Standardfehler beim Schreiben (Teil 3)

von Roger MacBride Allen (übers. von Ramona und Thomas Roth-Berghofer)
7. Die "verrückte" und die zusammenhanglose Eröffnung!

"Sarah ging das Seitenschiff der Kirche entlang, noch immer im unklaren darüber, warum sie zugestimmt hatte, eine Giraffe zu heiraten. Der Bräutigam, der ruhig am Altar wartete, strahlend in einer schwarzen Krawatte, geschniegelt und gestriegelt, schwang seinen langen Hals herum und beobachtete ihr Näherkommen, gelassen wiederkäuend während all der Zeit."
Recht verrückt, oder? Die ganze Absicht einer solchen Eröffnung liegt darin, sich den Leser fragen zu lassen, wie es überhaupt zu dieser Situation hat kommen können. Okay, ich habe es selbst geschrieben, und ich habe nicht die geringste Ahnung. Achte also darauf, daß Dir so etwas nicht passiert.

Ich habe in Schreibkursen gesessen (und sie gottlob nicht geführt), die ausschließlich dem Thema "Eröffnungen" gewidmet waren, und es gibt tatsächlich einige Gründe, das Thema "Eröffnung" sehr ausführlich unter die Lupe zu nehmen. Die wenigen Wörter, die den Beginn einer Story ausmachen, haben schließlich zum Ziel, den Leser in die Story hineinzuziehen, ihn für die ganze Geschichte zu interessieren.Wie dem auch sei, viele Autoren stecken so viel Aufmerksamkeit in diese Eröffnung, daß sie alles übrige der Story vergessen. Und das natürlich mit dem Resultat, daß die Eröffnung recht wenig oder sogar gar nichts mehr mit der eigentlichen Story zu tun hat. Der Leser einer solchen Eröffnung fährt zweifelsohne mit dem Lesen fort, nur um zehn Seiten weiter enttäuscht festzustellen, daß alles nur ein Traum war, oder daß der Autor ihm einige andere ähnlich lahme Entschuldigungen als Erklärung verkauft.

Aber damit nicht genug. Ich bin auf ein ähnlich geartetes Problem gestoßen, nämlich auf jenen Autor, der mit einer stürmischen, zufällig herausgepickten "Killer"-Eröffnungsszene beginnt, und dabei auch nicht den leisesten Hauch einer Ahnung hat, wohin das Ganze führen soll. Tatsächlich könnte dieser Fehler in die Rubrik "Planungsfehler" eingeordnet werden. Natürlich sollte die Eröffnung in-teressant und fesselnd sein, den Leser hineinziehen ins Geschehen. Aber sie sollte ebenso auch et-was mit der Story an sich zu tun haben, um nicht zu sagen, wesentlich für sie sein. Die Story selbst sollte interessant genug sein, damit einige ihrer Elemente für die Idee einer guten Eröffnung sorgen können.
Dieser Rat gilt für alle anderen Literaturformen, also ganz gleich ob es sich um einen Roman, ein kleineres oder größeres Projekt handelt.

8. Die ewig gleiche Geschichte

Im Prinzip ist jede Story schon einmal geschrieben worden und bräuchte gar nicht mehr ein zweites, drittes oder x-tes Mal geschrieben zu werden. In der "Science Fiction" schließt das unter anderem die alleszerstörende Atomkrieg-Story ein, die nur zwei Überlebende für die daraus resultierende Adam-und-Eva-Story übrig lässt. In geheimnisvollen Geschichten gibt es den scharfsinnigen Detektiv, der sich am Ende als der Mörder herausstellt. In den Stories von "The New Yorker" geht es um Leute auf Long Island, die am liebsten jedem ihre Probleme vorjammern. Mit Ausnahme des letzten Beispiels, sind all diese Stories eigentlich nicht mehr für eine Veröffentlichung geeignet, da sie sich alle längst selbst überlebt haben. (Aus irgendeinem unerfindlichen Grund kann "The New Yorker" gar nicht genug Stories von jammernden Long Islandern bekommen.) Selbst die überraschende Wendung der ältesten Kamelle ist dort schon etliche Male erschienen.

Es heißt - mit einiger Berechtigung -, dass es keine wirklich neuen Ideen gäbe. Ich habe mehr als einmal eine ganze Story geschrieben, die auf etwas basierte, von dem ich dachte, dass es verblüffend neu und origenell sei, einzig um später herauszufinden, dass ich bereits ganze Bücherregale mit ähnlichen Themen hätte füllen können. Dennoch gefällt mir der Gedanke, dass mein Zugang zu diesen Ideen bisher immer noch unterschiedlich und neu genug war, um damit durchzukommen. Es gibt keine klare Grenze zwischen dem neuen Zugang zu einer alten Idee und dem reinen Wiederholen eines längst totgeschriebenen Themas. Aber Du solltest zumindest versuchen, zu vermeiden, über einen Schriftsteller zu schreiben, der über einen Schriftsteller schreibt, der wiederum über einen Schriftsteller schreibt, der sich in der Midlife Crisis befindet. Ab einem gewissen Punkt könnte selbst "The New Yorker" sagen, daß es genug ist.

