ein Wochenende. Zum
Schutz nehmen sie eine Pistole mit. Die folgenden Ereignisse
katapultieren sie nicht nur in die Freiheit, sondern auch in viele
Abenteuer und Gefahren, die darin gipfeln, dass sie zu Outlaws werden,
zu Flüchtlingen vor der Polizei. Aber ihre innere Reise, ihre
Transformation, besteht darin, dass sie sich selbst finden und damit
ihr inneres Bedürfnis erfüllen. Als die Polizei sie verfolgt und
schließlich stellt, ist den beiden Frauen klar, wie unendlich wichtig
ihnen die neu gewonnene Freiheit ist. Sie rasen freiwillig mit ihrem
Auto über den Rand des Canyons hinaus in den Tod.
Die dramatische Zielfrage
Zu Beginn jedes Genre-Films entsteht im Kopf der Zuschauer eine
wichtige Frage, die die Haupthandlung anbelangt. Bei "Thelma und
Louise" fragt sich der Zuschauer beispielsweise: "Schafft Thelma es,
sich aus ihrer Lage zu befreien?" Dies nennt man die zentrale
dramatische Frage oder dramatische Zielfrage. Ihr folgen Unterfragen,
mit denen man den Film strukturiert. Sie führen logisch zum Ziel,
nämlich zur Beantwortung der dramatischen Zielfrage. Der Punkt der
Auflösung aller Handlungsstränge am Ende eines Drehbuches im dritten
Akt beantwortet diese dramatische Zielfrage. Zum Beispiel lautet sie
Bei "Erin Brockovich": "Schafft Erin es, einen Job zu behalten, um
ihre Kinder ernähren zu können?" Und diese kann am Ende des Films mit
"Ja" beantwortet werden, denn Erin wird belohnt und in die
Anwaltsfirma aufgenommen.
Eine solche Strukturierung nach Unterfragen stellt auch die Grundlage
der Sequenz-Methode dar. Mit ihr werden die einzelnen Drehbuchakte in
mehrere Sequenzen, zumeist acht, aufgeteilt und erweitern die Methode
der 3-Akt-Theorie. Genauer gesagt, wenn man bei der Aufteilung in drei
Akte von einer dramatischen Zielfrage und ihren drei logischen
Unterfragen ausgeht, so entsteht bei der Aufteilung in acht Sequenzen
eine dramatische Zielfrage mit acht Unterfragen. Etliche
Drehbuchautoren schwören darauf.
(In Teil 2 des Artikels wird die Strukturierungsmethode der
"Heldenreise" anhand eines Beispiels vorgestellt.)
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Die Drehbuchautorin Marie Amsler, die seit 2010 Drehbuchschreiben
online unterrichtet, studierte Literatur- und Filmwissenschaften in
Europa und den USA. Ihr erster Spielfilm, "Puppe", entstand mit
Corinna Harfouch als deutsch-schweizerische Koproduktion und kommt
2012 in die Kinos. Mehr zu ihren Kursen im Drehbuchschreiben unter
http://www.StoryScript.eu
*********************************************************************
SCHREIBKURS:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Spannung, Teil 1"
von Anna Kaleri
Von Drama und Film für die Prosa lernen
Für das Prosaschreiben macht es sich gut, in ein benachbartes Gebiet
der Literatur zu schwenken und zu sehen, was vom Drama für die Prosa
von Relevanz ist. Dramaturgie können wir für das Prosaschreiben gut
gebrauchen. Dieser Begriff aus der Theaterwelt (griech. "dramaturgein"
= ein Drama verfassen) bezeichnet das Handwerk / die Kunst, ein Stück
so zu komponieren und die Handlung (griech. "drama") so auf einen
Bogen zu spannen, dass der Inhalt verständlich, stringent und effektiv
gestaltet wird.
Jede Szene, jeder Dialog hat eine Funktion. Sie besteht darin, die
Handlung voranzutreiben oder Informationen über die Figur
beziehungsweise das Geschehen zu vermitteln. In den Raum gestellte
Andeutungen müssen eingelöst werden, das verlangte schon Anton
Tschechow: "Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand
die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben."
Aber man kann den Zuschauer natürlich absichtlich auf die falsche
Fährte führen. David Lynch lässt etwa seinen Film "The Straight Story"
so beginnen: Eine dicke Frau liegt im Liegestuhl, futtert Marshmallows
und hält sich einen Sonnenreflektor vor das Gesicht. Es herrscht eine
latent unheilvolle Stimmung. Vom nahen Nachbarhaus ertönt ein dumpfes
Geräusch. Wir erwarten alles Mögliche, einen Mord oder zumindest einen
Einblick in die Abgründe der amerikanischen Seele. Erzählt wird dann
allerdings eine für Lynch recht harmlose Geschichte. Das Unerhörte,
der Schuss, der Mord muss nach unseren Fernsehgewohnheiten in den
ersten fünf Minuten passieren, damit wir nicht umschalten. Vielleicht
wollte Lynch uns genau das unter die Nase reiben, aber es überwiegt
das Gefühl, veralbert worden zu sein, weil eine Erwartung angelegt und
nicht eingelöst wird.
Ökonomie des Erzählens
Wenn man den Film als zeitgenössischen Verwandten des Dramas
betrachtet, wird deutlich, was mit Ökonomie gemeint ist: Stellt man
beim Schneiden des Materials fest, dass eine Szene überflüssig ist,
fliegt sie normalerweise raus, und mit ihr fliegen Tausende von Euro,
die das Drehen gekostet hat, aus dem Fenster. Deswegen ist bestenfalls
das Drehbuch schon perfekt durchgearbeitet. Ganz so streng muss es in
der Prosa natürlich nicht zugehen. Es ja primär die erzählende
Gattung, die auf anschauliche Weise die Helden durch ihre Geschichte
führt. Zwar stammt Prosa von lateinisch "prorsus / prosa oratio" =
nach vorn gerichtete, schlichte Rede - sie darf aber schon mal
verweilen, wenn es so schön ist, oder Abzweige ausprobieren. Papier
ist bekanntlich geduldig, und wenn der Text oder der abendlich müde
Rezipient einen Hänger hat, schlägt er das Buch ein anderes Mal wieder
auf.
Apropos Hänger. Gern wird in der Prosa auch mit filmischen Begriffen
wie "Cliffhanger" geliebäugelt. Der Leser soll dann genauso bei der
Stange gehalten werden, wie der Zuschauer die Werbepause in Kauf
nimmt, weil er unbedingt wissen will, wie es weitergeht. "Suspense"
ist der Überbegriff für diese Art der Unterhaltung. "Suspense" könnte
man frei übersetzen mit "in Unsicherheit schweben" ("suspension
bridge" ist die Hängebrücke). Haben Sie schon einmal versucht, auf so
einem schwankenden Ding von einem Felsen zu einem anderem zu gelangen,
während hundert Meter unter Ihnen ein brodelnder Abgrund seinen Rachen
aufreißt? Ungefähr so ein Wagnis sollte auch der Held Ihrer Geschichte
eingehen. Er hat einen Ausgangspunkt A, das ist sein jetziger Stand im
Leben, seine Bedingtheiten und Wünsche. Und er hat ein Ziel B vor
Augen, für das er kämpft, weil es sich zu erreichen lohnt. Der Weg von
A nach B muss ihn an Grenzen bringen, ihn mit Feinden und Gefahren
konfrontieren. Bestenfalls sind das nicht nur äußere Anfechtungen,
sondern auch solche, die mit seinem Innersten zusammenhängen, mit
einer Kollision von Wünschen und Werten innerhalb seiner
Persönlichkeit.
