Standardfehler beim Schreiben (Teil 5)

von Roger MacBride Allen (übers. von Ramona Roth-Berghofer)
15. Selbstgefälliges Abschweifen

Gerade weil Du an etwas Bestimmtem besonders interessiert bist, heißt das noch lange nicht, daß es auch in die Story gehört. Einer meiner Studenten würgte jede seiner Stories ab mit einer absolut nicht zur Sache gehörigen Hetze gegen die Regierung, die Psychotiker dazu mißbraucht, stimmungsverändernde Drogen zu nehmen. Ich sagte ihm, wenn er dermaßen interessiert an diesem Thema sei, solle er eine eigenständige Story daraus machen und dieses Thema erst einmal ganz aus seinen Gedanken herausnehmen. Die Ideen und Gedanken, die er dabei entwickle, könne er dann später in seinen anderen guten Stories an ganz anderen Stellen verwenden. Und vielleicht helfe ihm diese Art der Selbstmedikation, sein storytechnisches Problem diesbezüglich in den Griff zu bekommen.
Gerade wenn Du sechs Monate damit verbracht hast, Bonsais zu studieren, heißt das nicht, daß Du fünf Seiten übers Baumschrumpfen in Deine Japan-Saga einbauen sollst. Verliere Dich nicht auf 23 Seiten mit storytechnischen Belanglosigkeiten, nur weil Du sie interessant findest. Wenn es die Story nicht vorantreibt, wenn es einfach nicht in diesem Umfang in die Story hineingehört, laß es draußen!

16. Der Irrtum, der kein Irrtum ist

Ich weiß nicht mehr, wie oft ein Student mir schon erklärt hat, warum etwas, das keinen Sinn macht, doch einen Sinn macht, wenn ich nur erst einmal die Informationen auf Seite 74 zum Thema XYZ gelesen hätte, oder wenn ich zumindest (wie der Autor) ein Experte für "hycogemische Enzyme" wäre. Ob die Informationen des Autors jetzt richtig sind oder nicht, spielt hierbei gar keine Rolle. Denn die Frage ist, ob die Informationen sich an dieser Stelle im Roman richtig anfühlen oder falsch. Ein scheinbarer Fehler ist ein Fehler, weil er nämlich auf den Leser exakt den gleichen Effekt hat wie ein wirklicher Fehler.
Genau solch ein Fehler läßt den Leser sein Vertrauen in die Story verlieren, verwirrt ihn und macht ihn ärgerlich, und nicht zuletzt zerstört er auch die Bereitwilligkeit des Lesers, sich von der Spannung der Story mitreißen zu lassen ("suspension of disbelief"). Auf diese Art "falsch zu schreiben", die Story also mit einem Zuviel an Informationen zu überladen, hat eben genau diesen unerwünschten Nebeneffekt auf den Leser.
Aber wenn wir schon einmal bei dem Thema der Überdosierung von Nachforschungen in einer Story sind, sollte ich auch erwähnen, daß es ebenso schlecht ist, fehlerhaft nachzuforschen, beziehungsweise es nicht gewissenhaft genug zu tun. Setze ruhig voraus, daß Deine Leser über ein gewisses Maß an Wissen verfügen, und daß einige von ihnen sehr wohl sehen werden, wo Du fehlerhaft recherchiert oder gearbeitet hast.
Hier nur ein Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung: Science Fiction- und Fantasy-Autoren scheinen eine Menge Stories zu schreiben, die mit Höhlen zu tun haben. Da ich gerne in Höhlen gehe und die meisten dieser Stories jedes verdammte Detail falsch wiedergeben, nervt mich das wirklich. Höhlen in der Fantasy scheinen alle luftig zu sein, gut beleuchtete Orte voller perfekter marmorner Treppenhäuser und Adern von purem Gold (welche generell nicht in Kalkstein gefunden werden, wo sich für gewöhnlich Höhlen bilden). Wenn mich eine Story in eine Höhle wie diese führt, frage ich mich jedesmal: Wo ist der Schlamm? Wo ist die Dunkelheit? Wo ist die feuchtkalte und dünne Luft? Wo sind die losen Steine auf dem Boden, über die man stolpern kann, der verwitterte Geruch und die Fledermäuse? Selbst wenn der Autor seine unrealistische Darstellung gut rübergebracht hat, ist es für die Glaubwürdigkeit der Story zu spät. Wie dem auch sei, irgendwann bin ich zu der Einstellung gelangt, daß es einem Autor andererseits nicht guttut, fünftausend Seiten Informationen über die Prinzipien der natürlichen Höhlenformationen in glühendem, erzführendem und metaphorischem Fels zu haben. Ein Zuviel ist ebenso fatal wie ein Zuwenig.
Ich versuche mir stets vor Augen zu halten, daß jemand mit mehr Wissen meine Stories lesen könnte. Wenn ein Detail meiner Story mit begründetem Fachwissen kollidiert, werde ich versuchen, meine Variante in ein oder zwei Sätzen zu erklären, oder zumindest die Existenz eines allgemein zulässigen Wissens einräumen. Das läßt den Leser letztendlich wissen, daß ich allgemein bekanntes Wissen berücksichtigt habe. Es beruhigt den Leser, bewahrt ihn davor durch meine Fehler irritiert zu werden, und verhindert schließlich, daß ihn die Story verwirrt. Kurzum: ich recherchiere ein wenig, und versuche beide Fehler zu vermeiden, ein Zuviel ebenso wie ein Zuwenig.

