| Die Poesie ist tot! Lang lebe die Poesie! |
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von Anna E. Dredar
Ihr fragt Euch jetzt sicher, was Poesie mit Science Fiction zu tun hat. Berechtigte Frage. Meine Antwort: Ich habe mir gedacht, wir alle haben eins gemein, die Zukunft fasziniert uns. Einige von uns träumen sich mit offenen Augen in fremde Dimensionen (Vorzugsweise in der U-Bahn oder in langweiligen Vorlesungen), andere entwickeln Rollenspiele oder Computergraphiken, einige komponieren Zukunftsklänge und wieder andere greifen zu Stift und Papier, oder Monitor, Keyboard und EDV-Programm. Die letzte Gruppe teilt sich wieder in Geschichtenerzähler (kurz und lang), Drehbuchautoren, Journalisten (yours truly) und Poeten (moi again). Grund genug für mich, mir einmal die Möglichkeiten lyrischen Ausdruckes zu betrachten. »Poesie ist eine Art inspirierte Mathematik, welche uns Gleichungen gibt, nicht für abstrakte Figuren wie Dreiecke, Sphären und ähnliche, sondern Gleichungen für menschliche Emotionen.« Ezra Pound, 1910 Mit diesem Zitat als Wegweiser gehe ich gleich in medias res. Die erste lyrische Form, die ich betrachten möchte, ist die freie Dichtung, das Kind unseres Jahrhunderts, frei nach der Devise Anything Goes. Ob nun in langen Zeilen oder in Zeilen, die nur aus einem Wort bestehen, Reim oder nicht Reim, Wortschöpfungen, etc. ... ein Beispiel:
Tintenschwarzes bleiernes Vakuum
Aber wenn ich mal ganz ehrlich sein soll, so fehlt mir da der »Puzzle«-Effekt. Mit der Beschränkung durch Endreim und Zeilenzahl wird das Dichten zum Wettbewerb. Wer wird als Sieger hervorgehen, die dichterische Tradition, oder ich? Werde ich es schaffen, meine Gedanken in die vorgegebene Form zu pressen, oder wird mir das Ergebnis sozusagen um die Ohren fliegen? Eine Gedichtform mit sehr alter Tradition ist das Sonett. Es ist älter als der gute alte Shaky (i.e. William Shakespeare), den alle so vergöttern; und aus meiner subjektiven Anglistik-Studentin-Sicht behaupte ich hier und jetzt: Es gab jede Menge Genies vor und nach ihm. Jawohl! Aber, und hierfür bin ich ihm dankbar, er hat auch seine ganz eigene Form des Sonetts entwickelt, und hier ist sie auch schon: sie besteht aus drei vierzeiligen Strophen und einem Endpaar. Das Reimschema sieht folgendermaßen aus: abab cdcd efef gg (gleiche Buchstaben = gleicher Reim), ein Beispiel:
Sie zieht im Kosmos ihre Bahn
Selbstverständlich war Shakespeare nicht der einzige, der Sonette verfaßt hat. Es gab da noch einen Herrn namens Spencer, der sich folgendes Reimschema erdachte: abc abc def def gg. Im letzten Jahrhundert dichtete Elisabeth Berret-Browning ihre Sonette, in einem Reimschema, das sie dem jeweiligen Thema anpaßte; einzig die Tatsache, daß ein Sonett aus 14 Zeilen besteht, behielt sie bei. Ihr seht also, erlaubt ist, was gefällt oder zur Darstellung Eurer Gedanken notwendig ist. Dementsprechend kann man natürlich auch einfach nur den Kreuzreim (abab cdcd efef etc.) nehmen und dann ein 20-Strophen Epos verfassen. Oder man verlegt sich auf den Paarreim (aa bb cc dd etc.) und tobt sich damit aus, in einer oder in einhundert Strophen. Nur unwesentlich kürzer ist hingegen der Limerick. Ursprünglich aus genau diesem irischen Hafenstädtchen stammend, besteht der Gute aus fünf Zeilen, wobei am Ende der ersten eine Ortsangabe stehen muß, und die Pointe, die sich aus der 5. Zeile ergibt, hat meist einen zotigen Charakter; aber durchaus nicht immer, schließlich reimen ja auch Kinder. Die jeweils 1., 2. und 5., sowie die 3. und 4. Zeile reimen sich... ein Beispiel:
ne Lady besuchte die Quecksilberfälle auf Tiberia Prime
Aber mein absoluter Liebling ist das Haiku, ein japanisches Kurzgedicht (sehr oft mit spaßigem Unterton), bestehend aus drei Zeilen: aus einer Zeile à 5 Silben, einer Zeile mit 7 Silben und dann noch einer mit 5 Silben. Was im Japanischen völlig ausreicht, birgt für die westlichen Sprachen doch einige Probleme: sieben Silben sind einfach zu wenig für tiefsinnige Betrachtungen des Lebens, des Universums und des ganzen Restes. Da hatte in den Sechzigern Paul Kerouac unter dem Einfluß von Opiaten eine bahnbrechende Idee: Nehmt Euch so viele Silben, wie ihr braucht, aber nach drei Zeilen ist Schluß... zwei Beispiele, eins für jede Form, nein, zwei für die amerikanische: traditionell japanischEin Stern zischt vorbei.
Zu dem haben sie gewollt. Data ist zerknirscht. neu amerikanischDer Fisch sieht den Captain dort.
Glänzen tut sein Kopf. Luftblasen steigen sanft auf.
oder auchZwei gelbe Kreise in der Dunkelheit, beleuchtet durch elektronische Innereien.Elastische Moleküle verbinden sich zu Unmöglichem. Verbinde die zwei und erhalte so den Doc. Das war natürlich nur eine kleine Auswahl, die der Reichhaltigkeit der Lyrik nicht gerecht wird, aber ich gebe zu bedenken, daß die Lyrik die älteste Form des kreativen Schreibens ist. Angefangen mit den umfangreichen Heldenepen des Mittelalters (wie zum Beispiel Beowulf aus England oder hierzulande die Nibelungen) über gesellschaftskritische Essays in Versform eines Alexander Pope bis hin zu den heutzutage verfaßten Songtexten, die so manches heiße Eisen anpacken. Womit wir bei einem weiteren verwandten Thema wären, dem Inhalt. Auch hier gilt, was den Dichter bewegt, was er aussagen möchte, das ist der Inhalt ohne wenn und aber. Nicht, was selbsternannte Kritiker als eines Gedichtes unwürdig abtun, ist die Richtschnur, sondern die eigene Erfahrungswelt. Also, schwingt die Feder und seid kreativ. Poesie verleiht den Gefühlen Flügel. Stand:
2002-09-22
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