Konfliktpotentiale
Das Mitfiebern mit einer Fígur wird durch die Empathie ermöglicht, die
der Leser für diese Figur aufbringt. Er fiebert umso mehr mit, je
größer die Gefahr ist beziehungsweise je aussichtsloser es ist, dass
der Held sein Ziel (doch noch) erreicht. Je mehr auf dem Spiel steht,
desto größer ist seine "Fallhöhe". Es muss nicht gleich wie auf einer
brüchigen Hängebrücke um Leben und Tod gehen, aber doch um eine sehr
große Herausforderung, die der Held meistern muss, um am Ende
gereifter da zu stehen und neue Anteile in eine gerundete
Persönlichkeit einzubringen (zum Beispiel eine tief sitzende Angst
überwunden zu haben).
Ein grundlegender Auslöser und Handlungsvorantreiber im Drama, von dem
wir in der Prosa viel lernen können, ist der Konflikt. Er wird am
Anfang eingeführt und über bestimmte Etappen verfolgt. Ein Konflikt
(lat. "conflictus" = Zusammenstoß, Kampf) ist eine "Kampfsituation
zwischen Partnern mit gegenteiligem Interesse" (Manfred Wekwerth).
Solch eine Interessenkollision kann als äußerer Konflikt zwischen
einzelnen Menschen, zwischen einzelnen Menschen und einer Partei oder
zwischen zwei Parteien stattfinden. So kommt es etwa zwischen den
Montagues und den Capulets zu Beleidigungen und blutigen Degenkämpfen
(Parteienkonflikt, obwohl der Anlass gar nicht mehr präsent ist),
Julia hat wegen ihrer Liebe als Einzelperson das Problem, sich
gegenüber ihrer Familie zu positionieren, die sie anderweitig vergeben
will.
Äußere und innere Konflikte
Äußere und innere Konflikte gehen meistens Hand in Hand. Der Jäger,
der auf Geheiß der Königin das junge Schneewittchen umbringen soll,
hat einen komplexen Konflikt, als er mit dem Hirschfänger vor
Schneewittchen steht und sie ihn anfleht, sie am Leben zu lassen. Der
Jäger steht in Abhängigkeit zur Königin, muss ihren Befehl ausführen
und ist doch ein mitfühlender Mensch. Mit welchem cleveren Schachzug
er die Situation (also ein Minidrama im ganzen Märchen) meistert, ist
ja bekannt.
Die meisten prototypischen Konflikte enthält neben Märchen vermutlich
die Bibel. Ein Vater wird auf die Probe gestellt, ob er Gott so sehr
liebt, dass er sogar seinen Sohn opfern würde. Ein Bruder tötet den
anderen. Ein Jünger verrät seinen Heiland. Was für eine Löwen-
beziehungsweise Fundgrube! Und auch in unserer Lebenswirklichkeit gibt
es Parteien, die auf das gleiche Land Anspruch erheben, Menschen, die
dieselbe Person lieben oder die die gemeinsam gemachte Beute für sich
allein haben wollen.
Richtig interessant wird es, wenn zu den äußerlich bedingten
Spannungen innere hinzukommen. Hinter den Handlungen, Gedanken und
Aussagen unserer Figuren stecken bestimmte Haltungen und Werte. Die
wichtigsten sollten wir als Autor umreißen können. Aus den
Motivationen ergeben sich die Konflikte, die die Handlung aus dem
Hintergrund antreiben. Bedingt durch den Charakter / die äußere
Formung treten bestimmte Eigenschaften wie Ängste und Wünsche auf, die
miteinander im Widerspruch stehen.
Motivation
Deswegen ist es wichtig, zu den Hauptfiguren ein Profil anzulegen und
wichtige Eckpunkte zu markieren. Gab es ein besonderes Erlebnis in der
Vergangenheit? Was prägt die Figur in ihrer Jetzt-Zeit? Was hat sie
für grundlegende und was für aktuelle Wünsche und Ziele? Dazu gehört,
dass die Figur mindestens zwei tendenziell positive und zwei
tendenziell gegenläufige Charaktereigenschaften hat. Zum Beispiel ist
eine Figur grundsätzlich auf Sicherheit bedacht, liebt ihre Familie
über alles, hat Verlustängste, die in der Kindheit angelegt sind, und
sie möchte ihren Individualismus ausleben. Eines Tages bekommt sie
dazu die Chance ...
Liebe und Geld zu erlangen sind menschliche Grundmotivationen. Sie
formen Stoffe, aus denen Hollywood-Filme wie "Ein unmoralisches
Angebot" gemacht werden. Sie funktionieren, als Film, immer wieder.
Von diesen Mustern können wir lernen. Für eine Erzählung oder einen
Roman müssten die Figuren ein paar mehr Fassetten abbekommen, um
wirklich eine innere Entwicklung zu ermöglichen und zu beweisen, dass
sie von innen heraus "Helden" sind.
(In Teil 2 dieses Beitrags geht es unter anderem um Suspense und
Spannungsbögen.)
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Anna Kaleri hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Sie
hat zwei Bücher veröffentlicht, im Herbst 2012 erscheint ihr neuer
Roman. Sie arbeitet als freie Journalistin und leitet seit 2008 die
Prosawerkstatt Leipzig, die eine fortlaufende Werkstatt beinhaltet
sowie sechs Intensivkurse im Jahr zu den handwerklichen
Grundbausteinen der Prosa.
www.prosawerkstatt.de
*********************************************************************
SPANNUNG, DER UNTERLEIB DER LITERATUR:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
Was macht Romane spannend, und vor allem: Was macht sie langweilig?
Wer Szenen hat, die sie oder er für spannend hält, oder Szenen, bei
denen er sich nicht sicher ist, oder solche, die eigentlich spannender
gestaltet sein sollten, doch die Frage ist: Wie? - wer solche Szenen
hat, kann sie mir schicken.
Ich wähle dann einige aus, die ich im Tempest bespreche. Schickt die
Szenen als E-Mail-Anhang im RTF-Format an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Bitte nicht mehr als 7.000 Anschläge, also etwa vier Normseiten. Dazu
zählt auch der Vorspann! Da die Szenen aus beliebigen Stellen eurer
Manuskripte stammen dürfen, müsst ihr eventuell die Vorgeschichte der
Szene erklären. Diese Erklärung sollte 400 Anschläge nicht
überschreiten!
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
"Comeback"
Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Vorgeschichte:
Ein talentierter 20-jährige Musiker ist den Drogen verfallen, hat aber
einen Entzug überstanden und hat nun einen Auftritt in einer Kneipe.
Hauptstory:
Der Auftritt stand kurz bevor und Kevin verspürte die nötige Aufregung
für einen guten Gig und er verspürte auch den Drang, diese Aufregung
zu betäuben. Nein, es würde auch ohne Drogen gut werden, er war sich
ganz sicher.
