Gebrauchsanweisung zum Händeschütteln

von Stefanie Pappon

"Erst ist es ganz heiß. Dann gehen wir ins Schwimmbad. Wenn der Himmel ganz schwarz ist, gibt es ein Gewitter. Dann müssen wir aus dem Wasser, weil da ein Blitz reinhauen kann. Das ist gar nicht gut für uns. Wir gehen dann nach Hause, weil es gleich regnet."

So oder ähnlich dürften unsere frühen Versuche einer Beschreibung geklungen haben, nichtsahnend, daß Schreiben einmal einen beträchtlichen Teil unserer Freizeit in Anspruch nehmen sollte. Dabei wurde uns nie klargemacht, welch wichtige Rolle eine gute Beschreibung in einem Roman oder einer Kurzgeschichte spielen kann, daß erst eine gute Beschreibung Atmosphäre schafft, die Klangfarbe einer Story bestimmt oder ihr den entscheidenden Drive verleiht.

Um es salopp zu sagen: Eine gute Beschreibung ist, neben anderem, das Verpackungsmaterial, in dem die Story dem Leser präsentiert wird.

Beschreibung, - das heißt nicht nur die Darstellung einer Person, eines Gegen-standes, einer Situation, das Aussehen eines Ortes oder die Schilderung einer Kampfszene. Beschreibung bedeutet vielmehr die Verknüpfung all dieser Aspekte der Außenwelt mit der Aussage der Story. Die Außenrequisiten reflektieren die innere Gemütsverfassung des Helden/Schurken, bereiten Wendepunkte des Plots vor oder funktionieren als Brücke zwischen zwei Szenen.

Ein Mangel vieler Fanstories ist tatsächlich die gänzliche Abwesenheit von Beschreibung, denn das Universum, das der Autor beschreibt, ist den meisten Lesern bekannt.

Beschreibung kann auch bedeuten schon bekannten Fakten neues, der Fantasie des Autors entsprungenes Material hinzuzufügen.

Wenn ein Autor trotzdem auf das Instrument der Beschreibung verzichtet, verschenkt er nicht nur ein spannungserzeugendes Element der Story, sondern auch wertvolles psychologisches Potential. Eine Beschreibung soll den Helden der Geschichte für den Leser durchsichtiger machen.

Der Leser soll das Handeln des Helden verstehen. Dafür bedarf es jedoch nicht einer seitenfüllenden Personenbe-schreibung à la Karl May.

Wie das folgende Beispiel zeigt, genügen schon ein paar Sätze, um Situationen und Personen für den Leser plastischer zu gestalten:

"Wir gaben uns die Hand. Es ist bedauerlich, daß ich mich an diesen Moment nicht deutlich erinnere: Das Händeschütteln ist der Schwellenakt, der Beginn aller Politik. Seither habe ich ihn millionenfach Hände schütteln sehen, trotzdem könnte ich nicht sagen, wie er es macht, das mit der Rechten. Aber ich kann einiges darüber sagen, was er mit der anderen Hand tut. Mit der ist er ein Genie. Er faßt dich am Ellbogen oder weiter oben am Bizeps: Er interessiert sich für dich; es freut ihn, dich kennenzulernen. Wenn er noch höher geht, wenn er dir etwa den linken Arm um die Schulter legt, ist das irgendwie weniger intim, ehr beiläufig." (aus "Primary Colours" von Anonymus)

Stellen wir uns vor, dieses Händeschütteln gehört zu einem Captain Picard oder einem Magier wie Merlin. Stellen wir uns vor, dieses Händeschütteln gehört zu einem menschenfressenden Außerirdischen, einem Zwerg, einem Geist.