17. Schreiben, um zu beeindrucken anstatt zu kommunizieren

Ich bin überzeugt, daß dies zu einem großen Teil auf das Schreiben in Schule, Verwaltung und Wirtschaft zurückzuführen ist. Wir glauben, immer und immer wieder, unsere Vorgesetzten oder unsere Leser mit unserem Wissen und Wortschatz beeindrucken zu müssen, wie bedeutend wir doch einen Gegenstand erscheinen lassen können. Geht die Bedeutung selbst in solch einem Orkan von Kauderwelsch verloren, umso besser. Wenige Leute haben jedoch den Nerv zuzugeben, daß sie nicht wissen, was der Autor überhaupt meint, und wenn der Autor dann auch noch selbst unsicher ist, kann so ein bißchen bürokratische Verschwommenheit gut verbergen, was er nicht weiß.
Unweigerlich geht jedoch etwas verloren, wenn die Dinge zu pompös dargestellt werden. "Zähle niemals Deine gefiederte Nachkommenschaft, bevor die Inkubationszeit vollendet ist" trifft es nicht ganz so wie "Zähle Deine Hühner nicht bevor sie ausgebrütet sind". Mach Deine Arbeit auf gar keinen Fall schlecht, ganz gleich unter welchen Umständen; warum solltest Du Dich freiwillig umständlich ausdrücken?
Hier eine gute Faustregel: Gebrauche die kürzesten Wörter und die einfachsten Satzstrukturen, um den Inhalt, den Du ausdrücken willst, darzustellen. Und eine Randbemerkung: In diesen dunklen Tagen stecken wir tief im Dschungel des politisch korrekten Wortgeklingels. Ignoriere den Trend. Sage, was Du meinst, und nicht etwas, von dem Du denkst, jemand könnte glauben, daß Du das gemeint hast. Es gibt Zeiten, in denen Du jemandem auf die Füße treten möchtest. Obwohl es nicht viel darüber zu sagen gibt, wenn es um das unnötige Verletzen von Menschen geht, so ist die Idiotie der "Political Correctness" doch komplett aus dem Ruder gelaufen. Mein Lieblingsbeispiel für diesen Unsinn ist folgender Ausdruck: "vorübergehend körperlich leistungsfähig", bezeichnet all jene Leute, die unfairerweise gerade keine Behinderung haben. Dieser Ausdruck wurde in schrecklicher Ernsthaftigkeit gebraucht. Nett, nicht wahr?!