Unweigerlich drängten sich die die Erinnerungen an seine erste Show in
sein Gedächtnis. Die dicke, verbrauchte Luft, das warme
Scheinwerferlicht und eine viel zu kleine, enge Bühne mit fast
direktem Kontakt zu den circa 70 Zuschauern. Schweiß troff Kevins Kopf
herunter und seine schwitzigen Finger duldeten keine Verspieler. Dazu
sein Gesang, der, wie er fand, viel zu schwach klang. Doch das
Publikum ließ sich mitreißen von dem Gespielten. Jedes Gitarrensolo
brachte die Fans zum Beben. Das intensive, egopuschende Hochgefühl,
das alles andere ausblendet und jedes Problem kurzzeitig vergessen
ließ. Dafür stand er im Rampenlicht.
Viertel vor zehn. Kevin betrat die Kneipe und genoss den herben,
alkoholastigen Geruch in der Luft sowie die softe Rockmusik, die
mitschwang. Der Pub war gut besucht wie ein Imbissstand bei Mittag und
die meisten Gäste waren Männer oder Pärchen, die Bier tranken. Aber es
mischten sich bereits Jugendliche unter sie. Das Rauchverbot gilt
anscheinend nicht für diese Kneipe, ging es Kevin durch den Kopf und
trat durch eine blaue Dunstwolke an die Bar.
Sofort entdeckte ihn Andi, der sichtlich nervös wirkte. "Da bist du ja
endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr."
"Wieso? Ich bin doch zu früh." Kevin dachte daran, wie Marla ihn
gedrängt hatte, endlich zu seinem Auftritt zu gehen. Das passte gar
nicht zu ihr.
"Ja, richtig. Ich bin ein wenig nervös. Außerdem habe ich eine
Änderung. Komm mit." Der Kneipenbesitzer wirbelte herum und verschwand
in den Vorratsraum.
Kevin verkniff sich einen Kommentar. Eine Änderung kurz vor dem Gig?
Warum stresste Andi sich so? Der Exjunkie war schließlich derjenige,
für den alles auf dem Spiel stand. Er benötigte das Geld dringend.
"Ich glaube, das wird heute nichts. Ich habe ein ganz schlechtes
Gefühl.", fing Andi an. "Mein Magen grummelt auch schon die ganze Zeit
wie ein ... Ach mir fällt nichts ein."
"Was?" Kevin schaffte es nicht, einen klaren Gedanken fassen. Der
Kneipenbesitzer verbreitete Unruhe wie ein Kranker Bakterien. Es war
doch nur ein Gig, hämmerte sich der Gitarrist ein. Mir kann nichts
passieren. Ich beherrsche die Songs und der Text liegt zur Not in
meiner Sichtweite.
"Ich weiß nicht. Hab irgendwie schon schlecht geträumt. Hängt viel
dran an der Sache mit der Livemusik", antwortete der Kneipenbesitzer
und starrte abgelenkt eine halbvolle Kiste Bier an. "Also zu der
Musik: Die Zeiteinteilung kennst du noch?"
"Ja", antwortete der Exjunkie und zündete sich eine Zigarette an.
"Was ist mit ∑ hier darfst du nicht rauchen!"
"Machen alle anderen doch auch ∑"
"Ja ∑ egal jetzt." Andi fummelte an der Gitarrentasche herum. "Was
habe ich gerade nochmal gesagt?"
"Hier darfst du nicht rauchen."
"Nein, das andere."
"Die Zeiteinteilung?"
"Ja, genau ∑ kennst du sie?", hakte der Kneipenbesitzer nach.
"Einmal um viertel vor 11 und dann zu jeder weiteren vollen Stunde bis
4 Uhr morgens. Mal ne dreiviertel Stunde, mal ne halbe Stunde
spielen."
"Sehr gut. Zieh einfach alles vor, du fängst jetzt gleich um 10 an und
das Geld kriegst du dann morgen." Andi reichte ihm die Gitarre und
fischte aus seiner eigenen Tasche eine Packung Nikotinkaugummis.
"Moment. Wieso kriege ich mein Geld erst morgen?"
"Die Bar schließt um fünf Uhr. Danach wird erst die Abrechnung
gemacht. Du kannst natürlich auch so lange warten ∑" Der
Kneipenbesitzer drückte zwei Kaugummis aus der Plastikverkleidung
heraus und fügte irgendwie schuldbewusst hinzu: "Bin seit drei Monaten
Nichtraucher. Dafür fresse ich die Teile jetzt wie Gummibärchen."
Junkie. Junkie! JUNKIE!
"Aha. Ich kann nicht sofort anfangen. So funktioniert das nicht."
"Was? Warum funktioniert es nicht?"
"Wann soll ich mich denn bitte warmspielen? Noch nie was von einem
Soundcheck gehört?"
Andi entschied sich prompt für einen dritten Kaugummi. "Aber am Montag
hast du auch einfach so gespielt!"
"Da hatte ich aber schon eine Stunde vorher eine Gitarre in der Hand
gehabt!" Kevin war gewiss kein Profi, aber dieser Typ verhielt sich
wie ein blutiger Anfänger.
"Dann spiel dich doch jetzt eben warm."
"Das ist zu wenig Zeit! Aber okay ∑ ich schaffe das schon irgendwie."
Kevin schnappte sich das Instrument und stapfte Richtung Podium.
"Ach ja, trinken kannst du natürlich so viel du willst. Geht alles
aufs Haus! Viel Glück!"
Die Gitarre lag in seiner Hand wie ein passender Handschuh. Was für
ein Glück, wenigstens das Equipment gestellt zu kriegen. Aber was,
wenn eine Saite riss? Oder die Mikrophonbatterien den Geist aufgaben?
Hatte der Kneipenbesitzer daran gedacht? Solche Kleinigkeiten
zerstörten den gesamten Auftritt! So ein nervöser Schwachkopf! Der
Exjunkie wusste nicht recht, ob er Andi oder sich selbst meinte.
Er stöpselte das Soundkabel in das Effektgerät. Dabei stierte er auf
den Alkohol hinter der Bar. Spirituosenflaschen türmten sich wie
Trophäen im Regal hinter der Theke und das Guinness vom Fass sprudelte
aus dem Zapfhahn in ein Glas. Es bildete sich eine perfekte
Schaumkrone, die knapp über den Gläserrand lugte.
Kevin leckte sich über die Lippen, was würde er für so ein kühles Bier
geben ∑ Er würde nur eins trinken gegen den trockenen Hals. Er hatte
noch nie total nüchtern gespielt. Nur ein einziges und danach einfach
aufhören.
Nein, du bist hier nur zum Spielen, meldete sich eine Stimme im Kopf.
Zieh einmal in deinem Leben etwas richtig durch.
Was ist schon ein Bier?
Eins zu viel.
Er wandte sich von der Bar ab. Die Einstellungen der Geräte waren
wegen des schummrigen Lichts schwer zu erkennen. Kevin konnte die
Schalterbezeichnungen nicht gut lesen und drehte nach Gefühl herum.
Wie bei Soundchecks auf Konzerten murmelte er stumpfsinnige Sätze ins
Mikro, die erst gar nicht, dann zu laut und schließlich in der
richtigen Stärke ertönten. Die Gäste schauten verdrießlich über den
Lärm in seine Richtung. Andi dagegen zappelte hinter dem Tresen wie
ein Fisch an Land.
