Standardfehler beim Schreiben (Teil 4)

von Roger MacBride Allen (übers. von Ramona Roth-Berghofer)

Entwicklungsfehler sind Fehler, die während des Planungsprozesses einer Geschichte entstehen. Sie sind auf Seite 432 Deines Manuskriptes schwer zu beheben. Je näher Du der allerersten leeren Seite bist, wenn Du mit Planungsproblemen zu tun hast, um so leichter werden Dir entsprechende Änderungen fallen.

11. Schlechte Planung

Nachdem ich mich durch Hunderte von unfertigen Manuskripten gewälzt und mit ebenso vielen Studenten, die mit ihrer Story nicht weiterkamen, gesprochen habe, bin ich zu dem Schluß gelangt, daß schlechte Planung, das Versäumnis, die Entwicklung einer Story im voraus auszuarbeiten, die Hauptursache dafür ist, daß angefangene Stories nicht beendet werden.

Zum Teil liegt es auch daran, daß die sogenannte "Inspiration" total überschätzt wird. Wir alle haben die Stücke und Filme gesehen, und auch die Bücher gelesen, in denen ganz plötzlich die große Erleuchtung über einen Autor kommt, und ihn beflügelt, in einer Tour eine gute Idee nach der anderen zu produzieren und so einen genialen Roman in einer einzigen Nacht zu schreiben. Das ist natürlich kompletter Blödsinn. Ich benötige im Schnitt sechs bis zwölf Monate für ein Buch. Würde ich hinsichtlich des Schreibens ähnlich wie in den obengenannten Büchern und Filmen inspiriert, bekäme ich während einer solch kreativen Nacht sicher einen Herzinfarkt. Der kluge Autor baut vor, in dem er wachsam ist, sich zwischendurch Notizen oder einen mentalen Vermerk macht, oder auch - wenn es sein muß - um zwei Uhr morgens eine gute Idee ins Diktiergerät spricht, damit sie bis zum morgen nicht vergessen wird. Diese schriftlichen und mündlichen Notizen und Kritzeleien eignen sich nämlich hervorragend, um Inspirationen nicht verloren gehen zu lassen.

Dieser Kurs beispielsweise basiert ebenfalls auf solchen geschriebenen oder gesprochenen Notizen, die über einen längeren Zeitraum hinweg von mir gesammelt und festgehalten wurden. Und nur diese Notizen erlaubten es mir schließlich, dieses Essay an einem einzigen Tag herunterzuschreiben. Ich hatte also auf einmal die Zeit und all diese Notizen, und ich wußte, was ich damit zu tun hatte. (Nichtdestotrotz bin ich immer wieder mal zu diesem Essay zurückgekehrt und habe ihn gut ein halbes Dutzend Mal überarbeitet, und zwar jedesmal, wenn ich etwas Neues dazugelernt hatte, oder ihn den Bedürfnissen eines anderen Unterrichtskurses angepaßt habe. Habt also keine Angst vorm Überarbeiten.)

Um zu den Bedürfnissen eines Romanes zurückzukehren: Fasse den Plot in seinen einzelnen Elementen zusammen, skizziere die Figuren, die voraussichtlich eine wichtige Rolle spielen werden. Arbeite auch die Geographie bzw. Umgebung und auch die ganze geschichtliche Entwicklung Deiner Story aus. Wichtig ist vor allem, daß Dir das Ende Deiner Story klar vor Augen ist, noch bevor Du mit dem eigentlichen Schreiben anfängst. Kenne das Ziel Deiner Story und Du wirst dorthin finden. Aber laß Dich auf gar keinen Fall von Deinen schriftlich und mündlich festgehaltenen Aufzeichnungen und Ideen festlegen und gängeln, oder von der Eigendynamik der Story, die diese früher oder später entwickeln wird, mitreißen. Die Zusammenfassung eines Plots, wie ich sie Dir empfehle, hat nichts mit einem Konstruktionsplan gemein, in dem alles sklavisch feststeht und aufs genaueste ausgeführt werden muß, damit die Story nicht zusammenbricht, sobald man auch nur eine einzige Position verändert. Deine Plot-zusammenfassung ist vielmehr eine Art Übersichtsplan, eine Art Straßenkarte, Die Dir zeigt, wo Du Dich gerade befindest und wo Du hingehen willst. Deine Zusammenfassung wird Dir also von vielen möglichen Wegen jenen hervorheben und skizzieren helfen, der Dich letztendlich auch zum Ziel bringen kann. Selbstverständlich kannst Du Deine Richtung ändern oder sogar einen neuen Bestimmungsort wählen ... oder sogar einen neuen Ausgangspunkt. Aber Du wirst nichts von alldem tun können, wenn Du dir nicht vorher einen Überblick über das "Storyland" verschaffst, in dem Du reist. Es wird nur dann Punkte für einen Richtungswechsel geben, wenn Du Dir darüber im klaren bist, wo du Dich gerade entlangbewegst.

12. Lass die Story sich nicht selbst entwickeln

In einer meiner Kurzgeschichten zum Beispiel, erschien genau jene Szene, die mich überhaupt auf die Idee zu der Story brachte, niemals im fertigen Text. In einem meiner Romane endete unter anderem eine Szene, die ich für Kapitel 1 geplant hatte, als Beginn für Kapitel 7. In einem weiteren Buch wurde aus einem Charakter, der als Nebenfigur angelegt war, eine zentrale Figur der Story. Wie Du siehst, ist Planung wichtig, aber sie sollte Dich nicht in Deiner Phantasie einengen. Anders ausgedrückt: Wenn Du Die ganze Story, noch bevor Du mit dem Schreiben anfängst, bis ins kleinste unveränderliche Detail kennen würdest, wäre das Schreiben eines Romans eine verdammt langweilige Sache. Sei also möglichst darauf vorbereitet, die neuen Wege zu erforschen, die Dir Deine Story während des Schreibens bietet. Aber übertreibe es damit nicht.

