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Editorial
Hall of Fame
Schreib-Kick
Lesetipps
Schreibkurs
"Tipps zur Figurenentwicklung - Teil 2"
 von Nadine Muriel
Spannung, der Unterleib der Literatur
 Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen
Seminarbericht
"Outdoor-Autor"
 von Melanie Scharlé
Buchbesprechung
"Wie man den Bachmannpreis gewinnt"
 von Angela Leinen
 besprochen von Gabi Neumayer
Interview mit Ulf Schiewe
Des bösen Lektors Wörterbuch
Frag den Experten für Historischen Roman
(Titus Müller)
Frag den Experten für Verlagswesen
(Bjørn Jagnow)
EDITORIAL: ---------------------------------------------------------------------
Liebe Autorinnen und Autoren,
im zweiten Teil ihres Schreibkurses zur Figurenentwicklung empfiehlt Nadine Muriel unter anderem, mit den Figuren doch mal Gassi zu gehen. Hans Peter Roentgen führt uns im zweiten Teil seines Lektorats (Text dazu im November-Tempest) ein typisches Schreibproblem und mögliche Lösungen vor. Melanie Scharlé hat an einem Schreibcamp teilgenommen und berichtet über ihre Erfahrungen. Und unsere HerausgeberInnen haben den Autor Ulf Schiewe interviewt.
Das allein wäre sicher schon genug anregende Lektüre für die Feiertage, aber dazu kommen ja noch: Link- und Schreib-Tipps, eine neue Buchempfehlung, Honeyball Lektors spitze Definitionen, hilfreiche Expertenantworten und viele neue Ausschreibungen. Und wer noch Geschenke sucht: Schaut doch mal in der "Hall of Fame" nach, was andere AbonnentInnen in letzter Zeit so veröffentlicht haben!
Der Tipp des Monats Dezember, diesmal von Veronika A. Grager:
Schenken Sie Leuten, die viel mit anderen Menschen zu tun haben, Ihr Buch, z. B. der Sprechstundenhilfe des Arztes. Dafür sollen sie es nur immer in Sichtweite liegen lassen.
Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk bekommt diesmal Melanie Schröder, die mit Ihrem Fitness-Schreib-Tipp unsere Überraschungsverlosung gewonnen hat. Sie freut sich (hoffentlich) über das Sortiment Lesebändchen, mit denen man bändchenlose Bücher nachträglich veredeln kann. Ihr seht: Es lohnt sich, uns Tipps, Artikelvorschläge, Schreib- Kicks und Minidialoge ("Küss mich, ich bin ein Autor!") zu schicken. Ihr macht eurer Redaktion eine Freude, helft den anderen LeserInnen des Tempest - und könnt auch noch auf unglaubliche Gewinne hoffen. - Ein gutes neues Jahr uns allen!
Gabi Neumayer Chefredakteurin
~~~~~~~~~~~ Damit wir den Tempest auch in Zukunft weiterführen können, brauchen wir eure Hilfe: Wer uns unterstützen möchte, überweise bitte einen freiwilligen Jahresbeitrag (15 Euro haben wir als Richtwert gesetzt, aber ihr helft uns auch schon mit 5 oder 10 Euro weiter) auf das Konto von autorenforum.de:
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Wer aus Österreich überweist, braucht außerdem diese Nummern (bitte genau so zusammenschreiben!) IBAN: DE16 5509 0500 0100 7245 15 BIC: GENODEF1S01
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ISSN 1439-4669 Copyright 2010 autorenforum.de. Copyright- und Kontaktinformationen am Ende dieser Ausgabe ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
INHALT DIESER AUSGABE:
TEIL 1:
Editorial Hall of Fame Schreib-Kick Lesetipps Schreibkurs "Tipps zur Figurenentwicklung - Teil 2" von Nadine Muriel Spannung, der Unterleib der Literatur Text: anonym, Lektorat: Hans Peter Roentgen Seminarbericht "Outdoor-Autor" von Melanie Scharlé Buchbesprechung "Wie man den Bachmannpreis gewinnt" von Angela Leinen besprochen von Gabi Neumayer Interview mit Ulf Schiewe Des bösen Lektors Wörterbuch Frag den Experten für Historischen Roman (Titus Müller) Frag den Experten für Verlagswesen (Bjørn Jagnow) Impressum
TEIL 2:
Veranstaltungen Ausschreibungen Publikationsmöglichkeiten mit Honorar ohne Honorar Seminare Messekalender Impressum
********************************************************************* HALL OF FAME: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
Die "Hall of Fame" zeigt die Erfolge von AbonnentInnen des Tempest. Wir freuen uns, wenn ihr euch davon motivieren und ermutigen lasst - dann werden wir euer neues Buch hier bestimmt auch bald vorstellen können.
Melden könnt ihr aktuelle Buchveröffentlichungen (nur Erstauflagen!) nach diesem Schema:
....... AutorIn: "Titel", Verlag Erscheinungsjahr (das muss immer das laufende oder das vergangene Jahr sein!), Genre (maximal 2 Wörter). Zusätzlich könnt ihr in maximal 60 Zeichen (nicht Wörtern!) inklusive Leerzeichen weitere Infos zu eurem Buch unterbringen. ....... Ein Beispiel (!):
Johanna Ernst: "Der Fall der falschen Meldung", Hüstel Verlag 2009, Mystery-Thriller. 60 Zeichen - und kein einziges mehr! Inklusive Homepage! .......
Ausgeschlossen sind Veröffentlichungen in Anthologien, Bücher im Eigenverlag und BoDs (sofern sie im Eigenverlag erschienen sind) sowie Veröffentlichungen in Druckkostenzuschussverlagen.
ACHTUNG! Schreibt in eure Mail mit der Meldung immer auch hinein, dass ihr bestätigt, dass die Veröffentlichung weder im Eigenverlag noch in einem Verlag erschienen ist, bei dem der Autor irgendetwas bezahlt hat! Als Bezahlung gilt auch, wenn er Bücher kostenpflichtig abnehmen muss, Lektorat bezahlt o. Ä.
Schickt eure Texte unter dem Betreff "Hall of Fame" an redaktion at team pt autorenforum pt de.
Wir berücksichtigen ausschließlich Meldungen, die nach dem obigen Schema gemacht werden und die Bestätigung zum Verlag enthalten. Änderungsaufforderungen zu Meldungen, bei denen das nicht der Fall ist, werden ab sofort nicht mehr verschickt!~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ~
Karin Burschik: "Yoga - ein Weg zum Glücklich-Sein", Verlag Via Nova, 2009, Sachbuch. Mehr dazu auf meiner Homepage http://www.karin- burschik.de
Regine Fiedler "Geheimnisse im Rattenhaus - Die Deichbande Band 1", KBV Verlag 2010. Kinderkrimi ab 10 Jahren
Elsa Rieger: "Ein Mann wie Papa", Aavaa Verlag 2010, Entwicklungsroman.
Sven Klöpping: "Menschgrenzen", p.machinery 2010, Sciencefiction. Die besten SF-Storys der letzten 10 Jahre
Inez Corbi: "Das Lied der roten Erde", Ullstein Taschenbuch Verlag 2010, Historischer Roman. Australien um 1800. Eine verbotene Liebe. www.inez-corbi.de
Antje Ippensen/Marten Munsonius/Alexandra Worst: "Corrigan 4, DER DUNKLE HERRSCHER, Buch 1 von 2, METAMORPHOSE", mg-Verlag 2010, Military-Endzeit-SF. Corrigan ist weiter auf der bizarren Suche nach Antworten
Antje Ippensen/Marten Munsonius: "Corrigan 5, DER DUNKLE HERRSCHER, Buch 2 von 2, ERBARMUNGSLOS", mg-Verlag 2010, Military-Endzeit-SF. Corrigans Suche führt ihn in den Orbit und tief ins Grauen
Antje Ippensen/Marten Munsonius: "Corrigan 6, ZEITSTROM", mg-Verlag 2010, Military-Endzeit-SF. Corrigan gefangen im Kokon aus rätselhaften Zeit-Fäden
Barbara Schinko: "Rabenfeder - Weltenwanderer XII", Arcanum Fantasy Verlag 2010, phantastischer Kurzroman. Jahrmarktgeschichte mit Raben, www.arcanum-fantasy-verlag.de
********************************************************************* SCHREIB-KICK: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
Unser Schreib-Kick für den Dezember, diesmal von Ursula Schmid-Spreer:
Nach Bildern schreiben
Sammeln Sie Bilder aus Zeitschriften. Sie können interessant, rätselhaft oder auch lieblich sein. Setzen Sie ein Bild in eine Geschichte um, oder wandern sie in ihm wie in einer fremden Gegend umher. Gestalten Sie aus den eigenen Eindrücken, Gedanken und Fragen ein Gedicht, vielleicht auch "vor Ort" im Museum oder in einer Galerie.