Kevin jedoch blieb ruhig, steckte sich noch eine Zigarette an und
stimmte das Instrument.
Hätte er seine Auftritte mitgezählt, wäre er bestimmt schon bei über
sechzig angekommen, und wie oft ist alles schiefgelaufen und war
trotzdem ein Erfolg? Jedenfalls oft genug.
Zu dem Gitarrensound mischte er noch einige Effekte. Dadurch erzielte
er einen intensiveren Sound und eine gute Show. Darauf kam es
schließlich an.
Der Musiker setzte sich auf seinen Hocker, rückte das Mikro vor seinen
Mund und schaute durch den Pub. Er fing alle Blicke auf wie ein
Zirkusclown in der Manege. In jedem Gesicht las Kevin eine leichte
Spur von Erwartung, die es jetzt galt zu befriedigen.
Er drückte seinen Glimmstängel aus und raunte: "Hallo, ich bin Broke
und ich werde heute für euch spielen." Broke gehörte zu seiner Show
wie das Amen in der Kirche. Kevin hätte keinen anderen Namen sagen
können.
Nach holprigen Startakkorden und quiekender Stimme dauerte es nicht
lange, da füllte ein nahezu perfekter Klang den Raum aus wie ein
wunderschöner Engel, der mit seinem Licht jede Dunkelheit vertrieb.
Kevins Gedanken waren frei und gelöst. Alles um ihn herum verlor an
Wert und die Fähigkeiten an der Gitarre und das teure Equipment
erzeugten Töne, die den Gästen ins Ohr stiegen und dort mit
Wohlgefallen blieben. Die vorher so reservierte Atmosphäre zersprang
wie Eis und die Leute fingen an, sich richtig zu entspannen, ihren
Feierabend zu genießen, noch einen Drink zu bestellen und ihre
Hemmungen wie einen Mantel abzulegen. Ein Mann lachte übertrieben laut
auf und erntete belustigte Blicke vom Nachbartisch. Kevin bemerkte,
wie der Zauber der Musik die Bar umhüllte und jeder wenigstens für
Bruchteile alle Sorgen vergaß. Auch der Exjunkie.
Musik erzeugte die verschiedensten Emotionen, Träume und Sehnsüchte.
Kevin formte das Geschehen im Pub so leicht wie warmes Wachs. Der
Grund dafür lag auf der Hand. Es war das erste Mal seit langem, dass
Kevin Weber nüchtern und clean eine Show ablieferte.
Gefühlte fünf Minuten später hörte er auch schon wieder auf, bedankte
sich und verließ das Podium. Ein lang anhaltender Applaus ging durch
die Kneipe und einige pfiffen sogar kurz und laut auf. Andi grinste
dem Gitarristen entgegen und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
"Das war perfekt! Ich wusste, ich kann auf dich zählen. Kein Einziger
hat die Bar verlassen. Niemand. Eher im Gegenteil!" Absurderweise
wirkte Andi wie Dagobert Duck mit großen Dollarzeichen in den Augen.
Den Gitarristen überfiel eine nachhaltende Euphorie, die ihn wie
warmer Regen angenehm reinwusch. Er brauchte nicht mal eine Zigarette.
Mit einer Cola und der Gitarre setzte er sich ins Hinterzimmer. So
fühlt sich also Zufriedenheit an, dachte der Exjunkie. Trotzdem stand
ihm noch eine lange Nacht bevor.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Lektorat von Hans Peter Roentgen
Ein Exjunkie will wieder spielen, es ist sein erster Auftritt. Der
Kneipenbesitzer nervt, hat keine Ahnung, aber der Auftritt gelingt.
Keine Szene, die durch Action Spannung erzeugen könnte (es sei denn,
die Gäste veranstalten wegen der Musik eine Schlägerei). Dennoch gibt
es Spannungsmomente. Immerhin ist es der erste Auftritt, seitdem der
Musiker clean ist. Überhaupt der erste Auftritt seit langem nüchtern
und clean.
Ist die Szene spannend? Was meinen Sie? Und vor allem: Eelche Teile
der Szene sind spannend?
Für mich ist es vor allem das Gespräch mit dem Kneipenbesitzer. Dort
atmet die Szene, dort glaube ich dem Autor, der nervös-kaputte
Kneipenbesitzer steht mir vor dem Auge und der Musiker, der merkt,
dass sein Gegenüber zwar eine Musikkneipe betreibt, aber
offensichtlich keine Ahnung hat. Dieser Konflikt fesselt den Leser.
Rückblenden spannungssteigernd einsetzen
Aber wie sieht es mit dem Rest aus? Die Szene beginnt mit einem
Rückblick auf den ersten Auftritt. Doch dieser Rückblick klingt nicht
sehr aufregend. Weil der Musiker zwar ein wenig aufgeregt ist, auch
ein bisschen Selbstzweifel hat, doch sehr groß sind die nicht. Alles
geht glatt. Warum dann die Rückblende? Brauchen wir hier überhaupt
die Rückblende, die zur Spannung und Atmosphäre so gar nichts
beiträgt? Meiner Meinung nach kann man sie streichen.
Vielleicht gäbe es auch eine andere Möglichkeit? Denn an was würde ein
Musiker sich vor seinem ersten cleanen Auftritt erinnern? An den
ersten Auftritt, der glatt über die Bühne ging? Oder an seinen Abstieg
als Junkie, der vermutlich auch mit immer schlechteren Auftritten Hand
in Hand ging? An seinen letzten Auftritt, den er völlig stoned in den
Sand gesetzt hat?
Wenn hier eine Rückblende angesagt ist, dann eher eine aus seinem
Abstieg. Was befürchtet jemand, der zum ersten Mal wieder auftritt?
Klar, dass es wieder schief geht. Dass sein Talent durch die Drogen
verschwunden ist, dass er das Publikum nicht mehr fesseln kann. Doch
unser Musiker hat da keine Zweifel.
..........
"Hätte er seine Auftritte mitgezählt, wäre er bestimmt schon bei über
sechzig angekommen, und wie oft ist alles schiefgelaufen und war
trotzdem ein Erfolg? Jedenfalls oft genug."
..........
Womit dem Leser verraten wird, dass er nichts zu befürchten hat, weil
alles gut gehen wird wie immer. Nicht sehr spannend und auch nicht
sehr glaubwürdig. Denn welcher Ex-Junkie dürfte sich seiner selbst so
gewiss sein?
Zeigen statt behaupten
Dann kommt der Auftritt. Und während der Dialog mit dem
Kneipenbesitzer lebt, während dort die Personen und ihre Konflikte
gezeigt werden, statt dass der Autor sie behauptet, wird beim Auftritt
nur noch behauptet. Wir erleben nicht, wie der Musiker seine Zuhörer
in Bann schlägt, der Autor sagt es uns.
..........
"Musik erzeugte die verschiedensten Emotionen, Träume und Sehnsüchte.
Kevin formte das Geschehen im Pub so leicht wie warmes Wachs. Der
Grund dafür lag auf der Hand. Es war das erste Mal seit langem, dass
Kevin Weber nüchtern und clean eine Show ablieferte. "
..........
