Schreibkurs: Dialog (Teil 1)

von Ramona Roth-Berghofer

Ein Roman lebt stark vom Dialog. Der Dialog, wenn er gut geschrieben ist, sorgt für Tempo, vermittelt Hintergrund und belebt den erzählenden Text, indem er den Leser unmittelbar am Vernetzen der Romanfiguren teilhaben lässt und diese durch ihre Art, einen Dialog zu führen und damit ihre Beziehung aufzubauen, beschreibt. Dabei ist es wichtig, die richtige Dialogform zum richtigen Zeitpunkt zu wählen.

Die am häufigsten verwendete Form, um die Figuren für den Leser interessant zu machen, ist sicher die "direkte Rede". Aber auch die "indirekte Rede" und der "innere Monolog" haben - wohldosiert - ihre Berechtigung.

 

  • Direkte Rede: "Verdammt. Ich hatte dir doch gesagt, dass das Eis an dieser Stelle bricht."
  • Indirekte Rede: Verdammt. Sie hatte ihm doch gesagt, dass das Eis an dieser Stelle brechen würde.
  • Innerer Monolog/Gedanke (immer kursiv geschrieben!): Verdammt. Ich hatte ihm doch gesagt, dass das Eis an dieser Stelle bricht.

 

Die direkte und indirekte Rede sind übrigens nicht zu verwechseln mit dem direkten und indirekten Dialog, die beide noch in einem späteren Artikel behandelt werden.

Eine Funktion des Dialogs ist es also, die Handlung voranzutreiben. Ein Dialog, der keinen Konflikt, keine Spannung zwischen den handelnden beziehungsweise sprechenden Figuren aufbaut, verfehlt sein Ziel. Er sollte dringend noch einmal überarbeitet werden.

Der Dialog vermittelt uns aber auch das unmittelbare Geschehen einer Szene und informiert uns über Sprachmuster, Vokabular und Rhythmus, über den Raum und die Zeit, in der eine Geschichte spielt. Ein junger Mensch aus dem preußischen Berlin zum Beispiel wird eine andere Sprache sprechen als ein Jugendlicher aus der heutigen Bundeshauptstadt.

Wichtig ist, dass der Dialog den Eindruck vermittelt, dass tatsächlich Menschen aus Fleisch und Blut miteinander reden. Aber Vorsicht, der Dialog in einer Geschichte unterscheidet sich sehr von dem normalen Gespräch im Alltag auf der Straße, das ja durch seine Spontanität nicht von A-Z durchdacht ist, viele Sprünge, Füllwörter, Satzabbrüche, vielleicht auch Dialekt usw. aufweist. Auch sind die Referenzen - der Gesprächshintergrund - in einem Alltagsgespräch meist klar, während sie in einem Dialogtext erst noch ausgearbeitet werden müssen. In einem Roman ist es wichtig, dass der Anschein eines natürlichen Gesprächs gewahrt bleibt, dass es spontan, geistreich, leibhaftig wirkt. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Autor mehrere Nächte darüber gebrütet hat, bis sein Dialog sich wie aus dem Leben gegriffen liest.

Alltagsgespräch

A: "Hann Se schonn g`hört?"
B: "Wass? - Mensch, wo is dann mein Kuli widder hin?"
A: "Ei de Schmidt, he, der iss jetzt Stellvertreter vom Maier
geworde."
B: "Ah, do isser jo."
A: "De Schmidt?"
B: "Ne, mei Kuli. - Also wenn Se mich frache, de Schmidt hat
die Stell gar nit verdient."
A: "Do sache Se was. De Maier wird sich noch umgucke, wenn ...
Awwer was solls, uf unsereens härt ja doch kenner. Ich sach
Ihne, in nem halbe Johr hat de Schmidt hie alles runnergewirt-
schaftet, und mir kinne das dann widder g`rad bieche."
B: "Ach, iss dass immer e Zeuch mit dem Kuli! - Hann Se eichentlich
schon de neue Waache vom Schmidt gesien? Denne krachneie A8?"
A: "Ach nee, dreht da jetzt vollkumme durch? Der iss doch
mindescht`ns zwee Nummern zu groß für denne."