Fehlerhafte Präsentation

Hier beschäftigt uns die Frage, welche Informationen für eine Szene wirklich wichtig sind, welche Details hineingehören und welche man besser weglassen sollte.

13. Falsche Exposition

Typischerweise, wenn auch nicht immer, geschieht dies zu Beginn einer Story. Anstelle von Aktion oder der eigentlichen Geschichte bekommen wir als Leser massenhaft Background, und den auch noch aus keiner bestimmten Perspektive. Wir werden erschlagen mit einer Art enzyklopädischem Einstieg in Form von endlosen Fragen. Aus einigen Gründen neigen gerade Fantasystories besonders zu diesem Schwachpunkt. Die Story beginnt meist mit einer ausladenden Erklärung darüber, warum die Burg gerade dort steht, wo sie steht, und wer all die Ahnen des derzeitigen Duke waren, und wie der magische Juwel mit seiner Kraft erfüllt wurde, um dann schießlich gestohlen zu werden. Den Rest des Buches verbringen wir dann mit der Suche nach dem Juwel oder der Karte.

Wie in dem obengenannten Beispiel ist das meiste, was in solch darstellende Erzählgeschwülste eingeht, nichts weiter als hübsches aber unnötiges Gefasel. Alle Burgen und Schlösser wurden irgendwann einmal erbaut, alle Herrschenden haben irgendeine Sorte von Vorfahren oder Amtsvorgängern, alle "Macguffins" (das ist Alfred Hitchcocks Begriff für das magische Juwel oder das geheime Dokument oder überhaupt das Ding, um welches sich die Story dreht) sind irgendwo bedeutungsvoll, und wenn sie nicht gerade außerhalb des Besitzes unseres Story-Helden wären, gäbe es schlicht und ergreifend auch gar keine Story. Vieles von all diesem Background kann tatsächlich vorausgesetzt werden, oder hier und da während des Schreibens in die Story eingewoben werden, was immer noch besser ist, als zu Beginn des Romanes alles auf einmal hervorquellen zu lassen.

Die einzigen Informationen, die inhaltlich für Deine Story wirklich wichtig sind, sind jene, die ein schlichtes Ja als Antwort auf die folgenden Fragen haben:
1. Ist diese Information für den Leser interessant?
2. Hat diese Information etwas Wichtiges mit der Story zu tun? (Es spielt keine Rolle, ob es für irgendeine andere Story lebenswichtig ist, die sich 300 Jahre vor Beginn Deiner Story ereignete.)

Hin und wieder habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich versucht war, meinen Büchern große historische Bedeutung und Lehre einzuflößen. In einer solchen Situation fand ich heraus, daß es die Sache weitaus interessanter machte, wenn ich das "bedeutungsschwere" Ideenmaterial in den Kopf eines Charakters packte und diesen Charakter dann in Form von Fragen über die "Problematik" nachdenken ließ. Überdies enthüllte ich dadurch auf elegante Weise die Meinung und das Denken des Charakters zu diesem Punkt, was dem Charakter wiederum Tiefe gab. Zu einem anderen Zeitpunkt konnte es sein, daß ich genau diese Problematik plötzlich als bedeutungslos erkannte und komplett herauswarf. Warum Bedeutung in etwas hineinlegen, wo es bedeutungslos ist?

Ein Tip zum Thema "Ausschneiden", "Einfügen" und "Auswechseln" von Textpassagen im modernen Computerzeitalter: Tu es! Habe keine Angst davor, kräftig am Text herumzuschneiden oder zu ändern. Sichere das Original und mache Dir eine Kopie davon. Wenn Du Dein Original gesichert hast, hast Du die Gewißheit, daß Du alles mit der Kopie tun kannst, was Du möchtest, und trotzdem jederzeit zu Deinem Original zurückkehren kannst, ohne Deine unsterbliche Prosa dabei zerstört zu haben. Wenn Dir die erste Kopie mit den Änderungen nicht gefällt, kannst du immer noch eine zweite Kopie vom Original anfertigen und es nochmal mit dem Überarbeiten versuchen.

14. Hintergrundwissen, das nicht zu Papier gebracht wird

Dies ist zwar ziemlich grundlegend, aber ein weit verbreiteter Fehler. In kürze möchte ich es einmal so ausdrücken: Du, der Autor, hast eine so komplette und detaillierte Vorstellung von den einzelnen Elementen Deines Romans, daß Du leicht annehmen könntest, Dein Leser verfüge ebenfalls über dieses Wissen. Und deshalb könntest du sehr leicht dort die Beschreibung eines Platzes oder einer Person versäumen, wo Du sie selbst perfekt vor Deinem geistigen Auge siehst. Die einzige Methode gegen solche Versäumnisse vernünftig vorzugehen, besteht darin, die Szene, nachdem sie beendet ist, eine Weile liegen zu lassen, bzw. sie eine Woche oder einen Monat später noch einmal zu lesen, um ihr dann, wenn nötig, die richtige Perspektive zu geben. Im Prinzip ist es ganz einfach: Füge hinzu, was Du bisher weggelassen hast.

 
Stand: 2002-09-22

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