********************************************************************* LESETIPPS: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,709761,00.html: Explosion des Wissens: Hat Deutschland im 19. Jahrhundert einen industriellen Aufstieg erlebt, weil das Land kein Urheberrecht kannte? Mit dieser Analyse sorgt ein Münchner Wirtschaftshistoriker für Aufsehen.
http://www.welt.de/print/wams/kultur/article11100746/Jim-Knopf-und- die-wilden-Achtundsechziger.html: Die Gruppe 47 des Kinderbuchs: Vor 50 Jahren trafen sich James Krüss, Michael Ende, Max Kruse und Otfried Preußler. Ihre Werke prägten das Land nachhaltiger als die von Grass, Walser und Böll.
http://neuebuecher.de/: Orientierung in der Flut der jährlichen Bücher-Neuerscheinungen will der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit einem neuen Internet-Angebot geben. Auf der Seite finden Interessierte alle lieferbaren Bücher, die in den vergangenen drei Monaten auf den Markt gekommen sind oder in den nächsten drei Monaten erscheinen. Mit einer "Reinlesen"-Funktion kann man in die neuen Titel vorab hineinschauen. Auch CDs, DVDs oder E-Books lassen sich so finden.
********************************************************************* SCHREIBKURS: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Tipps zur Figurenentwicklung - Teil 2" von Nadine Muriel
Das Charakterinterview
Für die nächste Übung, das Charakterinterview, brauchen Sie die Hilfe eines Freundes: Stellen Sie sich vor, Sie seien Ihre Figur und Ihr Freund habe Sie - d. h. Ihre Figur - gerade kennengelernt. Ihr Freund soll Ihnen nun einige Fragen stellen, die ihm spontan in den Sinn kommen.
Achten Sie gemeinsam darauf, das Gespräch nur dann die Handlung Ihrer Story berühren zu lassen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Schließlich sollen Sie nicht den Plot nacherzählen, sondern im Gegenteil Ihren Protagonisten als Alltagsperson kennenlernen. Ihr Freund kann sich beispielsweise nach Beruf und Hobbys erkundigen, nach Lieblingsessen, Lieblingsmusik und Lieblingsfilmen oder nach Kindheitserinnerungen, Familienstand, dem Verhältnis zu Eltern und Geschwistern o. Ä.
Im Idealfall sollte sich daraus ein flüssiges, natürliches Gespräch ergeben: "Du arbeitest als Dokumentarin im Archiv für politische Untergrundbewegungen? Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag bei dir aus?" oder "Echt, du bist im Alter von sieben Jahren mit deiner Familie aus Portugal nach Deutschland eingewandert? War es schwierig für euch, hier Fuß zu fassen?"
Versuchen Sie währenddessen, sich ganz in Ihre Figur hineinzuversetzen. Beantworten Sie die Fragen möglichst spontan: Überlegen Sie nicht lange, welche Hobbys, Interessen oder Vorlieben rein theoretisch zu Ihrer Figur passen könnten - reden Sie frei drauflos. Sprechen Sie dabei in der Ich-Form. Passen Sie Ausdrucksweise und Wortschatz an. Sagen Sie nicht: "Meine Hauptfigur Martha mag elektronische Musik", sondern "Ich steh total auf EBM - je schräger, desto besser. Es geht nichts über eine tüchtige Lärmorgie."
Tauchen Sie auch emotional in Ihre Figur ein: Haben Sie das Gefühl, dass sie über bestimmte Themen besonders gern spricht? Und gibt es Fragen, die ihr unangenehm sind oder sie sogar ärgern?
Zeichnen Sie das Gespräch auf, oder machen Sie anschließend Notizen.
Überlegen Sie auch hier, welche Details Sie in Ihre Geschichte einfließen lassen können. Wenn Sie festgestellt haben, dass das Lieblingsessen Ihrer Protagonistin Martha Broccoli ist, könnte der Anruf des Bruders besonders ungelegen kommen, weil Martha gerade einen Broccoliauflauf im Backofen hat. Aber vielleicht klingelt das Telefon ja auch genau in dem Moment, in dem im Fernsehen eine Doku über elektronische Musik anläuft, auf die Martha sich schon lange gefreut hat ...
Solche Kleinigkeiten geben dem Leser das Gefühl, dass Ihre Figur tatsächlich eine eigenständige Persönlichkeit ist, deren Dasein sich nicht auf ihre Rolle in der Geschichte beschränkt.
Man kann nie genug wissen!
Vielleicht werden Sie während des Charakterinterviews feststellen, dass Sie einige Fragen nicht oder nur ungenau beantworten können, weil ihnen das Hintergrundwissen fehlt. Das sollten Sie als Anreiz nehmen, sich über diese Punkte gezielt kundig zu machen: Sie wissen nicht, wie der typische Arbeitstag einer Dokumentarin aussieht oder mit welchen Schwierigkeiten Kinder aus Einwandererfamilien zu kämpfen haben? Recherchieren Sie im Internet, lesen Sie Fachliteratur und Erfahrungsberichte, und sprechen Sie mit Personen, die mit solchen Situationen vertraut sind.
Je mehr Sie über die Hintergründe Ihrer Figur wissen, desto besser können Sie sich in ihre Gedanken, Gefühle und Assoziationen hineinversetzen.
Mit den Figuren Gassi gehen
Der nächste Schritt besteht darin, Ihre Figur mit in den Alltag nehmen. Diese Übung finde ich besonders hilfreich, um tiefer in das Welterleben der Perspektivträger einzudringen - ich nenne sie "mit den Figuren Gassi gehen".
Sie stehen an der Haltestelle und warten auf Ihren Bus? Klasse! Nutzen Sie die Zeit, indem Sie die Umgebung aus den Augen Ihrer Figur betrachten. Wie würde sie diese Situation empfinden? Worauf würde sie besonders achten? Würde Sie den Gesprächen der anderen Wartenden lauschen oder lieber die Auslagen im Feinkostgeschäft studieren? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Details, beispielsweise das kleine Mädchen, das von seiner Mutter hartnäckig ein Bonbon fordert. Würde Ihre Figur die Kleine niedlich finden oder sich im Gegenteil über das verzogene Rotzbalg ärgern? Aber vielleicht würde diese Situation sie auch an ihre eigene Kindheit erinnern ...
Besonders gut eignen sich dafür Besuche in Restaurants oder Cafés: Ärgern Sie sich nicht, wenn Ihre Verabredung zu spät kommt - studieren Sie stattdessen die Karte und überlegen Sie, welches Getränk Ihre Figur bestellen würde. Wie würden ihr die Hintergrundmusik und die Einrichtung gefallen? Würde sie sich in dieser Umgebung wohlfühlen?
Ein Einkaufsbummel gemeinsam mit Ihrem Protagonisten gehört zu den Vergnügen besonderer Größenordnung. Wenn Sie sich dabei ertappen, wie Sie in Gedanken mit ihm darüber streiten, ob Sie lieber eine praktische Jeans kaufen möchten oder die Lederhose, die ihm so gut gefällt, oder wenn Sie sich im CD-Laden plötzlich vor dem Regal mit elektronischer Musik wiederfinden, obwohl Sie eigentlich nach einer Klassik-CD gesucht haben - dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.
Selbstverständlich können Sie auch gezielt eine Umgebung aufsuchen, in die es Ihre Figur im Lauf der Geschichte verschlägt, um diesen Ort bewusst aus ihrer Perspektive zu erleben.
Auch Distanz ist wichtig
Vergessen Sie trotzdem nicht, hin und wieder aus der Perspektive Ihrer Figur zurückzutreten und Ihren Text kritisch zu betrachten. Überlegen Sie, ob die vielfältigen Auskünfte, die Sie über Ihren Protagonisten geben, tatsächlich notwendig sind. Insbesondere Anfänger neigen oft dazu, alles, was sie über ihre Figuren wissen, auch mit dem Leser teilen zu wollen. Ein Übermaß an Informationen wirkt jedoch ermüdend. Bedenken Sie: Für den Leser soll Ihr Protagonist wie ein neuer Freund sein, den er im Lauf der Geschichte immer besser kennenlernt. Eine Person, die stets minutiös über ihr gesamtes Leben Rechenschaft ablegt, fällt anderen schnell auf die Nerven - das ist bei einer Romanfigur nicht anders als bei einer echten Bekanntschaft.
