Schreibkurs: Dialog (Teil 3) Der Dialog vermittelt ein Gefühl für Raum und Zeit

von Ramona Roth-Berghofer

In den Teilen 1 und 2 dieses Schreibkurses haben wir am Beispiel von Kirk Mitchells "Backdraft" gesehen, dass der Dialog die Charaktere beschreibt, dass er durch die Vernetzung der Charaktere Konflikt heraufbeschwört und dass er das Roman-Geschehen, durch die Wechselwirkung mit dem beschreibenden Hintergrund, vermittelt. In Teil 3 werden wir anhand einiger Beispiele sehen, dass der Dialog dem Leser auch ein Gefühl für den Raum und die Zeit gibt, in denen ein Roman spielt.

Wählen wir als erstes Beispiel wieder einen Auszug aus "Backdraft", jenem Roman zum Film von Kirk Mitchell, der Anfang der 90er zum Kino-Ereignis geworden ist:

"Ist es gestattet, an Bord zu kommen?", rief Brian und klopfte mit den Knöcheln auf das Holz der Leiter.
Stephen sah zu ihm herab, wischte sich mit dem ölverschmierten Arm über das Gesicht und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
Er darf dir deine Angst nicht anmerken, nahm Brian sich vor. Er ging neben der offenen Maschinenkammer in die Hocke und nahm die verschiedenen Ölgerüche und Stephens Schweiß in sich auf. Für einen kurzen Moment glaubte er statt seines Bruders seinen Vater bei der Arbeit zu sehen.
Musik drang aus der Kombüse. "Was ist das?"
"Buffalo Springfield", antwortete Stephen. Dann schien er selbst seiner abweisenden Haltung überdrüssig zu werden. "Willst du ein Bier?"
"Aber immer."
Stephen führte ihn in die Kombüse und den Wohnraum. Ungespülte Teller. Zerdrückte, leere Bierdosen … Was war geschehen? Stephen hatte immer eine nervtötende Ordentlichkeit an den Tag gelegt. "Es gefällt mir, was du aus dem alten Kahn machst."
"Es geht langsam voran." Stephen warf ihm vom Kühlschrank ein Bier zu. Es war nicht eben eiskalt.
"Ich dachte, du hättest diese Badewanne verkauft."
"Habe ich auch. War schon alles arrangiert. Dann ist der Kerl in letzter Minute abgesprungen und verduftet."
Sie schwiegen beide und tauschten kurz einen Blick aus …

Schnell wird hier klar, dass es sich wohl kaum um einen historischen Roman oder ein Weltraum-Epos handelt. Dialog und beschreibender Hintergrund (Maschinenkammer, Ölgeruch, Kahn, Countrymusik …) zeigen hier durch die Wortwahl, durch Sprachmuster und - rhythmus, dass wir es eher mit einer Geschichte zu tun haben, die in der Gegenwart oder nahen Vergangenheit spielt. Brian besucht seinen Bruder Stephen auf dessen Boot, das der Bruder gerade repariert. Im Hintergrund laufende Musik wird erwähnt, die Kombüse gezeigt und der Wohnraum, mit ungespülten Tellern, zerdrückten Bierdosen etc. Das Gespräch zwischen den beiden Brüdern würde von seinen Wörtern und seinem Muster gut irgendwo in die 80er oder 90er Jahre hineinpassen:

"Ist es gestattet, an Bord zu kommen?"
"Willst du ein Bier?"
"Was ist das?"
"Buffalo Springfield." (Countrymusik)
"Es gefällt mir, was du aus dem alten Kahn machst."

Ganz gewiss hat der Leser es hier nicht mit Richard Löwenherz oder Luke Skywalker zu tun, eher mit einem Roman, der nur wenige Jahre in der Vergangenheit oder Zukunft spielt (hier Psycho- und Katastrophen-Thriller).

Wählen wir als Nächstes einen Auszug aus Umberto Ecos furiosem historischem Kriminalroman "Der Name der Rose":

"Was machen wir jetzt?", fragte ich [Adson von Melk] William.
"Jetzt kümmern wir uns wieder um unsere Mordfälle."
"Meister", sagte ich, "heute sind folgenschwere Dinge geschehen von großem Gewicht für die Christenheit, und Eure Mission ist gescheitert. Und doch seid Ihr offenbar mehr an der Aufklärung dieser Mordfälle interessiert als am Konflikt zwischen Kaiser und Papst."
"Narren und Kinder sagen die Wahrheit. Ja, Adson, du hast Recht, und ich will dir auch sagen, warum. Als kaiserlicher Ratgeber bin ich wohl nicht so gut wie mein Freund Marsilius, aber als Inquisitor bin ich der Bessere. Besser sogar als Bernhard, Gott vergebe mir. Denn Bernard will gar nicht unbedingt den wahren Schuldigen finden, er will nur den Angeklagten brennen sehen. Mir dagegen macht es Freude, ein richtig schön verwickeltes Knäuel zu entwirren. Hinzu kommt, dass ich in einem Moment, da ich als Philosoph bezweifle, ob die Welt eine Ordnung hat, einen gewissen Trost darin finde, wenn schon nicht eine Ordnung, so doch wenigstens ein paar Zusammenhänge zwischen den Angelegenheiten der Welt zu entdecken. Und schließlich gibt es vielleicht noch einen tieferen Grund: In dieser Geschichte geht es womöglich um Dinge, die größer und bedeutsamer sind als der Streit zwischen Kaiser und Papst …"
"Aber das ist doch bloß eine Geschichte von Hader und Zwietracht zwischen recht untugendhaften Mönchen!", rief ich verblüfft.
"Um ein verbotenes Buch, Adson, um ein verbotenes Buch!"