Jedesmal taucht ein anderes Bild vor unserem geistigen Auge auf, das nur durch diese Beschreibung ausgelöst wird. Daraus können wir schließen, daß eine gute Bechreibung dem Autor die Möglichkeit gibt, die Welt durch die Augen seines Protagonisten zu sehen und sein Innenleben auf die Außenwelt zu reflektieren. Ein psychologischer Wendepunkt im Standpunkt des/r Helden/in könnte sich ebenfalls in diesem Händeschütteln spiegeln. Versuche einmal Dir vorzustellen, wie ein Mensch, der gerade ein seelisches Tief hat, Dir die Hand gibt. Wie würde Dich Conan begrüßen oder jemand, der gar keine Hände zur Verfügung hat und trotzdem im negativen Teil seines Ichs dümpelt?

Doch wie beschreibt man richtig, ohne daß sich der Leser langweilt, ohne das Fortkommen der Story zu behindern. Hier sind Eigenschaften gefragt, die Dich zum Autor machen, während andere Leute nur Leser bleiben: Es sind nicht nur Dein Einfallsreichtum und Deine intuitive Sammelleidenschaft für Erlebtes, sondern Deine geschärfte Beobachtungsgabe und Deine Fähigkeit, das Gesehene aufs Papier zu bringen.

Zweifellos muß man für Beschreibungen in einem Roman eine andere Ausführlichkeit ansetzen als bei einer Kurzgeschichte. Doch die Ausgangsposition bleibt die gleiche: Handelt es sich um Situationen, die wir selbst im realen Leben nachvollziehen können, etwa einen schwülen Sommernachmittag, so ist nun unsere Beobachtungsgabe gefragt, die Wahrnehmungen unserer fünf Sinne: Wie fühlst Du Dich an einem schwülen Tag, kurz vor einem Gewitter? Wie sieht dann Deine Umwelt aus? Hast Du schon mal die Luft an einem solchen Tag eingesogen, ihren ganz speziellen Geruch identifiziert, die schwere Schwüle der Luft gespürt, das Tanzen der Mücken über einer Schlammpfütze beobachtet, die zähe Stille der Natur, den Wellenschlag des Meeres, die Klangfarbe des Windes bestimmt? Welche Kleidung trägst Du an solchen Tagen? Wie fühlt sie sich an? Wie klingen Deine Schritte auf vor Hitze glühendem Stein, auf einer trockenen Holztreppe, auf dem salzdurchtränkten, überhitzten Strand? Wie benehmen sich die Menschen, die Dich umgeben. Wie reagieren sie während dieser Gewittertage? Geht an solchen Tagen Deine innere Uhr nicht etwas langsamer?

Deinen sechsten Sinn, Deine Fähigkeit zum Schreiben mußt du jetzt in Gang setzen. Versuche, was Du an einem solchen Tag wahrnimmst, in Worte, in Sätze zu fassen, eine Atmospähre zu schaffen, die die innere Verfassung Deines Helden wiederspiegelt und das, was geschehen wird, in einen Rahmen und in einen Spannungsbogen kleidet.

Wenn Du wirklich nachher an den Strand oder den Baggersee gehen solltest, so nimm Dir ein Notizbuch mit. Maler verewigen ihr Motiv auf Leinwand. Warum sollest Du nicht Deine Beobachtungen bei einem Strandbesuch in Textform festhalten. Vielleicht kannst Du diese schriftlichen Skizzen später in Deinen Stories verarbeiten. Besonders sollest Du es Dir auf Reisen im Ausland zur Gewohnheit machen, Deine Umwelt intensiv, und besonders schriftlich (Reisetagebuch), in Dich aufzunehmen. Denn jede Reise in ein anderes Land, ist eine Reise in eine andere Welt, eine Welt, die Du schon in Deiner nächsten Kurzgeschichte in Teilaspekten zu neuem Leben er-wecken kannst. (Falls ich mich richtig erinnere, gibt es auf Vulkan z.B. ein italienisches Restaurant.)

