Analyse eines Bestsellers "Mount Dragon - Labor des Todes"

von Ute C. Meyer

In dieser Rezension analysiert Ute C. Meyer den Bestseller "Mount Dragon - Labor des Todes" anhand der von Albert Zuckerman aufgestellten Kriterien (siehe dazu auch ihre Besprechung des Sachbuchs "Bestseller - Wie man einen Erfolgsroman schreibt" auf Seite 18 in dieser Ausgabe des "Tempest").

Der Biologe Kit Carson arbeitet bei der Gentechnologiefirma GeneDyne. Von Brentwood Scopes, dem Gründer und Boss der Firma, bekommt er überraschend das Angebot, für 6 Monate an einem vertraulichen Projekt im Labor Mount Dragon, einem hermetisch abgeschirmten Hochsicherheitslabor in der Wüste von New Mexico, zu arbeiten.

In Mount Dragon angekommen erfährt Carson, dass es sich bei dem Projekt um eine Gentherapie gegen Grippe handelt. Ein Anti-Grippe-Gen, das sie X-Flu-Gen nennen, soll in die menschliche DNA eingepflanzt werden. Es soll auch in die Keimbahn und damit ins Erbgut des Menschen gelangen, so dass das menschliche Genom, das Erbgut selbst, für immer verändert würde. Mit diesem Gen würde kein Mensch mehr Grippe bekommen.

Bislang gibt es Probleme bei den Experimenten. Das Grippevirus, mittels dessen das Gen eingeschleust werden soll, verändert sich bei allen Versuchen und mutiert jedesmal zu einem extrem tödlichen Virus. Carsons erster Versuch führt gleich dazu, dass ein noch wesentlich tödlicheres Virus (X-Flu II) entsteht, das bei den Versuchsschimpansen förmlich das Gehirn explodieren lässt. Bei einem Unfall wird eine Mitarbeiterin infiziert und stirbt auf dieselbe Weise wie die Schimpansen.

Mit seiner Assistentin Susana Cabeza de Vaca, die ebenfalls erst vor wenigen Tagen ankam, findet Carson heraus, wodurch das Virus verändert wird. Gleich darauf stellen sie fest, dass durch dasselbe Problem auch bei dem von GeneDyne entwickelten und kurz vor der Einführung stehenden künstlichen Blutersatz, genannt PurBlood, bislang unentdeckte Veränderungen entstehen. Carsons Vorgänger war offenbar nach einem Selbstversuch als Alpha-Tester mit diesem Blut wahnsinnig geworden, der Rest der Laborbelegschaft hatte als Beta-Tester wenig später ebenfalls Transfusionen erhalten, so dass die Gefahr besteht, dass alle Mitarbeiter von Mount Dragon wahnsinnig werden, außer Carson und Susana, die zu jener Zeit noch nicht in Mount Dragon waren.

Carson und Susana müssen also das Virus aus den Händen von bald dem Wahnsinn verfallenden Wissenschaftlern entfernen und gleichzeitig die Einführung des Blutersatzes verhindern. Nach der Zerstörung des Labors liegt ihr einziges Heil in der Flucht durch die Wüste, die sie mit unzureichenden Mitteln antreten müssen.

Betrachtet und analysiert man diesen äußerst spannenden Roman nach Albert Zuckermans Kriterien für einen Bestseller, so finden wir so ziemlich alle von ihm in seinem Buch "Bestseller. Wie man einen Erfolgsroman schreibt" aufgestellten Forderungen darin.

Der Hintergrund des Romans ist überaus brisant und aktuell, es geht um das heißdiskutierte Thema Gentechnologie. Wie weit darf der Mensch in seinem Forscherdrang gehen? Darf er das Erbgut des Menschen - und damit den zukünftigen Menschen - mittels Gentherapie verändern? Darf er das, ohne zu wissen, welche Gefahren und Risiken damit verbunden sind?

Dies ist ein aktueller, spannender Hintergrund, der uns alle betrifft, zu dem jeder sich mehr oder weniger eine Meinung bildet, aber von dem der Normalmensch allenfalls oberflächliche Kenntnisse hat. Der Roman spielt in einem Hochsicherheitslabor, in dem mit gefährlichsten Erregern gearbeitet wird. Er bringt das Milieu und dieses Thema näher und diskutiert die gegensätzlichen Positionen für und wider Gentherapie und Gentechnologie.

Wir finden in dem Roman überlebensgroße Charaktere. Für Carson und seine Assistentin geht es am Ende um Leben und Tod. Es geht ums Ganze, nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für die Menschheit, die vor den Risiken der Genmanipulation geschützt werden muss und ganz konkret vor der Einführung des künstlichen Blutes. Alle Hauptcharaktere werden im Laufe des Buches bis an die Grenzen gefordert und müssen über sich hinauswachsen, um ihr Ziel zu erreichen.

Alle Personen, durch deren Perspektive wir den Fortgang der Handlung erleben, haben eine Ambition, ein Ziel, eine Vergangenheit, ein persönliches Anliegen, das sie zu unverwechselbaren Charakteren macht und das der Leser nachvollziehen kann.