Wortwahl, Sprachrhythmus und -muster unterscheiden sich hier sehr von unserem ersten Beispiel. Allein schon die gewählte Sprache, die Erzählweise entwickelt vor den Augen des Lesers eine ganz andere Atmosphäre. Die Anrede erfolgt in der dritten Person, die ganze Ausdrucksweise ist von mehr geschichtlichem Charakter, ganz zu schweigen davon, dass der Leser von "folgenschweren Dingen von großem Gewicht für die Christenheit" erfährt, vom "Konflikt zwischen Kaiser und Papst", von Angeklagten, die, ob schuldig oder nicht, ein gewisser Bernhard gerne brennen sehen will.

Eindeutig haben wir es hier mit einem historischen Roman zu tun, der im späten Mittelalter angesiedelt ist. Und da es hier auch noch um die Aufklärung von Mordfällen geht, die Zwietracht zwischen untugendhaften Mönchen, handelt es sich letztendlich sogar um einen historischen Kriminalroman bzw. eine historische Detektivgeschichte.

Und da wir schon einmal im Historischen sind, hier noch ein Auszug aus Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick", der sehr schön zeigt, wie ein Dialekt die Wirkung eines Dialogs verstärken kann:

Polizist: "Hier kommt jeder ran, wenn er dran is."
Wilhelm Voigt: "Verzeihnse, is hier Zimmer neun?"
Polizist: "Könnense nicht lesen? Setzense sich hin."
Voigt: "Nee, pardong, Herr Wachtmeister, ick mechte nu erst wissen, ob ick hier auch richtig bin, er hat jesagt, probiernse’s mal in Zimmer neun, aber wenn et nu wieder nicht stimmt - wenn dat nu wieder nicht zuständig is -"

Wählen wir unser letztes Beispiel aus Arthur C. Clarkes "2001 - Odysee im Weltraum":

"Weißt du, wo der Fehler steckt?", fragte Bowman.
"Nein, ich kann ihn nicht lokalisieren. Aber er scheint im Aggregat AE-35 zu liegen.
"Was schlägst du vor?"
"Am besten wäre es, das Aggregat auszuwechseln, damit wir es überprüfen können."
"Okay. Sehen wir uns den Plan an."
Das gewünschte Bild erschien auf dem Schirm; gleichzeitig glitt aus einem darunterliegenden Schlitz eine Fotokopie. Trotz aller elektronischen Ablesemöglichkeiten gab es immer noch Momente, in denen eine gute, altmodische, technische Zeichnung die praktischste Form der Wiedergabe war.
Bowman warf einen Blick auf die Diagramme, dann stieß er einen Pfiff aus. "Das bedeutet, dass einer das Schiff verlassen muss", sagte er. "Das hättest du uns sagen können."
"Tut mir leid", erwiderte HAL. "Ich nahm an, ihr wusstet, dass sich AE 35 außen bei der Antenne befindet."
"Ich wusste es wahrscheinlich - vor einem Jahr. Denn wir haben immerhin achttausend Schaltsysteme an Bord. Die Arbeit scheint nicht schwierig zu sein. Man muss nur die Deckplatte aufschrauben und ein Ersatzaggregat einsetzen."
"In Ordnung", sagte Poole, der bestimmt war, Außenreparaturen auszuführen. "Ich kann einen Tapetenwechsel gut gebrauchen."
"Mal sehen, ob die Bodenkontrolle einverstanden ist", sagte Bowman.

Begriffe wie Aggregat, elektronische Ablesemöglichkeiten, Schaltsysteme oder Außenreparatur und Bodenkontrolle sind kaum der Wortschatz, aus dem ein historischer Roman gestrickt wird. Auch wenn der Dialog vom Sprachrhythmus und -muster her ebenso gut in der Jetztzeit auf der Erde spielen könnte, legt diese spezielle Wortwahl das Genre doch eindeutig als Sciencefiction fest.

Der Dialog ist also auch ein wichtiges Instrument, um das Umfeld, den Raum und die Zeit, in der eine Geschichte spielt, zu beschreiben und dadurch für den Leser sichtbar zu machen.

Stand: 2002-09-22

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