Versuchen Sie also abzuschätzen, welche Detailformationen den Text lebendiger wirken lassen und welche ihn zu sehr aufblähen und daher gestrichen werden sollten: Ist es für den Leser wirklich interessant, wenn Martha nach dem Anruf ihres Bruders drei Seiten lang in Kindheitserinnerungen schwelgt und sich über Paolos Missetaten ereifert? Oder genügt ein kurzer Hinweis: "Seit sie sich erinnert konnte, schaffte Paolo es immer wieder, sie mit seinen blödsinnigen Bemerkungen zur Weißglut zu treiben. Aber sobald sie sich zur Wehr setzte, fühlte sie sich wie eine hysterische Zicke, die aus einer Mücke einen Elefanten macht."?
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie mehr über Ihre Figuren wissen, als Sie in der Geschichte preisgeben, und wenn der Leser nach der letzten Seite traurig ist, von Ihrer Figur Abschied zu nehmen, weil er gern noch mehr über diese vielschichtige Persönlichkeit herausgefunden hätte - dann haben Sie Ihre Aufgabe mit Bravour gemeistert.
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Nadine Muriel, geboren 1977, hat bereits zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht. 2009 gewann ihre Geschichte "Die azurnen Wälder" den ersten Preis beim Literaturwettbewerb "Vollmond". Ihre Gedichte wurden vertont und ins Französische übersetzt. Sie arbeitet als Schreibcoach. Weitere Informationen unter http://www.atlantic- vision-cinema-island.com und federfunken.wordpress.com
********************************************************************* SPANNUNG, DER UNTERLEIB DER LITERATUR: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
Wir brauchen noch weitere Texte für unsere Artikel über Spannung! Wer also einmal seine Szene überarbeitet sehen will, hat jetzt die Gelegenheit.
Ich wähle dann einige aus, die ich im Tempest bespreche. Schickt die Szenen als E-Mail-Anhang im RTF-Format an: spannung(at)textkraft.de
Bitte nicht mehr als 7.000 Anschläge, also etwa vier Normseiten. Dazu zählt auch der Vorspann! Da die Szenen aus beliebigen Stellen eurer Manuskripte stammen dürfen, müsst ihr eventuell die Vorgeschichte der Szene erklären. Diese Erklärung sollte 400 Anschläge nicht überschreiten.
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Lektorat von Hans Peter Roentgen
Ich hoffe, Sie haben sich nicht auf den zweiten Teil meines Lektorats verlassen, sondern selbst an dem Text gearbeitet. Denn gerne wird darauf verwiesen, wie nützlich Lesen sei, natürlich das Lesen guter Texte. Dabei kann das Lesen schlechter Texte einem Autor noch weit mehr weiterhelfen. Wir lernen durch die Fehler anderer. Zum einen lernen wir, selbst solche Fehler zu vermeiden, zum anderen, wie man sie erkennen kann, und zum dritten, dass auch andere Autoren nur mit Wasser kochen. Niemand sollte vergessen, dass auch die besten Autoren mal schlechte Texte produziert haben. Der Luchterhand-Lektor Siblewski betonte im Interview, wie wichtig es ist, sich "erst einmal den Freiraum [zu] lassen, saumäßig schlechte Sätze zu schreiben, im Zweifelsfall einen völlig fehlkonstruierten Text" (http://www.text- manufaktur.de/detailseite/items/id-18112010-schreiben-ist-wie-ein- aufschlag-im-tennis---unbeherrschbar.html).
Also keine falsche Scheu, eigene Fehler zuzugeben, aber auch keine Häme gegenüber missglückten Texten anderer. Wer das tut, reiht sich nur in die Gruppe der Möchtegern-Literaten ein, die die eigene Unfähigkeit dadurch kompensieren, dass sie andere Texte abqualifizieren.
Autorenbehauptungen
Zurück zu unserem Thema "Spannung". Einer der besten Spannungskiller sind Autorenbehauptungen. Also Sätze oder Satzteile, in denen nichts gezeigt wird, sondern in denen der Autor dem Leser gegenüber etwas behauptet, seinen Text kommentiert. Ein Beispiel:
.......... "Scheiße!" brüllte er wütend. Er war wirklich ganz außer sich. ..........
Da wird die Wut bereits durch den Ausruf klargestellt. Dass er "wütend" brüllte, ist schon überflüssig. Der Satz "Er war wirklich ganz außer sich" ist ein Autorenkommentar, der uns die Handlung erklären soll. Wie in der Schule. Und wie in der Schule reagieren Leser auf so etwas genervt. Solche Sätze wirken nämlich belehrend, und wer liest schon Romane, um sich belehren zu lassen? Außerdem reißen uns solche Bemerkungen aus der Handlung und töten damit die Spannung.
Sehen wir uns jetzt noch mal unseren Text über den Geigenbauer und die Geigerin an [der vollständige Text ist im November-Tempest zu finden. - die Red.]:
.......... Er lenkte seine Schritte somit in die Fuggergasse, die nach dem schwäbischen Adelsgeschlecht benannt war, das auch in Tirol Handel betrieben hatte. Tatsächlich, hier gab es, was das Herz begehrte. Wahllos betrat er schließlich eines der Geschäfte und sah sich dort um, als ihn eine Frau von hinten ansprach: "Kann ich euch behilflich sein, mein Herr?" Simon drehte sich wie vom Blitz gerührt um, die Stimme kam ihm bekannt vor. Er glaubte plötzlich in die grünen Augen der Geigerin zu schauen. War sie es wirklich, oder narrten ihn seine Sinne? Die Frau wirkte müde und matt. Das fröhliche Funkeln fehlte. Auch war sie sehr viel blasser als die Geigerin. Die Haare unter einer Haube versteckt. Dennoch, rötliche Locken lugten hervor. An ihrem überraschten Gesichtsausdruck sah er, dass auch sie ihn erkannt hatte. Er glaubte sogar ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben, ehe sie den Blick plötzlich auf den Boden senkte. Man hörte jemanden aus dem rückwärtigen Lager in das Kontor kommen. Simon achtete nicht darauf und missdeutete ihre Geste als Schüchternheit. In seiner Erregung glaubte er die gemeinsame Erinnerung auffrischen zu müssen, nicht ahnend, dass er sie damit verriet: "Ihr seid es wirklich! Die Geigerin. Die Geigerin aus Mailand", wiederholte er freudig. Dann sah er in das versteinerte Gesicht eines sehr beleibten Mannes in seinem Alter. Er sagte nichts, stand nur da. Bedrohlich, wie Simon plötzlich empfand. "Nein", antwortete die Geigerin hastig, "ihr müsst euch irren, mein Herr. Ich war nie in Mailand." Für den Bruchteil eines Augenblickes verharrten alle drei in ihrer Stellung. Simon spürte förmlich die Anspannung, die sich aufbaute. Er müsse sich wohl geirrt haben, meinte er entschuldigend. Wer auch immer dieser Mann sein mochte, sicherlich nicht ihr Vater oder einer der Brüder. Jetzt sah er auch deutlich den Ansatz einer Schwangerschaft bei der Geigerin. Sein Herz pochte bis zum Hals, dann drängte sein Verstand ihn aus dem Laden. Er musste in ein Fettnäpfchen getreten sein. Auch wenn ihm die Zusammenhänge so schnell nicht bewusst wurden. Aber eine innere Stimme warnte ihn. ..........
Sie werden vielleicht einiges im Text gefunden haben, was sich noch verbessern ließe oder was geändert werden müsste. Doch dazu später. Das Wesentliche sind hier die Autorenbehauptungen.
"In seiner Erregung glaubte er die gemeinsame Erinnerung auffrischen zu müssen, nicht ahnend, dass er sie damit verriet." Schon dieser Satz erklärt uns zu viel, mehr als nötig. Denn dass er sie verriet, sollte man nicht gleich verraten, das wird in der folgenden Szene noch deutlich genug. Und dass er mit dem Satz "Ihr seid es wirklich! Die Geigerin" an gemeinsame Erinnerungen anknüpft, muss auch nicht explizit gesagt werden.
Noch problematischer ist hier der letzte Absatz. Mit "Simon spürte förmlich die Anspannung ..." folgen wir nicht mehr Simon in seinem Abenteuer, sondern die Szene wird uns erklärt. "Sein Verstand drängte ihn aus dem Laden." Warum ihn nicht einfach zur Ladentür schielen lassen?
"Er musste in ein Fettnäpfchen getreten sein", wird uns erklärt, aber das ergibt sich bereits aus der Szene selbst. "Auch wenn ihm die Zusammenhänge so schnell nicht bewusst wurden", das erklärt uns, dass er die Situation nicht überblickt. Eigentlich stimmt das gar nicht, spätestens dann, wenn er entschuldigend sagt, dass er sich geirrt haben müsse, ist klar, dass er die Situation durchaus begriffen hat.
Was ist wichtig?