Carsons stammt von einer Ranch, die versteigert werden musste, er wuchs in New Mexico auf, kennt die Wüste, hat auch Indianerblut in den Adern, welches er stetig verleugnet, an der Ostküste war er nicht glücklich. Er glaubt an die Wissenschaft als Hoffnung der Menschheit und stellt die Gentechnologie nicht in Frage. Die Arbeit an dem Anti-Grippe-Gen dient für ihn dazu, einen Defekt am genetischen Code des Menschen zu reparieren. Zunächst will er also seine Arbeit erfolgreich tun. Als die Sache jedoch kritisch wird, ändert er allmählich seine Meinung, und sein Hauptanliegen wird, die bevorstehende Katastrophe zu verhindern.

Susana Cabeza de Vaca, Carsons Assistentin, stammt von einer der ältesten spanischen Familien in Amerika ab und ist stolz darauf. Sie ist der Gentechnologie sehr kritisch gegenüber eingestellt, sie arbeitet an dem Projekt, um ihrem großen Ziel näherzukommen. Ihre Ambition ist, genügend Geld zu verdienen, um eine Nervenklinik eröffnen zu können.

Carson und Susana vertreten zunächst gegensätzliche Positionen, im Verlaufe der Handlung jedoch gleicht sich Carsons Meinung allmählich der Susanas an, während ihrer Flucht durch die Wüste schließlich finden sie auch in Liebe zueinander.

Brent Scopes, der geniale Jungunternehmer, ist ein sehr widersprüchlicher Charakter. Für ihn zählt der Erfolg, er ist ein winner-Typ, will Ergebnisse sehen, glaubt an die Segnungen der Wissenschaft und der Gentechnologie, mit der er sein Geld macht. Einerseits spendet er, ohne mit der Wimper zu zucken, anonym große Summen für wohltätige Zwecke, andererseits versucht er, seinen extrem tödlichen X-Flu II Virus dem Militär als Biowaffe zu verkaufen. Seinen Widersacher Levine bekämpft er mit Mitteln, die unter die Gürtellinie gehen.

Dr. Levine kämpft für die Kontrolle der Gentechnologie. Ihn treibt seine Vergangenheit, sein Vater kam im KZ um, während er selbst dort geboren wurde.

Der Sicherheitschef Nye, der Carson und Susana auf der Flucht verfolgt, hat bereits einmal in einem Atomkraftwerk als Sicherheitschef versagt, nun versagt er offenbar wieder. Ihn treibt die Suche nach einem alten Schatz in der Wüste.

Es gibt mehrere Perspektiven, POV, wobei es sich immer um die eingeschränkte Perspektive aus der Sicht einer Person handelt, es gibt keinen allwissenden Erzähler. Dadurch ist eine Unmittelbarkeit gegeben, der Leser erlebt die Szenen über die Wahrnehmung der fiktiven Personen.

Die wichtigsten POVs und Haupthandlungsstränge sind zum einen Carson bei der Erforschung des Virus, zum anderen Dr. Levine, ein entschiedener Gegner der Gentechnologie und von Brent Scopes. Als weitere wichtige POVs tauchen der Firmenboss Scopes und im letzten Teil der Sicherheitschef Nye auf.

Daneben gibt kurze Abschnitte aus den POVs von vier weiteren Personen. Diese kürzeren POVs fallen etwas aus dem runden Gesamtbild heraus. Sie passen zwar voll zu Zuckermans Maximen, aber sie wirken etwas störend. So gibt es nur eine einzige Szene aus Susanas POV, darin wird geschildert, wie sie erfährt, auf welch raffiniert einfache Weise sich das Labor völlig vernichten lässt. Diese Information wird später lebenswichtig für Carson und Susana, dennoch fällt dieser POV etwas aus dem Rahmen. In dieselbe Kategorie fällt eine Szene aus der Perspektive des Hackers, mit dessen Hilfe Levine in Brent Scopes Computernetz eindringt. Hier wäre es besser gewesen, die in den Szenen gelieferte Information auf andere Weise, durch die Perspektive einer der Hauptpersonen aufzunehmen.

Hintergrundinformationen, etwa über die Arbeit im Hochsicherheitslabor, Grippe, Gentechnologie, Gefahren oder möglicher Nutzen derselben, sind in die Handlung eingebaut. Es gibt keine unnötigen Längen durch Erklärungen des Erzählers, sondern die Informationen werden durch Dialoge oder im Zusammenspiel der Protagonisten geliefert.

Die Beziehung der einzelnen Personen ist eng. Die Antagonisten stehen in Beziehung zueinander. Der Firmengründer Scopes und sein heftiger Widersacher Levine waren einst in ihrer Studienzeit befreundet, sie haben gar gemeinsam ein Genmaispatent angemeldet. Genau daraus ergab sich ihr Zwist, denn während Scopes durch die Lizenzgebühr für den Genmais seine Firma aufbaute, wollte Levine den Genmais zum Nutzen der Menschheit unentgeltlich vertreiben. Dieses Patent steht kurz vor dem Auslaufen, zum Erneuern jedoch benötigt Scopes die Unterschrift Levines, die dieser nicht gibt. Scopes hat daher ein elementares Interesse daran, eine neue Geldquelle zu erschließen.