18. Experimentelles Schreiben

Jemand, der dies alles liest, könnte leicht denken: "Ha! Mr. Ich-weiß-alles sagt, man soll all diesen Regeln folgen. Ich werde eine Story im zweiten Futur und in der zweiten Person schreiben, in der alle Personen namenlos und alle Spezies nicht festgelegt sind. Die Handlung wird sich gänzlich aus sich ineinanderfügenden Rückblenden zusammensetzen, ich werde das ganze Ding so weit treiben wie ich will, und ich werde alles hineinpacken, was ich will, egal ob es der Story etwas bringt oder nicht."
Einmal warf ich den Begriff der "flying pigs" während einer meiner Unterrichtsstunden ein, wobei ich bewußt mit total absurden Handlungselementen operierte. Als ob die Schüler mir zeigen wollten, daß es trotzdem funktionieren kann, kam die Hälfte der Studenten mit "Flying-Pig-Stories" zurück. Einige davon waren sogar nicht einmal übel. Mit einer Ausnahme konnte jedoch jede einzelne Story durch das Entfernen des "Flying-Pig-Elements" entschieden verbessert werden. Aber es ist schon ein verdammt lausiger Grund, eine Story zu schreiben, nur um das zu zeigen. Wir Leser sind nicht daran interessiert, zu sehen, wie schlau du bist, Autor. Wir wollen einfach nur eine gute Geschichte lesen.
Noch eine Erfahrung: Eine Weile darauf kam ich mit einer Freundin aus dem Theater und sagte zu ihr: "Das war kein experimentelles Theater ... es war gut, und es hat funktioniert."
Im Theater, wie beim Romanschreiben, haben wir den Mythos des noblen Scheiterns von Künstlern entwickelt. Künstler mühen sich endlos ab und produzieren eine Arbeit so dicht, so kultiviert, so brillant, daß kein Mensch mehr versteht, worum es überhaupt geht, und dadurch wird diese Arbeit dann - sehr zum Erstaunen der Künstler - von der Kritik gemieden und erst recht von der Öffentlichkeit. Der Künstler weiß natürlich, daß seine Arbeit brillant ist. Alle anderen sind jedoch arme Narren.
Sehr selten ist dieser Mythos des Noblen Scheiterns nämlich wahr. Es ist weit besser für einen Künstler und Autor ein Zuviel an technischen Unzulänglichkeiten, Selbstzurschaustellungen und unzusammenhängendem Gefasel zu vermeiden. Was bringt es, am Ende nur das Versagen der eigenen Arbeit, versteckt hinter diesem Mythos, hinnehmen zu müssen.
Schlecht zu schreiben, läßt einen Autor dumm dastehen. Bist Du aber der unverstandene Künstler, dann ist das so cool, wie eine Basballkappe verkehrt herum zu tragen.

Schlusswort

Keine der Regeln, Ideen und Theorien, die ich in diesem Essay anbiete, ist eigenmächtig und willkürlich gewählt. Es gibt gute Gründe für jede einzelne Regel, Idee und Theorie. Alle basieren auf meiner eigenen Erfahrung von viel zu vielen unveröffentlichten Manuskripten. Auf der einen Seite ist keine dieser Regeln universell, und ich habe zugegebenermaßen die meisten selbst schon oft genug gebrochen. Aber auf der anderen Seite bin ich, mehr als mir lieb ist, immer wieder zurückgekehrt, um stellenweise Veränderungen an meinen Stories vorzunehmen und diesen bewährten Regeln zu folgen.
Kurzum: Verliere dich nicht in experimentellen Formen und Stilen, bevor du nicht die Basisregeln beherrschst.
Eine letzte Faustregel: Begreife die Regeln und du wirst wissen, wie und warum du ihnen folgst, bevor du beschließt, die ein oder andere zu brechen.

 
 Stand: 2002-09-22

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