Was ist denn wichtig in diesem letzten Absatz? Dass die Geigerin behauptet, nie in Mailand gewesen zu sein. Dass Simon ihr beispringt und sagt, er habe sich geirrt. Und dass er möglichst schnell verschwinden will, weil die Situation bedrohlich wird. Versuchen wir es mal:
.......... Für einen Augenblick verharrten alle drei in ihrer Stellung. Dann beeilte sich Simon zu betonen, dass er sich wohl geirrt haben müsse. Er schielte nach dem Ausgang. ..........
Auch hier wird klar, dass die Situation Simon bedrohlich erscheint. Aber es wird nicht gesagt, es wird gezeigt: Er beeilt sich, die Lüge der Geigerin zu unterstützen, er schielt nach dem Ausgang.
.......... Doch es war zu spät, der beleibte Kaufmann herrschte ihn an. "Halt mein Freund, hier geblieben. Ihr sagtet Geigerin? Mein Weib hat seit unserer Hochzeit keine Geige mehr angerührt. Dennoch wisst ihr, dass sie spielen kann. Ihr habt euch nicht geirrt. Mailand, sagtet ihr?" ..........
Hier stehen in den Sätzen des Kaufmanns gleich zwei Erklärungen. Dass die Frau seit der Hochzeit keine Geige mehr gespielt hat. Dass Simon dennoch weiß, dass sie Geige spielt. Das ist nicht so störend wie die Erklärungen im Absatz davor, dennoch würde ich das straffen:
.......... Doch es war zu spät, der beleibte Kaufmann herrschte ihn an. "Halt mein Freund, hier geblieben. Ihr sagtet Geigerin? Mailand, sagtet ihr?" ..........
Fragen offen lassen
Hier wird viel klarer, was den Kaufmann bewegt. Und dass er wütend ist. Ohne dass die Einzelheiten erläutert werden. Jedenfalls war es keine gute Idee, dass Simon die Frau als "Geigerin" angesprochen hat. Mehr wissen wir jetzt noch nicht. Aber wir fragen uns, was das Bedrohliche daran ist. In Szenen sollte man durchaus Fragen offen lassen. Nicht alles erläutern. Nur so viel, dass der Leser orientiert bleibt, aber neugierig genug ist, dass er weiterliest.
Simon erklärt nochmals, dass er sich geirrt habe. Dann spitzt sich die Situation weiter zu:
.......... "Ihr seid ein schlechter Lügner, mein Freund." Er kam bedrohlich nahe auf Simon zu. Dann herrschte er seine Frau an: "Kathrin, verschwinde. Wir sprechen uns noch." ..........
Ein guter Absatz, der so stehen bleiben kann. Aber dann:
.......... Über die Schulter sah Simon, dass sie weinend die Stufen hoch eilte. Vermutlich in die Wohnung. Er suchte nach dem Ausgang. Er war kein Held, noch immer nicht. Schon wie damals in Mailand kam er sich dabei elend vor. Doch er musste nicht lange weiter überlegen. Der Kaufmann hatte ihn schon am Kragen gepackt. ..........
Dass Simon "über die Schulter sah" bremst die Handlung. Wie er es wahrnimmt, ob er es sieht oder bloß hört, ist unwesentlich. Und ob es "vermutlich" oder "tatsächlich" die Wohnung ist, interessiert auch nicht so besonders.
Also lassen wir die Dame einfach gehen:
.......... Weinend eilte sie die Treppe hoch. ..........
Dann kommt die Überlegung, dass Simon immer noch kein Held war, dass er sich elend fühlte, dass es in Mailand ähnlich war. Und schließlich packt der Kaufmann ihn am Kragen. - Was fällt Ihnen da auf?
Nun, mir vor allem, dass nichts passiert, dass uns alles direkt erklärt wird. Wie ließe sich das ändern? Auf zweierlei Arten.
Auf die Schnelle, indem wir es einfach wegstreichen, Simon starrt der Frau nach, der Kaufmann greift zu. Dass Simon kein Held ist, ergibt sich daraus, dass er untätig bleibt.
Cliffhanger
Oder auf die langsame Weise. Auch das kann die Spannung erhöhen. Wir haben einen kleinen Höhepunkt erreicht. Statt direkt fortzufahren, bauen wir einen kleinen Cliffhanger ein. Simon erinnert sich an Mailand. Was er damals getan (besser: nicht getan) hatte. Wie die anderen reagierten. Wie er selbst floh und die Frau in den Händen ihrer Peiniger zurückließ.
Die langsame Weise ist schwieriger. Weil das, was der Autor einfügt, wirklich packend sein muss. Überlegungen wie "Schon in Mailand war er voller Angst gewesen. Warum hatte er nicht mehr Mut? Andere verteidigten ihre Frauen ..." sind hier keine gute Idee. Lassen Sie auch in der Erinnerung etwas passieren. Etwas, das der Leser noch nicht wusste.
Da ich den ganzen Text nicht kenne, kann ich natürlich nicht sagen, was das sein könnte. Jedenfalls etwas, das in Mailand passiert ist, was uns der Autor bisher nur angedeutet, aber nicht erzählt hat, was auch Simon verdrängt hat. Hier sehen Sie, wie wichtig es sein kann, nicht alles zu erzählen. Weil Sie dann etwas haben, mit dem Sie später den Leser fesseln können. Etwas, das er sich die ganze Zeit schon gefragt hat.
Lange oder kurze Variante?
Als Nächstes ist der Kaufmann wieder an der Reihe. Er hat Simon am Kragen gepackt und herrscht ihn an:
.......... "So, mein Freund. Und jetzt raus mit der Sprache. Mailand! Mailand also. Mir hat sie erzählt, sie sei bei einer Tante gewesen. Vor unserer Hochzeit. Habt ihr ihren Leib gesehen? Selbst wenn ich sie gleich in der Hochzeitsnacht geschwängert hätte, so schnell wächst kein Kind. Es sind erst zwei Monate her, seit ich sie geehelicht habe. Ich muss also annehmen, getäuscht worden zu sein. Was sagt ihr dazu?" ..........
Das ist wieder sehr ausführlich erzählt und mit vielen Einzelheiten, die dem Leser etwas erklären. Also wieder fleißig streichen? Das wäre eine Möglichkeit:
.......... "So, mein Freund, jetzt raus mit der Sprache. Mailand! Mailand also. Nicht bei der Tante! Und ihr ward auch dort?" ..........
Hätte den Vorteil, dass einiges offen bleibt. Zum Beispiel das mit der Tante und die Frage der Schwangerschaft. Weswegen es doch gut sein könnte, den Kaufmann etwas ausführlicher reden zu lassen.
Mir persönlich gefällt die kürzere Form, eben weil sie der hektischen Situation entspricht. Darauf könnte ein kurzer Wortwechsel folgen, der Tante und Schwangerschaft weiter erklärt und der in der Schlägerei endet. Aber vielleicht möchte der Autor auch etwas über den Kaufmann aussagen. Vielleicht ist er jemand, der zwar gewalttätig ist, aber auch einer, der sich gerne reden hört? Dann wäre die alte Version besser.
Den Rest kennen Sie aus dem vorigen Tempest. Den Kopf einfach auf der Ladentheke aufschlagen zu lassen, damit geht man der Auseinandersetzung aus dem Weg.
Und auch hier zeigt sich, dass es besser wäre, einfach der Szene zu folgen, die genug Dramatik enthält, um den Leser zu fesseln. Erklären Sie Ihre Szene nicht, lassen Sie sie den Leser erleben! Natürlich wird er das eine oder andere nicht verstehen. Das macht nichts, das ist sogar gut so, weil diese offenen Fragen den Leser zum Umblättern zwingen. Solange er orientiert ist, weiß, was Sache ist: In einem Laden hat der Protagonist seine verlorene Liebe gefunden, doch die ist verheiratet und der Ehemann ziemlich sauer und schlagkräftig. Das reicht.
Zurück zur obigen Szene. Fällt ihnen noch etwas auf?
Der Zufall
Der Zufall. Simon findet seine geliebte Geigerin völlig zufällig wieder.
Darf man das im Roman? Das Leben unterscheidet sich von Romanen dadurch, dass im Roman alles einen Sinn machen muss, hat Neil Gaiman mal gesagt. Muss man nicht diesen Zufall streichen und wenigstens etwas Sinn darein legen, dass Simon seine Geigerin wiederfindet?
Ich würde sagen: Das hängt davon ab, an welcher Stelle die Szene passiert und welche Bedeutung sie hat. Am Anfang eines Romans können Sie viel eher den Zufall walten lassen als am Ende. Je weiter sich Ihre Geschichte entwickelt, desto mehr muss sie der inneren Logik folgen statt dem Zufall. Weswegen ich das im obigen Fall nicht entscheiden kann.