Leider erzeugen solche Behauptungen keine Emotionen, keine Träume und
schon gar keine Sehnsüchte. Wie formt man ein Geschehen im Pub? Davon
zeigt uns der Text gar nichts. Wir erfahren nicht mal, welche Musik
der Musiker spielt. Stimmt er die Zuhörer mit Blues melancholisch?
Heizt er ihnen mit Rock‚n‚Roll ein? Spielt er gängige Hits? Rappt er?
Nach dem Text könnte er sogar Mozart spielen.
Hier wäre mehr Atmosphäre nötig. Ich bin kein Musiker, tue mich
deshalb schwer, eine solche Szene zu formulieren, aber ich versuch‚s
mal:
..........
"Langsam stimmte er 'Whisky and women' an, der Blues rann durch seine
Finger, er wusste, er musste die Musik fließen lassen, Blues kann man
nicht mit dem Kopf spielen, aber sein Kopf wollte nicht schweigen.
Prompt verlor er die Zuhörer, die Gespräche im Raum wurden lauter, er
reagierte wütend, spielte "Roll over Beethoven", legte seine ganze Wut
hinein, es war ihm jetzt egal, was die Zuhörer davon hielten, er
wollte ihnen die Gespräche niederspielen. Die Gespräche verstummten.
Aber nicht wegen der Lautstärke. Die beiden Männer direkt vor ihm am
Tisch schauten sich nicht mehr gegenseitig an, sondern auf die Bühne.
"We are marching for freedom" brachte einige dazu, mitzuklatschen.
Der Wirt trug frisch gezapftes Guiness durch den Raum. Ein Bier, ein
Königreich für ein Bier, nur eins, er könnte es neben sich auf die
Bühne stellen, er müsste nur winken. Good bye, Mary Lou, er müsste nur
winken."
..........
Sie werden feststellen, dass meine Musikkenntnisse ein reifes Alter
haben. Aber versuchen Sie mal, das Ganze mit Musik, die Sie selbst
schätzen, zu schreiben: Wie fühlt man sich auf der Bühne, wie
beeinflusst Musik die Stimmung, wie kann man das zeigen, statt zu
behaupten: "Die Musik formte die Zuhörer"?
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist "Herr Mozart wacht auf" von Eva
Baronsky, das ich nicht nur Musikliebhabern empfehlen möchte. Die
Autorin versteht es meisterhaft, ihren Mozart (von dem wir nicht mal
sicher wissen, ob es wirklich Mozart ist) zu zeigen und die Wirkung,
die seine Musik hat.
Die Personenbezeichnungen
Noch eine Nachbemerkung zu den Namen. Kevin wird immer wieder auch als
"Ex-Junkie" im Text bezeichnet, anstatt den Namen zu nennen. Autoren
sollten vorsichtig mit unterschiedlichen Bezeichnungen für Ihre
Charaktere agieren. Am besten ist es, bei einer zu bleiben, um den
Leser nicht zu verwirren. Wenn ein Spitzname gewählt wird, sollte der
erstens einprägsam sein und zweitens im Falle des Protagonisten nicht
abwertend. "Ex-Junkie" klingt abwertend, der Leser stutzt und braucht
Zeit, um zu folgern: Ach ja, damit ist Kevin gemeint.
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Hans Peter Roentgen ist Autor der Bücher "Vier Seiten für ein
Halleluja" über Romananfänge und "Drei Seiten für ein Exposé".
Außerdem hält er Schreibkurse und lektoriert.
*********************************************************************
BUCHBESPRECHUNG:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Bessere! Romane! Schreiben!" von Stephan Waldscheidt
besprochen von Gabi Neumayer
Wie viele Tempest-LeserInnen, die seinen Honeyball Lektor aus vielen
Ausgaben kennen und lieben, bin auch ich ein Fan von Stephan
Waldscheidt. Von seinen Satiren, von seinem ersten Roman (als Paul
Mesa), "Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit", und von seinen klugen,
nützlichen und ebenso mitreißend wie amüsant geschriebenen Artikeln
übers Schreiben.
56 überarbeitete und erweiterte Artikel aus seinem Blog
http://schriftzeit.de hat er nun in seinem ersten E-Book
zusammengefasst. Mehr als 250.000 Zeichen (etwa 150 Buchseiten wären
das) voller guter, anschaulicher Schreibtipps, von denen man manche
nirgendwo anders findet. Aber auch, wenn Waldscheidt sich auf
bekanntem Terrain bewegt, erhöht er die Nützlichkeit der Tipps durch
besonders treffende Beispiele oder einen besonderen Blickwinkel. Eine
kleine Auswahl der Themen:
- warum es hilfreich ist, sich von seinen Romanfiguren ärgern zu
lassen
- warum Prologe die Pest sind - und wann und wie man sie trotzdem
einsetzen kann
- wann Zufälle helfen und wann man sie auf keinen Fall bemühen sollte
- wie schamlose Übertreibungen eine Geschichte mitreißend machen
können
- welchen Schaden Klischees anrichten und was man stattdessen tun kann
- wie man den Wald trotz der vielen Bäume wieder sieht (bzw. den Roman
trotz seiner vielen komplexen Elemente: Plot, Charaktere, Symbolik und
und und ...)
- wie man den richtigen Anfang findet - und welche man lieber links
liegen lässt
- wie man interessante Nebenfiguren erschafft
- was Romanfiguren antreibt
- wie man eine erste Fassung schreibt - und wie man lustvoll
überarbeitet
Dumm nur, dass Waldscheidt so gut, so witzig, so begeisternd schreibt,
dass man das E-Book wie einen guten Roman viel zu schnell
durchschmökert anstatt die Tipps erst mal tagelang abzuwägen und dann
im aktuellen Schreib-Werk umzusetzen. Tja, damit muss man als LeserIn
dieses Buches eben genauso fertig werden wie mit Schreibblockaden,
bockigen Charakteren und abstürzenden Computern. Ein Trost:
Waldscheidts Buch macht viel mehr Spaß. Und bessere AutorInnen aus
uns.
Stephan Waldscheidt: "Bessere! Romane! Schreiben!", schriftzeit.de e-
book Nr. 1, 2,99 Euro, erhältlich bei Amazon
*********************************************************************
INTERVIEW:
---------------------------------------------------------------------
(redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Ich liebe es, die Geschichte wachsen zu sehen"
Interview mit Jutta Wilke
Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Liebe Jutta Wilke, im Januar ist Ihr
aktueller Jugendbuch-Thriller "Wie ein Flügelschlag" im Coppenrath
Verlag erschienen: Für die talentierte sechzehnjährige Schwimmerin
Jana geht ein Traum in Erfüllung, als sie ein Sport-Stipendium erhält.
Der Traum verwandelt sich jedoch rasch in einen Alptraum, als Jana
ihre Freundin Melanie tot im Schwimmbecken findet. Angeblich
Herzversagen, doch Jana ahnt, dass mehr dahinter steckt. Als sie mit
ihren Nachforschungen beginnt, stößt sie auf eine Mauer des
Schweigens. Doch dann kommen Jana und Melanies Bruder Mika einer
furchtbaren Wahrheit auf die Spur.
Eine packende Geschichte. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem
Spannungsroman? Wieso gerade das Umfeld des Schwimmens?