Aber wie, wirst Du jetzt fragen, füge ich meine Skizze in eine Science Fiction oder eine Fantasykurzgeschichte ein? Vielleicht kann das am Einfachsten durch ein paar Fingerübungen, die Du selbst ausführst, geklärt werden.

Für Science Fiction Autoren allgemein:

Erinnerst Du Dich an Deinen letzten Waldspaziergang? Stell Dir vor, die Bäume sind anstatt grün, aus Glas und durchsichtig. Die Stämme der Bäume schwanken nicht im Wind sondern führen selbstständig Bewegungen aus, denn es handelt sich bei den Baumwesen um die Bewohner dieses fremden Planeten. Wie fühlst Du Dich, wenn du durch einen solchen Wald wanderst, wenn Du den Auftrag hast, mit diesenWesen Kontakt aufzunehmen? Weißt Du noch, wie Du versucht hast, Dich im Urlaub mit jemandem zu unterhalten, dessen Sprache du nicht sprichst? Versuche diese Erfahrungen in einer kurzen Schilderung niederzuschreiben.

Für Trekkies im Besonderen:

Erinnere Dich an Deinen letzten Be-such am Meer, an den sich verlierenden Horizont, an die Vogelschreie und vielleicht das Gedränge der Menschen am Strand. Wie muß eine solche Szene auf einen Vulkanier wirken, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Meer sieht. Versuche einmal seine Wahrnehmungen zu beschreiben.

Für Fantasy-Autoren:

Irgendwann in Deinem Leben hast Du schon mal im Winter auf einen verschneiten Berggipfel gestanden und hinunter ins Tal geblickt, bist vor der Höhe erschrocken und hast Dir, zum Schutz gegen den schneidenden Wind, die Kapuze deines Wintermantels übergezogen. Stell Dir vor, Du wärst eine Schneklawut (was das ist, sollst Du ja selber herausfinden), die im Schnee dort oben auf dem Gipfel zuhause ist. Wie sieht sie aus? Fühlt sie sich bei dieser Kälte wohl oder hält sie gar Winterschlaf? Wie ernährt sie sich? (Du gehst jetzt wahrscheinlich ins Gipfelrestaurant und trinkst einen Tee mit Rum. Wenn das eine Schneklawut auch tut, hast du zumindest einen guten Start für eine witzige Fantasystory.)

Storyhelden sind eigenständige Persönlichkeiten aber sie spiegeln nichts anderes als die Facetten Deiner Wahrnehmung.

Hast Du eine dieser Fingerübungen auch nur gedanklich etwas durchgespielt, hast Du sicher gemerkt, daß Beschreibung und Storygeschehen in ständigem Wechsel zueinander stehen, daß Dein persönliches Empfinden noch lange nicht das eines Vulkaniers ist und ein lebendiger Wald einige Verhaltensmaßregeln erfordert, die für einen irdischen Waldspaziergang unüblich sind. Ich glaube allerdings, daß man sich in der Haut einer Schneklawut prächtig fühlt, zumal man Dinge erleben kann, die jenseits des Verstandes liegen.

Sicherlich ist Dir auch aufgefallen, daß nur ein Teil von Dir ein Vulkanier oder eine Schneklawut sein kann; daß die Persönlichkeit eines Captain Picard oder Merlins niemals ganz Dich selbst wiederspiegelt. Es sind eigenständige Persönlichkeiten, die nur zum Teil Deiner psychologischen Struktur entsprechen. In bestimmten Situationen wirst Du anders reagieren als sie. Aus dieser Erkenntnis heraus (ich nehme mal an, Du kennst Dich ganz gut), wirst Du auch wissen, was Dein Held tun wird, Du aber niemals tun würdest. Auch diese Dinge sollte eine Personenbeschreibung rüberbringen. Wie, im übrigen, schüttelst Du im Gegensatz zu einer Schneklawut, jemandem die Hand? (Das wäre wieder eine schöne, kleine Fingerübung!)

 
Stand: 2002-09-22

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