Ein Tipp zum Überarbeiten
So, damit beende ich meine Korrektur der Szene. Sicher wird der eine oder andere jetzt aufschreien: Aber da gibt es doch noch viel mehr!
Ja, Sie haben recht, es gäbe noch einiges mehr zu korrigieren. Aber überarbeiten Sie niemals alles auf einmal. Erst mal das Wichtigste, in unserem Fall den Aufbau der Szene. Wenn dieses Gerüst steht, kann man sich dem Feinputz widmen. Aber erst dann.
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Hans Peter Roentgen ist Autor der Bücher "Vier Seiten für ein Halleluja" über Romananfänge und "Drei Seiten für ein Exposé". Außerdem hält er Schreibkurse und lektoriert.
********************************************************************* SEMINARBERICHT: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Outdoor-Autor" von Melanie Scharlé
An einem regnerischen Apriltag sitze ich vor meinem Romanmanuskript, den Verzweiflungstränen nahe. Der Text macht nicht, was ich will. Mein Held taumelt blass durch die Gegend.
Ich tue, was sich in dieser Situation mehrmals bewährt hat. Ich gehe auf die Webseite von Andreas Eschbach, um zu sehen, ob es neue Schreibtipps gibt. Die gibt es, und eine Ankündigung: Zwei Autoren bieten ein neuartiges, in Deutschland so noch nicht dagewesenes Schreibcamp an. Eine Woche Rückzug in die Tiefen des Schwarzwaldes und zusammen fantastische Romane schreiben. Wahnsinn. Genau das brauche ich. Die Autoren sind Michael Marcus Thurner und Frank Borsch. Kenne ich beide nicht, aber laut Amazon haben sie schon einiges veröffentlicht: Michael Marcus Thurner "Turils Reise", Frank Borsch "Alien Earth". Darunter jeweils begeisterte Kritiken. Außerdem schreiben sie Perry Rhodan-Romane und werden im Fan-Forum über den grünen Klee gelobt. Es sind also zwei, die wissen, was sie da machen. Fein, das schafft Vertrauen. Ich melde mich an.
Die Vorbereitung
Nach so viel Aktionismus packe ich meinen Text erst einmal für mehrere Monate in den Schrank, in der Hoffnung, dass er nach dem Käseprinzip durch Lagerung mehr Reife erlangt. Das Schreibcamp ist noch lange hin, erst im Oktober.
Im September packe ich den Text wieder aus und tatsächlich: alles Käse. Aber jetzt kommt ja bald das Camp. Und das zeigt seinen ersten positiven Effekt. Ich schreibe weiter, egal wie es wird. Ich muss schließlich was hinschicken zu Michael und Frank, das war Bedingung, sonst kann man nicht mitmachen. Erste Regel gegen Schreibblockaden: Schaff dir Verbindlichkeiten.
Dann lasse ich die Lästigkeiten des Alltags und ein funktionierendes Handynetz hinter mir und fahre nach Hinterzarten. Schön ist es hier, Tannen, Wiesen, Kühe, alles da. Frank und Michael sowie acht andere Teilnehmer auch. Deren Hintergründe sind bunt zusammengewürfelt, gemeinsam ist allen: Jeder will Autor werden. Das ist toll, man merkt, dass es alle ernst meinen.
Das Handwerkszeug
Los geht es mit der Besprechung der Manuskripte. Meines ist gleich als erstes dran. Es stellt sich heraus, dass die Tränen im Frühling nicht zu Unrecht vergossen wurden. Der Text ist so, wie er geschrieben ist, nein, machen wir uns nix vor, eher Mist. Das erste Gute ist: Ich erfahre es auch, da wird nicht lange drum herum laviert. Das zweite Gute: Ich erfahre, warum es nicht so gelungen ist und wie ich es besser machen kann. Und natürlich wird auch besprochen, was an dem Text gefällt und warum das so ist.
Kurz, wir stecken mittendrin im Handwerk. Und das so lange wie nötig. Denn - und das ist das Beste am Camp - wir haben Zeit, sehr viel Zeit. Wir lernen anhand der Texte, hölzerne Dialoge in authentische zu verwandeln, papierhaft wirkenden Figuren Feuer unterm Hintern zu machen, durch Konflikte Spannung und Drive in die Story zu bringen. Michael und Frank geben reichlich Anregung, wie sie es umsetzen würden.
Die Besucher
Die beiden haben einiges hinein gepackt in ihr Programm. Die Literaturagentin Beate Riess kommt zu Besuch und erzählt, wie sie arbeitet und was sie von eingereichten Manuskripten erwartet. Klaus N. Frick, Chefredakteur der Perry Rhodan-Serie, verrät, was ein Lektor macht, wie man auf einen Verlag zugeht und wie besser nicht.
Die Feuerprobe
Am Donnerstag schließlich sind wir mit der Besprechung der Manuskripte fertig und es wird ernst. Denn jetzt geht es darum, das Gelernte in die Tat bzw. in Worte umzusetzen. Bis Freitagmittag haben wir Zeit. Jeder, der möchte, kann noch einmal einzeln mit Michael oder Frank besprechen, wo die Schwachstellen im geplanten Roman sind und wie er oder sie am besten vorgeht. Der Rest verschwindet hinter verschlossenen Türen.
Ich trete meinen Text in die Tonne und fange neu an. Und - o Wunder - es funktioniert. Mein Protagonist bekommt Antrieb. Unter meinem Zwerchfell breitet sich ein Gefühl aus, das ich sonst eher aus dem Job kenne und das sich immer dann einstellt, wenn etwas gut wird. Beim Schreiben ist es neu für mich. Ich speichere es ab als die wichtigste Erfahrung, die ich mit nach Hause nehmen werde: So muss es sich also anfühlen.
Das Finale
Dann heißt es lesen, lesen, lesen. Die ganzen überarbeiteten Geschichten. Der Effekt ist unglaublich. Alle Texte sind um Längen besser geworden. Würde ich im Buchladen in ihnen blättern, würden sie mich reinziehen, und wahrscheinlich würde ich das eine oder andere Buch kaufen. Doch halt, das hier ist ein Camp, keine Kuschelrunde. Auch jetzt schmieren wir uns nicht einfach Honig um den Bart, sondern gehen noch einmal ernsthaft an die Analyse. Denn verbessern kann man immer etwas.
Das Wertvollste kommt am Schluss: Jeder erhält konkrete Tipps, wie er an seinem Manuskript weitermachen kann. Einige sind schon ziemlich weit und benötigen nur noch etwas Bearbeitung, bevor sie an einen Agenten gehen können.
Ich checke noch einmal schnell unterm Zwerchfell. Jawoll, es ist noch da, das Gefühl. Ich werde weiterschreiben, bis es sich wieder einstellt. Oder bis das nächste Schreibcamp kommt. Im April 2011 ist es so weit, im Oktober noch einmal. Infos gibt es hier: http://www.schreibcamp.de
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Melanie Scharlé arbeitet als Texterin, Konzeptionerin und Autorin in Basel. 2009 gründete sie gemeinsam mit ihrem Partner die Kommunikationsagentur Sir Prise and Lady Buy. Sie hat zwei Bücher für Kinder mit Diabetes verfasst und schreibt Geschichten für Kinder und Jugendliche. Mehr Infos: http://sirpriseandladybuy.com
********************************************************************* BUCHBESPRECHUNG: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Wie man den Bachmannpreis gewinnt" von Angela Leinen besprochen von Gabi Neumayer
... das erfährt man in diesem Buch natürlich nicht, wie die Autorin auch gleich klarstellt. Aber man bekommt durchaus Hinweise. Denn die meisten der Beispiele in diesem ebenso klugen wie amüsanten Buch stammen aus dem Bachmann-Wettbewerb. Er eignet sich ja auch in einzigartiger Weise, um zu sehen, wie Literatur und Literaturkritik funktionieren, denn alle Lesungen, Diskussionen und Preisvergaben sind öffentlich und damit für alle Interessierten nachzuvollziehen.
Worum geht es denn nun in diesem Buch? Um die Fehler, mit denen AutorInnen die Lesenden verprellen; um die Gefahrenstellen, an denen Schreibunfälle drohen; um das, was Lesende sich wünschen; und um vieles mehr.
Schon bei der Wahl des Themas kann man vieles falsch und einiges richtig machen. Ein kurzer Überblick informiert über Reize und Risiken der beliebtesten Themen, von "Arbeit, ehrliche" über "Ex, Abrechnung mit dem/der" bis zu "XY ungelöst". Im Kapitel "Kunst oder Kacke?" geht es um Grenzen, Skandale und Experimente. Weitere Kapitel informieren - immer an Beispielen - über Figuren, Dialoge, das Setting oder darüber, wie Tiefe in einen Text kommt und wie man für Sex die richtigen Worte findet.