Carson und seine Assistentin Susana vertreten zunächst unterschiedliche Positionen, sie arbeiten zwar zusammen, kommen aber überhaupt nicht miteinander aus, ständig geraten sie sich in die Haare. Am Ende finden sie als Paar zueinander.

Es gibt einige große Szenen, in denen sich die Situation dramatisch zuspitzt und Wendungen auftreten. Im dritten Teil des Buches steuert die Handlung auf zwei große Szenen zu, in jedem der Haupthandlungsstränge eine.

Carson und Susana sind auf der Flucht durch die Wüste vor ihrem Verfolger. Dies wird in wechselnden Perspektiven erzählt, zwischen dem Paar einerseits und ihrem Verfolger Nye andererseits. Der Leser sieht die Gefahr für das Paar, das Aufeinandertreffen der Gegner wird lange vorher vorbereitet, die Spannung steigt stetig, und das Paar hat eindeutig die schlechteren Karten.

Gleichzeitig versucht Levine Scopes zu stoppen. Scopes ist gerade dabei, das hochgefährliche Virus als biologische Waffe an das Militär zu verkaufen. Nach Scopes Ansicht gibt es längst ein neues Gleichgewicht des Schreckens, was vor kurzem noch die Atomwaffen waren, sind heute die noch verheerenderen biologischen Waffen. (Die umstrittene Genforschung wird im Roman auch insofern in die Nähe der Atomforschung gerückt, als dass Mount Dragon nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt ist, an dem die allererste Atombombe gezündet worden ist.) Scopes rechtfertigt sich damit, dass die biologischen Waffen nur als strategische Waffen angesehen und nie eingesetzt würden. Hier steuert alles auf das Zusammentreffen der beiden Gegenspieler Scopes und Levine zu.

Der Rhythmus ist ein ständiges Auf und Ab, wobei sich die Spannung durchgehend steigert. Es ist ein exzellenter großer Spannungsbogen vorhanden. Die Geschichte besteht aus zwei parallelen Handlungssträngen in drei Teilen, im ersten Teil die Einführung (durch Carsons Versuch wird das Virus noch tödlicher und die Wissenschaftlerin wird damit infiziert), im zweiten Teil die Steigerung (auch der Blutersatz PurBlood stellt eine Gefahr dar, die Einführung muss gestoppt werden), im dritten Teil schließlich die Auflösung (Flucht durch die Wüste, Einführung von PurBlood wird gestoppt, das X-FluVirus zerstört, und damit die Gefahr beseitigt, dass das Militär es als biologische Waffe in die Hände bekommen kann).

Die Spannung innerhalb der einzelnen Szenen wird aufrecht erhalten, mit dem Ende eines jeden Teils wird sie weiter gesteigert, ebenso durchgehend durch den ganzen Roman.

Die Handlung wird durch kleinere und größere Vorkommnisse ständig vorangetrieben. Während der Leser zunächst vor der Frage steht, was passiert mit dem Anti-Grippe-Gen X-Flu, wird es Carson gelingen das Virus zu entschärfen und es gar über die Affen-Test-Phase hinaus bringen, heißt die Frage dann, was den Defekt des Virus verursacht, und später, wird er die Einführung des PurBlood verhindern können.

Gleichzeitig wandelt sich Carson, der Scopes zunächst blind und begeistert folgt, der nur die Vorteile der Gentherapie sieht. Mit dem Fortschreiten der Handlung erkennt er die Gefahren.

Am Ende gibt es in beiden Haupthandlungssträngen das große Finale. Susana und Carson gelangen nach dem Zusammentreffen mit ihrem Verfolger schwer verletzt doch noch an einen sicheren Ort. Zur selben Zeit treffen Scopes und Levine in Scopes sicher geschützter "Burg" aufeinander. Der Verkauf des X-Flu II Virus als Biowaffe wird verhindert. Das hochdramatische Finale zwischen diesen beiden Antagonisten passt durchaus als Steigerung und Auflösung zur Geschichte.

Levine verhält sich entsprechend seines Charakters. Der widersprüchliche Charakter von Brent Scopes lässt das Finale durchaus zu, dennoch hatte ich hier meine Fragen. Während Scopes zunächst völlig ohne Skrupel Milliarden von Dollar für seinen Virus kassieren will, verzichtet er am Ende doch darauf. Andererseits folgt es aus seinem Charakter, dass er als der winner-Typ sich bei diesem finalen Zusammentreffen als schlechter Verlierer erweist und dadurch das katastrophale Ende für sich und Levine heraufbeschwört.

Der Roman ist durch und durch spannend und sehr schön zu lesen. Für mich ein Bestsellerroman!

 

Douglas Preston und Lincoln Child
"Mount Dragon - Labor des Todes"
Droemer Knaur, 1997
ISBN 3-426-19388-4


 
 
Stand: 2002-09-22

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