Jutta Wilke: Ich habe als Jugendliche und auch noch als Studentin
selbst Leistungssport betrieben. Nicht in einem Sportinternat, und ich
war auch bei weitem nicht so talentiert wie Jana aus meinem Roman,
aber ich habe eben doch fünf- bis sechsmal pro Woche trainiert. Als
Jugendliche Leichtathletik, als junge Erwachsene Triathlon. Ich weiß
also recht gut, wie es ist, wenn sich alles andere im Leben dem Sport
unterordnen muss.
Auf die Idee zu dem Roman bin ich gekommen, als einer meiner besten
Freunde 2008 bei einem Radrennen plötzlich stehen blieb und dann auf
der Stelle an Herzversagen starb. Das hat mich sehr mitgenommen, und
ich habe mich dadurch viel mit der Frage beschäftigt: Warum streben
manche Menschen so sehr nach sportlichen Höchstleistungen? Was gibt
ihnen das? Was treibt sie an? So habe ich in meinem Roman mit Jana und
Melanie auch zwei Sportlerinnen gewählt, die aus ganz
unterschiedlichem Antrieb heraus zu den Besten ihres Sports geworden
sind.
Den Schwimmsport habe ich gewählt, weil eins meiner fünf Kinder ein
sehr talentierter Schwimmer ist, selbst Leistungssport betreibt und
ich ja auch durch das Triathlontraining ein bisschen was davon
verstehe. Außerdem eignete sich das Schwimmen natürlich sehr gut für
das Bild des "Freischwimmens" von Problemen oder Ängsten.
RRB/TRB: Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen? Sind Sie mehr eine
intuitive Autorin, oder planen Sie jedes Detail im Voraus?
JW: Ich plane sehr gründlich im Voraus. Das heißt, ich entwickele erst
einen kompletten Plot über 20-30 Seiten, habe meine Kapiteleinteilung
stehen und Biographien für alle wichtigen Personen im Buch, bevor ich
überhaupt die erste Zeile schreibe. Ich liebe es zu plotten, die
Geschichte wachsen zu sehen, eine neue Welt entstehen zu lassen,
verschiedene Charaktere ins Rennen zu schicken. Das eigentliche
Schreiben empfinde ich dann aber als mindestens genauso schön. Da ich
ja genau weiß, was wann wo passieren soll, kann ich mich beim
Schreiben ganz auf die Sprache konzentrieren, die mir auch sehr
wichtig ist.
RRB/TRB: Wie sah Ihre Recherchearbeit für "Wie ein Flügelschlag" aus?
JW: Für die Szenen zum Schwimmtraining habe ich nicht allzu viel
Recherche gebraucht, ich höre ja täglich am Familientisch, wie ein
Training so abläuft, auf was es ankommt und so. Ein paar Einzelheiten,
wie man z. B. eine exakte Rollwende trainiert, habe ich dann bei den
Trainern meines Sohnes nachgefragt.
Kniffliger war das Doping-Thema. Hier habe ich einen sehr
hilfsbereiten Mediziner der Suchtmedizin via XING ausfindig gemacht,
der mir wochenlang in regem Mailkontakt jede noch so dämliche Frage
beantwortet hat. Ich hoffe jetzt, dass ich die medizinische Seite auch
einigermaßen korrekt wiedergegeben habe.
RRB/TRB: Wie umfangreich war die Zusammenarbeit mit dem Lektorat des
Coppenrath Verlags?
JW: Die Zusammenarbeit mit meiner Lektorin Jutta Knollmann bei
Coppenrath ist immer wieder wunderbar. In meinen Text hat sie quasi
überhaupt nicht eingegriffen. Und wenn die Lektorin nach dem ersten
Durchlesen mailt, sie habe eine Gänsehaut, dann weiß ich, der Text
funktioniert. Natürlich hat sie mir noch geholfen, ein paar
Ungereimtheiten zu beseitigen und auch jede Menge Schreibfehler und
Wortwiederholungen gefunden. Aber das sind alles Dinge, für die ich
jedes Mal sehr dankbar bin.
RRB/TRB: Hatten Sie Einfluss auf die Titelwahl, die Wahl des
Buchcovers oder den Klappentext?
JW: Wir haben jede Menge Titel gemeinsam durchprobiert, die
Flügelschlag-Idee kam von meiner Lektorin, und ich war sofort
begeistert. Auch die Coverentwürfe habe ich alle gesehen, und auch
hier waren wir uns sofort einig, welches uns am besten gefällt. Den
Klappentext habe ich eigentlich nur noch abgesegnet, aber hier achte
ich auch nur darauf, dass er keinen Spoiler enthält, und das war nicht
der Fall.
RRB/TRB: Wie lange haben Sie an "Wie ein Flügelschlag" gearbeitet?
JW: Die erste Idee hatte ich, wie gesagt, 2008. Dann lag das Ganze
lange in der Schublade. In einem Schreibseminar bei Rainer Wekwerth
habe ich dann mal angefangen, einen Plot zu entwickeln. Tatsächlich
geschrieben habe ich den Roman dann in drei Monaten im Sommer 2011.
RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Schreiben? Gab es Vorbilder oder ein
bestimmtes Schlüsselerlebnis?
JW: Wie so viele Autoren habe ich eigentlich schon immer irgendetwas
geschrieben. Tagebuch, Gedichte, Schülerzeitung, die ganze Palette. Da
ich eine Großfamilie habe, wurde ich irgendwann von der Zeitschrift
"Eltern" gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, hierüber zu bloggen,
was ich dann ein paar Jahre getan habe. Dieses Blog wurde später von
der "Brigitte-Woman" fortgesetzt, und da habe ich langsam gemerkt, das
Schreiben und auch Geschichtenerzählen ist eigentlich das, was ich
schon immer am liebsten mache und gerne auch in Zukunft weiter machen
möchte.
Ich habe dann sehr konsequent meinen Beruf an den Nagel gehängt und
mich um Auftragsarbeiten bemüht. So entstanden viele hundert kleine
Geschichten für Lingoli (Gute-Nacht-Geschichten und
Adventskalendergeschichten). Damit ich wirklich Zeit zum Schreiben
hatte, habe ich drei Jahre lang morgens zwischen 4 und 6 Uhr unsere
Tageszeitung ausgetragen. Das haben viele nicht verstanden. Aber so
konnte ich meine Familie weiter finanziell unterstützen und trotzdem
jeden Vormittag, wenn die Kinder aus dem Haus waren, am Schreibtisch
sitzen. Hier ist dann neben den vielen Kurzgeschichten mein erster
Roman "Holundermond" entstanden.
RRB/TRB: Sie haben viele Jahre als Rechtsanwältin gearbeitet. Wirkt
sich Ihre juristische Ausbildung auf Ihr Schreiben aus?
JW: Die Juristerei inhaltlich eigentlich kaum. Was sich aber sicher
auswirkt, ist, dass wir Juristen ständig mit Fristen arbeiten müssen.
Seitenlang Schriftsätze fristgerecht fertig zu haben, nichts
aufschieben zu können, oft mehrere wichtige Fälle, die inhaltlich
völlig unterschiedlich sind, gleichzeitig bearbeiten zu müssen, das
alles wirkt sich schon sehr positiv auf mein Schreiben aus.