Ein besonderes Highlight ist der Anhang mit der "Automatischen Literaturkritik" des Weblogs "Riesenmaschine". Die Kriterien werden jeweils nach den Erfahrungen der Vorjahre aus dem Klagenfurter Wettbewerb angepasst, und die automatische Kritik ergibt erstaunliche Trefferquoten. Und das angesichts solcher Kriterien wie:
- Pluspunkte: supermarktkassenkompatible Reizwörter im Titel (je 1 Punkt für "Liebe, Leidenschaft, Fremde, Geheimnis, Wind, Schatten" etc.); wohlwollende Besprechung von Nahrungsmitteln (2 Punkte bei Fleisch) oder Essvorgang; plastische Chirurgie; absichtlich unsympathischer Ich-Erzähler - Minuspunkte: erster Absatz: Landschaft; unvollständiger Satzbau als Konzept; es kommt Tangomusik oder irgendwas Französisches vor (Chopin, Jean Paul, Jacques Brel oder irgendein Philosoph); unschuldige Frauen; Synonyme für "sagen", Zusatzminuspunkte für Wendungen wie "gähnte Leander"
Ein gar nicht abgehobenes, kluges, interessantes und witziges Buch - mit vielen direkten und indirekten Hinweisen, von denen jede/r Autorin profitieren kann.
Angela Leinen: "Wie man den Bachmannpreis gewinnt. Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben", 2010, 208 Seiten, 12,95 Euro, Heyne
********************************************************************* INTERVIEW: --------------------------------------------------------------------- (redaktion at team pt autorenforum pt de)
"Man sollte sich nicht beirren lassen" Interview mit Ulf Schiewe
Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Lieber Ulf Schiewe, Ende letzten Jahres ist Ihr Debütroman "Der Bastard von Tolosa" als Hardcover bei Droemer Knaur erschienen und schaffte es trotz des späten Erscheinungstermins noch in die Top 10. Jaufré Montalban, ein junger Adeliger, reißt nach einer Heirat wider Willen von zu Hause aus und folgt dem Ruf des Papstes, Jerusalem von den Ungläubigen zu befreien. Nach vielen grausamen Schlachten und unnötigem Tod beginnt er, am Sinn des Kreuzzuges zu zweifeln. Vom Krieg erschöpft und desillusioniert, kehrt er nach 14 Jahren in seine Heimat zurück, um festzustellen, dass seine Söhne ihn weder kennen noch akzeptieren und dass bereits ein anderer Ritter alles daran setzt, Jaufrés Land, seinen Titel und seine Frau für sich zu gewinnen. - Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem beeindruckenden historischen 1.000-Seiten-Epos?
Ulf Schiewe: Ich lese gern Historisches, und so fiel mir vor Jahren Stephen J. Rivelles Roman "Der Kreuzritter" in die Hände, verfasst in der Tagebuchform eines Kreuzzugteilnehmers. Damals wird ein solcher Mann wohl kaum Tagebuch geschrieben haben, aber egal ... Die Geschichte des Ersten Kreuzzugs hatte mich gepackt. Als ich Jahre später so weit war, selbst zu schreiben, war es fast gegeben, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Natürlich wollte ich nicht den Hergang dieses Kreuzzugs neu erzählen, sondern mich beschäftigte: Was waren das für Männer, die alles zurückließen, sich tief verschuldeten, nur um sich auszurüsten und dann ans andere Ende der Welt in einen fast sicheren Tod zu ziehen? Aber noch mehr interessierte mich die Frage: Was hat dieses Erlebnis in denen bewirkt, die überleben durften, wie hat es sie verändert?
Das wollte ich an meiner Figur Jaufré de Montalban darstellen, einerseits ein Haudegen und Veteran, andererseits sensibler, als es den Anschein hat, ein von den Erlebnissen traumatisierter Heimkehrer, der nach 14 Jahren Abwesenheit fast scheu sein heimatliches Tal betritt, als habe er schon eine Vorahnung, dass die Re-Integration nicht so leicht vonstatten gehen wird. Und dann kommt es ja auch zu einigen gewaltigen Schwierigkeiten.
Außerdem ist das Zusammentreffen zweier Welten interessant. Heute wissen wir, dass die Epoche der Kreuzzüge und die Berührung mit dem damals weit fortschrittlicheren Orient ganz entscheidende Impulse für Westeuropa geliefert haben. Im Kleinen sehen wir das in den Gesprächen zwischen Jaufré und seinem moslemischen Freund Hamid und auch in den Dingen, die Jaufré aus Outremer mitbringt, und mit denen er seine Familie daheim in Erstaunen versetzt.
RRB/TRB: Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Mehr planerisch oder mehr intuitiv?
US: Beides. Am Anfang bin ich ein großer Planer. Ohne klares Konzept, eindeutige dramatische Struktur bis hin zur Planung wichtiger Szenen kann ich nicht anfangen. Ich verbringe auch sehr viel Zeit mit der Figurenentwicklung, Charakter, Background, Kindheit, die Beziehungen der Figuren untereinander, grundsätzliches Konfliktpotential durch gegensätzliche Ziele. Ich schreibe alles auf. Beim "Bastard von Tolosa" waren es 70 Seiten. Dazu kommen die Notizen der Recherche. Mit dieser Vorbereitung läuft das Schreiben dann wie auf Schienen.
Allerdings, je weiter ich voranschreite, desto mehr entwickeln sich spontane Änderungen vom Plan. Ich verwerfe Szenen und erfinde andere, neue Figuren drängen sich auf, von denen manche plötzlich ganz zentrale Bedeutung gewinnen. Aber dies empfinde ich als Bereicherung, denn beim Schreiben selbst erkennt man Schwächen im ursprünglichen Plan oder man entdeckt Elemente, die noch besser passen, man entwickelt zusammen mit den Figuren neue Einsichten, besonders auf psychologischer Ebene, die die Story reicher machen. Ich habe dann keine Skrupel, innerhalb des Grundkonzepts zu ändern.
RRB/TRB: Wie sah Ihre Recherchearbeit für "Der Bastard von Tolosa" aus? Wie wir auf Ihrer Homepage sahen, haben Sie z. B. die französischen Schauplätze besucht.
US: Ich habe wunderbare wissenschaftliche Abhandlungen gefunden, die mir nicht nur Einsicht in die Kreuzzuggeschichte gegeben haben, sondern besonders in das Leben jener Epoche - Landwirtschaft, soziale Beziehungen, Waffentechnik, Wirtschaftsleben usw.
Was die Burg "Rocafort" betrifft, so habe ich mir die Gegend zunächst im Internet ausgesucht und dann mehrfach besucht. Ich habe selbst 16 Jahre in Frankreich und anderen frankophonen Ländern gewohnt und kenne gut die Mentalität. Mein "Rocafort" ist ein kleines Dorf in den Bergen der Corbières. Es heißt anders, ist ansonsten aber, wie auch die Gegend, wie im Roman beschrieben. Rocafort oder Rochefort, diese Namen sind nicht selten in der Gegend. Also habe ich mir den Namen geborgt. Auf dem Burgfels ist leider außer verwitterten Resten nicht mehr viel zu sehen. Es war vermutlich eine kleine Wachtburg, von denen ja eine ganze Kette an der ehemals katalanischen Grenze verläuft, alle in Sichtweite voneinander. Es war früher eine wohlhabende Gegend, heute eher arm und einsam, aber landschaftlich wunderschön. Und die Menschen haben ihren ganz eigenen Charme. Familiensinn, gutes Essen, Wein, Geselligkeit und ein guter Schuss Humor. Auch das ist im Roman zu finden.
Die im Buch beschriebene Mühle gibt es wirklich. Sie stammt aus dem elften Jahrhundert und ist immer noch funktionsfähig.
RRB/TRB: Wie lange haben Sie an "Der Bastard von Tolosa" gearbeitet?
US: Ein Jahr Recherche und Planung. Drei Jahre Schreiben, und dann ist noch ein Jahr mit Verlagssuche, Lektorat und Kleinigkeiten vergangen. Natürlich alles neben einem anstrengenden Vollzeitjob.
RRB/TRB: Wie war die Zusammenarbeit mit dem Lektorat des Droemer Knaur Verlags?