Dialogfassung

A: "Wenn ich es nicht schwarz auf weiß gesehen hätte, würde ich es
nicht glauben."
B: "Dass Werner Schmidt die leitende Position eines Bezirksstell-
vertreters eingenommen hat? Das hat nicht nur Sie überrascht."
A: "Ich verstehe nicht, wie die Geschäftsleitung so blind sein
kann."
B: "Oh, die Geschäftsleitung ist noch viel blinder. Haben Sie schon
Schmidts neuen Geschäftswagen gesehen?"
A: "Etwa den neuen Audi A 8?"
B: "Genau den. Unglaublich, nicht wahr?"

Für einen guten Dialog ist es auch wichtig, dass der Leser die Figuren sehen kann. Der beschreibende, unmittelbar mit dem Dialog verknüpfte Hintergrund, sofern er den eigentlichen Dialog nicht erdrückt, darf nicht vergessen werden. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Nicht immer muss die Aussage einer Figur nämlich mit ihrer Körpersprache übereinstimmen. Der Hintergrund erinnert den Leser außerdem daran, wo die agierenden Figuren sich gerade befinden und was sie gerade tun. Dort, wo der Dialog für sich alleine stehen kann, sollte er das jedoch unbedingt tun.

Der Dialog hat also folgende Funktionen:

 

  • Er beschreibt die Charaktere
  • Er entwickelt durch die Vernetzung der Charaktere Konflikt und
    treibt damit die Handlung voran
  • Er vermittelt das Roman-Geschehen und
  • Er vermittelt dem Leser ein Gefühl für den Raum und die Zeit, in
    der ein Roman spielt

 

Im Folgenden werden wir anhand von Beispielen auf diese einzelnen Funktionen eingehen und sie erläutern. Beginnen wir mit Punkt 1, der Beschreibung einer Figur alleine durch den Dialog.

1) Der Dialog beschreibt die Charaktere

Allgemein:

Die Art des Dialogs, das Dialogniveau lässt uns wissen, mit welchem Wesen von Mensch wir es zu tun haben. Ist die Figur zurückhaltend, schüchtern oder eher großmäulig und agressiv? Ist sie humorvoll oder nicht? Intelligent? Gebildet? Gutmütig oder eher berechnend? Wie verhält sich der Charakter, während er spricht? Was tut er? Verschränkt er die Arme? Tritt er von einem Fuß auf den anderen? Bleibt er völlig ruhig oder cool? Auch "Tun" ist Dialog. Niemand spricht ohne Körpersprache. Manchmal ist die Körpersprache sogar die einzige Sprache, mit der eine Figur spricht. All das muss der Leser aber beim Lesen sehen können, damit ein rundes Bild in seinem Kopf entsteht.

In unserem nachstehenden Beispiel, einem Auszug aus Kirk Mitchells "Backdraft", der bis auf den reinen, nackten Dialog gekürzt ist, werden wir sehen, was uns ein Dialog alleine schon über die Figuren verraten kann.

Stephen: "Du machst das ganz falsch."
Brian: "Halt den Mund!"
Stephen: "Falsch, falsch, falsch. - So geht das nicht."
Brian: "Doch es geht wohl."
Stephen: "Nein, tut es nicht. Ehrlich."
Brian: "Wer hat dich denn gefragt?"
Stephen: "Wenn du es nicht besser machst, geht der Mantel in Feuer auf."
Brian: "Geht er nicht."
Stephen: "Doch, das wird er, und du wirst dich verbrennen. Du wirst dann sterben. Genauso wie ... Carey. - Du wirst sterben."
Mann, der zur Tür hereinkommt: "Wer wird hier sterben?"
Stephen: "Dad. Er hat es falsch gemacht, wie immer."

In diesem kurzen Dialogausschnitt sehen wir, welche Wirkung Stephens Sprache auf Brian hat. Auch können wir aus der Art der Sprache schließen, dass es sich hier wohl kaum um zwei Erwachsene handelt, wie am Ende durch Stephen bestätigt wird. Uns wird auch klar, dass Stephen nicht zum ersten Mal das Brian völlig verhasste Wort Ehrlich gegenüber gebraucht, was wiederum darauf hindeutet, dass Stephen Brian schon des öfteren hat korrigieren müssen. Stephens Kommentar "Dad. Er hat es falsch gemacht, wie immer." bestätigt diesen Eindruck.
Wir sehen also in Brian einen Jungen, der es Stephen gleich machen will, nein besser! - und der versagt, wie immer. Die Feststellung "wie immer" könnte sogar darauf hindeuten, dass es sich bei Brian und Stephen um Brüder handelt. In jedem Fall fühlt Brian sich Stephen unterlegen, und das schon sein ganzes Leben lang, und dieses Gefühl der Unzulänglichkeit macht Brian auf gewisse Weise sensibel, aber auch missmutig, verletzlich, trotzig und aggressiv. Dennoch wird er es nicht aufgeben, es Stephen irgendwann einmal gleichzutun, auch wenn Stephen in diesem Fall wieder Recht hat - wie immer.