Und natürlich merke ich jetzt auch, dass es mir sehr hilft, dass ich
als Anwältin gelernt habe, mich in der Öffentlichkeit zu bewegen, mit
vielen verschiedenen Menschen zu arbeiten. Lesungen machen mir daher
unglaublich viel Spaß und ich habe fast gar kein Lampenfieber.
Noch etwas habe ich aus meinem Beruf mitgebracht: Da mein Vater
Rechtsanwalt und Notar war, bin ich von Kind auf in diese Kanzlei
hineingewachsen. Ich habe angefangen als "Kaffeepraktikantin",
jahrelang als Schreibkraft für ihn gearbeitet, Fotokopierarbeiten
übernommen, Botendienste ∑ bis hin eben zur Rechtsanwältin. D. h., ich
konnte im Grunde von den Tätigkeiten her die Kanzlei alleine führen.
Das hat mich gelehrt, dass für ein gutes Produkt immer ganz viele
Menschen an einem Strang ziehen müssen. Deshalb ist mir heute der
Kontakt zu ALLEN Verlagsmitarbeitern so wichtig. Ich möchte nicht nur
meine Lektorin kennen, sondern auch meine Vertriebler, meine
Presseleute, die Vertreter und selbst die Praktikantin, die nur meine
Verträge kopiert. Erst dann habe ich das Gefühl, das Buch wird eine
runde Sache.
RRB/TRB: Wie sieht Ihr Alltag als Autorin aus? Ihr Arbeitsplatz? Gibt
es Schreibrituale?
JW: Ich fange an zu arbeiten, sowie alle Kinder aus dem Haus sind. Das
ist spätestens ab halb acht am Morgen der Fall. Dann arbeite ich bis
zum Mittagessen, ab da gehört die Zeit meinen Kindern und auch (zu
wenig) dem Haushalt. Vor Abgabeterminen oder wenn es gerade sehr gut
läuft, schreibe ich dann auch nachts oder am Wochenende. Ich schreibe
meistens mitten im Haus, am Küchentisch. Ich brauche dieses Gefühl,
"mittendrin" zu sein. Und Rituale? Literweise Kaffee und bergeweise
Gummibärchen :-)
RRB/TRB: Sie werden von der "Literaturagentur Michaela Hanauer"
vertreten. Wie sieht die Zusammenarbeit mit Ihrer Literaturagentin
aus?
JW: Wir arbeiten ganz wunderbar Hand in Hand. Sie geht mit meinen
Ideen auf die Messen, stellt mich bei Verlagen vor und kommt mit dem
einen oder anderen Vertrag zurück. Da ich selbst auch sehr
kontaktfreudig bin und viele gute Verlagskontakte habe, kann es auch
mal passieren, dass ich selbst ein Angebot oder eine Anfrage erhalte.
Dann gebe ich das an meine Agentin weiter und sage: "Machen Sie mal."
So bleibe ich von dem ganzen Papierkram herrlich unbelastet und fühle
mich wirklich wunderbar vertreten. Da wir beide ehemalige Juristinnen
sind, wissen wir im Grunde beide, auf was es ankommt. Aber ich bin so
froh, wenn ich mich darum nicht mehr kümmern muss, und Michaela
Hanauer erreicht immer wieder Dinge, die ich so nicht hinbekommen
hätte. Außerdem kümmert sie sich auch menschlich sehr rührend um mich,
d.,h., sie interessiert sich auch für meine persönlichen Probleme und
baut mich immer wieder auf, wenn ich mal ganz unten bin, oder macht
mir auch Mut, mal kürzer zu treten oder mehr auf mich zu schauen.
RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Autorin aus?
JW: Puh ∑ was für eine Frage. Ich lese ja auch selbst sehr viel. Und
für mich ist ein Autor dann gut, wenn er es für eine Weile schafft,
dass ich die Welt um mich herum vergesse. Wenn ich dann nach der
letzten Seite gleichzeitig noch das Gefühl habe, mein Leben ist um
eine Welt reicher geworden, ist es perfekt.
Für mich wäre das ein Ziel, so zu schreiben, dass mir das mit meinen
Lesern gelingt. Aber dazu muss ich noch sehr, sehr viel lernen.
RRB/TRB: Gibt es irgendein Genre, das Sie als Autorin neben den Genres
"Liebesroman" und "Spannungsroman" noch reizen würde?
JW: "Holundermond" ist ein richtiger Abenteuerroman für Kinder mit
einem Hauch Fantasy. Der Verlag bezeichnet ihn als Dan Brown für
Kinder. Ohne dass ich mich mit dem berühmten Kollegen messen wollte,
trifft es das vom Inhalt her sehr gut.
"Wie ein Flügelschlag" ist eher ein Jugendkrimi. Dann gibt es
demnächst noch (aus dem Sauerländer-Verlag) ein richtiges Kinderbuch
von mir: "Florentine oder Wie man ein Schwein in den Fahrstuhl kriegt"
ist eine Geschichte um die Freundschaft eines deutschen Einzelkinds
mit einem türkischen Jungen aus einer Großfamilie.
"Bitte zweimal Wolke 7" ist einfach ein fröhlich-frecher Liebesroman
für Mädchen, in dem es aber auch um ein paar ernstere Themen geht, wie
die Trennung der Eltern.
Im Grunde ist es für mich einfacher, auszuschließen, was ich sicher
nie schreiben werde: High-Fantasy. Ich würde es mir einfach nicht
zutrauen, komplett neue Welten inklusive all ihrer Geschöpfe zu
entwerfen.
RRB/TRB: Wie sehen Ihre Schreibpläne für die Zukunft aus?
JW: Aktuell schreibe ich einen weiteren Rebella-Roman für Coppenrath.
Danach werde ich einen bösen Psychothriller schreiben und danach einen
sehr ernsten Liebesroman, beide für Jugendliche bzw. junge Erwachsene.
RRB/TRB: Welchen Roman (welche Zeitschrift, Kurzgeschichte, Sachbuch
...) lesen Sie gerade? Was hat Sie am stärksten beeindruckt?
JW: Ich lese gerade aus dem Loewe-Verlag "In Liebe Brooklyn" von Lisa
Schroeder. Als Sachbuch liegt auf meinem Tisch "Mit arabischen Grüßen"
von Amor Ben Hamida, einem Schweizer Kollegen tunesischer Abstammung,
dessen Bemühungen, uns die arabische Welt näherzubringen, mich sehr
beeindrucken.
Welches Buch mich in meinem Leben am stärksten beeindruckt hat? Es
klingt vielleicht merkwürdig, aber ich bin mir sicher, das war die
Bibel. Als Kind war ich sehr religiös, später war ich sehr kritisch,
heute bin ich nicht einmal mehr in der Kirche, aber historisch sehr
interessiert. In allen drei Phasen habe ich mich immer wieder mit der
Bibel auseinandergesetzt. Jetzt habe ich mir eine (Kinder-)Übersetzung
des Korans besorgt, weil ich ihn einfach auch mal kennenlernen möchte.
RRB/TRB: Hätten Sie noch einen Rat für angehende Autoren und
Autorinnen?
JW: Bevor ich angefangen habe, das Schreiben zu meinem Beruf zu
machen, hatte ich sehr romantische Vorstellungen vom Autorendasein.