Motivfehler und Resultate

Diese Fehler umfassen die Kunst und Wissenschaft, jener Frage nachzugehen, warum Leute bestimmte Dinge tun, oder warum sich bestimmte Dinge ereignen, woraus sich natürlich die Frage ergibt, was sich als Resultat der Gedanken und Ideen eines Autors insgesamt für eine Story ergibt.

9. Die Verwechslung der Motive des Autors mit denen der Story-Figur

Deine Story-Figur möchte am liebsten nach Hause gehen und in ihrem eigenen Bett schlafen. Du, der Autor, möchtest deine Hauptfigur selbstredend dort haben, wo in deiner Story gerade die Hölle losbricht.
Zweifelsohne hast du hinsichtlich des Handlungsverlaufs auch einen guten Grund dafür, Deine Figur gerade jetzt an den Rand eines brodelnden Vulkankraters zu senden. Aber hat auch deine Figur einen guten Grund?
Dein Handlungsverlauf mag es erfordern, daß sich deine Heldin in den schäbigen Gangster verliebt - aber hat sie nicht mehr Verstand? Liegt es überhaupt in ihrem Charakter, einen solchen Kotzbrocken attraktiv zu finden?
Betrachte das Ganze einmal von einer anderen Seite. Du bist Wissenschaftler in einem Labor, der Ratten in einem Labyrinth beobachtet. Du planst, sie nach dem Experiment zu töten und zu sezieren, um herauszufinden, inwieweit das Lernen im Labyrinth ihre Gehirnchemie beeinflusst hat. Aber "dein" Plan ist nicht der Grund für die kleine Ratte, durch das Labyrinth zu laufen. Die arme kleine Ratte ist nämlich einzig auf der Suche nach einem Stück Käse. Beide, sowohl Autor als auch Romanfigur, müssen einen Grund für jede einzelne Handlung in einem Buch haben. Oftmals, um nicht zu sagen, meistens, werden ihre Motivationen nicht übereinstimmen.

 

10. Das Versäumnis, sich mit Konsequenzen auseinanderzusetzen

Hierfür ein wesentliches und erst vor kurzem vorgefallenes Beispiel: Einer meiner Studenten schrieb eine Story, die in einer kurz vor dem Kollaps stehenden Welt spielte, in welcher die US-Regierung aufgehört hatte zu existieren. Wichtige Punkte des Industrie- und Beförderungswesens existierten ebenfalls nicht mehr, und die einzige Quelle von Recht und Ordnung lag in kleinen lokalen Lehenswesen. Gleichzeitig jedoch ließ die Studentin ihre Figuren Papiergeld verwenden. Eine Sache, die so niemals funktionieren konnte.

Das Versäumnis, sich mit den Konsequenzen einer Story-Idee auseinanderzusetzen, hat mit mehr als nur schriftstellerischer Technik zu tun. Wenn du eine Story über jemanden schreibst, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, und diese Figur zu einem großen Familienfest eines Freund gehen lässt, wird sich der Background dieser Figur sehr wohl auf ihre Reaktionen auswirken, wenn sie ein Haus voller Enkel und Großeltern sieht. Es wird verdammt merkwürdig wirken, wenn diese Figur nicht einige massive emotionale Reaktionen erlebt, hinsichtlich eines Familienlebens, dass sie selbst so nie erlebt hat. So etwas kann sehr subtil wirken, wie ein Stadtmensch, der eine Sprache und Metaphern benutzt, die einzig einen Sinn ergeben, wenn du selbst "vom Lande" kommst.
Science Fiction und Fantasy sind natürlich besonders gut für solche unbeabsichtigten Entwicklungen geeignet.
Hier noch ein anderes Beispiel, welches unglücklicherweise in Druck ging: Ritter in altertümlichen Rüstungen gehen an Bord eines Sternenschiffes. Eine hochtechnisierte Zivilisation, die über hochentwickelte Maschinen verfügt, funktioniert durch nichtausgebildete Sklavenarbeiter. Man bedenke: Eine Welt der kybernetischen Verbindungen, in der jedermann zu jederzeit in beliebiger Gestalt auftreten kann ... und gerade dort laufen Leute in mittelalterlichen Rüstungen herum?

Wenn du eine Story schreibst, in der alle Gesetzestreuen oder Richter erschossen werden, wer wird dann noch den Fall untersuchen, wenn die Schuldigen vor Gericht gebracht werden?

Frage nicht nur einmal nach dem "Was wäre, wenn ...?", sondern hinterfrage auch deine Antwort auf dieses "Was wäre, wenn ...?" Und dann hinterfrage wiederum diese Antwort.

 
Stand: 2002-09-22

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