Aber dieser kurze Dialogauszug erzählt uns nicht nur etwas über die beiden Figuren Brian und Stephen. Er liefert gleichzeitig auch Konflikt.

2) Der Dialog entwickelt durch die Vernetzung der Charaktere Konflikt und treibt damit die Handlung voran

Allgemein:

Der Dialog eignet sich hervorragend dafür, um mitten in eine Szene hineinzuspringen. Er verleiht einer Szene und damit dem gesamten Roman mehr Tempo. Jungautoren neigen meist dazu, ihre Szenen mit einem ausführlichen erzählerischen Part zu beginnen, was, gerade wenn man einen spannungsgeladenen Thriller schreiben will, nicht unbedingt der beste Ansatz ist, um dem Leser das Gefühl mitreißender Action zu vermitteln. Jedoch ist die Methode, direkt mit einem Dialog in einen Roman oder eine Szene zu springen, kein Allheilmittel. Die Dosis macht auch hier das Gift.

Hier noch einmal (exakt) unser obiges bis auf den Dialog gekürztes Beispiel, um lästiges Hin- und Herblättern zu umgehen.

Stephen: "Du machst das ganz falsch."
Brian: "Halt den Mund!"
Stephen: "Falsch, falsch, falsch. - So geht das nicht."
Brian: "Doch es geht wohl."
Stephen: "Nein, tut es nicht. Ehrlich."
Brian: "Wer hat dich denn gefragt?"
Stephan: "Wenn du es nicht besser machst, geht der Mantel in Feuer auf."
Brian: "Geht er nicht."
Stephen: "Doch, das wird er, und du wirst dich verbrennen. Du wirst dann sterben. Genauso wie Carey. - Du wirst sterben."
Mann, der zur Tür hereinkommt. "Wer wird hier sterben?"
Stephen: "Dad. Er hat es falsch gemacht, wie immer."

Der Leser stellt sich sofort die Frage: "Was ist hier los?" Dieser Dialogauszug steckt voller unverträglicher Emotionen und damit voller Konflikt. Zwei Jungen (womöglich Brüder), die in ständiger Konkurrenz zueinander stehen, von denen der eine das Gefühl hat, dem anderen niemals ebenbürtig zu sein. Schon der erste Dialogsatz "Du machst das ganz falsch" und die darauf erfolgende Antwort "Halt den Mund!" ziehen den Leser sofort in den Konflikt zwischen den beiden Jungen hinein. "Falsch, falsch, falsch. - So geht das nicht.", das schürt den Konflikt weiter. Dann von Stephen ein vermittelndes Ehrlich, das auch fast wirkt. Und schließlich die Frage des Vaters, der unvermittelt den Raum betritt, und Stephens Antwort: "Dad. Er hat es falsch gemacht, wie immer."

Von Anfang an haben wir hier Aktion und damit ein hohes Tempo. Personen und Konflikt sind über den Dialog und die damit einhergehenden Emotionen gelungen miteinander verwoben. Dennoch wäre dieser lebendige Dialog - völlig auf sich alleine gestellt, wie er hier steht - noch kein ausreichend guter Story-, Kapitel- oder Szenenanfang. Er ist ein faszinierendes Gerüst, aus dem sich ein guter Einstieg entwickeln lässt. Im nächsten Tempest werden wir uns deshalb ansehen, wie die endgültige Textpassage aus Kirk Mitchells "Backdraft" aussieht, welche weiteren Informationen der Autor seinem Leser durch die Verbindung von Dialog und szenischer Darstellung gibt.

Im nächsten Teil dieser Reihe:

 

  • Die Wechselwirkung von Dialog und beschreibendem Hintergrund
  • Der Dialog vermittelt das Roman-Geschehen
  • Der Dialog vermittelt dem Leser ein Gefühl für den Raum und die
    Zeit, in der ein Roman spielt

 

Stand: 2002-09-22

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.