US: Sehr gut. Droemer hat eine sehr kompetente externe Lektorin engagiert, mit der ich mich gut verstanden habe. Da ich als Anfänger noch nicht wusste, was eine Standardseite ist, hatte ich mich ein bisschen vergaloppiert und musste 25 Prozent kürzen. Da gab es dann viele Kürzungsvorschläge seitens der Lektorin. Aber wichtige Szenen mochte ich nicht verlieren, so dass ich dann jede Zeile durchgegangen bin und jedes Gramm Ballast abgeworfen habe, ob überflüssiger Satz, langatmige Formulierung oder unwesentliche Aussage. Das war harte Arbeit, aber hat dem Roman sehr gut getan, und ich habe eine Menge dabei gelernt, was mir bei weiteren Projekten zugute kommt. Von der Lektoratsseite her war dann der zweite Durchgang schnell erledigt.
RRB/TRB: Hatten Sie Einfluss auf die Titelwahl, die Wahl des Buchcovers oder den Klappentext?
US: Ich habe eine Liste von 15 Titelvorschlägen eingereicht. Einen davon hat der Verlag genommen. Beim Cover hatte ich keinen Einfluss; es gefiel mir aber auf Anhieb. Den Klappentext dagegen habe ich selbst geschrieben.
RRB/TRB: Wie kamen Sie zum Schreiben? Gab es Vorbilder oder ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?
US: Ich bin ja erst spät zum Schreiben gekommen, obwohl ich das schon lange im Hinterkopf hatte. Irgendwann hab ich mir gesagt, du musst jetzt einfach mal anfangen, sonst wird das nie was. Schlüsselerlebnis war eine Diskussion mit meinen Töchtern über Filmthemen. Beide sind ja Regisseurinnen. Wir haben ein bisschen herumgesponnen, und dabei kam mir die Idee zu Jaufré. Ich habe sogar spontan zwei Kapitel geschrieben, blieb dann aber stecken, und die Ergüsse wanderten in die Mülltonne. Eine ernüchternde Erfahrung. Danach war ein Jahr Pause, und irgendwann hab ich angefangen, zu recherchieren, wie plant man überhaupt so ein Unterfangen. Das führte am Ende zu einem ernst zu nehmenden Projekt und professionellem Arbeiten.
RRB/TRB: Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
US: Früher musste ich mir die Zeit zum Schreiben von Beruf und Familie abknapsen. Um 6:00 Uhr morgens saß ich dann verschlafen mit einer Tasse Kaffee am Computer oder spät abends, im Hotel auf Geschäftsreise, im Zug oder im Flughafen mit dem Laptop auf den Knien. Ich kann zum Glück die Umwelt ganz gut ausgrenzen.
Heute hab ich es leichter. Ich bin "semi-retired" und habe deshalb viel mehr Zeit zur Verfügung. Ich halte aber normale Arbeitsdisziplin ein. Spätestens um neun bin ich dabei. Zwischendurch unterbreche ich mal, um Nachrichten im Internet zu lesen, man kann nicht endlos konzentriert sein, oder gehe eine Runde joggen. Dann geht es weiter bis zum Abendessen.
Oft nutze ich die ersten Stunden des Tages, um die Arbeit der letzten Tage zu überarbeiten. Das bringt mich gut rein, und dann entstehen Bilder im Geist für die nächste Szene. Ich schreibe aber nicht so aus dem Bauch endlose Seiten runter, sondern formuliere schon vorsichtig, relativ nahe am Endergebnis. Ich schaffe im Durchschnitt zwar nicht mehr als drei Seiten am Tag, aber durch das ständige Überarbeiten während der Entstehung sind die am Ende schon in einem guten Zustand, so dass mir wilde chirurgische Eingriffe erspart bleiben. Es geht dann eher nur noch um Feinschliff.
RRB/TRB: Sie werden von der Literaturagentur Thomas Schlück vertreten. Wie sieht die Zusammenarbeit mit Ihrer Agentur aus?
US: Völlig undramatisch und problemlos. Geschäftsmäßig. Ab und zu treibt man mir die Flausen aus und erklärt mir die Realitäten des Buchgeschäfts. Ansonsten kommen wir gut klar. An meinen Texten wurde bisher nicht gemeckert. Mein Agent drückt sich nicht sehr überschwänglich aus, aber er scheint meine Schreibe zu mögen. Alles läuft sehr prompt und effizient.
Ohne Schlück wäre ich nimmer bei Droemer gelandet, denn ich weiß inzwischen, wie schwer es ist, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen. Ich kann einem angehenden Autor nur raten, sich einen guten Agenten zu suchen. Obwohl auch das nicht ganz einfach ist, denn auch der will natürlich überzeugt werden.
RRB/TRB: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Autor aus?
US: Oh, mein Gott! Eine schwere Frage. Oder zumindest spielt da so viel hinein, dass eine kurze Antwort nicht leichtfällt. Und natürlich hat da jeder seine eigene Definition.
Für mich persönlich steht das Erzählen im Vordergrund, das Fabulieren und das Faszinieren des Zuhörers. Es gibt da ein schönes französisches Wort, "le raconteur", der Erzähler. Das Wort hat allerdings auch eine pejorative (abwertende) Bedeutung: Lügner, ein Kerl, der einem wilde Geschichten auftischt. Das gefällt mir. Ein Romanschreiber, besonders im historischen Bereich, präsentiert ja so eine Mischung von Wahrheit und Fantasie.
Ich sagte: Zuhörer, weil die Menschen seit Ewigkeiten Geschichten am Lagerfeuer erzählt haben, von ihren Helden, von Mythen, von Lebenslehren und Erfahrungen. Ein guter Autor reiht sich in die uralte Tradition der Geschichtenerzähler ein. Seine Leser bei der Hand zu nehmen und in eine fremde Welt zu entführen, sie das spannende Schicksal unvergesslicher Figuren miterleben zu lassen, und dies mit einer so bildhaften Plastizität und Nähe, dass der Leser alles andere um sich herum vergisst. Das ist für mich das Wichtigste an einem guten Autor.
RRB/TRB: Gibt es irgendein Genre, das Sie neben dem historischen Roman noch reizen würde?
US: Ich würde auch gern mal einen guten Thriller schreiben. Obwohl meine Bücher solche Elemente bereits enthalten, ja, gar nicht ohne auskommen. Aber ein Thriller, wie man das Wort versteht, müsste natürlich in der Gegenwart spielen.
RRB/TRB: Wie sehen Ihre Schreibpläne für die Zukunft aus?
US: Mein zweiter Roman "Die Comtessa" ist abgeschlossen und erscheint bei Droemer im April 2011. Diesmal ist es eine weibliche Protagonistin, eine blutjunge Adelige und Vollwaise, die Vizegräfin von Narbonne aus dem 12. Jahrhundert, der man ihr Erbe abspenstig machen will und die sich unbeirrt gegen ihre ehrgeizige Stiefmutter und die Interessen der Mächtigen im Lande durchsetzt. Trotz übermächtiger Widersacher, trotz Krieg, der darüber ausbricht, und abenteuerlicher Flucht gelingt es ihr, ihr Erbe durchzusetzen und allein als Frau, ungewöhnlich für die Zeit, hoch respektiert 50 Jahre lang ihre Grafschaft zu regieren. Eine wahre Begebenheit.
Im Augenblick plane ich einen dritten Roman, der ebenfalls in jener Zeit und Region spielt. In "Die Comtessa" habe ich einige wenige Figuren aus dem "Bastard" übernommen, das Gleiche plane ich jetzt auch für den dritten, obwohl alle drei ganz unabhängige Geschichten sind. Aber diese Figuren, wenn auch nicht immer Hauptprotagonisten, sind dennoch ein Bindeglied zwischen meinen provenzalischen Abenteuern. Und der Leser kann sich mit mir freuen, sie wiederzutreffen.
RRB/TRB: Hätten Sie noch einen Rat für angehende Autorinnen und Autoren?
US: Ach, ich bin ja selber noch ein "Jungautor". Deshalb weiß ich nicht, wie wertvoll meine Ratschläge sind. Aber zum Schreiben gehören ohne Zweifel Talent und viel lesen. Beides entwickelt ein Gefühl dafür, was gut ist und was nicht. Das kann man durch kluge Bücher noch verfeinern. Man lernt, was die großen Profis zu Dramatik, Figurenzeichnung, Spannungsbogen, Ausdruck sagen. Wie setzen sie selbst das um?
Trotzdem sollte man sich auch nicht den Kopf nur mit Theorie und Regeln vollstopfen, sondern seinem eigenen Bauchgefühl trauen. Natürlich gehört dazu, dass man rigoros kritisch jeden eigenen Satz beäugt. Entstehen vor dem inneren Auge die Bilder, die man sich wünscht? Wie kann man es noch besser sagen, noch treffender, sparsamer? Wer keinen Spaß am Überarbeiten hat, der wird nicht das Beste aus sich herausholen. Das Gleiche gilt für Figuren. Sind sie authentisch? Haben sie menschliche Tiefe, oder hat sich da irgendwo ein Klischee eingeschlichen? Da ist es manchmal gut, Abstand zu nehmen, einen Text ruhen zu lassen und dann mit frischem Blick kritisch auf sich wirken lassen.