Ich dachte, ich sitze jeden Tag ein Stündchen im Café, schreibe einen
netten Text, und die Verlage reißen ihn mir dann aus den Händen. Zum
Glück für mich lernte ich bald einen versierten Kollegen kennen, der
mich unter seine Fittiche nahm und mir beibrachte, dass Schreiben vor
allem eins ist: zwar sehr befriedigende, aber auch harte Arbeit. Und
wie in anderen Künsten auch gehören dazu nicht nur Talent, sondern
auch viel Fleiß und viel Übung. Kein Mensch erwartet, dass er nach ein
paar Klavierstunden zum Konzertpianisten taugt, aber viele erwarten,
dass sie quasi zwischen Tür und Angel zum Bestsellerautor werden. Ich
glaube, man muss einfach bereit sein, sich immer wieder der Kritik
auszusetzen und täglich weiter zu üben und zu lernen. Und man darf
niemals aufgeben.
RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview!
Jutta Wilke: Ich danke euch! Mir hat das wirklich sehr viel Spaß
gemacht!
*********************************************************************
UNSERE EXPERTINNEN UND EXPERTEN:
---------------------------------------------------------------------
Bitte schickt den ExpertInnen nur Fragen zu ihrem Expertenthema -
keine Manuskripte zur Beurteilung.
Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst
kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird.
Drehbuch: Oliver Pautsch
drehbuch at experte pt autorenforum pt de
Fandom: Thomas Kohlschmidt
fandom at experte pt autorenforum pt de
Fantasy: Stefanie Bense
fantasy at experte pt autorenforum pt de
Heftroman: Arndt Ellmer
heftroman at experte pt autorenforum pt de
Historischer Roman: Titus Müller
historischer.roman at experte pt autorenforum pt de
Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik
kinderbuch at experte pt autorenforum pt de
Kriminalistik: Kajo Lang
kriminalistik at experte pt autorenforum pt de
Lesungen: Rüdiger Heins
lesungen at experte pt autorenforum pt de
Lyrik: Martina Weber
lyrik at experte pt autorenforum pt de
Sachbuch: Gabi Neumayer
sachbuch at experte pt autorenforum pt de
Schreibaus- und -fortbildung: Uli Rothfuss
fortbildung at experte pt autorenforum pt de
Schreibgruppen: Ute Hacker
schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de
Schreibhandwerk: Ute Hacker
schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de
Sciencefiction: Andreas Eschbach
sf-autor at experte pt autorenforum pt de
Übersetzung: Barbara Slawig
uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de
Verlagswesen: Bjørn Jagnow
verlagswesen at experte pt autorenforum pt de
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
.................
Experten-Special:
.................
Bjørn Jagnow hat seine über 80 Fragen und Antworten zu den Themen
Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten Jahre gesammelt
und in einem Buch zusammengefasst - thematisch sortiert und
aktualisiert:
Björn Jagnow: "Fragen und Antworten zu Urheberrecht, Verlagswesen und
Vermarktung", 2009, 188 Seiten, 10,00 Euro, Edition Octopus
*********************************************************************
FRAG DEN EXPERTEN FÜR DREHBUCH:
---------------------------------------------------------------------
Oliver Pautsch (drehbuch at experte pt autorenforum pt de)
Frage:
Ich schreibe nun schon länger an einem Drehbuch zu einer schon
laufenden Soap [...] im Fernsehen. Und habe meine eigenen Ideen dort
eingebracht. Meine Frage ist, gibt es überhaupt eine Chance, dass sich
jemand mein Drehbuch durchliest, oder ist es unmöglich, womöglich
sogar strafbar, wenn man das Drehbuch an die betreffende Adresse
schicken würde?
Antwort:
Da ich selbst schon in zwei Staffeln für [...] gearbeitet habe, kann
ich dir versichern, dass es auf gar keinen Fall strafbar ist, den
Produzenten der Soap einen Vorschlag zu machen.
Allerdings stellen diese Produzenten hohe Ansprüche an die
handwerklichen Fähigkeiten ihrer Autoren. Aber ausgeschlossen ist es
natürlich nicht, dass du nach einem Vorschlag zumindest zu einem
Gespräch eingeladen wirst.
Versuch es einfach!
**~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~**
Oliver Pautsch, Jahrgang 65, sammelte zunächst Erfahrungen als Fahrer,
Beleuchter, Aufnahmeleiter und Regieassistent im Fernsehgeschäft.
Später ein Zwischenspiel an der Uni Düsseldorf, doch er wollte lieber
direkt für die Branche schreiben. Es entstanden Drehbücher für
Kurzfilme, Serienfolgen und für den sog. "abendfüllenden" Film.
http://www.pautsch.net
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen
und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit
getrennter Mail kommt
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Einsendeformalien:
Einsendungen sind zu allen Rubriken von autorenforum.de - nach
Rücksprache - erwünscht. Das Urheberrecht verbleibt bei der Autorin
bzw. beim Autor.
Einsendungen bitte im RTF-Format und per E-Mail, und zwar an:
beitrag at team pt autorenforum pt de.
Fragen zu Einsendungen sollten ebenfalls an diese Adresse gerichtet
werden.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
I M P R E S S U M
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Herausgeber:
Ramona Roth-Berghofer public.relations at team pt autorenforum pt de
Gabi Neumayer redaktion at team pt autorenforum pt de
Stefan Schulz webmaster at autorenforum pt de
Thomas Roth-Berghofer
Thomas.Roth-Berghofer at team pt autorenforum pt de
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
"The Tempest" ist ein kostenloser Newsletter für Autorinnen und
Autoren. Abonnenten sind herzlich aufgefordert, den Newsletter
weiterzugeben oder nachzudrucken, solange alle Urheberrechte beachtet
werden (Näheres s. http://www.autorenforum.de/?UeberUns/Impressum) und
der VOLLSTÄNDIGE Newsletter weitergegeben wird. Ansonsten bitten wir
darum, mit der Redaktion Kontakt aufzunehmen.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung
der Redaktion wieder. Zugesandte Artikel können von der Redaktion
bearbeitet und gekürzt werden.
Für unverlangt eingesandte Beiträge wird keine Haftung übernommen. Das
Recht zur Veröffentlichung wird prinzipiell vorausgesetzt. Alle bei
autorenforum.de veröffentlichten Beiträge, Grafiken und Bilder sind
urheberrechtlich geschützt und dürfen nur mit vorheriger Einwilligung
von autorenforum.de bzw. der Einwilligung des verantwortlichen
Autors/der verantwortlichen Autorin nachgedruckt oder anderweitig
weiterverwendet werden.
Auf die Gestaltung der Links haben wir keinen Einfluss. Die Inhalte
der verlinkten Seiten machen wir uns nicht zu Eigen.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Anschrift: autorenforum.de
c/o Gabi Neumayer
Im Goldacker 41
50126 Bergheim
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
autorenforum.de bietet seit mehr als fünfundzwanzig Jahren mit dem monatlichen Newsletter "The Tempest" und den umfangreichen Datenbanken Informationen rund ums Schreiben und Veröffentlichen. Außerdem stehen den Abonnenten zahlreiche Expert*innen mit Spezialwissen für Fragen zur Verfügung.