Fantasy - Möglichkeiten und Handwerk (Teil 1)

von Stefanie Bense

Wie ich zur Fantasy kam ...
Nun, eigentlich kam die Fantasy zu mir und hat mich seitdem nicht wieder losgelassen. Meine erste Fantasy-Story schrieb ich mit zehn, mitten im Unterricht, der mich maßlos langweilte. Ich schrieb und schrieb über Drachen, Zauberer, Schätze und eine unbesiegbare Heldin. Die Geschichte ist verloren gegangen, und das ist gut so. Aber es war meine erste, und sie blieb nicht unentdeckt.

Auf einmal stand mein Lehrer hinter mir, zog mir das Heft weg, las, schaute auf mich herunter, las und sagte: "Sieh an, wir haben hier eine junge Autorin, scheint mir." Und dann las er alles laut vor. Die Mitschüler schütteten sich aus vor Lachen, und ich bekam einen Eintrag ins Klassenbuch. Eine Woche lang war ich das Gespött des Schulhofs. Der Lehrer schenkte mir einen Bibliotheksausweis und einen Zettel mit einem Namen drauf: Tolkien. Damit war ich infiziert.

Ich schrieb Ewigkeiten nichts mehr, doch ich verschlang alles, was ich an Fantasy finden konnte. Meine Favoriten wurden Geschichten, in denen die Frauen nicht nur Kulisse oder Nebenfiguren waren. Als ich wieder schrieb, wechselte ich zu Mainstream-Prosa, später zu Lyrik, viel später zu Kurzgeschichten amerikanischer Art. Ich lernte eine Menge Handwerk, las Creative Writing, nahm an Schreibgruppen und kleinen Wettbewerben teil. Dennoch hatte ich das Gefühl, es würde mir etwas fehlen, das ich nicht greifen konnte.

Vor einigen Jahren musste ich mich plötzlich und ohne Vorwarnung fragen, was ich am meisten bedauern würde, sollte ich jetzt sterben. Und da war es! Es tat mir weh, nicht das geschrieben zu haben, was ich immer schreiben wollte. Wo waren all die phantastischen Geschichten? Wo blieb mein ureigener Fantasy-Roman? Warum hatte ich bislang von meiner Phantasie, meinen Träumen und Gedankenspielen so viel weggeschnitten? Also packte ich das bisher Geschriebene in große Kartons und begann Fantasy zu schreiben.

Was braucht man für Fantasy?

Man nehme einen Magier, einen Schatz, einen Drachen und eine Kriegerin, mixe es gut durch, gebe exotische Schauplätze und eine tragische Liebe hinzu, schmecke mit Kampfszenen ab, richte alles märchenhaft an und garniere es mit archaisierenden Ausdrücken - und schon hat man Fantasy!? Tja - so funktioniert das (gottseidank) nicht, höchstens für Zehnjährige. Es gibt keine Rezepte, aber eine Menge Handwerkszeug, und das will erarbeitet sein. Ob Krimi oder Fantasy, man muss üben, üben, üben. Und zwar, indem man schreibt! In allen anderen künstlerischen Bereichen ist Üben selbstverständlich, warum sollte es nicht für das Schreiben auch gelten?

Fantasy unterliegt denselben Grundsätzen wie alle Geschichten: 1. Welche Story soll erzählt werden?, 2. Wo soll sie hinführen?, 3. Wer sind die Figuren, welche Ziele, Wünsche, Motive haben sie?, 4. Wie baut man Konflikte und Plot auf?, 5. Wodurch schafft man lebendige Szenen?, 6. Was macht einen guten Dialog aus?, 7. Wie stimmt man Anfang, Mitte und Ende aufeinander ab?

Für Fantasy besonders wichtig ist die erste Frage, daher möchte ich das ausführlicher und mit Beispielen behandeln. Die folgende Kategorisierung ist (leider) nicht von mir, sondern von Orson Scott Card (How to Write Science Fiction and Fantasy, Cincinnati, Ohio, 1990, S. 76 ff). Als Beispiel nehme ich stets dieselbe Basishandlung und bereite sie expositorisch auf:

Der junge Jevon muss sein verwüstetes Zuhause verlassen und entdeckt, dass er ein verlorener Königssohn ist. Er nimmt es mit dem Thronräuber auf.