Manche mögen möglichst viele Testleser. Ich eher nicht. Denn am Ende sollte man sich nicht beirren lassen, sondern in der Hauptsache auf die innere Stimme vertrauen.
RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview!
US: Ich danke auch.
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Literaturpreis 1. Willkommene Möglichkeit für etablierte Autoren, ohne Zutun die Portokasse aufzufüllen. 2. Billige Publicity für Gemeinden und Organisationen, die den L. ausschreiben.
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Bitte verseht jede Anfrage mit einem aussagekräftigen Betreff. Sonst kann es sein, dass die Mail vorsichtshalber sofort gelöscht wird.
Drehbuch: Oliver Pautsch drehbuch at experte pt autorenforum pt de Fandom: Thomas Kohlschmidt fandom at experte pt autorenforum pt de Fantasy: Stefanie Bense fantasy at experte pt autorenforum pt de Heftroman: Arndt Ellmer heftroman at experte pt autorenforum pt de Historischer Roman: Titus Müller historischer.roman at experte pt autorenforum pt de Kinder- und Jugendbuch: Michael Borlik kinderbuch at experte pt autorenforum pt de Lesungen: Rüdiger Heins lesungen at experte pt autorenforum pt de Lyrik: Martina Weber lyrik at experte pt autorenforum pt de Sachbuch: Gabi Neumayer sachbuch at experte pt autorenforum pt de Schreibaus- und -fortbildung: Uli Rothfuss fortbildung at experte pt autorenforum pt de Schreibgruppen: Ute Hacker schreibgruppen at experte pt autorenforum pt de Schreibhandwerk: Ute Hacker schreibhandwerk at experte pt autorenforum pt de Sciencefiction: Andreas Eschbach sf-autor at experte pt autorenforum pt de Übersetzung: Barbara Slawig uebersetzerin at experte pt autorenforum pt de Verlagswesen: Bjørn Jagnow verlagswesen at experte pt autorenforum pt de
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ................. Experten-Special: .................
Bjørn Jagnow hat seine über 80 Fragen und Antworten zu den Themen Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung der letzten Jahre gesammelt und in einem Buch zusammengefasst - thematisch sortiert und aktualisiert:
Björn Jagnow: "Fragen und Antworten zu Urheberrecht, Verlagswesen und Vermarktung", 2009, 188 Seiten, 10,00 Euro, Edition Octopus
********************************************************************* FRAG DEN EXPERTEN FÜR HISTORISCHEN ROMAN: --------------------------------------------------------------------- Titus Müller (historischer.roman at experte pt autorenforum pt de)
Frage: Ich schreibe momentan an einem historischen Roman über den 1. Weltkrieg. Ist es möglich, dass durch den 2. Weltkrieg das Thema langweilig geworden ist (weil es nicht mehr aktuell ist)? Und / Oder dass man es auch als frech und respektlos verstehen kann, darüber einfach einen Roman zu schreiben?
Antwort: Bei einem Roman über den 1. Weltkrieg hast du mit dem Leser-Vorurteil zu kämpfen, es ginge nur um den Krieg. Mir haben Lektoren gesagt, bloße Schlachten und Gefechte seien bei den Lesern momentan nicht nachgefragt - ein Kriegsroman habe aber Chancen, wenn er über das Kriegsgeschehen hinaus ein Thema hat und der Schauplatz sich beispielsweise nicht allein an der Front befindet. Da musst du für deinen Stoff die richtige Balance finden, den Krieg zu erzählen und doch nicht nur den Krieg.
Frech oder respektlos ist es in meinen Augen keinesfalls, über den 1. Weltkrieg zu schreiben. Es gibt auf der Welt andauernd Kriege, und auch unsere eigene Vergangenheit diesbezüglich ist ein legitimer Romanstoff, wie ich finde.
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Aktueller Roman: "Die Jesuitin von Lissabon". Im November 1755 erlebt die Welt eine Zeitenwende. Historischer Roman, 453 Seiten, 19,95 Euro. "Ein authentischer Anlass und eine faszinierende Handlung. Jede Seite atmet Geschichte." (Wolf Serno). Mehr Infos unter http://www.titusmueller.de.
********************************************************************* FRAG DEN EXPERTEN FÜR VERLAGSWESEN: --------------------------------------------------------------------- Bjørn Jagnow (verlagswesen at experte pt autorenforum pt de)
Frage: Momentan informiere ich mich über diverse Möglichkeiten, den Text, den ich gerade verfasse, in Druckform rauszubringen. [...] Zielgruppe [...] sind die Betroffenen selber. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass ich über persönliche Kontakte (etwa 99% im Internet) mehr potentielle Käufer erreiche als ein Verlag über Werbung (die bei einer so kleinen Auflage eh gegen null tendieren wird), liegt wohl bei glatt 1.
Irre ich mich, oder ist BoD / Engelsdorfer tatsächlich die perfekte Lösung für mein Vorhaben? "Perfekt" in dem Sinne, dass ein Verlag Kohle für eine Leistung einstreicht, die der Verbreitung in dem vorliegenden Fall keinen messbaren Erfolg bescheren wird. Vielfach hatte ich in Autoren-Foren gelesen, dass gerade das "Marketing" für die Autoren eine Angelegenheit ist, die sie lieber in professionelle Hände und allgemein übliche Vertriebswege legen würden. Bei mir ist es eben so, dass die wenigsten der Zielgruppe von Langeweile geplagt samstags durch die Buchhandlung strömen und zufälligerweise über einen Aufsteller stolpern, der mein 500er-Auflage-Büchlein bewirbt. [...] Ich sehe momentan keinen echten Vorteil in einem "echten" Verlag. Habe ich irgendetwas ganz Wichtiges übersehen?
Antwort: Es gibt keine "echten" oder "unechten" Verlage. Trotzdem stimmt die Beobachtung natürlich, dass Verlage in ganz unterschiedlichem Umfang für die bei ihnen erscheinenden Werke aktiv werden. Leider ist das aber nicht nur vom jeweiligen Verlag abhängig, sondern schwankt auch von Veröffentlichung zu Veröffentlichung erheblich.
Als Richtschnur kann man sagen, dass ein Buch umso weniger Pflege vom Verlag bekommt, je schlechter es in das Verlagsprogramm passt, und umso mehr Pflege erhält, je lohnenswerter der Aufwand dem Verlag erscheint. Gibt es bereits eine Buchreihe im selben Themenkreis, vermarktet sich das Buch mindestens schon mal in diesem Zusammenhang mit. Womöglich wird sogar noch mehr Energie investiert, wenn der Verlag mit diesem Buch viele Käufer gewinnen kann.
Wie sehr der Verlag bereits im Buchhandel verankert ist, kann auch einen Einblick in das Verkaufspotential geben. Eignet sich das Buch für die Laufkundschaft, dann hilft die Präsenz im Buchhandel. Ist das Thema eher speziell und wird ohnehin eher bestellt als spontan mitgenommen, dann spielt der lokale Buchhandel eine geringere Rolle. Allerdings kann dann der Online-Buchhandel von Bedeutung sein.
Nicht alle Verlage sind aber überhaupt in der Vermarktung aktiv. Andere sind eher Druck- und Auslieferungsdienstleister, kümmern sich selbst aber gar nicht um die Vermarktung.
Eine pauschale Antwort, ob sich Verlage generell lohnen oder nicht, lässt sich daher nicht geben. Es kommt immer auf den jeweiligen Einzelfall an. Einen "aktiven" Verlag zu suchen, nützt schlussendlich nur, wenn man dort auch unter Vertrag genommen wird. Ein Verlag, der nicht vermarktet, nützt allenfalls für Druck, Auslieferung und Zahlungsabwicklung.
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Bjørn Jagnow ist Schriftsteller, Verlagsfachwirt, Verlagskaufmann und Buchhändler (http://www.bjoernjagnow.de/). Sein Fantasy-Thriller "Wilde Jagd" ist als kostenloses PDF lieferbar (http://nbn- resolving.de/urn:nbn:de:0062-wildejagd1-8).
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Veranstaltungen, Ausschreibungen, Publikationsmöglichkeiten, Messen und Seminare findet ihr im zweiten Teil des Tempest, der mit getrennter Mail kommt +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Einsendeformalien: Einsendungen sind zu allen Rubriken von autorenforum.de - nach Rücksprache - erwünscht. Das Urheberrecht verbleibt bei der Autorin bzw. beim Autor.
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