- Milieugeschichte

Welche Story soll erzählt werden? Frage dich, was dir an deiner Geschichte das Wichtigste ist. Möchtest du am liebsten von Landschaften, Städten, fremden Wesen und Kulturen erzählen? Dann schreibst du eine Milieustory. Natürlich benötigst du auch Figuren und Handlung, aber die Schauplätze sind vorrangig, wie z. B. in historischer Fantasy oder "Gullivers Reisen". Die Story beginnt, wenn die Hauptfigur ihre Reise ins Fremde, Unbekannte antritt, sie verfolgt, was die Figur alles entdeckt und wie sie sich dadurch verändert, und sie endet, wenn die Figur als "neuer Mensch" zurückkehrt.

Beispiel: Jevon lebt in einem Bergdorf, bis fremde Soldaten es niederbrennen. Seine ganze Familie wird ausgelöscht, so zieht er los, um sie zu rächen. In den Bergen verirrt er sich, er trifft auf Zwerge und Riesen, die Wildnis hält viele Überraschungen für ihn bereit. In einem Tal begegnet er dem letzten der Drachen, der in ihm einen Nachkommen des Großen Königs erkennt. Jevon durchquert die weiten Ebenen, begegnet Karawanen und Kriegszügen, und er betritt zum ersten Mal eine Stadt. Sie ist laut, groß und wird von einem Tyrannen beherrscht, der auf Jevon Jagd machen lässt. Rebellen schützen ihn, denn sie wissen, er ist der verlorene Königssohn. Sie erkämpfen den Thron zurück, und Jevon lässt das Bergdorf wieder aufbauen.

- Charaktergeschichte

Wenn du mehr an deiner Figur interessiert bist, daran, was sie darstellt und welche Rolle sie in ihrer Umgebung spielt, dann schreibe eine Charakterstory. Es geht nicht darum, was deine Figur ist, sondern was sie WIRD. Die Geschichte beginnt, wenn die Figur so wütend, unglücklich oder ungeduldig ist, dass sie etwas ändern muss. Und sie endet, wenn der Charakter eine neue Rolle in der Gesellschaft übernimmt bzw. in die alte zurückkehrt, ob er damit glücklich ist oder nicht, wie z. B. bei Tanith Lees "Im Herzen des Vulkans". Jede Figur braucht eine Entwicklung innerhalb der Geschichte, aber bei einer Charakterstory geht es um die Entwicklung und Positionsbestimmung der Figur in ihrer Gesellschaft, und das als Schwerpunkt.

Beispiel: Jevon lebt in einem Bergdorf als Hirte. Soldaten überfallen das Dorf und brennen es nieder. Außer Jevon überlebt niemand. Er lässt sich für seine Rache als Kämpfer ausbilden, aber er wird nie gut genug sein, um es mit einer Horde Söldner aufzunehmen. Also lernt er von einer Magierin, wird mächtig und bricht auf, um Rache zu üben. Auf seiner Suche begegnet er vielen, denen er mit seiner Macht helfen kann, so entdeckt er ein anderes Lebensziel. Als er schließlich den Tyrannen erreicht, ist dieser ein Wrack, das von Alpträumen gequält wird. Er hatte die Vernichtung des Dorfes befohlen, weil eine Prophezeiung ihm sagte, er würde von jemandem aus diesem Dorf entthront. Jevon verjagt den Tyrannen, lässt ihn aber ziehen, weil Rache niemanden mehr lebendig macht. Vom Magier wird Jevon nun zum Regenten.

- Ideengeschichte

In einer Ideenstory ist es das Wichtigste, wie die Hauptfigur Informationen entdeckt. Die Geschichte beginnt, wenn die Figur in das Rätsel einbezogen wird, wenn ihr die Frage oder das Problem gestellt wird. Und sie endet, wenn die Frage beantwortet oder das Problem gelöst ist. Viele Krimis folgen diesem Muster, auch Mysterythriller oder z. B. Vonda McIntyres "Die Traumschlange".

Beispiel: Jevon lebt in einem Bergdorf. Als es von Monstern überfallen wird und Jevon als einziger überlebt, will er wissen, warum das passiert ist. Eine Hexe, die er trifft, macht dunkle Andeutungen. Sie wird von Schatten getötet, die fortan Jevon verfolgen. Er sucht Schutz bei einer Magierin und wird ihr Lehrling. Bei einem Hinterhalt der Monster und Schatten stirbt sie. Jevon kann eine der Kreaturen bannen und erfährt, wer und wo sein Gegner ist. Ein tyrannischer Zauberer will ihn töten, weil Jevon der einzige ist, der laut einer Prophezeiung den Zauberer besiegen kann. Im Showdown enthüllt er, dass Jevon sein Bruder und der wahre Thronerbe ist. Jevon will ihn nicht mehr töten, doch er hat keine andere Wahl, um die Schatten und Monster zu vernichten.

- Ereignisgeschichte

In der Ereignisstory geschieht gleich zu Anfang etwas, das die Welt bedroht, ihre Ordnung stört oder sie aus den Fugen geraten lässt. Es kann das Böse sein, ein Ungleichgewicht, eine Krankheit, ein Zusammenbruch, eine Ungerechtigkeit, ein Verrat ... schau dir Tolkiens "Herr der Ringe" oder Donaldsons "Lord Foul" an. Die Geschichte beginnt, wenn die Hauptfigur in den Kampf hineingezogen wird. Und sie endet, wenn eine neue Ordnung etabliert ist, die alte wiederhergestellt wurde oder die Welt im Chaos versinkt.

Vermeide unbedingt, Prologe zu schreiben, die dem Leser die Situation der Welt erklären sollen! Prologe sind weder hilfreich noch interessant, da der Leser noch keinen Halt in der Story hat und nur einen Haufen langweiliger Informationen vorfindet. Beginne mit Figuren und Handlung, ziehe den Leser in die Geschichte - und baue die Infos dort ein, wo sie absolut notwendig zum Verständnis sind.

Beispiel: Jevon überlebt als Einziger das Massaker in seinem heimatlichen Bergdorf. Die Marodeure werden von einem gnadenlosen Mann angeführt und machen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Mann erobert mit seinem Trupp den verwaisten Thron des Landes. Er knechtet die Menschen und presst das Land aus. Jevon organisiert den Widerstand. Er lernt zu kämpfen, aber kein Schwert bleibt lange bei ihm intakt. Um mehr Anhänger zu finden, streut Jevon das Gerücht aus, er sei der verlorene Königssohn, der den Tyrannen stürzen will. Aber er wird von einem aus seinem Gefolge verraten. Als er gefangen genommen und vor den Tyrannen gebracht wird, entdeckt er im Thronsaal ein uraltes Schwert, das ihn magisch anzieht. Das Schwert seiner Väter springt in seine Hand und beweist damit seinen Anspruch auf den Thron. Die Soldaten des Tyrannen zögern, aber der Eroberer greift an. Jevon tötet ihn und wird als neuer König gefeiert.

Welche Geschichte willst du also erzählen? Wie du an den Beispielen siehst, kann man die meisten Stories einem dieser Muster folgen lassen. Das Wichtigste ist: Beende die Geschichte, die du angefangen hast! Beginne nicht mit einer Charakterstory und höre mit der Lösung eines Rätsels auf. Überprüfe, was du schreibst. Womit beschäftigt sich die Story am intensivsten? Fasziniert dich deine Hauptfigur und ihre unglückliche Beziehung zu ihrer Umgebung? Dann schreibe eine Charakterstory. Liegt dein Schwerpunkt auf den Wundern und Seltsamkeiten der Welt? Nutze die Milieustory. Gibt es eine für die Figuren (lebens-)wichtige Frage zu beantworten? Verwende die Ideenstory. Oder interessiert dich, wie du eine neue Ordnung in die Welt bringen kannst? Dann schreibe eine Ereignisgeschichte. Wähle gut, und bleibe deiner Wahl treu.

Literatur zur Fantasy

Es gibt keine deutschen Werke, die das Handwerkliche der Fantasy aufgreifen. Hier ein eher analysierendes, wissenschaftliches, jedoch lesbares Buch:

Helmut W. Pesch: Fantasy, Theorie und Geschichte, Passau: Erster Deutscher Fantasy Club e. V., 1990, 3. Auflage (dort direkt bestellbar, i. d. R. nicht über den Buchhandel erhältlich)

Aber es gibt einige englisch-amerikanische Werke, die zeigen, wie man gute Fantasy schreibt (aufgereiht nach meiner persönlichen Hitliste):

- Orson Scott Card: How to Write Science Fiction and Fantasy, Cincinnati, Ohio: Writer’s Digest Books, 1990
- Sarah LeFanu: Writing Fantasy Fiction, London: A&C Black, 1996
- Crawford Kilian: Writing Science Fiction and Fantasy, Bellingham, WA: Self-Counsel Press, 1998
- Christopher Kenworthy: Writing Science Fiction, Fantasy and Horror, Oxford, UK: How to Books, 1997

Im zweiten Teil:

 

  • Was ist das Besondere an Fantasy?
  • Die typische Fantasy-Story
  • Und warum bleibe ich bei Fantasy?

     

Stand: 2002-09-22

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